Land der alten Kirche und der Märtyrer

Die Kirchengeschichte der Türkei ist eine Geschichte von Verfolgungen

Ein Interview mit Prof. Dr. Rudolf Grulich. Die Fragen stellte Volker Niggewöhner.

VOLKER NIGGEWÖHNER: Im Februar 2006 ist der italienische katholische Priester Andrea Santoro in seiner Kirche in Trabzon am Schwarzen Meer erschossen worden, 2007 wurden drei evangelische Christen, ein deutscher Theologe und zwei Türken in Malatya, brutal gefoltert und erstochen. Können wir in beiden Fällen von Märtyrern sprechen?

Prof. Dr. Rudolf Grulich.

Prof. Dr. Rudolf Grulich.

RUDOLF GRULICH: Sicher, denn die Kirche spricht dann bei getöteten Christen von Märtyrern, wenn die Täter aus Hass gegen den christlichen Glauben gehandelt haben, und das war in Malatya und Trabzon der Fall.

Nach beiden Verbrechen haben die Angehörigen der Opfer im christlichen Geist gehandelt: Die Witwe des deutschen Pastors hat den Mördern verziehen, und in Trabzon haben sich die Mutter und die Schwester von Don Andrea Santoro in einem Nebenraum der Kirche mit den Eltern des inzwischen zu achtzehn Jahren Gefängnis verurteilten jugendlichen Verbrechers getroffen.

Nicht nur in Malatya und Trabzon, sondern in ganz Kleinasien hat es immer wieder viele Märtyrer gegeben. Könnten Sie uns einige Fakten nennen?
Ein Blick in das Martyrologium Romanum, das Verzeichnis katholischer Märtyrer, zeigt, dass wohl kein Land dort so oft genannt wird wie das Gebiet der heutigen Türkei, die Johannes Paul II. ein “heiliges Land der Urkirche” genannt hat. Städte wie Antiochien, Nikomedien, Cäsarea, Nizäa, Edessa und andere werden an vielen Tagen des Jahres genannt, dazu oft nur Landschaften bzw. Provinzien wie Kappadokien, Armenien, Kilikien und andere.

Unter den Märtyrern Kleinasien sind bekannte Heilige wie Barbara, Margareta, Blasius und andere der Vierzehn Nothelfer, aber auch Kosman und Damian, die aus dem alten Kanon der Messe bekannt sind, ferner der Eisheilige Bonifatius, dessen Namen der Apostel Deutschlands bei seiner Bischofsweihe in Rom erhielt.

Bleiben wir bei Malatya, das damals zur Provinz Armenien gehörte. Seit dem zweiten Jahrhundert gab es bereits Christen in der Stadt, die im Martyrologium Romanum mehrfach genannt wird. So lesen wir am 13. Februar: “Zu Melitene das Gedächtnis des heiligen Märtyrers Polyeuktos, der in Verfolgung des Decius nach vielem Leiden die Martyrerkrone erlangte.”

Blick auf die armenische Hauptstadt Eriwan, im Hintergrund die beiden Gipfel des Ararat-Massivs.

Das war um das Jahre 259, als dieser Glaubenszeuge grausam gefoltert und schließlich enthauptet wurde. Er gilt als der erste armenische Märtyrer und war Soldat der in Melitene stationierten Legion, zu der auch die vierzig Märtyrer von Sebaste, dem heutigen Sivas, gehörten. Sie starben im Jahre 320 unter Kaiser Licinius, sieben Jahre nach dem Toleranzedikt von Kaiser Konstantin.

Erst vier Jahre später hörten die Verfolgungen auf, als Konstantin am 17. September 324 auf den Höhen von Chrysopolis, dem heutigen Üsküdar auf der asiatischen Seite Konstantinopels, den Mit- und Gegenkaiser Licinius besiegte. Am 19. April vermerkt das Römische Martyrologium: “Zu Melitene in Armenien die heiligen Martyrer Hermogenes, Cajus, Expeditus, Aristonicus, Rufus und Galata, die alle an einem Tag gekrönt wurden.”

Die schlimmste Verfolgung war unter Kaiser Diokletian, unter dessen Herrschaft das Martyrologium vom 5. September meldet: “Zu Melitene in Armenien das Leiden der heiligen Soldaten Eudoxius, Zenon, Makarius und ihre 1104 Gefährten …” und am 7. November “das Leiden der heiligen Hieron, Nicander, Hesychius und weiterer Dreißig, die in der Verfolgung des Diocletian und dem Statthaltes Lysias gekrönt wurden.”

Sind diese Zahlen von 1104 Gefährten nicht zu hochgegriffen, und muß man sie nicht als Übertreibungen hinterfragen?

Kathedrale von Etschmiadsin / Armenien, dem Sitz des Oberhauptes der Armenisch-Apostolioschen Kirche (Katholikos).

Warum eigentlich? Im 20. Jahrhundert dachten wir, dass die Welt nach Jahrhunderten der Aufklärung und des Rationalismus weiter sei als das Altertum oder das “finstere Mittelalter”. Aber im Mittelalter haben in Kleinasien trotz der Eroberungen durch die Araber, die Seldschuken, Mameluken und schließlich die Osmanen viele Christen überlebt.

Sie machten im vergangenen Jahrhundert zu Beginn des Ersten Weltkriegs noch ein Viertel der Bevölkerung der Türkei aus. Erst 1915 kam für sie das Ende, und wenn wir an die Zahlen von Märtyrern im 20. Jahrhundert denken, dann übertreffen sie die Zahl der Opfer unter Diokletian.

Das zeigt auch Malatya. Hier residierten im Mittelalter neben griechischen und syrischen später auch armenische Bischöfe. Bis zum Ersten Weltkrieg war Malatya noch Sitz eines armenisch-gregorianischen und eines armenisch-katholischen Bischofs. Das katholische armenische Bistum war 1861 entstanden, als der Sultan zunächst 1839 und dann nach dem Krimkrieg relative Religionsfreiheit gewährt hatte.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fassten auch Protestanten aus den USA und Europa in vielen Städten Ostanatoliens Fuß, in Malatya auch deutsche evangelische Werke wie die Blindenmission des Pastors Ernst J. Christoffel.

Wenn das Römische Martyrologium hohe Zahlen nennt wie die1104 Gefährten des heiligen Eudoxius, warum sind wir dann versucht, diese Angaben für Übertreibung zu halten? Sie werden im 20. Jahrhundert in Kleinasien um das Vielfache übertroffen.

Was heißt das konkret am Beispiel Malatya?
In seinem “Bericht über die Lage des Armenischen Volkes in der Türkei” geht der protestantische Pastor Johannes Lepsius von 1,845 Millionen Armenier in der Türkei  aus, von denen 1,396 Millionen umkamen, davon im Kreis Malatya 23 000, von denen zweitausend Katholiken und eintausend Protestanten waren, die anderen orthodoxe Armenier.

Schon im Juni starben Hunderte, am 15. Juli 1915 fand das größte Massaker von Malatya statt. Der katholische Bischof Michael Khatchadurian wurde gezwungen, den Wagen des Bezirkshauptmanns zu ziehen, ehe man ihn mit der Kette seines Brustkreuzes erwürgte.

Haben wir darüber Zeugen?
Der Leiter des evangelischen Blindenheimes in Malatya, Pastor Christoffel, berichtet von fürchterlichen Folterqualen, von Zwangsbekehrungen zum Islam und der Massenadoption armenischer Kinder, die “künstlich zu fanatischen Muhammedanern gemacht” wurden.

Er schreibt nach Deutschland: “Vom Schwarzen Meer bis nach Syrien ist die Predigt des Evangeliums verstummt, ausgenommen in den deutschen Anstalten. Die protestantischen Gemeinden sind vernichtet. Ihre Prediger, bis auf einzelne Ausnahmen (vielleicht 4 bis 5), getötet. Ihre Kapellen und Schulen weggenommen, geschändet oder zerstört. Dasselbe gilt von den katholischen und altarmenischen Gemeinden.”

Am Mahnmal des Völkermords in der armenischen Hauptstadt Eriwan.

Die heutige türkische Regierung leugnet dies aber.
Ja, die offizielle Türkei leugnet immer noch den Völkermord an den Armenier und beschönigt die Opfer als Kollateralschaden während kriegsbedingter Umsiedlungen, aber die Fakten des Genozids sind gesichert und durch Augenzeugen und Überlebende eindeutig. Berichte der Konsulate verschiedener Ländern in Kleinasien, Briefe und Tagebücher von deutschen, amerikanischen, dänischen und Schweizer Missionaren belegen die Ausrottung ebenso wie Berichte von deutschen Offizieren und Reisenden.

In einem Bericht der Deutschen Botschaft an Reichskanzler Graf von Hertling schreibt zum Beispiel Botschafter Graf Bernstorf: “Am schlimmsten betroffen sind die Gemeinden Diarbekr, Trapezunt, Siwas, Tokat, Harput, Kaisarieh, Musch und Malatya.” Er fügt eine Übersicht des armenisch-katholischen Patriarchen Msgr. Terzian bei.

Das Mahnmal für den Völkermord an den Armeniern in Eriwan.

Die in der alten Schreibweise genannten Gemeinden waren katholische Bischofssitze, die noch über eine halbes Jahrhundert später im Päpstlichen Jahrbuch als Diözesen aufgeführt wurden, ehe sie seit 1972 nur als Titularbistümer genannt werden: Diyarkakir (Amida), Trabzon (Trapezunt), Sivas (Sebaste), Tokat, Karput, Kayseri (Cäsarea), Mus und Malatya.

Ähnliche Zahlen von Opfern gab es auch in Trabzon, dem alten Trapezunt, wo bereits bei den Pogromen 1895 über tausend Christen umgebracht wurden und nach Pastor Lepsius 1915 im Bezirk Trabzon 32 700 Armenier deportiert wurden, von denen nur wenige überlebten.

Auch in Trabzon lebten neben gregorianischen Armeniern 20000 Katholiken und 700 Protestanten. Zu den Opfern kamen nach dem Krieg noch Tausende von Griechen.

Der verstorbene Papst Johannes Paul II. hat zahlreiche Märtyrer des 20. Jahrhunderts selig- und heiliggesprochen. Gilt das auch für Märtyrer in der Türkei?
Johannes Paul II. hat in der ersten Hälfte seines Pontifikates Märtyrer zur Ehre der Altäre erhoben, die durch die Nationalsozialisten starben. Ich nenne nur Maximilian Kolbe, Edith Stein oder Titus Brandsmaa. Erst nach der Wende kam es dann zur Seligsprechung vieler Opfer des Kommunismus. Rom mußte auf die Gläubigen im Ostblock Rücksicht nehmen, denen die Kommunisten das Leben noch schwerer gemacht werden, da sie die Seligsprechungsprozesse für kommunistische Opfer als unfreundliche Akte sahen. Ähnlich ist es mit der Türkei.

Aber 2001 hat Papst Johannes Paul II. den 1915 getöteten armenischen katholischen Bischof Ignatius Maloyan von Mardin seliggesprochen, als einen von Tausenden von Märtyrern des 20. Jahrhunderts in der Türkei. Der Bischof starb mit vielen seiner Gläubigen. Am 7. Oktober 2001 wurde er in Rom mit den deutschen Seligen Nikolaus Groß und Schwester Maria Euthymia Üffing zur Ehre der Altäre erhoben.

Was wissen wir vom Glaubenszeugnis des seligen Ignatius Maloyan?

Ignatius Maloyan, Andachtsbild des Vatikan.

Ignatius Maloyan, Andachtsbild des Vatikan.

Er ist 1869 in Mardin geboren und erhielt durch seinen Pfarrer mit 14 Jahren die Möglichkeit des Studiums in Bzommar im Libanon, der damals ebenfalls zum Osmanischen Reich gehörte.

Am Herz-Jesu-Fest 1896 wurde er zum Priester geweiht und erhielt den Namen Ignatius im Gedenken an den großen Bischof der alten Kirche, den Apostelschüler und Märtyrer Ignatius von Antiochien. Der Neupriester hatte als erste Wirkungstätten Alexandrien und Kairo, dann holte ihn sein Patriarch als Assistenten.

Maloyan war hoch gebildet und beherrschte neben Armenisch, Türkisch und Arabisch verschiedene Sprachen wie Italienisch, Französisch und Englisch. 1911 wurde er zum Bischof von Mardin ernannt. Bis zum Ersten Weltkrieg schätzten auch die türkischen Behörden seine Tätigkeit als loyaler Staatsbürger des Osmanischen Reiches, doch dann kam 1915 der Plan der “Endlösung” für die Armenier durch die Jungtürken.

Im Juni zerrten die Behörden in Mardin den Bischof mit 27 Katholiken vor Gericht. Der Polizeichef Mamduh Bey ließ außerdem weitere 395 Christen festnehmen: 226 Armenier, 112 Syrer, 30 Chaldäer und 27 Protestanten, darunter acht Priester. Am 10. Juni wurden die Gefangenen in Nachbardörfer geschleppt, der Bischof den Hals in Eisen, gefesselt und mit Daumenschrauben.

Die ersten Gefangenen werden in einem nahen Steinbruch erstochen. In einem nahen kurdischen Dorf, wohin die Todeskarawane weiter geprügelt wird, bietet der Polizeichef an, wer zum Islam übertrete, werde frei gelassen. Der Bischof spricht für alle: “Verräter an der christlichen Religion zu werden, niemals!” Ein Laie namens Razcallah Murcho tritt aus der Reihe der Gefangenen und ergänzt: “Tötet mich und ihr werden sehen, wie ein Christ stirbt!”

Die ersten 100 Männer wurden in den Grotten von Cheikhan ermordet, weitere 100 durch Steinigung, Dolchstöße und Keulenschläge bei der alten Festung Zerzewan. Zum Schluss erschoss der Polizeichef den Bischof selber mit der Pistole.

Was erinnert heute an solche Märtyrer?

Die Hagia Sofia war einst die größte Kirche der Welt, heute ist sie ein Museum.

Vor vierzig Jahren schrieb ich als Student meinen ersten Artikel über die Christen in der Türkei und nannte ihn: “Nur noch Steine reden.” Heute behaupte ich von Kleinasien, dass oft nicht einmal mehr Steine reden. Broschüren des türkischen Tourismus-Ministeriums für die Ausländer hoben die Schönheit der malerischen Stadt Mardin hervor, ein “Gedicht aus Stein”.

Was hier aber 1915 geschah, wird verschwiegen, ebenso in Diyarbakir, Adana, Urfa (Edessa) und vielen Städten Kleinasiens. Die Morde von Malatya in diesem Jahr sollten uns an die Tradition der Märtyrer des 20. Jahrhunderts in diesem Land erinnern.

Tausende von christlichen Frauen verschwanden 1915 in türkischen Harems. Was ist mit den zwangsislamisierten Kindern geschehen? Was mit den Erwachsenen, denen man anbot, ihnen das Leben zu lassen, wenn sie zum Islam übertreten würden? Was geschah mit den Kathedralen, Kirchen und Klöstern? Sie sind Ruinen oder Steinbrüche, manche wurden von den Muslimen als Moscheen, öffentliche Gebäude und leider auch als Scheunen und Ställe benutzt. Unsere gedruckten Reiseführer schweigen darüber.

 

21.Jun 2012 13:41 · aktualisiert: 20.Mrz 2015 11:57
KIN / S. Stein