„Das Blasphemiegesetz zerstört Leben”

Interview mit dem pakistanischen Dominikanerpater James Channan

Pater James Channan, Leiter des Friedensbüros in Lahore, setzt sich in Pakistan für Versöhnung ein.

Pater James Channan, Leiter des Friedensbüros in Lahore, setzt sich in Pakistan für Versöhnung ein.

Dominikanerpater James Channan setzt sich seit Jahren in Pakistan für den Dialog zwischen Christen und Muslimen ein.

In dem asiatischen Land kommt es immer wieder zu Ausschreitungen gegen die christliche Minderheit. Hinzu stellt ein Blasphemiegesetz jede vermeintliche Kritik am Islam unter drakonische Strafen. Das zeigt nicht nur der Fall Asia Bibi.

Channan leitet das Friedenszentrum in der pakistanischen Metropole Lahore und verweist auf den engen Kontakt mit zahlreichen muslimischen Religionsführern, mit denen er warnend eingreift, wenn die Lage zu eskalieren droht.

Channan war Ende November 2018 bei der Vorstellung des neuen Berichts „Religionsfreiheit weltweit“ von KIRCHE IN NOT zu Gast. Mit Tobias Lehner von KIRCHE IN NOT Deutschland sprach er über die Auswirkungen der Blasphemiegesetze, hoffnungsvolle Entwicklungen in der islamischen Welt und die Zukunftsaussichten für Asia Bibi.

Pater James Channan (2. von links) bei seinem Plädoyer für den interreligiösen Dialog. Mit im Bild Simon Jacob (2.v.r.), der Moderator des Gesprächs, Tobias Lehner von KIRCHE IN NOT Deutschland (rechts) und die Dolmetscherin des Abends.

Pater James Channan (2. von links) bei seinem Plädoyer für den interreligiösen Dialog. Mit im Bild Simon Jacob (2.v.r.), der Moderator des Gesprächs, Tobias Lehner von KIRCHE IN NOT Deutschland (rechts) und die Dolmetscherin der Veranstaltung.

TOBIAS LEHNER: Die lebensgefährliche Situation vieler Christen in Pakistan hat für die Weltöffentlichkeit durch das Schicksal von Asia Bibi ein Gesicht bekommen.

Nach Jahren in der Todeszelle wurde sie Ende Oktober 2018 vom Vorwurf der Blasphemie freigesprochen und aus dem Gefängnis entlassen. Doch noch immer sitzen sie und ihre Familie in Pakistan fest. Was wissen Sie über die aktuelle Situation?

PATER JAMES CHANNAN: Die Lage der Christen in Pakistan ist alarmierend. Sie leben in Angst und Unsicherheit. Diese Situation hält schon seit den Siebzigerjahren an, seitdem die islamische Gesetzgebung der Scharia in Pakistan als Quelle der Gesetzgebung dient.

Die wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilte pakistanische Katholikin Asia Bibi (Foto: British Pakistani Christian Association).

Die wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilte pakistanische Katholikin Asia Bibi (Foto: British Pakistani Christian Association).

Vor allem das umstrittene Blasphemigesetz wird von radikalen Muslimen missbraucht, um persönliche Rechnungen zu begleichen.

Wenn irgendwo ein Christ wegen angeblicher Blasphemie angeklagt wird, stehen gleichzeitig alle Christen in der Region am Pranger. Oft kommt es dann auch zu Ausschreitungen gegen Christen.

Genau das passierte auch im Fall Asia Bibi. Wegen angeblicher Blasphemie war sie neun Jahre in der Todeszelle.

Auch nach ihrem Freispruch ist sie nach wie vor nicht sicher. Radikale Islamisten versuchen, sie ausfindig zu machen und zu töten. Daher steht sie unter staatlichem Schutz.

Wir hoffen, dass das oberste Gericht bald den Freispruch nochmals bestätigt und keine weitere Revision zulässt. Dann kann sie hoffentlich ausreisen und mit ihrer Familie in Freiheit leben.

Sicherheitskontrolle vor einer Kirche in Pakistan.

Sicherheitskontrolle vor einer Kirche in Pakistan.

Asia Bibi ist kein Einzelfall. Was wissen Sie über das Schicksal der Christen, die ebenfalls wegen Blasphemie angeklagt sind?
Einem Bericht der katholischen Bischofskonferenz von Pakistan zufolge gibt es weitere 187 Fälle, in denen Christen wegen Blasphemie angeklagt sind.

Darunter ist zum Beispiel das Ehepaar Shafqat Masih und Shagufta Bibi. Sie sind in der Todeszelle, ich habe sie dort besucht. Sie werden beschuldigt, blasphemische SMS verschickt zu haben. Das Paar bestreitet das. Ihre Zukunftsaussichten sind sehr düster.

„Militanter Islamismus hat in Pakistan keine Mehrheit”

Selbst wenn sie doch noch freigesprochen werden sollten, werden sie und ihre Kinder nicht länger in Pakistan leben können. Fanatische Muslime werden versuchen, sie zu töten. Das Blasphemiegesetz zerstört das Leben der Angeklagten, auch wenn sie der Hinrichtung entgehen.

Geistliche verschiedener Religionen bei einem gemeinsamen Gebet.

Geistliche verschiedener Religionen bei einem gemeinsamen Gebet.

Nach dem Freispruch von Asia Bibi haben wir Bilder einer aufgeheizten Menge gesehen, die weiterhin ihre Hinrichtung fordert – und zwar so vehement und gewalttätig, dass die pakistanische Regierung Zugeständnisse gegenüber den Aufständischen gemacht hat.

Haben die Christen in Pakistan vor diesem Hintergrund jemals eine Chance auf Religionsfreiheit?
Dass die Regierung vor den Radikalen eingeknickt ist, war ein falsches Signal an die friedliebenden und gesetzestreuen Bürger Pakistans. Es entstand der Eindruck, dass eine Gruppe militanter Muslime jederzeit das ganze Land lahmlegen können.

Pater James Channan während der Pressekonferenz zur Vorstellung des Berichts „Religionsfreiheit weltweit“ von KIRCHE IN NOT.

Pater James Channan während der Pressekonferenz zur Vorstellung des Berichts „Religionsfreiheit weltweit“ von KIRCHE IN NOT.

Aber der militante Islamismus hat in Pakistan keine Mehrheit. Es gibt entweder zehn bis 15 Prozent radikale Islamisten, die die Menschen zu Gewalt anstacheln.

Aber die Mehrheit der Muslime folgt diesen Aufheizern nicht. Sie setzen sich für die Religionsfreiheit auch der Christen ein.

Es war eine große Erleichterung für Christen und Muslime, dass die pakistanischen Sicherheitskräfte in jüngster Zeit über 1000 Islamisten festgenommen hat. Es war ein richtiger Schritt der Regierung, hart gegen den Extremismus vorzugehen. Und ich hoffe, dass das so bleibt.

Mitte November 2018 haben sie als einziger christlicher Vertreter am „World Tolerance Summit“ in Dubai teilgenommen. Welche Entwicklungen beobachten Sie in der islamischen Welt in Sachen Toleranz und Religionsfreiheit?
Der Toleranz-Gipfel war eine großartige Erfahrung. Über 1000 Gelehrte, Regierungsvertreter und Wissenschaftler haben sich über interreligiösen Dialog und Frieden ausgetauscht. Gerade in den Vereinigten Arabischen Emiraten gibt es – trotz traditioneller religiöser Einschränkungen – Zeichen für einen Wandel hin zu mehr Toleranz.

„Zeichen für einen Wandel hin zu mehr Toleranz”

Ein schönes Beispiel ist die Umbenennung einer der größten Moscheen in der Hauptstadt Abu Dhabi. Sie trägt jetzt den Namen „Maria, Mutter Jesu“. Das ist ein schönes Zeichen des Respekts und des guten Willens gegenüber den Christen. Ich hoffe, das weitere muslimische Länder diesem Beispiel folgen, einschließlich Saudi-Arabien.

Prozession mit dem Prager Jesulein in Pakistan.

Prozession mit dem Prager Jesulein in Pakistan.

KIRCHE IN NOT arbeitet seit vielen Jahren mit Ihnen zusammen. Aus europäischer Sicht scheinen die Möglichkeiten begrenzt, um die Situation zu verändern. Macht die Hilfe dennoch einen Unterschied für die Christen in Pakistan?
Die Unterstützung von KIRCHE IN NOT trägt immens dazu bei, dass die Kirche in Pakistan den Glauben verkünden und den Dialog fortsetzen kann. Durch diese Hilfe ist es uns gelungen, viele Brücken zwischen Christen und Muslimen zu bauen. Wir wollen zeigen, dass die verschiedenen Religionen keine Angst voreinander zu haben brauchen.

„Brücken zwischen Christen und Muslimen bauen”

Im Friedenszentrum in Lahore sind viele muslimische Geistliche, darunter der Großimam der zweitgrößten Moschee Pakistans, fester Bestandteil unseres Programms und enge Freunde. Ich bin überzeugt, dass eine gute und friedliche Zukunft im Dialog zwischen Christen und Muslimen begründet liegt.

Helfen Sie den Christen in Pakistan

Um die Seelsorge der bedrängten pakistanischen Kirche und den Einsatz für Dialog und Religionsfreiheit weiter unterstützen zu können, bittet KIRCHE IN NOT um Spenden – online oder auf folgendes Konto:
Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München

IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05

Verwendungszweck: Pakistan

Religionsfreiheit weltweit – Bericht 2018

Titelblatt des Berichts „Religionsfreiheit weltweit“.

Titelblatt des Berichts „Religionsfreiheit weltweit“.

Im Herbst 2018 hat KIRCHE IN NOT den Bericht „Religionsfreiheit weltweit” herausgebracht.

Er nimmt die Situation in 196 Ländern in den Blick, analysiert die Rechtslage und dokumentiert Verstöße gegen das Grundrecht auf Religionsfreiheit – für Christen wie für alle anderen Religionen.

Eine Zusammenfassung des Berichts ist hier erhältlich.

Den kompletten Bericht können Sie auch lesen unter: www.religionsfreiheit-weltweit.de.

 

11.Jan 2019 10:41 · aktualisiert: 11.Jan 2019 14:34
KIN / S. Stein