„Derzeit ist nicht die Zeit für große Gesten”

Erzbischof Pierbattista Pizzaballa über die aktuelle Situation im Heiligen Land

Erzbischof Pierbattista Pizzaballa.

Erzbischof Pierbattista Pizzaballa.

Pierbattista Pizzaballa hat bereits über drei Jahrzehnte seines Lebens im Heiligen Land verbracht.

Seit 2016 ist der Franziskaner zudem Erzbischof und Apostolischer Administrator des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem.

Er ist damit Oberhaupt von rund einer Viertelmillion Katholiken in Israel und den Palästinensergebieten – Heimat Jesu und Ursprungsregion des Christentums, aber auch einer der langwierigsten Konfliktherde.

Obgleich die Christen im Heiligen Land nur rund ein Prozent der Bevölkerung ausmachen, sind Sie im öffentlichen Leben präsent. Gleichzeitig müssen sie mit vielfältigen Herausforderungen ringen. Das betrifft besonders die arabischen Christen, die die Mehrheit der Gemeinden stellen.

Erzbischof Pierbattista Pizzaballa (Mitte) im Gespräch mit Dr. Josef Dohrenbusch, stellvertretender Vorsitzender von KIRCHE IN NOT Deutschland (links), und dem Geistlichen Assistenten von KIRCHE IN NOT Deutschland, Pater Hermann-Josef Hubka. bei seinem Besuch im deutschen Büro von KIRCHE IN NOT.

Erzbischof Pierbattista Pizzaballa (Mitte) im Gespräch mit Dr. Josef Dohrenbusch, stellvertretender Vorsitzender von KIRCHE IN NOT Deutschland (links), und dem Geistlichen Assistenten von KIRCHE IN NOT Deutschland, Pater Hermann-Josef Hubka, bei seinem Besuch im deutschen Büro von KIRCHE IN NOT.

Pizzaballa war kürzlich bei KIRCHE IN NOT Deutschland zu Besuch. Weshalb aktuelle weltpolitische Entscheidungen den Konflikt im Heiligen Land verschärfen und warum die Kirche auf die Kraft der kleinen Schritte setzt, erklärte der Erzbischof im Gespräch mit Daniele Piccini.

KIRCHE IN NOT: Herr Erzbischof, wie ist die aktuelle Situation der Christen im Heiligen Land?
ERZBISCHOF PIZZABALLA: Es wird oft gesagt, dass es in dem Gebiet, das als Heiliges Land im engeren Sinne gilt, drei Gruppen gibt: Israelis, Palästinenser, Christen. Aber die Christen sind kein „drittes Volk“. Die Christen gehören zu dem Volk, in dem sie leben. Wir haben als Christen keine Gebietsansprüche.

Erschwerte Lebensbedingungen für Christen

Für einen Juden oder einen Muslim ist es niemals eine Gefahr, einen Christen zu treffen. Dennoch ist das Leben für die Christen nicht einfach: Es ist schwieriger für die Christen, eine Arbeit oder eine Wohnung zu finden. Die Lebensbedingungen sind erschwert.

Prozession am Palmsonntag in Jerusalem.

Prozession am Palmsonntag in Jerusalem.

Also ist die Religionsfreiheit für die Christen im Heiligen Land stark eingeschränkt?
Da muss man differenzieren. Die Freiheit der Religionsausübung ist eine Sache, die Gewissensfreiheit eine andere. Die Freiheit der Religionsausübung ist gegeben: Die Christen können ihre Gottesdienste feiern und ihr Gemeindeleben gestalten.

Gewissensfreiheit bedeutet, dass jeder Gläubige sich frei ausdrücken kann und dass sich Angehörige anderer Religionen frei entscheiden können, wenn sie Christen werden möchten. Da wird es sehr viel komplizierter.

„Politik spielt immer eine große Rolle”

Im Heiligen Land spielt Politik immer eine große Rolle. Wenn man beschließt, einen bestimmten Ort zu besuchen, kann das schnell eine politische Frage werden. Ein Beispiel: Christen aus Bethlehem möchten die Grabeskirche in Jerusalem besuchen, um dort zu beten. Häufig geht das nicht, weil sie eine Genehmigung brauchen.

Ist das also eine Frage der Religionsfreiheit oder ist es einfach Politik und sie können die Grabeskirche nicht besuchen, weil sie Palästinenser sind? All das ist miteinander verwoben.

Eine Mauer trennt Israel vom Westjordanland.

Eine hohe und 750 Kilometer lange Mauer trennt Israel vom Westjordanland.

Vor kurzem hat die US-Regierung von Donald Trump die amerikanische Botschaft nach Jerusalem verlegt. Rumänien ist einige Monate später diesem Beispiel gefolgt. Wie stark machen sich diese politischen Maßnahmen bemerkbar?
Im Alltag hat sich erst einmal nicht viel verändert. Dennoch ist die Verlegung der amerikanischen Botschaft eine politische Sackgasse. Alle Fragen, die Jerusalem betreffen und nicht beide Seiten – Israelis und Palästinenser – einbeziehen, sorgen für einen tiefen Riss auf politischer Ebene.

Verlegung der amerikanischen Botschaft

Genau das ist geschehen. Nach der Verlegung der amerikanischen Botschaft haben die Palästinenser jede Verbindung zur amerikanischen Regierung abgebrochen und die Verhandlungen zwischen Israel und den Palästinensergebieten, die ohnehin nur schleppend verliefen, ganz zum Erliegen gebracht.

Blick auf Klagemauer und Felsendom in Jerusalem.

Blick auf Klagemauer und Felsendom in Jerusalem.

Die neuen Eskalationen führen dazu, dass sich junge Menschen vermehrt radikalisieren, gerade auch unter den Palästinensern. Hat dies auch Konsequenzen für die Christen?
Es gibt Palästinenser, die fundamentalistischen Bewegungen angehören. Aber es gibt auch viele, die die Gewalt ablehnen. Ein Großteil der Christen im Heiligen Land sind Palästinenser. Sie leben also unter denselben Bedingungen wie die palästinensischen Muslime.

Großteil der Christen im Heiligen Land ist Palästinenser

Der religiöse Fundamentalismus stellt die Christen klar an den Rand der Gesellschaft. Wir erleben also sowohl Zusammenarbeit und Solidarität, aber auch Ausschluss und Diskriminierung.

Ein weiteres Problem ist die zunehmende Abwanderung von Christen …
Die Abwanderung ist kein Massenphänomen, sonst wären die Christen längst aus dem Heiligen Land verschwunden. Es ist ein stetiges Tröpfeln. Jedes Jahr berichten mir die Priester bei meinen Besuchen in den Pfarrgemeinden: „Dieses Jahr haben wir zwei, drei Familien verloren.“

Basar in der Altstadt von Jerusalem.

Basar in der Altstadt von Jerusalem.

Kann die Kirche in dieser verfahrenen politischen Situation etwas tun?
Die Christen machen rund ein Prozent der Bevölkerung aus. Wir können daher nicht verlangen, dasselbe politische Gewicht zu haben wie andere Gruppen.

Nun hat die Kirche aber natürlich starke weltweite Beziehungen. Hinzu kommen die Millionen christlichen Pilger aus aller Welt. Dadurch ist die Kirche im Heiligen Land sehr viel sichtbarer, als es die Zahlen vermuten lassen.

„Die Kirche muss versuchen, Brücken zu bauen”

Unsere Aufgabe ist es, den Menschen zu vermitteln: Es gibt eine christliche Art, in diesem Land zu leben. Es gibt eine christliche Art, unter diesem Konflikt zu leben. Im Augenblick ist nicht die Zeit für große Gesten. Die Kirche muss versuchen kleine Verbindungen herzustellen, kleine Brücken zu bauen.

Blick auf Jerusalem.

Blick auf Jerusalem.

Der Besuch von Papst Franziskus im Jahr 2014 war eine der großen Gesten in der jüngeren Vergangenheit. Hat das die politische Situation, aber auch das Verhältnis der katholischen und orthodoxen Christen beeinflusst?
Die Papstbesuche sind wichtige Mosaiksteine auf dem Weg zum Frieden, auch wenn sie natürlich nicht die große Wende bringen können.

Im Blick auf die Ökumene ist das anders: Papst Franziskus hat mit seinem Besuch an die berühmte Begegnung von Papst Paul VI. mit Patriarch Athenagoras im Jahr 1964 in Jerusalem angeknüpft.

„Papstbesuch war ein spürbarer Wendepunkt”

Vor diesem Hintergrund war der Besuch von Papst Franziskus, vor allen Dingen das ökumenische Gebet in der Grabeskirche, ein entscheidender und spürbarer Wendepunkt in der Beziehung von katholischen und orthodoxen Christen.

Stele in Jerusalem mit der Inschrift “Möge Frieden auf Erden herrschen” auf Arabisch und Hebräisch.

Stele in Jerusalem mit der Inschrift “Möge Frieden auf Erden herrschen” auf Arabisch und Hebräisch.

KIRCHE IN NOT ist den Christen im Heiligen Land seit vielen Jahren verbunden. In Jerusalem unterstützt KIRCHE IN NOT ein interreligiöses Seminar mit dem Titel „Vergebung aufbauen, den Hass überwinden“. 

Daran nehmen Hunderte Christen, Juden und Muslime teil. Können Sie uns kurz etwas zu dieser Initiative sagen?
In erster Linie bedanke ich mich bei KIRCHE IN NOT, weil das Hilfswerk viele Dinge im Heiligen Land tut. Sie unterstützen viele Projekte, auch dieses Seminar, das vom „Rossing-Center“ veranstaltet wird.

Daniel Rossing war Jude und davon überzeugt, dass besonders Jerusalem ein Ort sein muss, an dem sich alle Religionen zu Hause fühlen. Dieses Zentrum organisiert eine Fülle von Begegnung.

Viele Jugendliche, die an diesen Kursen teilgenommen haben, nehmen ihre Erfahrungen in ihre Berufe mit. So wird die Religion, die im Heiligen Land oft ein Element der Trennung ist, zu einem Element der Gemeinsamkeit.

Helfen Sie Christen im Heiligen Land

Um die Arbeit der christlichen Minderheit im Heiligen Land weiterhin unterstützen zu können, bittet KIRCHE IN NOT um Spenden – entweder online oder auf folgendes Konto:
Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München

IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05

Verwendungszweck: Heiliges Land

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15.Jul 2019 09:53 · aktualisiert: 24.Jul 2019 10:28
KIN / S. Stein