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Das „Wunder von Vinkt“: Mit Liebe den Hass bezwungen

Das „Wunder von Vinkt“: Mit Liebe den Hass bezwungen

Die schwierigste Predigt von Pater Werenfried van Straaten

25.05.2020 aktuelles
Das Dorf Vinkt in der Nähe der belgischen Stadt Gent wurde am 27. Mai 1940 Schauplatz eines größten Verbrechens der deutschen Wehrmacht an der Westfront im Zweiten Weltkrieg. 86 Zivilpersonen wurden bei einem Massaker der deutschen Truppen hingerichtet.

 

Der niederländische Prämonstratenser Pater Werenfried van Straaten, Gründer des Hilfswerks KIRCHE IN NOT, sah die Gefahr eines von Hass gespaltenen Europa und machte es zu seiner Lebensaufgabe, die Liebe wiederherzustellen – auch in Vinkt. – Ein Beitrag von Volker Niggewöhner.

Mindestens 86 Einwohner von Vinkt wurden von deutschen Truppen ermordet.
Aufgrund der Vereinbarungen der Siegermächte auf der Konferenz von Jalta und im Potsdamer Abkommen erfolgte ab 1945 die Vertreibung von vierzehn Millionen Deutschen aus den Ostgebieten.

 

Die Heimatvertriebenen lebten in Westdeutschland zumeist unter menschenunwürdigen Bedingungen in Bunkern oder Lagern, unter ihnen sechs Millionen Katholiken. Pater Werenfried fühlte sich durch das millionenfache Leid der Vertriebenen an die Weihnachtsgeschichte erinnert, als für die Heilige Familie kein Platz in der Herberge war, weil „die Seinen“ keine Liebe hatten.

Quasi der Ursprung des Hilfswerks KIRCHE IN NOT: Der Beitrag „Kein Platz in der Herberge“ von Pater Werenfried van Straaten in der Weihnachtsausgabe der Klosterzeitschrift von Tongerlo im Jahr 1947.
Erneut appellierte der junge Pater an das Gewissen seiner Landsleute und rief zur Feindes- und Nächstenliebe auf. In seinem Artikel „Kein Platz in der Herberge“ für die Weihnachtsausgabe 1947 seiner Abtei-Zeitschrift in Tongerlo in Belgien bat er seine Landsleute, die noch um ihre von den Deutschen getöteten Verwandten trauerten, um eine Geste der Versöhnung.

 

Aufruf zur Feindes- und Nächstenliebe

Das Unglaubliche geschah: Die Resonanz auf den Artikel war überwältigend und löste eine Welle der Hilfsbereitschaft unter den Flamen aus. Weil sich unter den Vertriebenen auch dreitausend katholische Priester befanden, über die die Hilfe an die Bedürftigen weitergeleitet wurde, gab man der neuen Hilfsorganisation den Namen „Ostpriesterhilfe“.

Da Pater Werenfried häufig Speck sammeln ließ, nannte man ihn bald den Speckpater.
Der Name „Werenfried“ bedeutet „Kämpfer für den Frieden“ – und er wurde bald Programm. Pater Werenfrieds Predigttalent und die Fähigkeit, die Herzen der Menschen zu rühren, halfen ihm, die Aktion für die hungernde deutsche Bevölkerung auszudehnen. 1948 veranstaltete er eine erfolgreiche Specksammlung unter den flämischen Bauern, die ihm den Spitznamen „Speckpater“ einbrachte.

 

Zehn Jahre nach dem Massaker von Vinkt

1950, genau zehn Jahre nach dem erwähnten Massaker, predigte er in Vinkt. In seinen Memoiren gab Werenfried zu, vor dieser Predigt Furcht gehabt zu haben: „Ich hatte nie schnell Angst im Leben, aber damals hatte ich Angst.“

Nur zu berechtigt, wenn man bedenkt, dass die Verbitterung und der Hass in den Herzen der Menschen noch immer nicht überwunden waren. Das älteste Opfer war 89 Jahre gewesen, das jüngste 13. Es gab kaum eine Familie, die nicht einen Angehörigen verloren hatte. Selbst der örtliche Pfarrer riet Pater Werenfried von seinem Wagnis ab.

Kriegerdenkmal im Stadtpark von Antwerpen.
Im Buch „Sie nennen mich Speckpater“ erinnert sich Werenfried van Straaten: „Ich bin einen Tag vorher nach Vinkt gefahren, um das Gelände zu erkunden. Am Samstagabend traf ich im Pfarrhaus ein.

 

„Hilfe für die deutschen Schufte? Niemals!”

Verzweifelt hob der Pfarrer die Hände und rief: ‚Es wird nicht gehen, Herr Pater, die Leute wollen nicht. Sie sagen: Was? Dieser Pater kommt, um für die Deutschen um Hilfe zu bitten? Für die Schufte, die unsere Männer und Jungen erschossen haben? Niemals! Keine lebendige Seele kommt zum Vortrag. Vor leeren Stühlen kann er predigen, wenn er will. Und er hat noch Glück, dass er ein Pater ist. Sonst würden wir ihn zusammenschlagen!‘

- Pater Werenfried van Straaten
Was sollte ich tun? Im Einvernehmen mit dem Pfarrer entschied ich, die Abendkundgebung vorzubereiten, indem ich am Sonntag in allen heiligen Messen predigen würde. So stand ich am nächsten Morgen überraschend auf der Kanzel, eine ganze Viertelstunde lang, und predigte von der Liebe. Es war die schwierigste Predigt, die ich in meinem Leben gehalten habe. Aber sie gelang.
Pater Werenfried van Straaten bei einer Predigt.
Und als ich nach der Messe meine Danksagung hielt und die Kirche ganz leer war – denn die Leute schämen sich zu zeigen, wie gut sie sind! –, kam schüchtern eine Frau nach vorne. Sie sagte nichts, aber gab mir tausend Franken und war weg, bevor ich sie etwas fragen konnte.

 

„Nicht um Speck, sondern um Liebe gebettelt”

Zum Glück kam der Pfarrer gerade aus der Sakristei und sah sie noch hinausgehen. Er erzählte: Sie ist eine einfache Bauersfrau. Aber ihr Mann, ihr Sohn und ihr Bruder sind 1940 von den Deutschen ermordet worden. – Und sie war die erste.

(…) Abends war der Saal voll. Ich habe zwei Stunden von der Not der Rucksackpriester und der Verlassenheit ihrer Gläubigen gesprochen. Ich habe nicht um Speck, Geld oder Bekleidung gebettelt. Ich habe nur gebettelt um Liebe, und ganz am Ende habe ich gefragt, ob sie mit mir zusammen für ihre notleidenden Brüder in Deutschland beten wollten. Sie haben gebetet mit Tränen in den Augen.

Und abends spät, um elf Uhr, als es dunkel war und niemand sie erkennen konnte, kamen sie, einer nach dem andern, ins Pfarrhaus, um einen Umschlag mit hundert Franken, mit fünfhundert Franken, mit einem Brief dabei, abzugeben. Und am nächsten Morgen früh, bevor ich abreiste, standen sie wieder am Pfarrhaus (…)

 

Pater Werenfried erzählt das „Wunder von Vinkt“:

„Der Mensch ist besser, als wir denken!“

Ich habe dort siebzehn Briefumschläge mit Geld bekommen. Sie überwiesen Geld auf mein Postscheckkonto. Sie sammelten Speck. Sie adoptierten einen deutschen Priester. Das war Vinkt! Der Mensch ist besser, als wir denken!“

Eine Frau, deren Familie von den Deutschen vollkommen vernichtet worden war, fügte ihrer Spende ein paar Zeilen bei: „Gott bewahre uns vor Hass. Darum will ich nicht zurückstehen im Opfer und Gebet und materieller Hilfe. Ich werde für einen Paten sorgen und einen ostvertriebenen Priester adoptieren!“

Das Grab von Pater Werenfried van Straaten in Königstein im Taunus.
Werenfried van Straaten war ein Mann, der es verstand, die Zeichen der Zeit zu erkennen, und der stets gesamteuropäisch dachte. Er hatte verstanden, dass es in Europa nie Frieden und Versöhnung geben würde, wenn der Hass in den Herzen der Menschen nicht beseitigt würde.

 

„Wir alle fahren auf einem Schiff, und dieses Schiff heißt Europa! Wir Ausländer fahren noch in der Luxuskabine, die Deutschen im Zwischendeck oder gar unten im Schiffsraum. Aber das alles ist gleichgültig, wenn das Schiff leck ist. Und das Schiff Europa ist leck. Da heißt es, die Ärmel hochkrempeln und pumpen, sonst gehen wir alle unter, ganz gleich, wo wir stehen.“

- Pater Werenfried van Straaten
Und weiter: „Nicht Atombombe und Marshallplan werden uns retten, sondern nur das wirkliche Christsein. Erst durch die Liebe, das Merkmal des Christen, kann die Ordnung wiederhergestellt werden.“

 

Otto von Habsburg hat ihn daher einmal als den „Baumeister eines einigen und christlichen Europas“ bezeichnet. Pater Werenfried van Straaten starb 2003, das von ihm gegründete Werk KIRCHE IN NOT fühlt sich seinem Erbe im Dienste von Versöhnung und Menschlichkeit auch weiterhin verpflichtet.

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