„Jerusalem gehört allen”

Christen im Heiligen Land begehen die Karwoche

Palmsonntag-Prozession in Jerusalem.

Palmsonntag-Prozession in Jerusalem.

Am Palmsonntag gehört Jerusalem den Christen. Tausende Einheimische und Pilger aus aller Welt ziehen mit Palm- und Ölzweigen in der Hand singend und betend den Ölberg hinab in die Jerusalemer Altstadt.

Im christlichen Viertel und der näheren Umgebung wird nach der Prozession noch lange gefeiert. Auch die Straßenbahn muss dann vorübergehend ihren Betrieb unterbrechen, wenn die christlichen Pfadfindergruppen mit ihren Dudelsäcken umherziehen.

Die Jerusalemer Palmprozession ist mehr als die Erinnerung an den Einzug Jesu in die Heilige Stadt. Sie ist auch ein Manifest. Die Christen im Heiligen Land wollen Juden und Muslimen zeigen: Uns gibt es auch noch – auch wenn wir in Israel nur knapp zwei Prozent der Bevölkerung und in den Palästinensischen Gebieten noch weniger ausmachen.

Doch die Freude ist in diesem Jahr gedämpft. Die Gewaltwelle, die das Heilige Land seit Herbst überrollt, hinterlässt Spuren. Nahmen nach Angaben der Jerusalemer Polizei im Vorjahr bis zu 30 000 Menschen an der Prozession teil, so waren es diesmal weniger als die Hälfte. Wegen der unsicheren Lage verbringen weniger Pilger die Karwoche am Originalschauplatz von Tod und Auferstehung Jesu. Vor allem aber fehlen die Christen aus dem Westjordanland.

Die Palmprozession zieht vom Ölberg in die Jerusalemer Altstadt.

Die Palmprozession zieht vom Ölberg in die Jerusalemer Altstadt.

„Im letzten Jahr kamen wir mit sieben Bussen aus Bethlehem. Dieses Jahr waren es nur drei“, so Gemeindemitglied Johnny gegenüber KIRCHE IN NOT. Aus Nablus oder Dschenin seien diesmal überhaupt keine Christen gekommen. Das habe zum einen damit zu tun, dass die israelischen Behörden in diesem Jahr erst spät mit der Ausgabe der Einreiseerlaubnis nach Jerusalem begonnen hätten.

„Wir haben erst am Freitag erfahren, dass wir am Sonntag kommen können. Für viele war das einfach zu kurzfristig“, erklärt Johnny. Aber es gebe noch einen anderen Grund, warum viele Christen am Palmsonntag wegbleiben: „Die Menschen fürchten sich. Sie haben Angst, dass ihnen in Jerusalem etwas zustoßen könnte. Wir hören ständig, dass hier Palästinenser erschossen werden.“

Fakt ist: Seit Herbst 2015 starben im Heiligen Land insgesamt mehr als 180 Palästinenser bei Zusammenstößen mit israelischen Sicherheitskräften. Fakt ist aber auch: Viele von ihnen wurden getötet, weil sie Israelis angegriffen hatten, auch Zivilisten. Mehr als 30 Juden kamen dabei ums Leben.

An der Spitze der Prozession ging der Lateinische Patriarch Fuad Twal mit weiteren Klerikern, wie zum Beispiel dem Leiter der Kustodie des Heiligen Landes, Franziskanerpater Pierbattista Pizzaballa (vorne 4. v. l.) und Weihbischof William Shomali (2. v. l.).

An der Spitze der Prozession ging der Lateinische Patriarch Fuad Twal mit weiteren Klerikern, wie zum Beispiel dem Leiter der Kustodie des Heiligen Landes, Franziskanerpater Pierbattista Pizzaballa (vorne 4. v. l.) und Weihbischof William Shomali (2. v. l.).

Die Israelis sprechen von Terroropfern und fordern ihr Recht auf Selbstverteidigung ein. Die Palästinenser wiederum sehen in ihren Toten Widerstandskämpfer, die von den Israelis ohne Urteil exekutiert wurden. So unvereinbar die beiden Sichtweisen, so misstrauisch stehen sich beide Bevölkerungsgruppen gegenüber. Der Konflikt köchelt weiter.

„Die Kirche verurteilt jede Art von Gewalt, egal ob von palästinensischer oder von israelischer Seite. Gleichzeitig fordern wir aber auch Gerechtigkeit für beide Bevölkerungsgruppen. Es genügt einfach nicht zu sagen: Schluss mit der Gewalt. Solange es Ungerechtigkeit gibt, gibt es keinen Frieden“, meint Dschamal Khader. Er leitet das Lateinische Priesterseminar in Beit Dschalla, einem Nachbarort Bethlehems.

„Solange es Ungerechtigkeit gibt, gibt es keinen Frieden“

Die geringeren Besucherzahlen bei der Palmsonntagsprozession in diesem Jahr überraschen ihn nicht: „Ich kann verstehen, dass die palästinensischen Christen keine Lust mehr haben, nach Jerusalem zu kommen.“

Alles habe, so der Priester, in den späten Neunzigerjahren mit den Checkpoints begonnen. „Dann kam die Mauer zwischen Israel und dem Westjordanland mit noch schärferen Kontrollen. Die Leute müssen oft stundenlang warten. Früher bin ich zum Eisessen nach Jerusalem gefahren. Heute vermeide ich es, hierher zu kommen, wann immer möglich.“

Dschamal Khader, Leiter des Lateinischen Priesterseminars in Beit Dschalla.

Dschamal Khader, Leiter des Lateinischen Priesterseminars in Beit Dschalla.

Genau darum gehe es Israel, glaubt Khader: Die Palästinenser zu entmutigen, nach Jerusalem zu kommen. „Nicht jeder bekommt eine Einreiseerlaubnis zu den hohen Festen. Manchmal erhalten in einer Familie nur die Eltern eine – aber die Kinder nicht. Dann bleiben natürlich alle daheim.

Manchmal bekommen zwar alle eine Erlaubnis, werden aber wieder aus irgendwelchen Gründen am Checkpoint zurückgeschickt. So geht das nicht. Jerusalem gehört allen – Juden, Christen und Muslimen. Jerusalem muss eine offene Stadt sein. Sonst wird es nie Frieden geben.“

Die politische Situation präge auch die Art und Weise, wie die palästinensischen Christen Ostern feierten, so Dschamal Khader: „Wir identifizieren uns mehr mit dem Karfreitag als mit Ostern. Die Passionsevangelien erzählen nicht nur die Geschichte Jesu, sondern auch unsere eigene. Wenn wir Christus leiden sehen, sehen wir unsere Leiden. Das heißt nicht, dass wir nicht an die Auferstehung glauben und an die Hoffnung, die sich mit ihr verbindet. Aber wir sind noch nicht so weit.“

Von Oliver Maksan

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KIN / S. Stein