KIRCHE IN NOT – Was wir tun

Stipendien

Jahresbericht 2013 – Referat Stipendien

Ein Beitrag von Peter Rettig

Nigeria: Einige Seminare in Nigeria wurden besucht, um vor Ort zu sehen, wie Kirche in Not in Zukunft mit Studienstipendien der Ortskirche noch besser helfen kann.

Boko Haram und andere islamistische Gruppen sind für die Seminare in Jos und Kaduna eine Gefahr. 2010 kam es zu mehreren Überfällen. Das Seminar in Jos wurde nur dank der rechtzeitigen Ankunft des Militärs vor Schlimmerem bewahrt. Der Augustinerkonvent, der hinter dem Seminar liegt, wurde überfallen und Moslems wie Christen fanden in der Nachbarschaft den Tod. Die kleine Moschee gegenüber dem Haupteingang ist mit Stahlbeton verstärkt. Bei unserem Besuch im Mai 2013 patrouillierten Soldaten auf dem Gelände. Der Rektor ist nicht sehr begeistert über ihre Anwesenheit, ein Beispiel an Moral und Wortwahl sind Soldaten nie. Die Seminaristen gaben sich beherrscht, gelassen und betonten die gute Nachbarschaft. Im persönlichen Gespräch schilderte der acting rector P. Hasan jedoch, wie sehr die Unruhen die Seminaristen verunsicherten und ängstigten. Eltern wollten ihre Söhne aus dem Seminar holen, Unterricht fand zeitweise überhaupt nicht mehr statt und in vielen Gesprächen und Diskussionen hoben die Professoren erst einmal Selbstvertrauen und Disziplin. Zur Sicherung des Seminars wünscht sich P. Hasan Christen in der Nachbarschaft. Sie zogen aber alle in christliche Viertel, die Religionen entmischten sich.

Von akademischer Seite kann die Theologie im Großen und Ganzen ausreichend unterrichtet werden. Wie so oft fehlt es aber an philosophischen Lehrkräften. Gerade einmal zwei Lehrer halten Vorlesungen, die dreifache Zahl wird für Unterricht und Affilierungen gebraucht. Gastprofessoren stehen in Nordnigeria nicht zur Verfügung, säkulare philosophische Studienangebote scheiterten in der Vergangenheit am lokalen islamischen Widerstand. In Jos will jetzt der Staat mit Billigung der Imame einen Studiengang Philosophie und Religion einrichten – und bittet das Seminar um Lehrer! Zum Glück unterstützen wir in München einen künftigen Philosophieprofessor für das Seminar in Jos.

Die Kathedrale in Kaduna wurde durch Bomben zerstört, das Seminar blieb bis heute verschont. Unser Herr hält wohl ganz besonders seine Hand darüber. Dementsprechend groß ist der Optimismus P. Salihus. Er ist ein begnadeter Lehrer, der seine Seminaristen mitreißt und seine Kollegen beflügelt. Die Professoren bleiben maximal 10 Jahre, manche auch kürzer. Eine irische Professorin ist vor kurzem zur Provinzialin in Irland gewählt worden, ein Nachfolger wird gesucht. So ist für frischen Wind gesorgt, aber P. Salihu und die Bischöfe müssen sich ständig um guten Nachwuchs kümmern. Die Schwierigkeiten werden nicht geringer durch die Affillierungsprozesse. Die römischen Universitäten verlangen Abschlüsse päpstlicher Universitäten, bevorzugt die der römischen. Auf jeden Fall können wir dem Seminar in Kaduna mit Stipendien helfen.

Ganz anders sieht die Lage im Süden, in Biafra aus. Diese Region Nigerias galt immer als wohlhabend, Hilfswerke zögerten, da die Priester zur Primiz Fahrzeuge bekamen und Kirchen mit eigenen Mitteln gebaut wurden – und werden. Die Gelder kamen jedoch nicht aus den Gemeinden, sondern aus den Familien der Priester. Die Großfamilie, nicht die Kirchengemeinde, nicht die politische Partei, die Alterskohorte oder das Bildungsmilieu, bildet die Grundeinheit der sozialen Struktur – und beeinflußt bis heute auch die kirchliche. Das Wirtschaftsleben Nigerias wird jedoch von den Terroranschlägen der Islamisten und der Aufständischen im Nigerdelta fast zum Erliegen gebracht. Die Flüchtlinge des Biafrakrieges fliehen heute vor dem islamistischen Terror aus ihren Refugien um Kaduna zurück in die alte Heimat. So wird die finanzielle Unterstützung durch die bisherigen Förderer einerseits immer geringer, andererseits steigt die Zahl der unterstützungsbedürftigen Verwandten. Bei den Priesterseminaren kam der Geldsegen sowieso nie an und die Bischöfe haben selten offene Ohren für die finanziellen Wünsche.

Die Professoren und Spirituale in den Seminaren stehen so nicht nur vor der immer größeren Sorge um den täglichen Unterhalt, sondern vor allem vor der Aufgabe, den Horizont der Seminaristen von der Familie hin zur Universalkirche zu öffnen und ihre priesterlichen Lebensentwürfe mit wahrhaft christlichem Geist zu füllen.

Hier in Biafra finden sich mit dem Bigard Memorial Seminary (Enugu), dem Seat of Wisdom Seminary (Owerri) die weltweit größten Priesterseminare mit mehreren hundert Seminaristen. Die Zahl der Berufungen ist so hoch, dass ständig neue Seminare errichtet werden. Öffnen diese ihre Pforten, sind sie nach kurzer Zeit ebenfalls selbst überlaufen. Der Lehrbetrieb erfolgt in überfüllten Räumen, der Unterricht über scheppernde Lautsprecher erfordert Geduld und hohe Aufmerksamkeit. Die Stromversorgung leisten für ein paar Abendstunden lärmende, dieselfressende Generatoren. In Umuahia stehen vereinsamt auf vielen Hektar Land ein paar Seminargebäude, Professoren und Studenten wohnen in einem kleinen Haus. Alles trägt den stolzen Namen Seat of Wisdom Seminary und ist noch ein Campus des gleichnamigen Seminars in Owerri. Neben den Gebäuden fehlt es an Lehrpersonal. Die größte Herausforderung ist dabei weniger der akademische Unterricht als die spirituelle Begleitung jedes einzelnen der vielen Seminaristen. Für die Seminare in Awka, Umuahia, Enugu, Owerri können wir mit Stipendien helfen.

Asien: Die zahlreichsten Bitten kommen nach wie vor aus Asien.

Die Zahl der Stipendienbitten aus Vietnam ist zurückgegangen. In der Vergangenheit halfen wir fast nur Schwestern. Seit wir aber deutlich machten, dass wir nur noch postgraduale Studien unterstützen und nicht mehr wie früher ausnahmsweise Grundstudien, erhalten wir weniger. Vielleicht kommen in einigen Jahren, wenn die Arbeit unserer Stipendiatinnen als Novizenmeisterinnen und Formatorinnen Früchte trägt, neue Bitten.

Die indische Kirche ist rege wie immer, Bildung für die Bischöfe und Provinziale von großer Bedeutung. Die absolute Zahl der Berufungen ging mit den kleineren Familien zurück, wie früher findet aber in etwa der gleiche Anteil eines Jahrgangs seinen Weg ins Seminar. Der Missionsgeist der Seminaristen ist stark. So wird unsere Hilfe für ihre Ausbildung nicht nur eine Hilfe für das Wachsen der Kirche in Südindien, sondern vor allem für die Mission in Nordindien, die Mission in Afrika – und was wir nicht vergessen dürfen – die Neuevangelisierung in Westeuropa.

Aus den Ländern, die der Arabische Frühling in einen überaus schmerzhaften Wandlungsprozess warf, erhalten wir leider nur sehr wenige Bitten.

Osteuropa: Die Zahl der Studenten aus dieser Region ging auch im Berichtsjahr weiter zurück. Die neuen Bitten lassen sich an zwei Händen abzählen, ohne die ukrainischen Studenten wäre eine Hand mehr als genug. Der Rektor der katholischen Universität deutete schon an, dass durch unsere Hilfe die Qualität der Lehre in Lviv so gut geworden ist, dass die Studenten künftig nicht mehr nach Polen und Westeuropa geschickt werden müssen, sondern vor Ort studieren können. Unser Engagement seit 1990 trägt reiche Früchte. Der Aufbau der akademischen Strukturen in Osteuropa nach 1990 schuf nicht nur neue Universitäten und Seminare – wie etwa Ružomberok in der Slowakei – sondern ebenso einen jungen Lehrkörper, der noch viele Generationen an Seminaristen formen kann. Priester in Osteuropa sind in der Mehrzahl um die 40.

 

31.Okt 2008 22:19 · aktualisiert: 24.Sep 2014 16:29
KIN / V. Niggewöhner