Christen in Istanbul: Was Literatur-nobelpreisträger Orhan Pamuk verschweigt

Von Prof. Dr. Rudolf Grulich, Historiker und Berater von KIRCHE IN NOT

Prof. Dr. Rudolf Grulich.

Prof. Dr. Rudolf Grulich.

Der Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk war 2007 auf einer Lese-Reise durch Deutschland, bei der er sein Buch “Istanbul” vorstellte – ein subjektives Stadtporträt, das Ereignisse und Erlebnisse der Jahre 1957 bis 1974 beschreibt.

Der Historiker und Berater von KIRCHE IN NOT, Rudolf Grulich, vermisst in diesem Buch eine Auseinandersetzung mit dem christlichen Konstantinopel und dem christlichen Leben im Istanbul von heute. Er ruft die Christen des Westens auf, das verbliebene Christentum durch Besuche der Kirchen und Gemeinden zu stärken.

Orhan Pamuk präsentierte sein Buch “Istanbul”, das den Untertitel “Erinnerungen an eine Stadt” trägt. Rezensenten nannten dieses Werk eine Liebeserklärung an seine Heimatstadt. Sie hoben hervor, dass Pamuk auch den Niedergang des einst kosmopolitischen Istanbul beklagte und wiesen auf das Kapitel “Eroberung oder Fall? Die Türkisierung Konstantinopels” hin.

In diesem Kapitel geht der Autor auf das Pogrom gegen Christen im September 1955 ein, als Pamuk drei Jahre alt war: “Da bei mir zu Hause noch Jahre später ausführlichst über diese Vorfälle gesprochen wurde, stehen sie mir noch lebendig vor Augen, als hätte ich sie damals selbst gesehen.”

Er erwähnt, dass sich der Mob “über Stadtviertel mit hohem griechischem Bevölkerungsanteil wie Ortaköy, Balikli, Samatya und Fener her machte, er plünderte hier den Lebensmittelladen eines armen Griechen, zündete dort eine Molkerei an, überfiel Häuser, vergewaltigte griechische und armenische Frauen, und es darf mit Fug und Recht behauptet werden, dass diese Leute nicht minder erbarmungslos vorgingen als seinerzeit die Konstantinopel plündernden Soldaten Sultan Mehmets.

Kaum Erwähnung des alten Konstantinopels

Zwei Tage lang wurde Istanbul für alle Nichtmuslime in eine Hölle verwandelt, die schlimmer war als ihr schlimmster orientalischer Alptraum, und später kam heraus, dass staatliche Agitatoren dem Pöbel in Aussicht gestellt hatten, es dürfe nach Herzenslust geplündert werden.”

Außer in diesem Kapitel taucht aber das alte Konstantinopel leider nur in einigen Nebensätzen auf. In einem Laden fällt Pamuk “eine alte Griechin” auf oder er schreibt über ein “Domino- Kaffeehaus, in dem seinerzeit vor allem Angehörige der griechischen, jüdischen und armenischen Minderheiten ihrem Lieblingsspiel frönten.”

In den Passagen des Buches, in denen er alte Reisebeschreibungen Konstantinopels vorstellt, berichtet er, wie Théophile Gautier 1852 noch bemerkte, “dass in den Straßen von Istanbul wild durcheinander Türkisch, Griechisch, Armenisch, Italienisch, Französisch und Englisch gesprochen wurde (mehr als die letzten beiden Sprachen hörte man allerdings wohl das judäo-spanische Ladino)”.

Er bedauert, dass “der Staat in Istanbul eine Art ethnischer Säuberung praktizierte” und diese Sprachen ausmerzte. “Von der kulturellen Säuberung bleibt mir aus Kindertagen noch in Erinnerung, dass Leute, die auf der Straße laut Griechisch oder Armenisch sprachen (Kurden traten damals kaum in Erscheinung), barsch dazu angehalten wurden, sich gefälligst des Türkischen zu befleißigen. Es gab sogar öffentliche Schilder, auf denen stand: Mitbürger, sprich Türkisch!”

Gerade weil Pamuk zahlreiche alte Reiseberichte vorstellt und Nerval, Gautier, Twain und andere westliche Reisenden zitiert, vermisst man bei ihm eine Auseinandersetzung mit dem christlichen Konstantinopel. Lernte er es nie kennen?

Die größte Kirche der Welt

Auch mehr als 550 Jahre seit der Eroberung durch die Türken im Jahr 1453 hat die alte Kaiser- und Sultansstadt noch 150 Kirchen, in denen Christen verschiedener Konfessionen und Nationen das Opfer Christi feiern. Millionen Touristen kommen Jahr für Jahr in die Stadt am Bosporus. Aber sie sehen meist nur die einmalige Lage der Stadt auf zwei Kontinenten, ihren orientalischen Zauber zwischen Orient und Okzident und die vielen prächtigen Moscheen.

Das alte Byzanz und das “Neue Rom” genannte Konstantinopel erscheinen nur als Ruinen, Ausgrabungen oder im Museum. Ein solches Museum sind die Hagia Sophia, einst die größte Kirche der Welt, und zahlreiche andere Sehenswürdigkeiten, wie die Chora-Kirche.

Die Hagia Sofia in Istanbul.

Immer noch gilt, was der protestantische Theologe Heinrich Gelzer um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in seinem Buch “Geistliches und Weltliches aus dem türkischen Orient” schrieb: “[Neben] der offiziellen Türkenwelt (…) existiert noch ein zweites, das christliche Konstantinopel, von dem der gewöhnliche Orientreisende wenig oder gar keine Notiz nimmt. Das Phanar, das Griechenquartier, oder Kum-Kapi, den Sitz der Armenier, betritt der Reisende gar nicht oder durcheilt sie flüchtig, und doch zeigt sich hier neben der offiziellen türkischen Welt eine altchristlich orientalische von kaum minderem Interesse und zweifellos größerer Zukunft.”

Gelzer irrte sich in seiner Prognose: Die Zukunft brachte wenige Jahre nach seinen Worten Tod und Verderben, Exodus und Ausweisung für Hunderttausende von christlichen Griechen und Armeniern während und nach dem Ersten Weltkrieg.

Nach dem Baedeker-Reiseführer von 1914 lebten damals in Konstantinopel neben einer halben Million muslimischer Einwohner, meistens Türken, aber auch Kurden, Tscherkessen, Pomaken und andere islamische Minderheiten, über 200 000 Griechen, ebenso viele Armenier und 80 000 weitere Christen, darunter Bulgaren, Georgier und Lateiner. Nur die Hälfte der Bevölkerung waren Muslime.

In Istanbul leben heute 14 Millionen Menschen

Während die Christen Kleinasiens den Massakern an den Armeniern und Assyrern seit 1915 und der Umsiedlung der Griechen nach dem kleinasiatischen Krieg zum Opfer fielen, durften nach dem Vertrag von Lausanne 1923 in Istanbul und auf den Prinzeninseln und den Inseln Imbros und Tenedos am Eingang der Dardanellen, die Angehörigen der griechischen Minderheit bleiben, als Faustpfand für die türkische Minderheit im griechischen Ostthrazien, ebenso Armenier und Juden.

Als Orhan Pamuk 1952 geboren wurde, hatte Istanbul eine Million Einwohner, unter denen damals 200 000 Christen waren, während es heute bei vierzehn Millionen Bewohnern weniger als 100 000 Christen gibt.

Blick auf Istanbul mit den berühmten Wahrzeichen Hagia Sophia und Blaue Moschee.

Aber diese Christen sind sehr wohl präsent, wie der Besuch des früheren Papstes Benedikt XVI. zeigte. Die Christen Istanbuls gehören den verschiedensten Glaubensrichtungen an. Von den alten orientalischen Gemeinschaften der ersten christlichen Jahrhunderte bis hin zu modernen Sekten und Freikirchen spiegeln sie die Kirchengeschichte.

An erster Stelle steht natürlich das griechisch-orthodoxe Ökumenische Patriarchat, der Vatikan der Ostkirche. Mehr als zwanzig Bischöfe stehen dem Patriarchen zur Seite. Neben dieser Kurie gibt es im alten Stadtgebiet noch ein Erzbistum Konstantinopel mit 37 Gemeinden und 42 Kirchen, in denen manchmal die byzantinische Liturgie gefeiert wird. Außerdem existieren noch griechische Gymnasien, Volksschulen, karitative Bruderschaften und kirchliche Vereine.

Nur wenige Kirchen sind in den Stadtplänen eingezeichnet

Noch vor wenigen Jahrzehnten, als Orhan Pamuk schon erwachsen war, hatte jede Gemeinde ihre eigene griechische Schule und ihre sozialen Einrichtungen. Doch die Gläubigenzahl sank infolge von Auswanderung und liegt heute bei etwa 4000. Die asiatische Seite Istanbuls bildet immer noch ein eigenes griechisch-orthodoxes Bistum, dem ein Metropolit vorsteht. Er trägt den Titel des alten Chalkedon, der Stätte des Vierten Allgemeinen Konzils vom Jahre 451.

Eine eigene Metropolie besteht auch auf der europäischen Seite außerhalb der alten Mauern der Stadt mit Sitz in Yesilköy, dem alten San Stefano des Friedens von 1878. Eine dritte Diözese liegt vor den Toren der Stadt auf den Prinzeninseln mit dem Sitz in Chalki, wo sich auch bis 1971 die Theologische Hochschule befand.

Manche dieser Kirchen sind weithin sichtbar, wie die Dreifaltigkeitskirche auf dem Taxim- Platz, die 1880 erbaut wurde. Wer andere griechische Kirchen aufsuchen will, tut sich oft schwer, sie zu finden, denn kein Reiseführer erwähnt sie. Und nur einige wenige Kirchen sind auf den Stadtplänen eingezeichnet. Aber sie tragen immer noch Kreuze, und ihre Glocken läuten. Manche sind griechische Wallfahrtskirchen. Sie werden wegen ihrer Reliquien oder heiligen Quellen aufgesucht, auch von Nostalgietouristen aus Griechenland, die heute ihren Kindern die Stätten zeigen, woher Eltern und Großeltern stammen.

Das gilt auch von den armenischen Kirchen der Stadt. Heute schätzt man die Zahl der Armenier in Istanbul noch auf etwa 60 000. Ihr Patriarch residiert im Stadtteil Kumkapi, wo ihn Papst Paul VI. 1967 und Johannes Paul II. 1979 besuchten. Benedikt XVI. begegnete im Jahr 2006 Mesrob II. Über das Stadtgebiet verstreut, auch nördlich des Goldenen Horns und am Bosporus, gibt es rund 35 armenische gregorianische Gotteshäuser sowie einige Schulen und karitative Einrichtungen.

Armenische Katholiken in Istanbul

Dazu kommen zwölf Kirchen der katholischen mit Rom unierten Armenier, die in Istanbul einen Erzbischof haben. Bis 1928 war die Stadt auch Sitz des katholischen Patriarchen der Armenier, bis dieser seinen Sitz nach Beirut verlegte. Die Zahl der armenischen Katholiken soll 4000 betragen, betreut von Weltpriestern und Mechitaristen, einem armenischen Orden nach der Regel des heiligen Benedikt mit Mutterklöstern in Venedig und Wien. Von den vier katholischen armenischen Schulen in Istanbul werden zwei von den Mechitaristen geführt. Es gibt außerdem ein katholisches armenisches Krankenhaus.

Mannigfach sind die Kirchen- und Liturgiesprachen der übrigen christlichen Kirchen Istanbuls. Am Goldenen Horn ist die repräsentative bulgarische Kirche, in Galata erinnert eine Kirche an das Ende des Krim-Krieges. In diesem Stadtteil gab es auch Kirchen einer Türkisch-Orthodoxen Kirche, die seit ihrer Gründung 1921 gegen das Ökumenische Patriarchat opponierte.

Der katholische Apostolische Vikar des Lateinischen Ritus verfügt über zwölf Pfarreien, die zum Teil Nationalkirchen sind. Die deutschsprachigen Katholiken scharen sich um die österreichische Kirche St. Georg, wo auch das St. Georgsblatt als ein Pfarrblatt in deutscher Sprache erscheint, und um die deutsche St.-Paulus-Gemeinde.

Die Franzosen haben ihre Kirchen St. Benoît und St. Louis, die Italiener die des heiligen Antonius in Pera, wo die Gottesdienste am Sonntag auch spanisch, englisch, polnisch und türkisch gehalten werden. Sogar eine polnische Kirche “Unsere Liebe Frau von Tschenstochau” gibt es noch in Polonezköy (Polendorf), einer polnischen Gründung des 19. Jahrhunderts auf der asiatischen Seite. In den 1970er-Jahren gab es sogar noch eine katholische bulgarische Kirche mit einem alten Priester.

Viele Orden sind in der Stadt vertreten

An katholischen Orden sind die Dominikaner, Franziskaner, Minoriten, Kapuziner, Assumptionisten, Lazaristen, Salesianer und die Christlichen Schulbrüder neben den bereits erwähnten Mechitaristen vertreten, unter den Ordensfrauen die Notre-Dame-Schwestern, die Filles de la Charité aus Österreich und Frankreich sowie italienische und andere Schwesterngemeinschaften. Die katholischen Orden führen in Istanbul neun Schulen, vier Krankenhäuser, ein Altersheim und ein Kinderheim.

Wenn Pamuk von seiner ersten Freundin schreibt, die er in der Schule abholte, so war dies das “Mädchengymnasium Dame de Sion, in das schon meine Mutter gegangen war.” Er sah, dass die Mädchen “alle den blauen Rock und die weiße Bluse dieser katholischen französischen Schule trugen.” Gemeint ist das Lyzeum der Schwestern Notre Dame de Sion in der Cumhuriyet Cad. No. 205 im Stadtteil Harbiye.

Statue von Papst Johannes XXIII. vor der Antonius-Kirche in Istanbul.

Hier ist auch die katholische Heilig-Geist- Kathedrale, in der am 30. November des vergangenen Jahres der Papst die Heilige Messe feierte. Dort stehen auch Denkmäler für den Friedenspapst Benedikt XV. und für Papst Johannes XXIII.

Der verstorbene polnische Papst hat 1979 Istanbul besucht, sein Nachfolger Benedikt XVI. Ende November 2006. Beim Ad-Limina-Besuch der katholischen Bischöfe der Türkei des lateinischen, armenischen, syrischen, byzantinischen und chaldäischen Ritus 1994 nannte Johannes Paul II. die Türkei ein “wahrhaft heiliges Land der Urkirche”. Er ermunterte “in einem Geist des Friedens, der Toleranz und der Religionsfreiheit, wie ihn das Zweite Vatikanische Konzil formuliert hat” zum Dialog. Der Papstbesuch Ende November hat gezeigt, dass dieser Dialog stattfindet.

Es gibt sogar ein deutsches und ein österreichisches Gymnasium

Durch den Zuzug aramäisch-sprachiger Christen aus Südost-Anatolien gibt es Zehntausende syrisch-orthodoxe Gläubige in Istanbul. Da sie keine eigene Kirche haben, feiern sie in katholischen Gotteshäusern ihre Liturgie zum Beispiel in der neobarocken Euphemia-Kirche in Chalkedon. Diesen Dialog wollen auch viele Türken. Das kleine Reisebüro “Topkatours” in Istanbul hat bereits 1998 eine Aktion zum Dialog gestartet, um Christen Istanbul als Neues Rom und als Wallfahrtsort nahe zu bringen. Seine Reiseführer sind meist Absolventen des Deutschen oder Österreichischen Gymnasiums in Istanbul, die auch das Christentum gut kennen.

“Wir wollen nicht nur touristische Reisen anbieten, sondern Christen Wallfahrten ermöglichen”, betont Ahmet Sezgin, der das Reisebüro leitet. “Bereits 1996 und 1997 haben wir Gruppen von Theologiestudenten und Lehrern aus Gießen und Hessen auch Besuchs- und Gesprächstermine im Ökumenischen Patriarchat und im Armenischen Patriarchat ermöglicht. Gruppen mit Priestern könnten im Rahmen unserer Programme Heilige Messen in Istanbul, Izmir oder Ephesus, aber auch in Konya oder Trabzon feiern. Christen des Westens werden so die Vielfalt östlichen Christentums in griechischen, armenischen, syrischen oder italienischen Kirchen erfahren.”

Diese Ökumene könne auch auf das Judentum ausgeweitet werden, erklärt Sezgin, da es in Istanbul noch über ein Dutzend Synagogen gäbe: In Galata und in Balat am Goldenen Horn, aber auch auf der asiatischen Seite der Stadt. “In Istanbul gibt es neben den Sepharden auch aschenasische Juden, aber auch Karäer und die wenig bekannten Dönme”, betont Sezgin. Auch das Gespräch mit dem Islam sei möglich und notwendig, betrachte doch das Zweite Vatikanische Konzil “auch die Muslime mit Hochachtung” und ermahne alle, “sich aufrichtig um gegenseitiges Verständnis zu bemühen” (vgl. Nostra aetate).

Es liegt auch an den Christen des Westens, wie die Zukunft des Christentums in Istanbul aussehen wird. Millionen von Touristen besuchen vor allem die Badeorte Kleinasiens an der West- und Südküste des Landes. Zehntausende von Bildungstouristen reisen auf den Spuren des Völkerapostels Paulus durch das Innere der Türkei und begeistern sich an Ruinen und Ausgrabungen. Aber wer interessiert sich für die noch existierenden christlichen Kirchen Istanbuls?

Der Autor lehrt Mittlere und Neue Kirchengeschichte an der Universität Gießen und ist Berater von KIRCHE IN NOT. Beim Papstbesuch in der Türkei kommentierte Grulich die Papst-Messen für die ARD.

14.Jun 2012 15:37 · aktualisiert: 24.Jun 2015 11:46
KIN / T. Waitzmann