„Durch die Straßen fließt das Blut wie Wasser”

Erster „Abend der Zeugen“ von KIRCHE IN NOT in München

„Abend der Zeugen” in der Klosterkirche St. Anna im Lehel in München.

„Abend der Zeugen” in der Klosterkirche St. Anna im Lehel in München.

Zum ersten Mal hat KIRCHE IN NOT Deutschland am 17. März zu einem „Abend der Zeugen“ eingeladen.

Bei der Veranstaltung in der Münchener Franziskanerkirche St. Anna im Lehel berichteten Christen aus Ägypten, Nigeria und Syrien über Christenverfolgung und Diskriminierung in ihren Heimatländern.

„Wir beten heute einen lebendigen Kreuzweg, weil wir lebendige Zeugen der leidenden Kirche unter uns haben“, erklärte der Geistliche Assistent von KIRCHE IN NOT International, Pater Martin Barta.

Er wies auf eine im Altarraum stehende Ikone des heiligen Johannes hin. Sie stammt aus der syrischen Stadt Homs. Die Soldaten des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS) hatten bei der Eroberung der Stadt das Gesicht der Ikone zerstört – so wie bei zahlreichen anderen Bildern und Kreuzen. „Wir wollen heute den verfolgten Christen wieder ein Gesicht geben“, erklärte Barta.

Rund 120 Freunde und Wohltäter von KIRCHE IN NOT versammelten sich zum „Abend der Zeugen” in der Klosterkirche St. Anna im Lehel in München.

Rund 120 Freunde und Wohltäter von KIRCHE IN NOT versammelten sich zum „Abend der Zeugen” in der Klosterkirche St. Anna im Lehel in München.

Um auf das Schicksal von Millionen verfolgter Christen weltweit aufmerksam zu machen, wurden bei der Veranstaltung der Altarraum und die Fassade der Klosterkirche rot angestrahlt. Die rote Farbe soll das Blut der christlichen Märtyrer symbolisieren.

Die Beleuchtung war angelehnt an den von KIRCHE IN NOT initiierten „Roten Mittwoch“ (Red Wednesday). Im Rahmen dieser Aktion wurden weltweit bereits zahlreiche berühmte Bauwerke rot angestrahlt, um auf religiöse Verfolgung aufmerksam zu machen, unter anderem das Kolosseum in Rom oder die Westminster-Kathedrale in London.

„Koptische Kirche ist eine Kirche der Märtyrer”

Der koptisch-orthodoxe Erzdiakon Mina Ghattas rief den Zuhörern in der vollbesetzten Klosterkirche in Erinnerung, dass die Kopten die letzte große christliche Gemeinschaft im Nahen Osten seien und sich selbst als „Kirche der Märtyrer“ bezeichnen.

Mina Ghattas, Erzdiakon der koptisch-orthodoxen Kirche in Deutschland.

Mina Ghattas, Erzdiakon der koptisch-orthodoxen Kirche in Deutschland.

Dies habe nicht nur historische Gründe, wie das Schicksal der 21 Märtyrer von Libyen im Februar 2015 zeige. Diese waren nahe der Stadt Sirte von IS-Terroristen enthauptet worden. Die Mörder hielten die Tat auf Video fest.

Trotz eines Bevölkerungsanteils von etwa 20 Prozent der Bevölkerung seien Christen in Ägypten nach wie vor in allen Lebensbereichen der Gesellschaft unterrepräsentiert, es gebe keine Kopten in hohen Ämtern und Schlüsselpositionen des Landes.

Keine Kopten in höheren politischen Positionen

Regelmäßig komme es zu Entführungen von christlichen Mädchen und Frauen. Diese würden gezwungen, zum Islam zu konvertieren. Oft verschwinden auch christliche Jungen und Männer, die dann später tot aufgefunden würden. „Diese Nachrichten gelangen nur sehr selten in die Leitmedien“, bedauerte Ghattas, der in Wiesbaden lebt und familiäre Verbindungen nach Ägypten hat.

Viele koptische Christen in Ägypten haben sich ein Kreuz tätowieren lassen.

Viele koptische Christen in Ägypten haben sich ein Kreuz tätowieren lassen.

Der Erzdiakon machte aber auch auf hoffnungsvolle Entwicklungen aufmerksam: So habe der Großscheich der Al-Azhar Universität von Kairo, Ahmad Mohammad al-Tayebb, aus Anlass der Weihe der neuen koptisch-orthodoxen Kathedrale bei Kairo versöhnliche Wort gesprochen und gefordert, Muslime müssten sich bei dem Schutz von Kirchen „vor die Christen stellen“.

Viele Kinder in Syrien kennen nur Zerstörung und Gewalt

In einem weiteren Vortrag beschrieb die in Damaskus geborene Schwester Annie Demerjian vom Orden der „Schwestern Jesu und Mariens“ die Lage in der syrischen Stadt Aleppo nach acht Jahren Krieg. Die langen Jahre des brutalen Konflikts hätten bei vielen Menschen ein tiefes Trauma verursacht. Das gelte besonders für die Kinder. „Sie haben nur Zerstörung, Gewalt und Tod kennengelernt“, so Schwester Annie.

Viele Familien seien ausgewandert, weil sie keine Hoffnung mehr auf eine bessere Zukunft hatten. Den Daheimgebliebenen gilt ihre ganze Fürsorge.

Schwester Annie Demerjian aus Syrien berichtete über die Not der Menschen in ihrem Heimatland.

Schwester Annie Demerjian aus Syrien berichtete über die Not der Menschen in ihrem Heimatland.

Schwester Annie versorgt mit Hilfe von KIRCHE IN NOT und anderen kirchlichen Stellen hunderte Familien in Aleppo und Damaskus mit Lebensmitteln, Medikamenten, Mietbeihilfen und vielen anderen Dingen des täglichen Bedarfs. Diese Notfallhilfe sei die „einzige Einnahmequelle“, nachdem viele Menschen ihre Arbeitsstellen verloren hätten.

Die aus Nigeria stammende Schwester Madonna von den „Schwestern vom Unbefleckten Herzen Mariens“ monierte in ihrem Vortrag ein Nord-Süd-Gefälle in ihrer Heimat.

Nord-Süd-Gefälle in Nigeria

Während es im mehrheitlich christlich geprägten Süden des Landes trotz Korruption eine funktionierende Infrastruktur mit Schulen, Universitäten und Krankenhäusern gebe, herrsche im mehrheitlich muslimischen Norden des Landes vielfach Willkür auf der Grundlage der Scharia.

Schwester Madonna stammt aus Nigeria, lebt aber seit vielen Jahren schon in Deutschland.

Schwester Madonna stammt aus Nigeria, lebt aber seit vielen Jahren schon in Deutschland.

Die für viele Massaker an Christen verantwortlichen muslimischen Fulani-Hirten seien keine Nigerianer, sondern Einwanderer. Es handele sich nicht um einen ethnischen Konflikt, sondern um Terrorismus, durch den Christen „wahllos abgeschlachtet“ würden.

„Sie töten Menschen, weil sie Christen sind. Durch unsere Straßen fließt das Blut wie Wasser“, so Schwester Madonna.

Trotz dieser Bedrohungen und vielfältiger anderer Probleme würden die Christen fest im Glauben stehen und auch laut ihre Stimme gegen das Unrecht erheben. „Bitte, denkt an uns und betet für uns“, bat Schwester Madonna.

Der Abend endete mit einer heiligen Messe in der benachbarten Pfarrkirche St. Anna. An ihr wirkten die Firmbewerber der Pfarrei und der Chor der syrisch-orthodoxen Gemeinde München mit.

„Verfolgte Christen werden oft vergessen”

„Ich bin sehr dankbar und glücklich, dass sich so viele Menschen unserem Gebetsaufruf angeschlossen haben“, erklärte Florian Ripka, der Geschäftsführer von KIRCHE IN NOT Deutschland. „In der Öffentlichkeit spielen das Leid und die Not der verfolgten Christen eine untergeordnete Rolle. Sie sind oft vergessen, obwohl Europa als christlich geprägter Kontinent eine besondere Verpflichtung gegenüber ihnen hat.“

Während der Veranstaltung war die Fassade der Klosterkirche St. Anna im Lehel rot angestrahlt – als Symbol des Blutes, das Märtyrer für ihr Glaubenszeugnis vergossen haben.

Während der Veranstaltung war die Fassade der Klosterkirche St. Anna im Lehel rot angestrahlt – als Symbol des Blutes, das Märtyrer für ihr Glaubenszeugnis vergossen haben.

KIRCHE IN NOT setze sich mit der Hilfe für verfolgte und notleidende Christen in 149 Ländern dafür ein, das zu ändern, sagte Ripka. „Diese Solidarität ist keine Einbahnstraße: Das Zeugnis der verfolgten Christen kann auch uns im Glauben bestärken. Das ist in einer säkularen Gesellschaft immer wichtiger.”

So können Sie KIRCHE IN NOT unterstützen

Titelbild der Broschüre „Helden des Glaubens”.

Titelbild der Broschüre „Helden des Glaubens”.

Um weiter den bedürftigen Menschen helfen zu können, bittet KIRCHE IN NOT um Spenden – online unter oder an:

Empfänger: KIRCHE IN NOT
IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05

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19.Mrz 2019 15:21 · aktualisiert: 29.Mrz 2019 21:46
KIN / S. Stein