Ungarische Tragödie

Erlebnisbericht von Pater Werenfried van Straaten zum Volksaufstand in Ungarn 1956 (erschienen im Buch “Sie nennen mich Speckpater”)

Pater Werenfried van Straaten

Pater Werenfried van Straaten

Freitag, 26. Oktober 1956, 10 Uhr abends. Das Radio bringt die ersten Nachrichten über den ungarischen Aufstand: ,,250 Verwundete sind an der österreichisch-ungarischen Grenze in Nickelsdorf eingetroffen.”

Im Hauptquartier der Ostpriesterhilfe zu Tongerlo wird mir die Nachricht sofort mitgeteilt. Zehn Minuten später bin ich mit Staf Vermeulen, damals Direktor unseres Werkes in Belgien, unterwegs nach Löwen, wo wir um halb zwölf Kriegsrat halten mit dem Jesuitenpater Laszlo Varga, Berater für die ungarische Abteilung unseres Werkes. Noch in derselben Nacht beginnt unsere Ungarnaktion.

Es begann mit einer Revolte des Gebets

Samstag, 27. Oktober, 5 Uhr nachmittags, startet schon das erste Sabena-Flugzeug. Es hat tausend Flaschen Blutplasma des Roten Kreuzes und eine kostbare Medikamentensendung der Ostpriesterhilfe an Bord. Alle Mitarbeiter und Freunde sind alarmiert worden. Unser erster Aufruf erschien in den Abendzeitungen.

Ungarnhilfe 1956

Ungarnhilfe 1956

Es mußte anfangen mit Gebet. In der Nacht von Samstag auf Sonntag – es war genau Mitternacht – kamen wir mit sechzig Mann auf dem Rogier-Platz in Brüssel zusammen.

Wir beteten den Rosenkranz. Wir gingen an schlafenden Häusern und tropfenden Bäumen entlang. Es regnete trüb.

Der Wind rammelte an eisernen Gittern und spielte mit nassen Blättern. Betend zogen wir durch die Churchill-Allee bis zum Gebäude der ungarischen Gesandtschaft. Ein großes Herrenhaus hinter einem schmalen Garten. Alle Fensterläden dicht. Wir knieten auf dem Pflaster und beteten zusammen für die verfolgte Kirche, für die Kämpfer auf den Barrikaden von Budapest, für die Mütter, Frauen und Kinder, die um das Leben ihrer Männer, Väter und Söhne bangten. Wir beteten für Freund und Feind.

Dann kam die Polizei, die vor Demonstrationen und Bomben Angst hatte. Die Polizisten fanden es merkwürdig, dieses Rosenkranzgebet auf dem nassen Pflaster im nächtlichen Brüssel. Sie wollten es verbieten. Verstärkung traf ein. Ein Jeep mit schwerbewaffneten Gendarmen. Wir aber beteten weiter, Rosenkranz um Rosenkranz im Dämmerlicht der Laternen. Dann kam ein Polizeikommissar, der heftig protestierte: “Cela ira haut, tres haut, plus haut que le procureur!” behauptete der aufgeregte Beamte. Der Mann hatte recht, denn es ist “tres haut” gegangen. Bis zum lieben Gott

Als wir fertig waren bei der ungarischen Gesandtschaft, gingen wir zur Gesandtschaft von Bulgarien und zum polnischen Konsulat in der Avenue Moliere und zur russischen Botschaft. Wir knieten uns nieder und beteten, als ob es keine Häuser, keine Menschen, keine Polizisten gäbe. Wir waren bloß wenige. Es war eine spontane Privatinitiative. Aber sie wuchs. In den kommenden Wochen wurde es zu einem Sturm von Gebeten, der durch alle Pfarreien Flanderns brauste. Hunderttausende haben daran teilgenommen. Es war grandios und eindrucksvoll. Aber nie mehr war es so ergreifend wie in jener ersten Nacht, als ich an der Spitze einer kleinen Gruppe von Mitarbeitern durch den Regen schritt, um im schlafenden Brüssel die Revolte des Gebetes zu entfesseln.

Tongerlo-Wien-Budapest

Im Pavillon von Tongerlo steht alles kopf. Die Büros sind in eine riesige Apotheke umgewandelt. Abends um elf Uhr – noch immer an diesem ersten Samstag – beginnen junge Pharmazeuten, telegrafisch aufgerufen, Berge von Flaschen, Ampullen und Schachteln zu sortieren. Im Magazin stapeln sich die fertigen Pakete: Vitamine, Verbandzeug, Anti-Biotika, Chinin, Narkotika usw. Dasselbe spielt sich in unserem Magazin in Antwerpen ab und in vielen Orten im ganzen flämischen Land, wo unsere Mitarbeiter in Schulen, Sälen und geliehenen Lagerräumen die Hände regen.

Am Sonntagmorgen rollt die Ungarnaktion wie eine Lawine: manches Krankenhaus hat einen Großteil seiner Medikamentenvorräte zu unseren Sammelstellen gebracht. Im ganzen Land werden von freiwilligen Helfern Autos eingesetzt, die von Haus zu Haus fahren. Die Grenze nach Ungarn ist offen, die Ostpriesterhilfe drängt unwiderstehlich mit Händen voll Liebe durch die Bresche ins Gebiet hinter dem Eisernen Vorhang!

Montag. Der Umfang der Aktion ist unübersichtlich geworden. Und dennoch findet sich alles in diesem Wirrwarr, der sich von selbst durch Nächstenliebe, Vertrauen und Improvisation ordnet. In der Nacht rollt ein von der Caritas und der Ostpriesterhilfe gechartertes Flugzeug über die Startbahn von Melsbroek. Die Motoren heulen, 2500 kg Medikamente erheben sich in die Luft. Mit dieser Ladung können sechs große Krankenhäuser eine Woche lang helfen und retten. Zur gleichen Zeit brennen in den Hallen der Ostpriesterhilfe zu Tongerlo noch immer die Lichter. Fünfundzwanzig Tonnen Kleider, Schuhe und Lebensmittel werden auf unseren Zwanzigtonner geladen.

Dienstag morgen, vier Uhr, fährt Heinz aus dem Pavillon weg. Eine Stunde später tritt ein anderer Chauffeur in der Nähe von St. Gallen aufs Gaspedal seines schweren Mercedes: zwölf Tonnen Liebesgaben der Ostpriesterhilfe Schweiz setzen sich nach Wien in Bewegung. Überall tritt der eigene oder geliehene Transportapparat unseres Werkes in Aktion. Aus zehn Städten in ganz Westeuropa braust die spürbare Hilfe unserer Wohltäter nach Ungarn.

Dienstag morgen. Ich nehme das Flugzeug nach Wien. Die Nachrichten vom Aufstand werden immer besser. Es ist zu erwarten, daß Kardinal Mindszenty bald befreit sein wird. In Wien überlege ich mit unseren Mitarbeitern und anderen Organisationen. Man zögert und will noch warten. Ich entscheide, sofort abzufahren. Ich habe keinen gültigen Reisepaß und kein Visum. Ich habe bloß meinen Rosenkranz. Von Wien bis Budapest habe ich mit meinen österreichischen und ungarischen Freunden den Rosenkranz gebetet. Und das Abenteuer ist gelungen. Drei Stunden nach seiner Befreiung stand ich mit dem Präsidenten des österreichischen Caritasverbandes und einigen anderen in einem kleinen Zimmer bei Kardinal Mindszenty. Wir waren die ersten Priester aus dem freien Westen, die er zu Gesicht bekam. Es war noch vollauf Revolution.

Durch das umkämpfte Budapest

Ja, es war noch vollauf Revolution. An der Grenze in Nickelsdorf standen Arbeiter mit Karabinern. Überall sahen wir Autos, geschmückt mit der ungarischen Fahne, aus der der Sowjetstern herausgeschnitten war. In Györ waren Panzer bis vor das Haus des Bischofs aufgefahren, den wir besuchten. Er hatte schon oft von der Ostpriesterhilfe gehört und machte von der Gelegenheit Gebrauch, von mir eine Warenladung Liebesgaben für sein Bistum zu erbitten.
Sie wurde Ihm gerne zugesagt. Diesem Versprechen verdanken wir, daß unser letzter Laster nicht nach Budapest weitergefahren ist, sondern in Györ entladen wurde. Sonst wären Auto und Chauffeur in die Hände der Russen gefallen. Jetzt konnte Heinz als allerletzter noch gerade aus Ungarn entkommen. Fünf Minuten, nachdem unser Büssing Nickelsdorf passierte, wurde die Grenze von Sowjetpanzern abgeriegelt.
Aber so weit war es noch nicht an diesem Allerheiligentag, als wir guten Mutes nach Budapest fuhren. Links und rechts wurde noch gekämpft. Die Menschen auf den Straßen wink- ten uns zu, und überall waren die Häuser beflaggt. Es war ein nationaler Aufstand. Das ganze Volk war in Begeisterung.

Pater Werenfried mit Kardinal Mindszenty, 1956

Pater Werenfried mit Kardinal Mindszenty, 1956

Zwei große Freunde: Pater Werenfried van Straaten und Kardinal Mindszenty (rechts). Pater Werenfried nannte den Kardinal einmal “ein kostbares ungarisches Weizenkorn”. “Gott hat ihn geprüft und Seiner würdig befunden.”

Gegen Abend trafen wir in Budapest ein. In den Vororten sahen wir immer mehr schwarze Fahnen an den Häusern. Dort gab es Tote! Die Stadt bot einen entsetzlichen Anblick. Überall ausgebrannte russische Panzer. Hier und da eine Straßenbahn als Barrikade quer über der Straße.

Zerstörte Häuser. Auf den Plätzen vor den öffentlichen Gebäuden unglaubliche Mengen zerrissener Dokumente. Lastwagen mit Freiheitskämpfern patrouillierten durch die Außenviertel: junge Kerls mit mageren, ermüdeten Gesichtern unter den zu großen Helmen. In der Feme wurde noch geschossen. Kinder fuhren mit auf den Panzern der aufständischen ungarischen Armee. Zwei festverschlossene Sowjetpanzer verließen unter den drohenden Blicken der Bevölkerung die Stadt. Ohne viel Mühe fanden wir die schwerbeschädigte Wohnung des Kardinals. Alle Gänge und Zimmer waren voller Menschen, die sich hereinschoben, um den befreiten Kirchenfürsten willkommen zu heißen. Wir drängelten uns durch die Menge hindurch und kamen in ein Vorzimmer. Dort warteten ein paar Bischöfe, einige Offiziere und viele schlechtgekleidete Bürger. Die meisten kamen direkt aus dem Gefängnis. Sie waren es, die jahrelang um des Glaubens willen Verfolgung erlitten hatten und jetzt ihre Dienste für den Wiederaufbau des kirchlichen Lebens anboten. Ich habe viele Adressen notiert, in der Absicht, ihnen später eine Liebesgabe der Ostpriesterhilfe zukommen zu lassen. So weit ist es nicht gekommen. Einige habe ich nach wenigen Wochen als Flüchtlinge wiedergesehen. Die meisten wurden von den siegenden Kommunisten hingerichtet. Gott gebe ihnen die ewige Ruhe!

Die Botschaft des Kardinals an die Welt

Der Kardinal empfing uns zutiefst ergriffen. Er war leicht gebeugt, schlecht gekleidet und unrasiert. Er hatte schwarzes Haar, eine träge, schwere Stimme, einen energischen Kopf mit durchdringenden Augen, die sich schnell von einem Besucher auf den anderen richteten. Er sprach deutsch. Ich habe ihm von unserem Werk erzählt, das sich schon so lange auf den Tag der Befreiung vorbereitet hatte; von unseren Kapellenwagen; von der geistlichen und materiellen Hilfe, die wir leisten könnten; von den Plänen, die wir mit Msgr. Adam, Msgr. Zagon, Msgr. Mester, Pater Varga und den anderen geistlichen Führern der ungarischen Emigranten für die Zukunft der Kirche in ihrer gemarterten Heimat geschmiedet hatten.

Der Kardinal hörte aufmerksam zu. Bat hier und da um Erläuterungen. Informierte auf ungarisch seinen Sekretär, ließ einen Monsignore entbieten, den er in unserer Gegenwart zum Präsidenten der Actio Catholica ernannte mit dem Auftrag, die karitative Hilfe der westeuropäischen Kirche in Empfang zu nehmen und über ganz Ungarn zu verteilen. Er war überrascht von der reichlichen Hilfe, die auch Msgr. Pfeiffer, der furchtlose Präsident des österreichischen Caritasverbandes, ihm sofort anbot. Dann zog sich der Kardinal. zurück, um einen Brief zu schreiben, den er uns für die ausländischen Bischöfe mitgeben wollte. Der Brief hatte folgenden Wortlaut:

„An die katholischen Bischöfe der Welt!

Mit Ergriffenheit habe ich erfahren, wie sehr die Katholiken der ganzen Welt an dem so schwer heimgesuchten ungarischen Volk Anteil nehmen. Da unsere Not und Armut sehr groß sind, bitte ich in Liebe alle Bischöfe der katholischen Kirche, daß sie ihre Gläubigen aufrufen mögen zu tätiger Nächstenliebe und ihre Hilfe der ungarischen Actio Catholica zukommen lassen.

Das kleine ungarische Volk setzt auch jetzt die historische Sendung fort, die uns vor 500 Jahren durch den Sieg von Belgrad anvertraut wurde. Für die großzügige Hilfe, die bis jetzt geleistet wurde, spreche ich auf diesem Wege meinen herzlichen Dank aus. Am ersten Tag meiner wiedergewonnenen Freiheit grüße ich in brüderlicher Liebe die katholischen Bischöfe der Welt aus der Hauptstadt Ungarns.”

Budapest, den 31. Oktober 1956
Josef Mindszenty

Er händigte uns das Schreiben aus, das wir weiterzuleiten versprachen. Als ich mich von ihm verabschiedete, umschloß er meine beiden Hände mit den seinen und sprach: “Herr Pater, wenn Sie jetzt in den Westen zurückkehren, sagen Sie bitte Ihren Freunden, daß sie uns nicht vergessen. Sagen Sie ihnen, daß sie beten, viel beten, noch mehr beten. . . denn ein schwerer Kampf steht uns noch bevor.”

Der Kardinal wußte, was kommen würde! Als ich die Hauptstadt verließ, standen in allen Fenstern brennende Kerzen für die 20 000 Toten von Budapest. Aber trotz dieser blutigen Opfer waren die Leute hoffnungsvoll und froh, weil sie damals noch glaubten, daß sie am Ende ihres Kreuzweges angelangt wären. Und dann habe ich Angst bekommen. Nicht für mich, sondern für dieses tapfere ungarische Volk, das mit seinen einfachen Arbeitern, mit seinen Kindern und Studenten so mutig und so ganz allein gegen eine Übermacht gekämpft hatte. Dieses Volk, das noch glaubte, daß jetzt alles besser würde und das noch nicht wußte, daß der Kardinal meine zwei Hände fest umklammert und mich angefleht hatte, zu beten, viel zu beten für den Kampf, der seinem Volk noch bevorstand.

Eine Armee von Betern für Ungarn

Am Allerseelenmorgen sind wir heil aus Ungarn zurückgekehrt. Wir haben den Brief des Kardinals übersetzt, den Bischöfen zugeschickt und in der Presse veröffentlicht. Wir haben für den “Fonds Mindszenty” über acht Millionen Mark zusammengebettelt. Wir haben sehr große Mengen Liebesgaben in Ungarn und an die ungarischen Flüchtlinge überall in Europa ausgeteilt. Wir haben sofort Hunderttausende ungarischer Katechismen, Gebetbücher und Neue Testamente drucken lassen und zum größten Teil in den

verworrenen Wochen während und nach dem Aufstand noch nach Ungarn einführen können. Die Ostpriesterhilfe, die einzige Organisation, die in Hilfeleistung für die verfolgte Kirche spezialisiert ist, stand während der ungarischen Tragödie und in den darauffolgenden Monaten an der Spitze aller Aktionen, die überall in der Welt mit so viel Großzügigkeit gestartet wurden.

Aber der kostbarste Beitrag, den unsere ungezählten Freunde damals geleistet haben, war die Sturmnovene des Rosenkranzes, die monatelang die Gewissen wachgehalten und trotz des äußerlichen Scheiterns des Aufstandes zweifellos Wunder der Gnade und des Segens in Ungarn verursacht hat.

Was in Brüssel nachts auf dem Pflaster mit wenigen begonnen hatte, griff wie ein Feuer um sich. Zuerst folgte Brügge mit einer Rosenkranzprozession zur Kapelle vom Heiligen Blut. Antwerpen sah seine Kathedrale innerhalb einer Woche viermal. brechend voll von betenden Männern und Frauen, Jungen und Mädchen, die ihr Gebet mit einem Opfer verbanden. In Lokeren schritt das Schöffenkollegium betend an der Spitze des Zuges, und an jenem Rosenkranzabend für Ungarn spendete Lokeren 75 000 Franken für den Fonds Mindszenty. In Löwen zogen 15 000 Studenten und Einwohner betend durch die Straßen zur Abendmesse, die Weihbischof Van Wayenberg im Freien feierte, und sie spendeten in einer Abendkollekte 300 000 Franken für die ungarische Kirche in Not.

Antwerpen, Kiel, Mortsel, Boechout, Sint-Niklaas, Dendermonde . . . es wurde ein Sturm des Rosenkranzgebetes und der Opferbereitschaft. Und in der Antwerpener Pfarrei “Heilig Geist” wurden an einem Sonntagmorgen 367 000 Franken für den Notfonds der Ostpriesterhilfe geopfert. Und dies alles war bloß ein kleiner Teil der Aktion, die in den ersten Wochen nach meiner Rückkehr aus Budapest von der Ostpriesterhilfe begonnen wurde. In jenen Tagen stellte sogar der belgische Rundfunk uns ausnahmsweise seine Mikrofone zur Verfügung. Ich benutzte die Gelegenheit, das Volk für unsere Gebetsaktion aufzurufen:

“Gott allein kann retten “

“Die Welt brennt. Die Kirche blutet. Christus stirbt in Unzähligen! Sind wir uns bewußt, was auf dem Spiel steht? Sind unsere Kirchen auch morgen und übermorgen noch voll flehender Gläubiger? Besinnen wir uns auf die Gründe, warum Gott diese furchtbare Prüfung zuläßt? Versucht auch der allerletzte unter uns, den Herrn zu überreden? Werden wir Ihn auch weiterhin bestürmen mit Gebeten, die laut zum Himmel schreien? Werden wir standhaft bleiben in unseren Anstrengungen, Ihn durch Gebet und Opfer zu versöhnen?

Nach menschlichem Ermessen ist die Lage hoffnungslos. Glaubt nicht, daß die westlichen Großmächte einen Finger rühren werden, um die Freiheit Ungarns zu retten. Glaubt es nicht, daß die Herren, die Suez überfielen, sich in Wahrheit für die Kirche in Not interessieren. Reibt euch die Augen. Erkennt, daß alle menschlichen Mittel fehlen und nur Gott noch retten kann.

Gott allein kann retten. Das ist eine kalte Dusche auf unseren Hochmut. Das scheint demütigend für die moderne Menschheit. Aber beängstigend ist es nicht. Denn Gott ist der einzige Bundesgenosse, der selbstlos ist. Seine Rettung ist anders als jeder menschliche Ausweg. Aber auf jeden Fall sicherer, dauerhafter und unendlich besser.

Gott allein kann retten. Das ist die Schlußfolgerung, die immer aus Irrtümern und verlorenen Illusionen zusammengerafft wurde. Die Einsicht, die erworben wurde, nachdem alle anderen Mittel erschöpft waren. Die Juden des Alten Bundes wußten es. Aber sie wußten es erst in der babylonischen Gefangenschaft. Und die bedrohte Christenheit aus dem 16. Jahrhundert wußte es, doch erst als die Türken im Herzen Europas standen.

Auch wir müssen es wissen, zur elften Stunde, und es soll uns ruhig machen. Wir dürfen es nicht für ein Risiko halten, auf den Herrn zu vertrauen, auf den allmächtigen, starken Gott, der über die Heiden spottet und der sie als Lehmkrüge zertrümmert. Es ist nicht beunruhigend, nur auf Ihn zu bauen, denn Er hat die Welt überwunden. Laßt Ihn denn erweichen durch ein argloses Vertrauen, durch die Flut eurer Gebete, die wie eine Brandung an Seinem lauschenden Herzen rauschen . . .”

Leiden wie einst Maria

Tagein, tagaus sprach ich viele Male von den ungarischen Müttern, die mit ihrem Kind auf der Flucht waren, so wie Maria einmal vor Herodes auf die Flucht in die Fremde gejagt wurde:

“Die flüchtende Mutter, die in Traiskirchen, dem Grenzlager in Österreich, eintraf und fotografiert wurde, während sie ihr Kindlein stillte – sie trägt dieselbe Sorge und dasselbe Leid, das einst Maria trug. – Die andere Mutter – sie stand in einer Zeitung – mit ihrem erschöpften Gesicht, todmüde von dem kilometerlangen Fußmarsch, mit ihrem Kind auf dem Rücken, zwischen den Pappschachteln, in denen sie ihre Kleider mitschleppte – sie ist genauso müde, wie einst Maria war, als sie schwer atmend auf der Flucht nach Ägypten ausruhte.

Und die Flüchtlingsmutter, die auch in der Zeitung stand – wer kennt ihren Namen? – mit ihrem großen Angstaugen: ihr ist genauso bange, wie einst Maria war, als sie hinter sich das Wehklagen der Mütter Bethlehems hörte. Und die vielen, vielen ungarischen Mütter, die ihr Kind verloren haben, als das ganze Dorf beim Herannahen der brüllenden Panzer auseinanderstob, sie werden jetzt – heute – von tausend Ängsten gequält, genau wie Maria gepeinigt wurde, als sie beim Verlassen Jerusalems den kleinen Jesus verloren hatte. Und die weinenden Mütter – sie sind schon älter -, die es ansehen müssen, wie ihre großen Söhne zusammengetrieben und zu einer unbekannten Bestimmung abtransportiert werden: im gepeinigten Herzen dieser Mütter nagt derselbe Kummer wie im Herzen Marias, als ihr göttlicher Sohn von den Soldaten aus dem Garten am Ölberg weggeführt wurde. Und die Mütter von Budapest, die ihre Jungen an den Laternenpfählen in den Straßen hängen sehen – sie sind wie die Schmerzensmutter unterm Kreuz ihres Sohnes, deren Herz von einem Schwert durchstoßen wird. Und die Mütter, die suchend zwischen den Trümmern und den Wracks der ausgebrannten Panzer herumgehen: wenn sie ihr totes Kind finden, dann werden sie sein wie die weinende Maria, die Jesus in ihren Schoß nahm; ermordet, tot, bleich und kalt.

Oh, ihr tausend aufgescheuchten, weggeschleppten, heimgesuchten und geflüchteten Mütter Ungarns, wir können nicht viel für euch tun. Wir haben bloß unsere karge Liebe und unser Gebet. Aber wir können euch doch Maria anvertrauen, die all euer Leid kennt und selbst durchgemacht hat, die euch versteht, wie niemand euch verstehen kann, und die in diesen bittersten Stunden eures Lebens allein noch trösten wird. . .”

Der Westen hat wieder beten gelernt

Der ungarische Aufstand mit seinem Gefolge von Zehntausenden von Flüchtlingen hat ganz sicher Unzähligen die Augen und Herzen für das Leid der verfolgten Kirche geöffnet. Der christliche Westen hat wieder beten gelernt für die 60 Millionen unterdrückten, von einem teuflischen Regime geschundenen und durch den Eisernen Vorhang von uns entfremdeten Brüder in Ungarn und in anderen Satellitenstaaten. Wir wurden mit ungeahnten Problemen konfrontiert.

Der jahrelange kommunistische Terror, die Propaganda und die Erziehung sind an unseren Glaubensbrüdern nicht spurlos vorübergegangen. Der Eiserne Vorhang vergrößert nicht bloß den geographischen, sondern auch den psychologischen Abstand zwischen Ost und West. Wir sind mehr als früher eine zerrissene Christenheit. Denn seit 1945 wurde die große christliche Gemeinschaft – schon geschädigt durch Schisma und Reformation – noch einmal gespalten durch die Barrikaden des Eisernen Vorhangs. Und wenn auch der Eiserne Vorhang verschwindet, die Gespaltenheit wird bleiben!

“Wir Christen müssen qualitativ besser werden”

Die Tatsache des ungarischen Aufstandes war zwar eine Blamage für den Kommunismus, aber deshalb noch nicht die Bestätigung der einen lebendigen Gemeinschaft der Kirche. Denn Ost und West sind einander entwachsen. Es war die Proletarier-Elite der ungarischen Volksdemokratie, die im Namen der Freiheit, der menschlichen Persönlichkeit und der sozialen Gerechtigkeit gegen die marxistische Lügendiktatur revoltierte. Es waren die Getreuesten der Getreuen, die sorgfältig ausgesuchten und tausendfach getesteten jungen Intellektuellen; es waren die kommunistischen Vertrauensmänner der Arbeiter in den Staatsbetrieben; es waren die Kader und die zukünftigen Führer in Staat und Partei, die gegen Moskau rebellisch wurden. Es waren die Jünglinge, die im Feuerofen der Dialektik brand- und feuerfeste Marxisten hätten werden müssen, die plötzlich den Marxismus zu Ende gedacht und als Volksbetrug entlarvt hatten.

Sie sind keine Titoisten, keine Nationalkommunisten, keine Sozialisten und keine Faschisten . . . aber sie sind auch keine Christen! Sie haben noch keinen Namen. Sie sind das, was nach dem Kommunismus kommt: die aus der These des Kommunismus geborene Anti-These und darum notwendigerweise die erbitterten Feinde eines von ihnen überwundenen Standpunktes.

Diese Post-Kommunisten, die sich durch den Kommunismus hindurchgerungen haben, die klarsichtig wurden und nach Gerechtigkeit, Liebe und Wahrheit, nach allem, wovon der Kommunismus die Verneinung ist, hungern – diese jungen Konterrevolutionäre sind unsere Brüder, die der Kirche geraubt wurden oder vielleicht niemals zu ihr gehörten, die aber dennoch bei uns zu Hause sind und die wir unaufhör- lich in unser Gebet und unsere Liebe einschließen müssen. Machen wir uns keine Illusionen! Was nach dem Kommunismus kommt, kann nicht ohne weiteres von der Kirche annektiert werden. Was durch den Schmelztiegel dieses Systems gegangen ist, kann nicht ohne weiteres als quantitative Vermehrung der alten Mutter Kirche einverleibt werden. Zuerst müssen wir qualitativ besser werden!

Millionen Rebellen in Osteuropa haben den Marxismus innerlich überwunden. Wir können nur in Wahrheit mit ihnen wiedervereinigt werden, wenn wir unseren Materialismus überwinden. Solange wir das nicht schaffen, haben wir diesen Post-Kommunisten keine Lektion und keinen guten Rat zu geben, und tun wir besser daran, bei ihnen zu lernen, wie man opferbereit für ein Ideal lebt und stirbt.

Der Aufstand ist gescheitert. Die Bresche im Eisernen Vorhang ist wieder geschlossen. Aber mitten unter uns leben Flüchtlinge, viele junge Menschen, die uns am eigenen Leib zeigen, wie der Mensch aussieht, der durch die Schule des Kommunismus gegangen ist. Er ist bisweilen besser als wir selbst. Aber er ist auch geschunden und entstellt. Er ist selbst nicht dafür verantwortlich, daß er an seiner Seele Schaden gelitten hat. Aber auf jeden Fall ist er ein Menschentyp, dem wir Rechnung tragen müssen; denn so wird nach der Befreiung der Mensch aussehen, dem wir im Osten überall begegnen werden und mit dem wir wieder zu einer Einheit zusammenwachsen müssen. Der ungarische Aufstand war nicht umsonst, wenn wir unsere Lehre daraus ziehen.

“Laßt uns beten für die Befreiung”

Millionen in Osteuropa ringen täglich mit dem Bösen, um innerlich von seinem Terror und seiner Diktatur befreit zu werden. Millionen suchen leidenschaftlich die Wahrheit und gehören durch die Begierdetaufe oder die Taufe des Blutes zur Kirche Christi.. Laßt uns oft beten für unsere Brüder im Osten, auf daß der Herr sie bald befreien und in Frieden zu uns führen möge. Aber laßt uns auch beten für uns selbst, daß der Herr uns reinigen und daß unsere Unchristlichkeit der Wiedervereinigung mit den in Leid Geläuterten und nach Wahrheit Suchenden nicht im Wege stehen möge.

Werenfried van Straaten

 

9.Nov 2008 12:44 · aktualisiert: 23.Mai 2014 19:40
KIN / V. Niggewöhner