„Das Gute besiegt das Böse”

Christen aus Karakosch hoffen auf eine baldige Rückkehr

Ein Mädchen aus Karakosch bei den Feiern nach der Befreiung der Stadt.

Ein Mädchen aus Karakosch bei den Feiern nach der Befreiung der Stadt.

„Karakosch ist frei!“ – In Windeseile verbreitete sich die Nachricht in der vergangenen Woche in den sozialen Medien. Fotos und Videos zeigen die Menschen in den Straßen tanzen, feiern, singen. Die Freude ist groß – besonders unter den Christen.

Karakosch, nur eine halbe Autostunde von Mossul entfernt, war einst das größte christliche Zentrum im Irak: Zehn Kirchen prägten das Stadtbild und das soziale Leben der 50 000-Einwohner-Stadt.

Bis zum 6. August 2014. An diesem Tag nahmen IS-Truppen weite Teile der Ninive-Ebene ein. Mehr als 100 000 Christen flohen in Panik. Sie ließen alles zurück, um ihr Leben zu retten.

Einer von ihnen ist Abed. Am Tag der Eroberung wurden sein Sohn und ein Neffe im Vorgarten durch ein Geschoss getötet. Mit Frau und Tochter floh er zunächst in das 80 Kilometer entfernte Erbil.

Da sich der Gesundheitszustand seiner Tochter immer mehr verschlimmerte und sie auf Spezialisten im Ausland angewiesen war, verließ die Familie schweren Herzens die alte Heimat. Heute leben sie in Frankreich. Der Rest der Großfamilie hält sich weiter in Erbil auf. Der Traum von der Rückkehr bleibt.

Diese christliche Familie ist vor der Terrormiliz „Islamischer Staat“ aus Karakosch geflohen.

Diese christliche Familie ist vor der Terrormiliz „Islamischer Staat“ aus Karakosch geflohen.

Mit Tränen in den Augen hat Abed die Berichte von der Rückeroberung Karakoschs verfolgt. „Heute sind wir sehr froh, dass unsere Heimatstadt endlich wieder frei ist“, sagte er gegenüber KIRCHE IN NOT.

Aber die mehr als zwei Jahre der Flucht hätten die Menschen verändert: „Viele haben Angst, nach Karakosch zurückzugehen. Wer garantiert, dass der IS nicht mehr wiederkommt?“ Solange es keine internationalen Schutztruppen gebe, würden die Menschen zögern.

Martin Banni, Priester aus Bagdad.

Martin Banni, Priester aus Bagdad.

Martin Banni war Theologiestudent am Priesterseminar in Karakosch, als der IS kam. Heute lebt er in Bagdad. Vor wenigen Wochen wurde er zum Priester geweiht.

„Ich bin so glücklich. Ich habe mir immer vorgestellt, dass Karakosch eines Tages frei sein wird. Ich kann gar nicht abwarten, meine Heimat wiederzusehen.“ Er hoffe, dass er bald zurückkehren könne.

Dies werde aber wohl erst dann möglich sein, wenn der Kampf um Mossul beendet sei. Martin ist zuversichtlich: „Das Gute besiegt das Böse. Gott will sein Volk nicht mehr traurig sehen. Er will, dass wir im Land unserer Väter glücklich sind.“ In diesem Anliegen hat Banni auch eine Gebetsinitiative „Liberate Mossul“ ins Leben gerufen.

Das Oberhaupt der chaldäisch-katholischen Kirche, Patriarch Louis Raphael I. Sako aus Bagdad, teilt diese Hoffnung. Allerdings sieht er auch große Herausforderungen, die ohne Mithilfe der Weltgemeinschaft nicht zu bewältigen seien.

„Nach der Befreiung sollten die involvierten westlichen Regierungen … Konfliktzonen sichern, die entstandenen Schäden wiedergutmachen und bei der Wiederherstellung des kulturellen und religiösen Erbes helfen“, sagte Sako bei einer Tagung des US-Botschaft in Berlin in der vergangenen Woche.

Ordensschwestern und Flüchtlinge im Hof der Kirche von St. Josef in Ankawa. Viele Familien, die Karakosh am 6. August wegen der IS-Kämpfer verlassen hatten, kamen hierher.

Ordensschwestern und Flüchtlinge im Hof der Kirche von St. Josef in Ankawa. Viele Familien, die Karakosh am 6. August 2014 wegen der IS-Kämpfer verlassen hatten, kamen hierher.

Die Menschen in Karakosch sind frei – aber die Narben der IS-Besatzung bleiben. So sieht es auch Johannes Freiherr von Heereman, der Geschäftsführende Präsident von KIRCHE IN NOT International. „Genau zwei Jahre, zwei Monate und zwölf Tage war Karakosch in der Hand des IS. Die Stadt ist ein Symbol für die Zukunft der christlichen Minderheit im Irak. Aber es wird ein mühsamer Weg, bis Frieden und Sicherheit gefestigt sind.“

„Ein Leben in Würde in der Heimat ermöglichen”

Heereman wies darauf hin, dass die Mitarbeiter von KIRCHE IN NOT bereits eine Woche nach der Massenflucht in Erbil gewesen seien, um mit Bischöfen und weiteren Verantwortlichen die humanitäre Lage der Flüchtlinge zu verbessern. So entstanden Containerdörfer, Schulen und medizinische Versorgungsstationen.

Ziel sei, den Menschen ein Leben in Würde in ihrer Heimat zu ermöglichen. Das müsse man jetzt fortsetzen: „Wir von KIRCHE IN NOT werden auch weiterhin den irakischen Christen helfen, wie wir es in der Phase des Krieges getan haben.“

Father Douglas Bazi und Kinder aus Erbil/Irak danken den Wohltätern von KIRCHE IN NOT.

Father Douglas Bazi und Kinder aus Erbil/Irak danken den Wohltätern von KIRCHE IN NOT.

Seit Beginn der IS-Eroberungen im Jahr 2014 hat KIRCHE  IN NOT im Irak mehr als 20 Millionen Euro für Lebensmittelpakte, Medizin, Wohnraum, Kleidung, Schulen und psychologische wie seelsorgerische Betreuung der traumatisierten Flüchtlinge bereitgestellt. So sind in der Autonomen Region Kurdistan acht Schulen für christliche Kinder entstanden, mehr als 11 000 Menschen werden Tag für Tag mit Nahrung versorgt.

Darüber hinaus unterstützt das Hilfswerk den Wiederaufbau zerstörter Kirchen, damit die christliche Minderheit vor Ort ihre religiösen und kulturellen Traditionen wieder pflegen kann.

Helfen Sie den Menschen im Irak

Um den notleidenden Menschen im Irak weiterhin beistehen zu können, bittet KIRCHE IN NOT um Spenden – online oder auf folgendes Spendenkonto:

Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München

IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05

Verwendungszweck: Irak

Die vorgestellten Projekte sind Beispiele unserer Arbeit. Ihre Spende wird diesen oder ähnlichen Projekten zugutekommen und die pastorale Arbeit von KIRCHE IN NOT/Ostpriesterhilfe ermöglichen.

25.Okt 2016 09:25 · aktualisiert: 10.Okt 2017 12:50
KIN / S. Stein