Länderbericht Nordkorea

 

Einwohner:
24 Millionen

Fläche:
120 538 qkm (etwa halb so groß wie Deutschland)

Religionen:
Religionslose: 71,3 Prozent
Neue Religionen: 12,9 Prozent
Animisten: 12,3 Prozent
Christen: 2,0 Prozent
Sonstige: 1,5 Prozent

Politische und rechtliche Situation

Nordkorea gewährt grundsätzlich keinerlei Religionsfreiheit. In der Hauptstadt Pjöngjang existieren zwar ein paar Kirchen (eine katholische und zwei protestantische und seit 2006 eine russisch-orthodoxe) sowie vier buddhistische Tempel, aber über die anderen Teile des Landes ist nichts bekannt. Die von den Personen, die das Land besuchen durften, genannten Zahlen schwanken.

Der Grund für die Verweigerung des Rechts auf Religionsfreiheit geht unmittelbar aus der Entstehungsgeschichte des Staates hervor. Das gegenwärtige Regime wird von der Partei der Arbeit Koreas (PdAK) getragen, deren politische Ideologie auf dem Prinzip der Autarkie oder Juche basiert. Die PdAK ist aus der Kommunistischen Partei Koreas hervorgegangen, deren Geschichte von inneren Kämpfen und blutigen Säuberungsaktionen gekennzeichnet war, die auf die Liquidierung sowohl der pro-sowjetischen als auch der pro-chinesischen Gruppen abzielten.

Juche, das Fundament, auf dem das politische und das wirtschaftliche System Nordkoreas basieren, ist eine synkretistische Ideologie, die Neokonfuzianismus, nationalistischen Maoismus und Stalinismus zu einem starren System kombiniert. Mit der Zeit hat sie das Land in die fast vollständige Isolation getrieben und hat zur Entstehung des Personenkults um den autokratischen “Vater der Nation” und “Großen Führer” Kim Il-sung geführt. Dieser kam 1948 an die Macht und starb 1994; sein Nachfolger war sein Sohn Kim Jong-il, der den offiziellen Titel “Lieber Führer” annahm.

Eigener Kalender

Der Personenkult um die zwei wie Gottheiten behandelten Kims, Vater und Sohn, wurde zur einzigen im Land erlaubten Form von Religionsausübung. Mittlerweile ist ein dritter Kim in Erscheinung getreten, Kim Jong-ils dritter Sohn Kim Jong-un. Sie alle werden in der Literatur, der volkstümlichen Musik, dem Theater und dem Film Nordkoreas verherrlicht.

Nach dem Tod Kim Il-sungs wurde der “Juche-Kalender” eingeführt; er unterscheidet sich vom gregorianischen Kalender durch die Jahreszählung, die nicht mit Christi Geburt, sondern mit dem Geburtsjahr des Staatsgründers (1912) beginnt. Inzwischen ist der einbalsamierte Leichnam des Diktators in einem eigens für ihn errichteten gigantischen Mausoleum in Pjöngjang aufgebahrt.

Kim Il-sung und Kim Jong-il werden in zahlreichen Aspekten des öffentlichen Lebens verherrlicht, und dies in Tönen und mit Ausdrücken von geradezu religiöser Feierlichkeit und Inbrunst. So gesehen, ist die offizielle Religion des Landes etwas wie ein an die Herrscherdynastie gebundener Partei und Staatskult.

Allumfassende Verfolgung

Im Jahr 2009 berichteten zahlreiche nordkoreanische Flüchtlinge von der – von der Regierung bereits wiederholt bestrittenen – Existenz von Straf- und Umerziehungslagern. Schätzungen zufolge werden zurzeit zwischen 150 000 und 200 000 Menschen in solchen Lagern festgehalten, in denen Folter, Mord, Vergewaltigung, medizinische Experimente, Zwangsarbeit und erzwungene Abtreibungen sowie heimliche Exekutionen an der Tagesordnung sind. Menschen, die aus religiösen Gründen verhaftet wurden, sind in den Lagern von vornherein einer besonders strengen Behandlung ausgesetzt.

Religiöser Ausdruck des koreanischen Nationalismus ist der Cheondogyo oder “Himmlische Weg”, eine synkretistische Religion, die Elemente des Buddhismus, Taoismus, Konfuzianismus, Schamanismus und Christentums miteinander verquickt. Die Religion entstand Ende des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf die fremdländischen Einflüsse, die durch die (westlichen) christlichen Missionare ins Land kamen.

Der offiziell atheistische Staat Nordkorea steht jeder anderen religiösen Gruppierung feindlich gegenüber, insbesondere dem Protestantismus, dem das Regime enge Beziehungen zu den Vereinigten Staaten vorwirft. Nach der Teilung der Halbinsel 1953 wurde die Unterdrückung religiöser Aktivitäten zu einem beständigen Leitmotiv der Regierungspolitik. Schließlich verschwanden nordkoreanische Katholiken, insbesondere Geistliche, ohne eine Spur zu hinterlassen. Der Vatikan betrachtet sie weiterhin als “Vermisste”.

Drei Diözesen in Nordkorea

Das päpstliche Jahrbuch (Annuario Pontificio) listet noch immer dieselben Bischöfe als Vorsteher der betreffenden Diözesen auf. Umgekehrt bezeichnet die Regierung sie als ”vollkommen unbekannte Personen”, und seit den 1980er-Jahren reagieren die nordkoreanischen Behörden auf Anfragen nach deren Verbleib überhaupt nicht mehr.

Die Kirchenprovinz Nordkorea ist in drei Diözesen aufgeteilt – Pjöngjang, Ch’unch’on und Hamhung – und eine exterritoriale Abtei in Tomwok, die der direkten Jurisdiktion des Apostolischen Stuhls untersteht.

Als der Koreakrieg 1953 – de facto, aber nicht de jure – endete und die Halbinsel geteilt wurde, bestellte der Vatikan drei südkoreanische Bischöfe zu Apostolischen Administratoren der drei nordkoreanischen Diözesen. Formell aber sind laut Annuario Pontificio die früheren Diözesanbischöfe noch immer im Amt.

So wird unter dem Stichwort “Diözese Pjöngjang” nach wie vor Msgr. Francis Hong Yong-ho (geboren 1906 und offiziell vermisst) als Bischof angegeben; für Hamhung hingegen werden keine Angaben gemacht. Die Diözese Ch’unch’on wiederum liegt größtenteils in Südkorea und ragt nur ein Stück in den Norden hinein; hier ist also John Chang-yik der rechtmäßige Bischof, während für die nordkoreanischen Katholiken der bischöfliche Stuhl als vakant gilt.

Kirchen und Klöster zerstört, Mönche und Priester verhaftet

Das Schicksal der nordkoreanischen Bischöfe spiegelt die Situation der nordkoreanischen Kirche als Ganzes wider. Mitte des 20. Jahrhunderts waren 30 Prozent der Bevölkerung von Pjöngjang katholisch – gegenüber nur 1 Prozent in den übrigen Landesteilen. Während des Koreakriegs (1950–1953) marschierte die kommunistische Armee in den Süden ein und nahm sowohl Missionare und ausländische Ordensleute als auch einheimische Geistliche und Gläubige fest mit dem Ziel, jede Spur christlicher Präsenz aus dem Land zu tilgen.

Im Norden wurden Kirchen und Klöster zerstört und Mönche und Priester verhaftet und zum Tode verurteilt. Sogar der Apostolische Delegat in Korea, Msgr. Patrick James Byrne, wurde während des Krieges verhaftet. Trotz seiner US-amerikanischen Staatsangehörigkeit wurde der Bischof vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. Zwar wurde die Strafe nicht vollstreckt, doch er starb Jahre später in einem Konzentrationslager infolge der erlittenen Misshandlungen und Entbehrungen.

Insgesamt ist äußerst wenig darüber bekannt, was den nordkoreanischen Christen in den Jahren nach dem Krieg im einzelnen widerfuhr. Das Schicksal der 166 Priester und Ordensleute, die sich am Ende des Krieges im Norden aufhielten, ist und bleibt ein Rätsel. Bis in die Achtzigerjahre pflegten nordkoreanische Behörden auf jede nach ihnen gestellte Frage schlicht zu antworten: “Sie sind uns vollkommen unbekannt.”

Heute besitzt die Kirche im Norden keinen Klerus, so dass ein eigentlicher Kult nicht möglich ist. Staatlichen Angaben zufolge gibt es im Land rund 4000 Katholiken sowie an die 11 000 Protestanten. AsiaNews berichtete allerdings unter Berufung auf einheimische Quellen, dass die tatsächliche Anzahl von “echten” Katholiken 200 nicht überstieg und dass der größte Teil von ihnen alte Leute seien.

Gnadenlose Unterdrückung der Christen

Im Norden existieren nur vier staatlich zugelassene christliche Kultstätten, zwei protestantische und eine katholische. Die katholische ist die Changchung-“Kathedrale” von Pjöngjang, aber Kritiker vermuten, dass das Regime sie, wie die übrigen Kirchen auch, lediglich zu Propagandazwecken errichten ließ, als Vorzeigeobjekt für ausländische Besucher.

Seit das Regime an die Macht kam, haben Christen eine gnadenlose Unterdrückung erfahren. Die zwei Hauptgründe dafür, dass sie so verhasst sind, sind ihre angeblich mangelnde Regimetreue und die ihnen unterstellten Beziehungen zum Westen. Die meisten noch verbleibenden Katholiken sind gezwungen, ihren Glauben im Geheimen zu praktizieren.

Beim Besuch einer Messe an einem nicht genehmigten Ort “erwischt” zu werden, kann in diesem kommunistischen Staat eine Haftstrafe oder, im schlimmsten Falle, Folter und sogar den Tod bedeuten. Schon der bloße Besitz einer Bibel kann zur Todesstrafe führen. Am 16. Juni 2009 wurde eine 33-jährige Christin, Ri Hyon-ok, “wegen In-Umlauf-Bringens von Bibeln” zum Tode verurteilt und hingerichtet. Anschließend wurden ihre Angehörigen festgenommen und in ein Lager gebracht.

Verschollen in einem Umerziehungslager?

Msgr. Francis Hong Yong-hos Schicksal kann als beispielhaft für die nordkoreanische Realität gelten. Am 25. Mai 1933 zum Priester geweiht, wurde er am 24. März 1944 von Papst Pius XII. zum Apostolischen Vikar von Pjöngjang und zum Titularbischof von Auzia bestellt. Am 29. Juni desselben Jahres erteilte ihm Erzbischof Bonifatius Sauer, von Bischof Hayasaka Irenaeus und Erzbischof Paul Marie Kinam-ro assistiert, die Bischofsweihe.

Am 10. März 1962 entschloss sich Papst Johannes XXIII. – zum Teil als Zeichen des Protests gegen die Politik des nordkoreanischen Regimes –, das Vikariat Pjöngjang zum Status einer Diözese zu erheben und Msgr. Hong Yong-ho zu deren erstem Diözesanbischof zu bestellen, wodurch er ihn zu einem Symbol der Verfolgung von Katholiken in Nordkorea und allgemein in kommunistischen Ländern machte. Obwohl er, falls er noch lebte, inzwischen über 100 Jahre alt wäre, schließt man im Vatikan die Möglichkeit nicht aus, dass “er noch immer in einem Umerziehungslager gefangen gehalten wird”.

Flüchtlinge in Südkorea

Trotz all dieser Widrigkeiten gibt die koreanische Kirche die Hoffnung nicht auf: Mit Blick auf eine künftige Wiedervereinigung der Halbinsel organisieren Katholiken aus dem Süden weiterhin Seminare und Aktionsgruppen, um ihren Brüdern und Schwestern im Norden zu helfen.

Dabei kommt den im Süden der Halbinsel lebenden nordkoreanischen Flüchtlingen eine entscheidende Rolle zu als “Vermittler der Evangelisation, echte, vollgültige Mitglieder unserer Gesellschaft und Freunde, mit denen gemeinsam wir die Zukunft aufbauen können” – so Msgr. Lucas Kim Woon-hoe, Weihbischof von Seoul, während der 12. Begegnung des bischöflichen Netzwerkes für die Aussöhnung des koreanischen Volkes, dessen Vorsitzender er ist. Das Thema der Begegnung, die am 22. November im Hanmaum Centre (Seoul) stattfand, lautete: “Die Saeteomin, Vermittler des Evangeliums”.

Auf Koreanisch bedeutet Saeteomin wörtlich “Neuländer” oder “neu Hinzugezogene”, und so bezeichnen die Südkoreaner diejenigen, denen es gelungen ist, dem Machtbereich des Pjöngjanger Regimes zu entkommen und sich auf der anderen Seite der Grenze niederzulassen. Mit der Zeit hat das Wort allerdings wegen der mangelhaften Integration der meisten Flüchtlinge aus dem Norden eine abwertende Bedeutung erhalten.

Darauf spielte Msgr. Kim in seiner Ansprache anlässlich der genannten Tagung an: “Wir müssen wahre Zeugen dessen sein, was im Norden geschieht”, sagte er. “Und niemand kann uns bei dieser Aufgabe mehr helfen als unsere – uns an Menschenwürde ebenbürtigen – Saeteomin-Brüder und -Schwestern.”

Gefühl der Fremdheit

Ihre Lebensweise, ihre Berichte “werden uns helfen, die gesellschaftlichen Vorurteile, die ihnen in Südkorea begegnen, und das Gefühl der Fremdheit, unter dem sie hier leiden, mehr und mehr zu erkennen und zu überwinden. Indem wir uns anhören, was sie zu erzählen haben, können wir lernen, sie zu verstehen und sie willkommen zu heißen, und dies nicht zuletzt im Hinblick auf ihre künftige Rolle als Verkündiger des Evangeliums, wenn Nordkorea erst wieder ein freies Land sein wird.”

Außer den anwesenden Laien nahmen rund 90 Priester, Ordensleute und Saeteomin an der Begegnung teil. Einem von diesen, Dong Young-soo, war 2003 die Flucht nach Südkorea gelungen. Er ergriff unmittelbar nach Msgr. Kim das Wort. “Ich kann nicht anders, als viele Ungerechtigkeiten festzustellen. Zum Beispiel begreife ich nicht, wie es möglich sein kann, dass die Saeteomin in der südkoreanischen Gesellschaft sogar noch hinter koreanischstämmigen Chinesen rangieren.”

Was wie die Klage eines klassenbewussten Nationalisten klingen könnte, spiegelt tatsächlich die Wirklichkeit im modernen Südkorea wider: Die Klassenzugehörigkeit entscheidet darüber, zu welcher schulischen Ausbildung und welchem Beruf man Zugang erhält. Genau zu diesem Punkt äußerte sich beispielsweise die Saeteomin Kang Seon-hee: “Hier konnte ich nur eine niedrige Arbeit bekommen, obwohl ich gern einen echten Beitrag zur Welt, in der ich lebe, leisten würde. Stattdessen kann ich mit meinem Lohn gerade eben über die Runden kommen. Wenn ich könnte, würde ich mehr leisten.”

Tatsächlich werden die Saeteomin vom Rest der Nation ausgegrenzt: Im Norden werden sie als unzuverlässige Verräter betrachtet und im Süden als ewige Bettler behandelt.

“Wir haben noch einen langen Weg vor uns”

Der an der Universität von Seoul tätige Professor Ko Kyeong-bin erklärt, dass “die erbarmungswürdige Situation der 20 000 Saeteomin besorgniserregend ist. Andererseits ist sie nur ein Vorgeschmack dessen, was geschehen würde, wenn nach der Wiedervereinigung der zwei Staaten 20 Millionen Nordkoreaner zu uns kämen. Wir haben noch einen langen Weg vor uns, ehe wir soweit sind, dass wir sie anständig und angemessen empfangen können.”

Der katholische Gelehrte, der viele Jahre lang das Wiedervereinigungsministerium leitete, fügt hinzu: “Unsere Vorurteile und die Diskriminierung der Saeteomin haben die Hoffnungen auf die Einung der zwei Staaten in weitere Ferne gerückt.” Deswegen, so Ko weiter, „müssen wir unser Verhalten ändern, damit diese Menschen zu Vermittlern der Einheit und zuletzt auch zu Vermittlern des Evangeliums werden können.“

In seinem Schlusswort erklärte Msgr. Kim: “Dieser Tag hat mir geholfen zu erkenn“en, welch wichtige Mission wir zu erfüllen haben, und zwar so bald wie möglich. Ich habe mir die Geschichten der Saeteomin angehört und war zutiefst beeindruckt. Ich werde zu Gott beten, dass bald der Tag kommen möge, an dem wir alle die Aussöhnung der zwei Koreas mit einem Herzen verwirklichen können.”

Quellen: Asia News,  Compass News Direct, Fides News Agency, Human Rights Watch, L’Osservatore Romano, Open Doors,  www.persecution.org,  U.S. Department of State, Annual Report on International Religious Freedom, ed. 2009; ed. 2010

(Quelle: Religionsfreiheit weltweit – Bericht 2011. Stand: 2011)

16.Feb 2011 12:53 · aktualisiert: 29.Mai 2013 09:26
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