„Wir lassen uns nicht spalten”

Bischof aus Mauretanien über die zunehmende Gewalt gegen Christen in Westafrika

Martin Happe, Bischof von Nouakchott (Mauretanien).

Martin Happe, Bischof von Nouakchott (Mauretanien).

Im Mai 2019 fand in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, die dritte Vollversammlung der Bischöfe Westafrikas statt.

Überschattet wurde diese Begegnung von schweren terroristischen Anschlägen.

Am 12. Mai wurden bei einem Angriff auf die katholische Kirche in Dablo im Norden von Burkina Faso sechs Gottesdienstteilnehmer getötet.

Einen Tag später wurden in der Pfarrei Singa vier Katholiken bei einer Marienprozession ermordet.

Das westafrikanische Land kommt auch weiterhin nicht zur Ruhe: Am 26. Mai wurde erneut ein Sonntagsgottesdienst angegriffen, diesmal im Dorf Toulfe an der Grenze zu Mali. Dabei fanden vier Kirchgänger den Tod.

Christen aus der Gemeinde Dablo/Burkina Faso bei einer Prozession.

Christen aus der Gemeinde Dablo/Burkina Faso bei einer Prozession.

Der aus dem Münsterland stammende Bischof Martin Happe, der das Bistum Nouakchott in Mauretanien leitet, hat an dem Bischofstreffen in Burkina Faso teilgenommen. Über die dramatischen Ereignisse hat Volker Niggewöhner von KIRCHE IN NOT Deutschland mit dem Afrikamissionar gesprochen.

VOLKER NIGGEWÖHNER: Bischof Happe, mehrere Mordanschläge innerhalb kürzester Zeit: Wie haben die Teilnehmer des Bischofstreffens darauf reagiert?
BISCHOF MARTIN HAPPE: Trotz dieser dramatischen Ereignisse sind über hundert Bischöfe aus mehreren westafrikanischen Ländern zu dem Treffen in Burkina Faso gekommen. Es war für die Kirche und das ganze Land ein Zeichen der Ermutigung.

„Niemand weiß, wer hinter den Anschlägen steckt”

Nicht nur Burkina Faso ist von Gewalt betroffen, sondern die ganze Region. Die Gewalt geht von islamistischen Fundamentalisten aus, die Konflikte innerhalb der Volksgruppen und zwischen Katholiken und Muslimen loszutreten versuchen. Niemand weiß genau, wer dahintersteckt.

Man muss auch festhalten: Die meisten Opfer dieser Gewaltwelle sind Muslime. Die letzten Mordanschläge auf Christen standen im Zusammenhang mit dem Bischofstreffen. Das war schon ganz gezielt.

Gottesdienst der Gemeinde in Dablo (Burkina Faso), wo bei einem Überfall auf einen Gottesdienst sechs Menschen getötet wurden.

Gottesdienst der Gemeinde in Dablo (Burkina Faso), wo bei einem Überfall auf einen Gottesdienst sechs Menschen getötet wurden.

Was macht die Christen zu einer Zielscheibe für Terroristen?
Bevor ich nach Mauretanien kam, habe ich 22 Jahre lange in Mali gearbeitet, die meiste Zeit im Norden des Landes. Damals fingen die Attacken dort an. Die Fundamentalisten haben gezielt die kleine christliche Minderheit angegriffen.

Man muss auch herausstellen: Bis zu 160 0000 muslimische Flüchtlinge aus Mali haben in Mauretanien Zuflucht gefunden. Für die Fundamentalisten sind auch diese Muslime „Ketzer“, die nicht diesem wahhabitischen und fundamentalistischem Islam folgen.

Christen als Zielscheibe

Die Nicht-Muslime sind für diese Terroristen natürlich noch schlimmer einzustufen. Deshalb sind die Christen ihre erste Zielscheibe.

Ist der religiöse Fanatismus der einzige Beweggrund für die Verfolgung oder gibt es noch andere Ursachen?

Bestattung der Opfer eines Anschlags auf eine Kirche am 12. Mai in Burkina Faso.

Bestattung der Opfer eines Anschlags auf eine Kirche am 12. Mai in Burkina Faso.

Der religiöse Fanatismus ist oft ein Vorwand. Es geht um Bodenschätze, es geht um politische Macht. Es ist eine sehr komplexe Geschichte.

Wie reagieren die Christen auf den Terror?
Sowohl die westafrikanischen Bischöfe als auch die Regierung in Burkina Faso haben in den vergangenen Tagen eindeutig gesagt: Wir lassen uns nicht spalten.

Wir lassen uns nicht auseinanderbringen zwischen den verschiedenen Religionen und Volksstämmen. Denn sonst fallen wir genau auf das herein, was die Terroristen wollen.

Sehen Sie Möglichkeiten, wie der Gewalt gegen Christen Einhalt geboten werden kann oder wie etwa die gemäßigten Stimmen im Islam mehr Gehör finden können?
Das ist ein entscheidender Punkt. Wir Bischöfe haben in der Schlussbotschaft unseres Treffens formuliert: Die Religionsführer müssen gezielt zusammenarbeiten.

„Wer im Namen Gottes tötet, kann kein von Gott Gesandter sein”

Wir müssen gemeinsam deutlich Stellung beziehen: Wer im Namen Gottes tötet, kann sich nicht als von Gott Gesandter bezeichnen. Wir müssen diesen Schulterschluss noch verstärken; es gibt ihn schon. Das ist das einzige Mittel, wie wir gegen die Gewalt vorgehen können.

Missionsschwestern aus Mauretanien.

Missionsschwestern aus Mauretanien.

Die Ausgangssituation in Westafrika ist sehr unterschiedlich. Es gibt Länder mit einer christlichen Bevölkerungsmehrheit wie Ghana. Und es gibt Länder, wo die Christen eine kleine Minderheit darstellen, zum Beispiel in Mauretanien. Wie ist Lage dort?
In Mauretanien legen Regierung und Bevölkerung starken Wert darauf, dass sie eine islamische und keine islamistische Republik sind. Der Islamismus wird sehr stark überwacht.

„Zeigen Sie in Europa Solidarität”

Es hat Anschlagspläne gegeben, aber die wurden alle im Voraus entdeckt und vereitelt. Ich als katholischer Bischof fahre im ganzen Land herum und habe keine Angst. Ich weiß aber nicht, wie lange das so bleibt.

Gibt es trotz der vielen Probleme auch Entwicklungen, die Ihnen Mut machen?

Schwestern aus Burkina Faso danken KIRCHE IN NOT.

Schwestern aus Burkina Faso danken KIRCHE IN NOT.

Allein die Tatsache, dass die Bischöfe sich nicht haben einschüchtern lassen und nach Burkina Faso gekommen sind, ist ein solches Zeichen.

Wir haben einen Gottesdienst gefeiert in einem Wallfahrtsort in der Nähe von Ouagadougou. Tausende Gläubige sind gekommen.

Das ist doch eine Botschaft. Wir versuchen, nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten, sondern auch unsere Feinde zu lieben und für sie zu beten.

Was können wir Christen in Europa tun?
Solidarität zeigen, das ist wichtig. In Mauretanien zum Beispiel sind wir eine verschwindend kleine Kirche – ungefähr 4000 Katholiken. Es ist schon sehr wichtig, dass wir Besuch bekommen, dass die Menschen Interesse zeigen, sich informieren und für uns beten.

Helfen Sie den Menschen in Burkina Faso

Junge Mutter aus Burkina Faso mit einem Kind.

Junge Mutter aus Burkina Faso mit einem Kind.

KIRCHE IN NOT unterstützt in Burkina Faso den Bau von Kirchen und Gemeindehäusern, die Ausbildung und den Lebensunterhalt von Priestern und Ordensleuten, Transportmittel für die Seelsorge, die Verbreitung von religiösen Schriften für die Katechese und die katholische Medienarbeit.

Um die christliche Minderheit in Burkina Faso weiterhin unterstützen zu können, bittet KIRCHE IN NOT um Spenden – entweder online oder auf folgendes Konto:
Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München

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BIC: GENODEF1M05

Verwendungszweck: Burkina Faso

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29.Mai 2019 12:34 · aktualisiert: 10.Jun 2019 22:01
KIN / S. Stein