Wallfahrt kennt keine Grenzen

Professor Rudolf Grulich über langjährige österreichische Pilgerstätten

Wallfahrtskirche Hostein auf dem heiligen Berg in Mähren.

Wallfahrtskirche Hostein auf dem heiligen Berg in Mähren.

Die Sommerzeit ist eine Saison des Reisens, für Christen auch eine Zeit des Wallfahrens.

Seit 2010 veranstaltet KIRCHE IN NOT in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien jährlich eine Wallfahrt zu weitgehend unbekannten Gnadenorten Ostmitteleuropas. Viele dieser Pilgerziele gehörten bis zum Ersten Weltkrieg zu Österreich.

Am Vorabend des Ersten Weltkrieges veröffentlichte im Jahre 1913 in Wien der pensionierte Pfarrer Alfred Hoppe sein Buch mit über 900 Seiten und vielen Illustrationen: Des Österreichers Wallfahrtsorte. Er wollte sich mit seinem Werk an deutsche Pilger wenden, besser gesagt an deutschsprachige Österreicher in Cisleithanien.

Seit dem ungarischen Ausgleich war die Monarchie der Habsburger nämlich zweigeteilt: Der Staat hieß seit 1867 Österreich-Ungarn und war k. u. k., also kaiserlich und königlich. Der Kaiser in Wien war auch König in Ungarn, zu dem die Slowakei, Siebenbürgen, Kroatien und Slawonien und Teile der heutigen Ukraine und Serbiens gehörten.

Hochaltar in der Wallfahrtskirche Pribram.

Hochaltar in der Wallfahrtskirche Pribram.

Die Grenze zwischen den Reichsteilen war der Fluss Leitha zwischen Niederösterreich und dem Burgenland. Daher sprach man auch von Österreich als Cisleithanien und von Transleithanien als dem ungarischen Teilstaat der Donaumonarchie. Was Pfarrer Hoppe unter Wallfahrtsorte des Österreichers verstand, waren die Pilgerstätten in Cisleithanien, aber auch im benachbarten Deutschland, Ungarn und in Oberitalien.

Der Autor wollte 1913 die Wallfahrtsorte nach ihrer religiösen und pastoralen Bedeutung für die Wallfahrer vorstellen. Also nahm er nicht die reine Anzahl der Besucher und Pilger im Jahr, sondern fragte nach der Zahl der empfangenen Kommunionen, nach der Anzahl der heiligen Messen, die von fremden Priestern an den Gnadenorten zelebriert wurden und nach der Zahl auswärtiger Prozessionen.

Der heutige Leser, der als Tourist oder Pilger womöglich viele Wallfahrtskirchen in Mitteleuropa kennt oder im Vorbeifahren manche Namen wahrgenommen hat, ist erstaunt, wenn er über die zehn größten „Wallfahrtsorte des Österreichers“ zur Zeit Hoppes liest. Nur Mariazell liegt noch heute in Österreich, alle anderen sind heute Ausland.

Votivtafeln bezeugen die Dankbarkeit der Gläubigen für die erhörten Gebete, wie hier zum Beispiel in Brezje. Der Wallfahrtsort wird auch das „slowenische Lourdes“ genannt.

Votivtafeln bezeugen die Dankbarkeit der Gläubigen für die erhörten Gebete, wie hier zum Beispiel in Brezje. Der Wallfahrtsort wird auch das „slowenische Lourdes“ genannt.

Mariazell liegt nach Hoppe erst an zweiter Stelle nach Altötting, das wegen der Lage in Bayern unweit der Grenze oft von österreichischen Staatsbürgern aufgesucht wurde. Nach Mariazell folgen dann das polnische Kalwarya bei Krakau, Přibram in Böhmen, Wartha im preußischen Schlesien, Mariahilf in Passau, Brezje in der Krain, also im heutigen Slowenien, Philippsdorf in Nordböhmen, Tersat im heutigen Kroatien und der Monte Santo bei Görz.

Auch das nächste Dutzend Wallfahrtsorte, das Pfarrer Hoppe aufführt, hat nur zur Hälfte Gnadenorte im heutigen Österreich, nämlich Maria Taferl hoch über der Donau, Maria Trost bei Graz, Dreieichen in Niederösterreich, Mariasaal in Kärnten und Plain bei Salzburg.

Die Wallfahrtkirche Maria Schoßberg in der Slowakei, ein bedeutendes Nationalheiligtum des Landes.

Die Wallfahrtkirche Maria Schoßberg in der Slowakei.

Die anderen Pilgerstätten sind neben dem heiligen Berg Hostein in Mähren, dem Muttergottesberg bei Grulich in Böhmen, der Mutter der Barmherzigkeit in Marburg (heute Maribor in Slowenien) die Wallfahrtsorte Maria Schnee und Maria Rast in Böhmen, Strugnano (heute Strunjan in Kroatien) und Maria Schoßberg, dem slowakisch Šaštin genannten Nationalheiligtum der Slowakei.

Die „Hitliste“ der von Hoppe aufgeführten Wallfahrtsorte geht weiter mit Mariaschein in Böhmen, Friedek in Sudetenschlesien, der Kirche der Heiligsten Dreifaltigkeit in den Windischen Büheln (Slowenien), St. Josef in Cilli (Celje), Albendorf in Schlesien, Bechin in Böhmen, Barbana bei Grado in Italien, dem Trauerberg bei Nassenfuß (Slowenien), dem Heiligen Berg bei Olmütz (Olomouc) und Velehrad in Mähren und dem Luschariberg im italienischen Teil Kärntens.

Hundert Jahre seit Hoppes großem Buch kann und sollte das Spruch „Wallfahrt kennt keine Grenzen“ neu erfasst werden, und zwar ganz im europäischen Sinn. 1980 hat Papst Johannes Paul II. die beiden Slawenapostel Cyrill und Method zu Patronen Europas erklärt und damit gezeigt, dass Europa nur in Ost und West gleich zwei Lungenflügeln atmen kann.

Die Basilika in Velehrad, etwa 60 Kilometer östlich von Brünn (Brno).

Die Basilika in Velehrad, etwa 60 Kilometer östlich von Brünn (Brno).

Zehn Jahre später hat er im mährischen Velehrad, dem legendären Bischofssitz des heiligen Method, die außerordentliche europäische Bischofssynode angekündigt, die Ende 1991 in Rom zusammenkam und uns das Dokument „Damit wir Zeugen Christi sind, der uns befreit hat“ schenkte.

Die meisten der hier nach Hoppe genannten Wallfahrtsorte sind marianischer Natur. An einigen haben sogar Cyrill und Method mit Marienikonen den Grundstein zur Kirche und späteren Wallfahrt gelegt.

Cyrill-und-Method-Denkmal in Neutra (Nitra)/Slowakei.

Cyrill-und-Method-Denkmal in Neutra (Nitra)/Slowakei.

Die Kirche Tschechiens beging 2013 den 1150. Jahrestag der Ankunft von Cyrill und Method in Mähren. Da die beiden Landespatrone Mährens seit 1980 auch neben dem heiligen Benedikt Europapatrone sind, hätte das Jubiläum des Jahres 863 auch viel intensiver europäisch gefeiert werden müssen, nicht nur von den Slawen, sondern von allen Europäern.

Die beiden Slawenapostel aus Saloniki wirkten in Konstantinopel, auf der Krim und im Großmährischen Reich, in Ungarn, Venedig und Rom, wo Cyrill als Mönch starb. Später war Method als Bischof in Klosterhaft in Ellwangen. Dorthin pilgern heute jedes Jahr Bulgaren, Mazedonier, Tschechen und Slowaken.

Am Method-Platz in Ellwangen sehen wir bulgarische, slowakische und mazedonische Gedenktafeln. Am 25. Mai 2013 legten dort die Botschafter Bulgariens, der Slowakei und Mazedoniens sowie der russische Generalkonsul und der tschechische Konsul aus München Blumen nieder und würdigten beide Europapatrone.

Prof. Rudolf Grulich

Frühere Wallfahrten von KIRCHE IN NOT mit Prof. Rudolf Grulich:

7.Aug 2015 08:44 · aktualisiert: 19.Jun 2018 11:49
KIN / S. Stein