„‚Monster’ des Hasses ist schwer zu bändigen”

Religiöse Gewalt in Indien nimmt zu – Attacke auf katholische Schule im Süden

Weihbischof Theodore Mascarenhas bei einer Veranstaltung von KIRCHE IN NOT in Paris (Foto: François-Régis Salefran/KIRCHE IN NOT).

Weihbischof Theodore Mascarenhas bei einer Veranstaltung von KIRCHE IN NOT in Paris (Foto: François-Régis Salefran/KIRCHE IN NOT).

In Indien hat am 11. April ein „Wahlmarathon“ begonnen: Bis zum 19. Mai können etwa 900 Millionen Wähler abstimmen, wer sie in der ersten Kammer des Parlaments vertreten soll.

Gute Chancen malen sich auch radikale hinduistische Kräfte aus. Seit 2014 stellt die nationalistische Partei BJP die Regierung. Sie könnte erneut zulegen.

Derweil verzeichnet Indien einen Anstieg religiöser Gewalt. Der Bericht „Religionsfreiheit weltweit“ von KIRCHE IN NOT verzeichnet allein für die Jahre 2016 und 2017 mindestens 197 getötete und über 4000 verletzte Menschen bei Übergriffen auf religiöse Minderheiten.

Der jüngste Vorfall ereignete sich am 26. März 2019 in der katholischen Schule von Chinnasalem im südostindischen Bundesstaat Tamil Nadu, etwa 300 Kilometer südöstlich von Bangalore. Hinduistische Fundamentalisten stürmten die Schule „Little Flower“ und versuchten, die dort tätigen Ordensschwestern zu töten.

Ordensfrauen aus Indien.

Ordensfrauen aus Indien.

Über die Wahlen und die zunehmende religiöse Gewalt sprach Maria Lozano von KIRCHE IN NOT mit Weihbischof Theodore Mascarenhas aus Ranchi im Osten Indiens, dem Generalsekretär der Indischen Bischofskonferenz.

MARIA LOZANO: Bislang gab es fundamentalistische Angriffe auf Minderheiten eher im Norden Indiens. Jetzt aber hat die Gewalt auch im Süden des Landes zugeschlagen. Was ist der Grund dafür?
WEIHBISCHOF THEODORE MASCARENHAS: Im Bundesstaat Tamil Nadu hat der Fundamentalismus in den vergangenen Jahren zugenommen. Vor allem die evangelikalen und protestantischen Hauskirchen waren betroffen. Die katholische Kirche hat bislang noch nicht unter offenen Angriffen gelitten.

„Ausmaß des Übergriffs hat mich erschreckt”

Es gab allerdings kleinere Vorfälle: Zum Beispiel wurde vor zwei Jahren eine katholische Gemeinde an der Feier der Karfreitagsliturgie gehindert. Ich war nicht überrascht, dass jetzt auch Katholiken angegriffen wurden. Das Ausmaß des Übergriffs hat mich aber schon erschreckt.

Gottesdienst im Bistum Tamil Nadu.

Gottesdienst im Bistum Tamil Nadu.

Es muss auch ein großer Schock für die Franziskanerschwestern vom Unbefleckten Herzen Mariens gewesen sein, die die Schule in Chinnasalem seit 74 Jahren leiten. Wie ist die aktuelle Situation dort?
Es wurden bislang einige Personen im Zusammenhang mit dem Überfall verhaftet. Wir warten auf weitere Verhaftungen. Es geht für mich aber nicht so sehr darum, was jetzt im Einzelnen nach dem Vorfall passiert.

„Einige Gruppen schüren den Hass”

Wir müssen uns vielmehr fragen, warum sich solche Vorfälle in einer zivilisierten Gesellschaft ereignen. Einige Gruppen schüren den Hass. Sie werden weder in den sozialen Medien noch im realen Leben gestoppt. Sie scheinen Schutz und Privilegien zu genießen. Sie erhalten politische Befugnisse. Das ist ein großes Problem.

Diese Gruppen stellen keine Forderungen an uns oder beschuldigen uns nicht. Das Problem jedoch ist, dass die politischen Führer sie zu solchen Taten ermutigen.

Das Pastoralzentrum in Konjamendi (Khandamal) im Bundesstaat Orissa (Odisha) wurde 2008 bei Unruhen zerstört.

Das Pastoralzentrum in Konjamendi (Khandamal) im Bundesstaat Orissa (Odisha) wurde 2008 bei Unruhen zerstört.

Glauben Sie, dass die Zunahme der religionsfeindlichen Vorfälle mit den Wahlen zusammenhängen?
Es mag einen Zusammenhang geben. Ich denke aber, es ist ein langfristiges Problem. Wenn man einmal das „Monster“ des Zorns, des Hasses und der Gewalt freilässt, dann kann man es nicht mehr bändigen.

Das ist meine Sorge. Alle, die den Hass verbreiten, müssen wissen, welchen Schaden sie der Gesellschaft zufügen und dass dies schwer kontrolliert werden kann. Wenn es nicht mehr unter Kontrolle ist, dann haben wir ein großes Problem.

„Schaden für die Gesellschaft”

Aber dieses Problem fügt schon jetzt den Minderheiten in Indien schweren Schaden zu …
Ja, es sind Minderheiten. Aber ich denke an den Ausspruch, der einem evangelischen Pfarrer aus Deutschland zugeschrieben wird: „Als die Nazis die Sozialisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialist.

Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter. Dann holten sie die Juden, und ich habe geschwiegen; ich war ja kein Jude. Dann holten sie mich – und es war niemand mehr übrig, der protestieren konnte.“

Eine katholische Familie aus Indien hält ein Kreuz (Foto: Ismael Martinez Sánchez/KIRCHE IN NOT).

Eine katholische Familie aus Indien hält ein Kreuz (Foto: Ismael Martinez Sánchez/KIRCHE IN NOT).

Es beginnt immer mit einer Minderheit und dann mit einer zweiten und so weiter … Derzeit werden in Indien die Muslime angegriffen. Die Dalits (unterste Kaste in der hinduistischen Gesellschaft; Anm. d. Red.) werden angegriffen. Auch wir Katholiken werden angegriffen. Wir wissen nicht, wer der Nächste sein wird.

„Wir leben seit Jahrhunderten zusammen”

Heißt das, dass der nationalistische Fundamentalismus, den die politische Führung unterstützt, am Ende ganz Indien schaden wird?
Ich muss eines klarstellen: Die Mehrheit der Hindus und die Mehrheit der Inder sind tolerant. Wir leben seit Jahrhunderten zusammen. Indien hat eine multikulturelle, multireligiöse und vielfältige Gesellschaft.

Jetzt erleben wir plötzlich die Situation, in der bestimmte Gruppen stärker werden und diesen Hass verbreiten. Das ist inakzeptabel. Denn am Ende ist es die ganze Nation, die darunter leidet.

Bei einer Katechese mit Kindern und Jugendlichen in Indien.

Bei einer Katechese mit Kindern und Jugendlichen in Indien.

Herrscht jetzt Angst unter den Christen nach den wiederholten Übergriffen?
Ich habe die Ordensschwestern in Chinnasalem gefragt: „Haben Sie Angst?“. Die Antwort: „Nein, wir werden unsere Arbeit fortsetzen.“

Das ist unsere Haltung: Wir werden unsere Arbeit fortsetzen. Wir werden weiterhin den Ärmsten der Armen dienen. Wir wissen, dass uns das Schwierigkeiten, Verfolgung und Leiden bringen wird. Aber wir werden weiter unser Werk für die Armen und für Gott tun.

„Wir werden weiterhin den Ärmsten der Armen dienen”

Glauben Sie, dass manche Gruppierungen die kirchlichen Einrichtungen deshalb angreifen, weil sie mit den ärmsten und sozial diskriminierten Menschen arbeitet?
In meiner Muttersprache gibt es ein Sprichwort: „Man wirft Steine nur auf einen Baum, der Früchte trägt.“ Einige Gruppen mögen offensichtlich nicht, dass wir den armen Menschen dienen. Ich denke, das ist der wahre Grund, warum sie uns angreifen.

Helfen Sie den Christen in Indien

Um die Arbeit der Kirche in Indien weiterhin unterstützen zu können, bittet KIRCHE IN NOT um Spenden – entweder online oder auf folgendes Konto:

Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München

IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05

Verwendungszweck: Indien

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16.Apr 2019 09:54 · aktualisiert: 16.Apr 2019 15:50
KIN / S. Stein