Ignatius Maloyan — ein vergessener Märtyrer

Katholischer Bischof wurde Opfer des Völkermords an den Armeniern

Ignatius Maloyan, Andachtsbild des Vatikan.

Ignatius Maloyan, Andachtsbild des Vatikan.

Am 11. Juni begeht die Kirche den Gedenktag des Ignatius Maloyan. Den Märtyrer und armenisch-katholischen Erzbischof von Mardin hat Papst Johannes Paul II. am 7. Oktober 2001 in Anwesenheit einer Delegation des Katholikos Karekin II. der Armenischen Apostolischen Kirche seliggesprochen.

Choukrallah Maloyan, so sein bürgerlicher Name, wurde am 18. April 1869 in Mardin in der Südosttürkei geboren. Die Stadt hatte damals 40 000 Einwohnern, von denen fast die Hälfte Christen waren. Es gab dort mehr als sechstausend Armenier und siebentausend syrisch-orthodoxe Christen, außerdem über 3000 mit Rom unierte syrische Gläubige, 1200 Chaldäer und einige Hundert Protestanten.

Mardin war nicht nur seit Jahrhunderten Sitz eines syrisch-orthodoxen, sondern seit 1832 auch eines chaldäischen und seit 1850 eines armenisch-katholischen Bischofs. Das syrisch-katholische Bistum Mardin wurde 1880 mit dem Bistum Diyarbakir vereinigt.

Durch seinen Pfarrer Josef Tscherian erhielt der junge Choukrallah mit vierzehn Jahren die Möglichkeit des Studiums in Bzommar im Libanon, der damals ebenfalls zum Osmanischen Reich gehörte. Am 6. August 1896 wurde er zum Priester geweiht. Im Gedenken an den großen Bischof der Alten Kirche, Apostelschüler und Märtyrer Ignatius von Antiochien, nahm Maloyan den Namen Ignatius als Rufnamen an. Der Neupriester hatte als erste Wirkungsstätten Alexandrien und Kairo, dann holte ihn der Patriarch als seinen Assistenten nach Istanbul.

Blick auf Istanbul mit den berühmten Wahrzeichen Hagia Sophia und Blaue Moschee.

Maloyan war hochgebildet und beherrschte neben Armenisch, Türkisch und Arabisch unter anderem auch Italienisch, Französisch und Englisch. Am 22. Oktober 1911 wurde er zum Erzbischof von Mardin ernannt. Da es schon 1895 und 1908 in der Türkei zu Übergriffen gegen die Armenier gekommen war, trat Maloyan ein schweres Amt an.

Bis zum Ersten Weltkrieg schätzten aber noch die türkischen Behörden seine Tätigkeit als loyalen Staatsbürger des Osmanischen Reiches. Im Jahr 1915 kam jedoch durch die Jungtürken der Plan der “Endlösung” für die Armenier. Am 25. April setzten Deportationen ein, zunächst in Istanbul, dann in ganz Kleinasien.

Am 3. Juni 1915 zerrten die Behörden in Mardin den Erzbischof mit 27 Katholiken vor Gericht. Der Polizeichef Memdouh Bey ließ außerdem weitere 395 Christen, darunter acht Priester, festnehmen: Es handelte sich um 226 Armenier, 112 Syrer, 30 Chaldäer und 27 Protestanten. Am 10. Juni wurden die Gefangenen in Nachbardörfer geschleppt, der Bischof hatte den Hals in Eisen und war gefesselt. Die ersten Gefangenen wurden in einem Steinbruch erstochen.

Das Mahnmal für den Völkermord an den Armeniern in Eriwan.

In einem kurdischen Dorf, wohin die Todeskarawane weiter geprügelt wurde, bot der Polizeichef an, wer zum Islam übertrete, werde frei gelassen. Erzbischof Maloyan sprach für alle: “Verräter an der christlichen Religion zu werden, niemals!” Ein Laie namens Razcallah Murcho trat aus der Reihe der Gefangenen und ergänzte: “Tötet mich und ihr werden sehen, wie ein Christ stirbt!”

Die ersten einhundert Männer wurden bei den Grotten von Cheikhan ermordet, weitere einhundert durch Steinigung, Dolchstöße und Keulenschläge bei der alten Festung Zerzewan. Zum Schluss wurde der Erzbischof durch den Polizeichef selbst mit der Pistole erschossen.

Die Seligsprechung von Ignatius Maloyan am 7. Oktober 2001 steht stellvertretend für Tausende weiterer Märtyrer des Jahres 1915 in Mardin und Anatolien. Am 14. Juni 1915 wurden 278 weitere Gefangene abgeführt, darunter fünf armenische und sieben syrisch-katholische Priester, 262 katholische Laien und vier Protestanten. Sie wurden alle ermordet.

Im Dorf Tell-Armen wurden 1500 Christen in der Kirche abgeschlachtet, die Kinder buchstäblich auf dem Altar. Ähnliches geschah in anderen Dörfern. Anfang Juli kamen nach 35 Tagen Fußmarsch Tausende von verschleppten armenischen Frauen aus dem Norden in Mardin an. Die Männer waren längst ermordet, von den deportierten Frauen und Kindern gelangten nur wenige Tausend bis Mardin, denn über zehntausend waren im Juni zwischen Diyarbakir und Mardin massakriert worden.

Armenische Kirche

Kirche im typischen armenischen Baustil.

Von weiteren 80 000 Frauen und Kindern aus Sivas und Karput, die zur Verschickung nach Mossul bestimmt waren, kamen am 14. September nur viertausend bis Mardin. Beim Verlassen von Diyarbakir waren es noch 12 000 gewesen, von denen achttausend von Kurden auf dem Weg bis Mardin getötet wurden.

Die Zahl der in Harems verschleppten Frauen und Mädchen ist nicht bekannt. Von 600 katholischen Frauen aus Siirt war kaum ein Drittel übrig, als sie beim Herabsteigen von einem Berg vor Mardin von Kurden gesteinigt worden sind. Man kann nur Begriffe wie Hekatomben oder Blutbäder für die Massaker gebrauchen. Die europäischen Konsulate meldeten ihren Botschaften aus Mossul, dass wochenlang Leichen im Fluss Tigris trieben.

Ewige Flamme am Mahnmal des Völkermords in der armenischen Hauptstadt Eriwan.

Bis heute leugnet die Türkei den Völkermord an den Armeniern und anderen Christen in Kleinasien und bezeichnet die damaligen Opfer als Kollateral-Schaden während kriegsbedingter Umsiedlungen. Aber die Fakten des Genozids sind gesichert und durch Dokumente, Augenzeugen und Überlebende eindeutig beweisbar.

Die Berichte der Konsulate verschiedener Regierungen in den großen Städten Kleinasiens, Briefe und Tagebücher von deutschen, amerikanischen, dänischen und schweizerischen Missionaren belegen die Ausrottung ebenso wie Berichte von deutschen Offizieren und Reisenden verschiedener Nationen.

Heute schwärmen Broschüren des türkischen Tourismus-Ministeriums von der Schönheit Mardins. Die Stadt sei ein “Gedicht aus Stein”. Was hier und in vielen Städten Kleinasiens im Jahr 1915 geschah, wird aber verschwiegen.

21.Jun 2012 12:00 · aktualisiert: 20.Mrz 2015 11:58
KIN / W. Rotzsche