Die Muttersprache Jesu in der EU

Wie das Aramäische nach Europa gekommen ist

Armenische Kreuzigungsdarstellung.

Seit der Babylonischen Gefangenschaft im sechsten Jahrhundert vor Christi Geburt wurde bei den Juden das Hebräische nur noch als Sprache der Heiligen Schrift und der Gottesdienste verwendet. Als Reichs- und Verkehrssprache war das Aramäische im ganzen Perserreich von Ägypten bis zur Ostgrenze des Reiches verbreitet. Auch Jesu Muttersprache war Aramäisch.

In christlicher Zeit wurde in der syrischen Kirche das Aramäische durch die Bibelübersetzung und die Verwendung in der Liturgie eine bedeutende Literatursprache und deswegen meist als Syrisch bezeichnet. Mit der heutigen Landessprache Syriens, die Arabisch ist, hat dies nichts zu tun.

Große syrische Kirchenväter haben im frühen Christentum gewirkt. Der Bekannteste ist bis heute der heilige Ephräm (+ 373), der seiner Hymnen wegen den Ehrentitel „Harfe des Heiligen Geistes“ bekam und von Papst Benedikt XV. zum Kirchenlehrer erhoben wurde. Noch bis in die Zeit der Kreuzzüge wurde das Syrische im Mittelalter gesprochen, dann aber vom Arabischen stark zurückgedrängt. Es hielt sich im 20. Jahrhundert nur noch in der Südosttürkei und im nördlichen Irak, in Persien in der Umgebung des Urmia-Sees und in Syrien im Dorf Malula.

Als liturgische Sprache wurde aber das Syrische durch alle Jahrhunderte angewandt, und zwar bei den Nestorianern und Syrisch-Orthodoxen sowie bei den Chaldäern, den mit Rom unierten Syrern, und Maroniten. Dabei benutzen die Nestorianer und Chaldäer den ostsyrischen Ritus, die Syrisch-Orthodoxe, die Syrisch-Katholische Kirche und die Maroniten den westsyrischen Ritus.

Außenansicht des syrisch-katholischen Pfarrzentrums in Bethlehem.

Auch die verschiedenen Thomas-Christen, die heute im indischen Bundesstaat Kerala in der Sprache Malayalam den Gottesdienst feiern, kennen das Syrische noch als liturgische Sprache, wie die Katholiken einst das Latein.

Heute bezeichnen die Christen aus dem Orient, die noch die syrische beziehungsweise aramäische Muttersprache beherrschen, ihre Sprache als Assyrisch. Sich selbst und ihre Volksgruppen nennen sie Assyrer. Diese Bezeichnung entstand im 19. Jahrhundert. Englische, amerikanische und deutsche protestantische Missionare, aber auch katholische Geistliche des Lazaristen-Ordens „entdeckten“ diese Christen neu im Osmanischen Reich und in Persien und belebten ein neusyrisches Schrifttum.

Diese Christen wurden für Nachfahren der Assyrer gehalten, wollten aber gleichzeitig über  die konfessionellen Trennungslinien von Nestorianern, Chaldäern, syrischen Orthodoxen und Katholiken sowie verschiedenen Protestanten ein neues Nationalbewusstsein schaffen. Die konfessionelle Zersplitterung hatte auch im Lauf der Jahrhunderte zu drei verschiedenen Schriften und eine sprachliche Aufgliederung in West- und Ost-Assyrisch geführt.

Der Erste Weltkrieg hat die Assyrer hart getroffen, ja sogar an den Rand des Aussterbens gebracht. Mehr als eine halbe Million Menschen kam damals ums Leben, als die türkische Regierung die „Endlösung“ der Armenier beschloss. Aber diese Opfer sind im Vergleich zu den Armeniern fast vergessen. Auch zwischen beiden Weltkriegen litten die Assyrer im Irak und in der Osttürkei, in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts vor allem in den verschiedenen Kurdenkriegen im nördlichen Irak.

Am Mahnmal des Völkermords in der armenischen Hauptstadt Eriwan.

Das gleiche Schicksal ereilte sie aber auch durch erzwungene Abwanderung aus der Südosttürkei und nach der Islamischen Revolution aus dem Iran, heute besonders durch die kriegerischen Auseinandersetzungen im Irak. So verließen Hunderttausende ihre Heimat und wanderten nach Europa und auf den amerikanischen Kontinent aus, so dass es auch dort nestorianische, chaldäische und syrisch-orthodoxe Bischöfe und Diözesen gibt.

Auch in verschiedenen Staaten der Europäischen Union leben Zehntausende von Christen mit assyrischer Muttersprache, die meisten in Schweden und Deutschland. Sie haben sich in zahlreichen Kulturvereinen und Verbänden organisiert, pflegen die Sprache, geben Zeitungen und Schulbücher heraus, gründeten auch Druckereien und Schulen und sind im Internet vertreten.

Syrisch-Orthodoxe Bischöfe gibt es heute in Schweden, in den Niederlanden und in Warburg (Nordrhein-Westfalen), aber auch in Frankreich, Belgien und in Österreich; zwei nestorianische Bischöfe auch in Schweden und Deutschland. Letztere gehören den beiden heute getrennten Kirchen der Nestorianer an: Die „Assyrische Kirche des Ostens“ mit ihrem Patriarchen in den USA hat eine Diözese für Europa.

Der dortige Bischof ist für Großbritannien, Dänemark, Schweden, Frankreich, Deutschland, Österreich und Griechenland zuständig. Die „Alte Apostolische und Katholische Kirche des Ostens“ mit Sitz in Bagdad hat einen Bischof in Mainz.

Basile Georges Casmoussa, syrisch-katholischer Erzbischof von Mossul.

Die Syrisch-Orthodoxe Kirche nennt sich heute auch Syriac-Orthodox Church, nicht mehr Syrian-Orthodox, um zu zeigen, dass sie mit dem Staat Syrien nichts zu tun hat.

Ein Erzbischof für Europa im niederländischen Glane war für Mitteleuropa und die Benelux-Länder zuständig, ehe in Warburg ein eigener Bischof für Deutschland ernannt worden ist. Der Metropolit im schwedischen Södertälje betreut mit einem weiteren Bischof die Gläubigen in Skandinavien.

In Deutschland gibt es bereits 45 syrisch-orthodoxe Kirchengemeinden mit fast 50 000 Gläubigen. Der erste Priester kam schon 1971 nach Dasing bei Augsburg. Große Gemeinden sind in Augsburg, Berlin, Köln, Gütersloh, Bietigheim, Wiesbaden, Worms, Gießen und in anderen Städten. In den Niederlanden, Schweden und in Deutschland existieren auch syrische Klöster, denn das Mönchtum hat in der Syrisch-Orthodoxen Kirche eine lange Tradition.

Da es in der Türkei nur türkischsprachige Schulen gibt, sprechen viele Assyrer besser Türkisch oder Arabisch, aber sie pflegen heute wieder ihre eigene Sprache und alte assyrische Schrift in meistens zwei Varianten, von denen eine die so genannte Estrangelo ist, die andere die nestorianische Version.

KIRCHE IN NOT hat nicht nur seit Jahrzehnten die Christen im Irak und in der Türkei unterstützt. Für die assyrischen Christen in der Emigration wurde schon die Kinderbibel „Gott spricht zu seinen Kindern“ auf Westassyrisch und Ostassyrisch herausgegeben. Beim Internationalen Kongress „Treffpunkt Weltkirche“ des Werkes 2006 in Augsburg sang ein assyrischer Chor mit Kathy Kelly das Vaterunser in Jesu Muttersprache.

 

13.Jun 2012 15:52 · aktualisiert: 6.Aug 2013 21:53
KIN / S. Stein