Länderbericht Ukraine

Wallfahrtskirche in der Diözese Sambir-Drohobych (Westukraine).

Wallfahrtskirche in der Diözese Sambir-Drohobych (Westukraine).

Einwohner: 47 Millionen

Fläche: 603 700 qkm (mehr als 1,5-mal größer als Deutschland)

Religion:
Christen: 83 Prozent (4,8 Millionen Katholiken)
Religionslose: 14,9 Prozent
Sonstige: 2,1Prozent

Seit 2005 hat die ukrainische Regierung verschiedene Schritte unternommen, durch die religiösen Organisationen der Status eines Rechtssubjekts verliehen wurde, durch die sie das Recht erhielten, eigene Schulen einzurichten, und ihre Geistlichen und Mitarbeiter vom Militärdienst befreit wurden.

Außerdem verabschiedete das ukrainische Parlament am 30. Juni 2006 einige Abänderungen der Bodenordnung, die religiösen Organisationen das Recht geben, staatliches oder kommunales Land ständig zu benutzen – aufgrund ihres Status als gemeinnütziger Organisationen und ihrer sozial nützlichen Aktivität, die geistlichen, sozialen, moralischen und erzieherischen Charakter hat.

Am 8. November 2006 wurde die Abteilung für religiöse Angelegenheiten (die am 26. Mai im Rahmen des Justizministeriums eingerichtet worden war) durch das Staatskomitee für Nationalitäten und Religionen ersetzt, das dem Ministerrat direkt verantwortlich ist und so einen höheren Status als das vorhergehende Organ besitzt.

Zahl der religiösen Gemeinden wächst

Nach offiziellen Angaben zur gegenwärtigen Situation der religiösen Gruppen in der Ukraine (RISU, 6. Juli 2007) nahm die Zahl der religiösen Gemeinden 2006 um 857 zu und belief sich am 1. Januar 2007 auf insgesamt 33 063. Die orthodoxen Christen sind weiterhin in der Mehrheit und haben 16 581 oder 50,1 Prozent der Gemeinden.
Davon gehören 10 972 zur russisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats, während 4007 dem Kiewer Patriarchat unterstehen.

Die griechisch-katholische Kirche hat 3628 Gemeinden, von denen sich1532 (43 Prozent) in der Stadt Lemberg und ihrer Umgebung befinden, wo sie die größte Religionsgruppe bilden. Im Vergleich dazu hat das orthodoxe Patriarchat von Kiew in demselben Gebiet nur 442 Gemeinden, weitere 62 orthodoxe Gemeinden halten sich zu Moskau und 146 zur römisch-katholischen Kirche.

Nach einem Interview mit Achmed Tamin, dem Vorsitzenden der Geistlichen Leitung der Muslime in der Ukraine und Rektor der islamischen Universität (RISU, 29. Juni 2007), leben etwa zwei Millionen Muslime im Land, die entweder nationalen Minderheiten angehören oder zum Islam konvertierte Russen und Ukrainer sind.

Insgesamt waren die letzten Jahre recht schwierig für die Ukraine, denn die instabile politische Situation hat zu einer Spaltung der Kräfte geführt, die hinter der “Revolution in Orange” standen. Daher überrascht es nicht, dass wichtige gesetzgeberische Maßnahmen wie das “Gesetz über die Gewissensfreiheit und die religiösen Organisationen” (ein Gesetzentwurf, der im Juli 2006 der Venedig-Kommission des Europarates vorgelegt und von dieser positiv beurteilt wurde) noch nicht verabschiedet wurden.

Institution Familie leidet noch unter den Folgen der Sowjetzeit

Praktisch bedeutet dies, dass sich häufig die lokalen wirtschaftlichen Interessen auf Kosten der moralischen Rechte der Gläubigen durchsetzen. Ein Beispiel dafür ist nach Monsignore Stanislaw Padewski, dem Bischof von Charkiw und Saprischschja, die Vertreibung einer Gruppe von Frauen aus einer römisch-katholischen Kirche in Dnjepropetrowsk am 27. Juni 2007.

Diese Kirche war in kommunistischen Zeiten enteignet und 1998 privatisiert worden (ACN-News, 6. Juli 2007). Dabei zögerten die gegenwärtigen Besitzer nicht, brutale Methoden anzuwenden, um ihre Besitzrechte zu schützen. Der 22. Internationale Kongress zur Familie fand vom 9.-11. Mai 2006 unter dem Vorsitz von Kardinal Lubomyr Husar (dem Großerzbischof der griechisch-katholischen Kirche) in Moskau statt. Alle wichtigen Religionen des Landes waren vertreten (Zenit, 24. April 2006).

In der Ukraine leidet die Institution Familie immer noch unter den Folgen des früheren atheistischen Regimes, das sie der christlichen Werte beraubte und ihre Existenz gefährdete.

Die Ukraine erklärte 2006 zum Jahr des Rechts auf Kinderschutz; die ukrainische griechisch-katholische Kirche ihrerseits rief, in Zusammenarbeit mit anderen christlichen Kirchen, 2006 zum Jahr des geistlichen Kinderschutzes aus. Die katholische Kirche Im Land gibt es zwei große katholische Glaubensgemeinschaften, die griechisch-katholische Kirche, die den byzantinischen Ritus befolgt (sie wurde unter Stalin verboten, aber am 1. Dezember 1989 wieder legalisiert), und eine katholische Gemeinschaft, die den römischen Ritus befolgt.

“Synode von Lemberg”

Im März 2006 gedachte die griechisch-katholische Kirche des 60. Jahrestages der so genannten “Synode von Lemberg”, als die sowjetische Regierung sie zur Fusion mit der orthodoxen Kirche zwang. In einer Botschaft, mit der er dieses Ereignisses gedachte, betonte Kardinal Husar, dass der Jahrestag die Christen des Landes zu größerer Einigkeit ermutigen sollte.

Zu diesem Anlass sandte Papst Benedikt XVI. Kardinal Husar einen Brief, in dem er von den “unaussprechlichen Prüfungen und Leiden” sprach, die die griechisch-katholische Kirche erdulden musste, aber auch an ihre zweifache Mission erinnerte, nämlich “die östliche Tradition in der katholischen Kirche sichtbar zu halten” und “die Begegnung der Traditionen zu fördern und nicht nur ihre Vereinbarkeit, sondern ihre tiefe Einheit in der Verschiedenheit zu bezeugen” (Zenit, 16. März 2006).

Ein wertvolles Hilfsmittel, um etwas über die Märtyrer des 20. Jahrhunderts zu erfahren, ist die Sammlung historischer Dokumente mit dem Titel “Die Liquidierung der griechisch-katholischen Kirche: 1934-1946”, deren erster Band im August 2006 veröffentlicht wurde (Zenit, 17. September 2006).

Es muss gesagt werden, dass das Moskauer Patriarchat sich nie von der “Pseudosynode” von Lemberg distanziert hat. Stattdessen wiederholte der russisch-orthodoxe Patriarch Alexij II. in einem Schreiben vom 17. August 2005 seine Anschuldigung gegen die griechisch-katholische Kirche, sie betreibe in der Ukraine Proselytismus, und er zählte die “Verdienste” auf, die sich die russisch-orthodoxe Kirche 1946 durch ihre Hilfe und Sorge für die griechisch-katholischen Gläubigen erworben habe, als diese unterdrückt wurden.

Römisch-katholisch und griechisch-katholisch

Insbesondere beschwert sich die russisch-orthodoxe Kirche darüber, dass die örtlichen Behörden in Lemberg sich weigern, der Kirche Land für den Bau eines orthodoxen Gotteshauses zu bewilligen.

Die römisch-katholische Kirche besteht aus der Großerzdiözese Lemberg (Lemberg der Lateiner) und sechs Suffragandiözesen mit insgesamt etwa 800 Gemeinden. Der Vorschlag, auf “orthodoxem kanonischem Territorium”, das sich mit dem Gebiet des ukrainischen griechisch-katholischen Exarchats (Odessa, Mykolaiw, Cherson, Kirowohrad und Krim) überschneidet, eine autonome Diözese zu errichten und in Odessa ein neues Seminar zu gründen, hat den Zorn der örtlichen orthodoxen Kirche erregt (Sprawedliwost, Nr. 3, 2006).

Diese hat erklärt, der Vorschlag gehe weit über das hinaus, was die örtliche katholische Gemeinde ihrer tatsächlichen Größe entsprechend benötige, was deutlich mache, dass die Abwerbung von Mitgliedern anderer Kirchen mit diesem Vorschlag verbunden sei.

Die katholischen Bischöfe des lateinischen Ritus in der Ukraine machten gemeinsam mit einer Delegation der katholischen Bischöfe des byzantinischen Ritus im September 2007 (Zenit, 24. und 27. September 2007) einen Ad-Limina-Besuch, bei dem sie vom Papst herzlich ermahnt wurden, “die Kooperation zu intensivieren [...] zum Wohl des ganzen christlichen Volkes” und insbesondere den Vorschlag zu beachten, “mindestens einmal jährlich ein Treffen durchzuführen, bei dem die Bischöfe des lateinischen Ritus und die des byzantinischen Ritus zusammenkommen, um miteinander zu beraten, wie die pastorale Tätigkeit immer harmonischer und wirkungsvoller gestaltet werden kann”, im Hinblick auf die Zunahme des missionarischen und ökumenischen Geistes.

Die orthodoxen Kirchen

Die orthodoxe Gemeinschaft leidet weiterhin unter Spaltungen. Es gibt die ukrainische orthodoxe Kirche, die dem Moskauer Patriarchat untersteht, die ukrainische orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats, die als unkanonisch gilt, weil sie weder Konstantinopel noch Moskau untersteht, und dann die ukrainische autokephale Kirche, die aus denselben Gründen als unkanonisch betrachtet wird.

Die Zivilbehörden drängen ständig auf eine Beendigung dieses Schismas und die Wiederherstellung einer vereinten ukrainischen orthodoxen Kirche, was auch für die verschiedenen orthodoxen Kirchengemeinschaften selbst ein Thema von Belang ist.

Im Februar 2006 beschloss die Synode der ukrainischen orthodoxen Kirche, die sich zum Moskauer Patriarchat hält, den Dialog mit der autokephalen Kirche zu erneuern und die am 22. November 1995 dafür eigens gebildete Kommission wiedereinzusetzen (Sedmica.ru, 16. Februar 2006). Die gemischte Kommission ist seitdem regelmäßig zusammengekommen.

Kiewer Patriarchat – Moskauer Patriarchat

Trotz einer entsprechenden Bitte von Präsident Juschtschenko schließen jedoch beide Seiten die Möglichkeit einer Teilnahme des Kiewer Patriarchats aus, da es keine kanonische Einrichtung sei (Blagovest-info.ru, 6. März 2007).

Es wird von Konflikten zwischen den verschiedenen orthodoxen Gemeinschaften berichtet. Hierbei geht es um den Besitz und das Nutzungsrecht bestimmter Gottesdienststätten wie zum Beispioel der Auferstehungskirche in Ostroh (HRWF, 23. Februar 2006), der Dreifaltigkeitskirche in Rochmaniw (Provinz Ternopil) und der Kirche St. Georg in Šubranec (RISU, 5 Februar 2007).

Nach Berichten von Interfax (2. Oktober 2006) stellten die Orthodoxen in Lemberg Streikposten vor der Stadtverwaltung auf, um gegen die Entscheidung der Behörden zu protestieren, dem Kiewer Patriarchat offiziell das Land zu geben, auf dem die Kirche des Heiligen Wladimir steht (das Gebäude gehört seit 1991 dem Moskauer Patriarchat, wurde jedoch später vom Kiewer Patriarchat requiriert). Die Gemeinde des Moskauer Patriarchats hat auf diesem Grundstück eine eigene Kapelle gebaut, die sie nun verliert.

(Quelle: Religionsfreiheit weltweit – Bericht 2008. Stand: 2008)

29.Jan 2010 16:37 · aktualisiert: 24.Mrz 2010 10:49
KIN / S. Stein