KIRCHE IN NOT – Was wir tun
Stipendien
Jahresbericht 2010 – Referat Stipendien
Ein Beitrag von Rosanna Motta und Peter Rettig
Das Jahr 2010 wird in die Geschichte eingehen als ein Jahr, in dem die Kirche das große Ereignis des Priesterjahres erlebte, welches die Welt zum Staunen brachte, weil es ihr zeigen konnte, wie lebendig doch die Kirche ist. Trotz dieser Lebendigkeit stürzte die Kirche in eine der schwersten Krisen durch den jahrelang verschwiegenen Kindesmissbrauch in manchen Ländern des traditionsreichen christlichen Europas.
In seinem Hirtenbrief zum sexuellen Missbrauch findet der Heilige Vater Worte von großem Mut, wofür es in den vergangenen Jahrhunderten der Kirchengeschichte keinen Vergleich gibt. “Nicht einmal der Mangel an Berufungen kann ein Grund dafür sein, jeden aufzunehmen, der beim Priesterseminar anklopft”. Der Hl. Vater sieht in dem Fehlverhalten vieler Priester eine Verbindung zwischen der allgemeinen Krise des Glaubens und dem Phänomen des sexuellen Missbrauchs. Die Kirche müsse auch theologisch noch nachdenken.
Ein erster wichtiger Schritt sei eine bessere Auswahl und Begleitung von Priesterkandidaten, denn von vorbildlichen Priestern und Schwestern hänge die Zukunft der Kirche und der Gesellschaft ab. Der Appell des Hl. Vaters richtet sich nicht nur an die Kirche des Westens, sondern ist gleichzeitig ein Aufruf an die Kirche der Missionsländer. Auch das Referat “Stipendien” fühlt sich angesprochen, denn seine Aufgabe besteht darin, Priester und Schwestern aus den Missionsländern durch eine qualitativ hohe theologische Ausbildung an den Päpstlichen Universitäten Roms und Westeuropas zu fördern.
Das Zeugnis beispielhafter Ausbilder/innen, die in der Wahrheit leben und sie überzeugend weitergeben, ist der beste Garant dafür, dass aus den Seminaristen und Novizinnen von heute überzeugte Priester und Schwestern hervorgehen, die gewappnet sind, den Stürmen des Lebens zu widerstehen.
Ein Student aus Brasilien schrieb uns: “Professor zu sein ist eine Gabe, eine Berufung. Seit Jahren erfreue ich mich an Ausbildern, die ihre Mission lieben, und leide mit denen, die nicht wissen, weshalb sie diesen Weg gegangen sind. Ich möchte ein guter Professor sein, ich habe bereits im Priesterseminar gearbeitet und ich denke, dass dies der Grund ist, weshalb ich nach Rom zum weiterführenden Studium entsandt worden bin.”
Kategorie Ordensfrauen : Mit einer Anzahl von ca. 770 000 stellt sie die größte Kategorie innerhalb der Kirche dar. Das Engagement der Ordensfrauen ist überall geschätzt. Ihre Aufgaben sowie ihr Verantwortungsbereich entfaltet sich immer mehr. Ihre Ausbildung beschränkt sich nicht nur auf die Formation der Kandidatinnen oder auf den Katecheseunterricht in Schulen und Pfarreien, sondern sie weitet sich aus von der Philosophie bis zum Kirchenrecht, von den Sozialwissenschaften bis zur Kommunikation – Fachdisziplinen, die bis vor kurzem ausschließlich Priestern vorbehalten blieben.
Mit seinem Apostolischen Schreiben “Mulieris Dignitatem” hat Johannes Paul II den weiblichen Genius der Frau gebührend anerkannt und damit begonnen, ihnen verantwortungsvolle Aufgaben im Vatikan anzuvertrauen. „ In einer Zeit, in welcher die Menschheit einen so tiefgreifenden Wandel erfährt, können deshalb die vom Geist des Evangeliums erleuchteten Frauen der Menschheit tatkräftig dabei helfen, dass sie nicht in Verfall gerät.“
So ist es nicht verwunderlich, dass es unter den Studentinnen einige Schwestern gibt, die als Dozentinnen in den Seminaren bzw. an theologischen Fakultäten vorgesehen sind. Diese Schwestern werden von uns bis zur Promotion unterstützt. Das Erziehungswesen bleibt jedoch eine der Disziplinen, die wir auch in der Zukunft am meisten fördern werden und nicht nur in Gebieten, wo Krieg oder Naturkatastrophen stattgefunden haben.
Eine Salesianerin Don Boscos auf Haiti, dem Orden, dem besonders die Erziehung junger Menschen ein Anliegen ist, schrieb uns: „Unsere Schulen sind über die Stundenpläne hinaus geöffnet, um ein erzieherisches Ambiente für die Kinder zu schaffen. Gerade wenn wir uns ansehen, was Haitis politische Realität ist, wie sehr das Eigeninteresse dominiert, dann wird klar, wie zentral die Aufgabe der Erziehung ist. Das Land braucht Hilfe, um die Menschen zu erziehen, denn in der Erziehung und Bildung liegt die Zukunft einer Nation.”
Kategorie Priester : Die größte Anzahl der gewährten Stipendien betrifft den Klerus des schwarzen Kontinents, gefolgt von Asien, zwei Kontinenten, auf denen Religionsfreiheit, Ökumene und Dialog zunehmend eine Rolle spielen. Die Nahost-Synode, die Ende des Jahres 2010 in Rom tagte, hat den Christen dieser Länder Mut und gleichzeitig Hoffnung gegeben. Die Christenverfolgung sollte dazu ermuntern, religionsübergreifend für die Würde der Menschen einzustehen.
Wie könne eine Koexistenz der Kulturen gefördert werden, fragt Hansi Abidi, Leiter eines Zentrums für Studien und Recherchen über die arabische Welt und den Mittelmeerraum, wenn innerhalb der Grenzen der Kult der dominierenden Religion praktiziert wird, wenn zwei große islamische Organisationen der Wissenschaft, der Erziehung und Kultur sich des Schweigens gegenüber den Misshandlungen, denen die Christen des Nahen Ostens ausgesetzt sind, mitschuldig machen? Auch im Iran haben viele Christen ihr Land verlassen, weil sie nicht als integrierter und legitimer Bestandteil der Bevölkerung akzeptiert werden und ihre Religion nicht frei ausüben können.
Um so erstaunlicher das Zeugnis eines Synodenvaters dieses Landes. Obwohl die Kirche mit der kleinen Anzahl von 14 Priestern und 21 Schwestern die schwerste Krise durchsteht, sind neue Berufungen entstanden, die die Hoffnung nicht sterben lassen. Der Bischof verglich die Kirche des Irans mit einem Baum, der neue Blätter ansetzt, der Früchte trägt. 20 Priester und Schwestern aus dem Nahen Osten erhielten ein Stipendium durch dieses Referat. Ihnen allen gebührt unser Respekt und unsere Bewunderung.
Mit ihrem Zeugnis bekunden sie dem entchristianisierten Westen, dass wo Hass ist, Liebe entstehen kann, sie zeigen uns was Glauben ist und welche Wirkungskraft er in sich birgt, wohl wissend, dass sie vielleicht für diesen Glauben morgen ihr eigenes Leben opfern werden. Sie tragen dazu bei, dass die Bäume in ihrem Land neue Wurzeln treiben, damit sie viele neue Blätter hervorbringen und viele Früchte tragen.
Osteuropa : Die Anzahl unserer Stipendiaten aus Osteuropa pendelt sich auf niedrigem Niveau ein. Studenten aus den EU-Mitgliedsstaaten werden weniger, die Zahl der ukrainischen Studenten bleibt konstant, entferntere osteuropäische Länder kommen hinzu. Während die Studenten aus EU-Mitgliedsländern Mittel aus EU-Studienfonds erhalten, wird die Hürde für die letzteren immer höher.
Die Studiengebühren unterscheiden deutlich zwischen EU- und Nicht-EU-Bürgern, vom bürokratischen Aufwand eines Visums ganz zu schweigen. Im großen und ganzen sind die Seminare und theologischen Fakultäten in Osteuropa aufgebaut, ein Professorenkader steht zur Verfügung. Eine Heizungsrenovierung, die Renovierung einer Seminarkirche sind heute drängende Sorgen. Die Fluktuation der Professoren bleibt aber eine Herausforderung. Um immer wieder gute Professoren zur Verfügung zu haben, müssen geeignete Priester frühzeitig ausgebildet werden.
Bildung heißt nicht nur Faktenkenntnis, sondern auch die persönliche Auseinandersetzung mit dem weiten Horizont katholischer Theologie. Dafür wird unsere Hilfe ständig gebraucht. Bei zwei orthodoxen georgischen Studenten erzählt der Rektor begeistert wie sie aufblühen und die alte Enge verlassen. Nicht vergessen werden sollte, dass unser jährliches Stipendium immer noch etwa zwei Jahresgehältern eines Arbeiters/ Angestellten entspricht.
Den Erfolg unserer Hilfe sahen wir zuletzt am 08.August 2010. Mons. Zbignev Stankevičs, dessen Studien in Fundamentaltheologie an der Lateranense wir von 2002 – 2006 unterstützen durften, wurde an diesem Tag zum neuen Erzbischof von Riga (Lettland) geweiht.
Als kirchliches Hilfswerk möchten wir allen Wohltätern, die uns auch im Jahr 2010 unterstützt haben, unseren Dank aussprechen und ihnen sagen, dass wir auch weiterhin alles tun werden, was in unserer Macht steht und was wir mit missionarischer Leidenschaft vollbringen können. Aus Liebe zu den verfolgten und notleidenden Kirchen werden wir auch im Jahr 2011 für sie da sein. Wir werden uns an die Seite der Christen stellen, die keine Stimme haben, sei es im Irak, Iran, Sudan, Pakistan, Ägypten, Indien oder Vietnam.
Im konstruktiven Geist werden wir der Lehre und den Anliegen des Hl. Vaters bedingungslos folgen. Wir werden uns weiterhin dafür einsetzen, dass die Priesterseminare und Noviziate vor Ort mit guten Priestern und Schwestern besetzt werden, die von essentiellen Glaubenswahrheiten, tiefer Beziehung und Liebe zur Kirche getragen, sich für die Verteidigung der Gerechtigkeit engagieren.
Wir werden vorrangig unsere Hilfe leisten für die Länder der ersten Verkündigung, d.h. wo Gott noch ein Unbekannter ist und wo die Mittel fehlen, den Priestern und Schwestern eine solide, profunde theologische Ausbildung zu geben. Die Wohltäter in aller Welt dürfen unserem vollen Engagement vertrauen. Dazu verpflichtet uns unsere Liebe zur Kirche und die Liebe zu den Wohltätern, die uns unser Gründer P. Werenfried vermacht und gelehrt hat.


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