Reich an Gotteshäusern?

Türkische Zahlenspiele offenbaren Ende des Laizismus

Prof. Dr. Rudolf Grulich.

Prof. Dr. Rudolf Grulich.

Der Türkei-Experte Rudolf Grulich über die Diskriminierung der Aleviten, die “Ausbürgerung“ der Christen und den türkischen Weg zu einer sunnitischen Staatsreligion. Das Interview stammt aus dem Jahr 2007.

Die Istanbuler Zeitung “Hürriyet” veröffentlichte unter der Überschrift “Reich an Gotteshäusern” einen Artikel von Soner Gürel und Okan Konualp. Danach gab es in der Türkei zum Jahresbeginn 2007 insgesamt 77 777 Moscheen und 377 Gotteshäuser für Nichtmoslems.

Wir befragten dazu den Kirchenhistoriker an der Universität Gießen und Berater des weltweiten katholischen Hilfswerks KIRCHE IN NOT für Türkei-Fragen, Prof. Dr.  Rudolf Grulich. Das Interview führte Volker Niggewöhner von KIRCHE IN NOT.

VOLKER NIGGEWÖHNER: Herr Professor Grulich, 373 Gotteshäuser für Nichtmuslime in der Türkei — ist dieses Land, was die Religionsfreiheit angeht, also doch reif für die Europäische Union?
RUDOLF GRULICH: Bei näherem Hinschauen: Keineswegs! Die beiden Autoren ausAnkara berufen sich auf offizielle Angaben der türkischen Sicherheitsdirektion. Unter den Moscheen sind zum Beispiel nicht die neunhundert Gebäude der Aleviten aufgeführt, die sogenannten “Cemevi”. Sie gelten nicht als Gotteshäuser, sondern werden von der Regierung als “Kulturzentren” geführt.

Da die Aleviten mindestens ein Fünftel, nach eigenen Angaben sogar ein Viertel der Gesamtbevölkerung stellen, sieht man ihre Benachteilung. Nicht nur die Zahlen von 900 zu 77 777 sind Beweis der Diskriminierung, sondern auch, dass ihre Gottesdiensthäuser nicht als Moscheen gelten.

Blick auf Istanbul mit den berühmten Wahrzeichen Hagia Sophia und Blaue Moschee.

Das heißt, dass die Regierung in Ankara den türkischen Islam mit der Sunna gleichsetzt und so die Türkei kein laizistischer Staat im Sinne Atatürks mehr ist, sondern ein Land auf dem Weg zur sunnitischen Staatsreligion.

Befremdend ist auch die Formulierung “Gotteshäuser für türkische Staatsbürger und in der Türkei lebende Nichtmoslems”. Sind das keine Staatsbürger? Was die 373 Gotteshäuser der Türkei für Nichtmoslems betrifft, so lag nach dem Artikel ihre Zahl 2005 nur bei 273.

Die Zunahme beruht auf protestantischen Freikirchen, die “Anlass für Diskussionen über Missionstätigkeit bieten“, wie es in dem Artikel heißt. Außerdem sind in der Statistik noch sechsunddreißig offene Synagogen, sieben Häuser der Andacht der Bahai und neun Königreichssäle der Zeugen Jehovas enthalten.

Das Christentum in der Türkei ist stark zersplittert. Wie verteilen sich die 321 offiziellen  Kirchengebäude auf die einzelnen Kirchen und Konfessionen?

Die St.-Andreas-Kirche ist die größte katholische Kirche in Istanbul.

Die Angaben sprechen nur von Kirchen im Sinne von Gebäuden und unterscheiden nicht zwischen Pfarrkirchen und Filialkirchen oder Kapellen. Auch ist die Rede von aktiven Kirchen, was in sehr vielen Fällen in Ermangelung von Gläubigen nicht mehr zutrifft.

Auch werden die Kirchen nicht nach Konfessionen aufgezählt, sondern nach Nationalitäten, als ob das Millet-System der Osmanischen Türkei noch gelten würde, das Religion mit Nation, türkisch: Millet, gleichsetzte.

Auf jeden Fall haben die Griechen die meisten Kirchen, nämlich 90, obwohl es nur noch zwischen zwei- und viertausend Griechen in der Türkei gibt. Für die 45 000 Armenier, nach ihren eigenen Angaben sind es 70 000, werden 62 Kirchen genannt, für die Syrer 60 Kirchen, größtenteils in Mardin und im Tur Abdin.

Neben der Aufzählung der Kirchen weiterer Nationen “gibt es noch 53 Kirchen, die Ausländern zugeordnet sind”. Das ist eine merkwürdige Formulierung, denn darunter fallen auch die römisch-katholischen Kirchen, die zum Teil auf Jahrhunderte lange Traditionen in der Türkei zurückblicken können.

Neunzig Kirchen für einige Tausend verbliebene Griechen, wo stehen diese Kirchen und wer sorgt für ihre Erhaltung?
Fünfundsiebzig dieser Kirchen stehen nach der Angabe von “Hürriyet” in Istanbul, eine auf der Insel Bozcaada und acht auf Gökceada, also auf den Inseln am Eingang der Dardanellen, die wir unter den Namen Tenedos und Imbros kennen. Weitere sechs gibt es in der Provinz Hatay beim alten Antiochien.

Letztere sind aber nicht griechisch, sondern arabisch-orthodox und unterstehen dem Patriarchat von Antiochien, dessen Patriarchen und Bischöfe seit einem Jahrhundert Araber sind, während die Hierarchie der orthodoxen Patriarchate von Alexandrien und Jerusalem im Gegensatz zu ihren Gläubigen nur aus Griechen besteht.

Die armenischen Kirchen liegen ebenfalls meist in Istanbul, nämlich 55, aber es gibt armenische Kirchen auch in Mardin, Diyarbakir, Kayseri, Iskenderun, Kirikhan und in Vakifliköy auf dem Musadagh. In der Zahl der armenischen Kirchen müssen auch die zwölf armenisch-katholischen und die drei armenisch-protestantischen Kirchen eingeschlossen sein.

Die Marienkirche in Vakifliköyü.

Die Marienkirche in Vakifliköyü, dem einzigen armenischen Dorf in der Türkei.

Von den zwölf armenisch-katholischen Kirchen sind nur noch vier Pfarrkirchen. Auch viele griechische Kirchen haben keine Pfarreien mehr, in vielen dieser Kirchen werden nur noch selten Gottesdienste gefeiert. Die Erhaltung ist deshalb sehr schwierig und nur durch Hilfe aus dem Ausland, etwa von Auswanderern, oder Hilfswerken möglich.

Dazu kommt, dass die Priester türkische Staatsangehörige sein müssen. Woher aber soll man bei den wenigen Gläubigen Priesternachwuchs finden, wenn es außerdem keine Priesterseminare und theologische Hochschulen im Lande geben darf?

Weshalb werden von den Autoren in “Hürriyet” die katholischen Kirchen nicht gesondert genannt?

Bulgarisch-orthodoxe Kirche St. Stefan in Istanbul.

Bulgarisch-orthodoxe Kirche St. Stefan in Istanbul.

Katholische Kirchen sind von ihnen teilweise unter die armenischen und unter die syrischen Kirchen einbezogen und natürlich unter den drei chaldäischen Kirchen.

Unter den griechischen Kirchen wurden sicher auch die letzten Kirchen der Katholiken des byzantinischen Ritus in Istanbul mitgerechnet. Diese letzte Gruppe hat ein eigenes Exarchat, noch einen Priester, aber nur 45 Gläubige. Die katholischen Kirchen des lateinischen Ritus sind sonst nur pauschal unter den 53 Kirchen zu finden, “die Ausländern zugeordnet sind”.

Darunter sind katholische Pfarrkirchen für verschiedene Nationalpfarreien, aber auch Klosterkirchen und Kapellen in verschiedenen Krankenhäusern, Schulen und anderen kirchlichen Einrichtungen.

Könnten Sie uns solche Pfarreien nennen?
Beginnen wir gleich mit der deutschsprachigen Gemeinde St. Paul, die es neben der österreichischen Sankt-Georgs-Gemeinde in Istanbul gibt. Die Pfarrkirchen werden in Istanbul ebenso wie im Erzbistum Izmir und im Apostolischen Vikariat Anatolien meist von Ordensleuten betreut. Gottesdienste sind je nach Pfarrkirche in Italienisch, Französisch, Spanisch, Englisch, aber auch in Türkisch und Polnisch, denn es gibt seit dem 19. Jahrhundert auf der asiatischen Seite von Istanbul eine polnische Gemeinde.

Die bulgarische und georgische katholische Gemeinde ist dagegen erloschen. Weitere Pfarrkirchen sind in Izmir, Iskenderun, Antakya, Mersin, Samsun und in Trabzon, wo im Vorjahr der Priester erschossen wurde.

Der “Hürriyet”-Beitrag spricht von 52 inoffiziell tätigen protestantischen Kirchen, die “Anlass für Diskussionen über Missionstätigkeit” bieten. Um welche Gemeinschaften handelt es sich da?
Unter den “Ausländern zugeordneten Kirchen” sind auch anerkannte protestantische Kirchen erfasst, so die Anglikanische Gemeinde oder die Union Church. Lord Stratford hatte 1858 eine anglikanische Kirche als Gedächtniskirche des Krimkrieges gestiftet. Es gibt in Istanbul auch eine “Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in der Türkei”.

Weniger zu überblicken sind dagegen die Freikirchen verschiedener theologischer Richtungen, die auch in Deutschland unter den Gastarbeitern aus der Türkei tätig und seit einiger Zeit auch in der Türkei vertreten sind. Ihr Engagement ist bewundernswert, denn sie drucken viele religiöse Literatur in Türkisch, Kurdisch oder auch in Aramäisch.

Wie steht es unter diesen Gegebenheiten in der Türkei mit der Ökumene?
Die Besuche der Päpste Paul VI., Johannes Paul II. und von Benedikt XVI. waren Meilensteine der Ökumene. Beim Ad-Limina-Besuch der katholischen Bischöfe der Türkei 1994 hat Johannes Paul II. die Bedeutung des ökumenischen Dialog klar hervorgehoben. “In einem Land mit nichtchristlicher Mehrheit muss eine mutige Treue zum Evangelium notwendig vom ständigen Bemühen um brüderliches Einvernehmen unter Christen begleitet sein.”

21.Jun 2012 14:46 · aktualisiert: 24.Jun 2015 11:48
KIN / S. Stein