Die Madonna auf der Insel

Professor Rudolf Grulich über Barbana in der Lagune von Grado

Die Madonna von Barbana.

Die Madonna von Barbana.

Wer mit dem Auto von Triest oder Aquileja kommend auf einem der beiden Dämme nach Grado fährt, sieht in der Lagune auf der kleinen Insel Barbana die grüne Kuppel und den fast 50 Meter hohen freistehenden Turm einer Kirche.

Bis zum Ersten Weltkrieg gehörten Grado und die Lagune zum Kronland „Österreichisches Küstenland“ mit dem Hauptort Görz. Damals war Barbana somit auch ein österreichischer Wallfahrtsort, den der Pfarrer Alfred Hoppe in seinem monumentalen Werk „Des Österreichers Wallfahrtsorte“ zu den größten der Donaumonarchie zählte.

„Der Besuch des Wallfahrtsortes ist steigend“, schrieb er 1913. Damals betreuten drei bis vier Priester der dalmatinischen Franziskanerprovinz die Pilger. Es kamen 50 000 Wallfahrer im Jahr, und es wurden bis zu 30 000 Kommunionen empfangen. Es kamen damals sechzig Prozessionen im Jahr. Jährlich wurden 300 Messen fremder Priester gefeiert. Auch das war eine beträchtliche Zahl, gab es doch bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil keine Konzelebration.

Pfarrer Hoppe beschreibt noch die damalige Kirche, die er 1911 besuchte, weist aber schon auf den Kirchenneubau hin, der 1912 begonnen wurde. Durch den Ersten Weltkrieg dauerte es bis 1924, ehe die heutige Kirche, die dritte in der Geschichte des Heiligtums, eingeweiht wurde.

Wallfahrtskirche auf der Insel Barbana.

Wallfahrtskirche auf der Insel Barbana.

Die Wallfahrt zur Insel Barbana zählte zu den ältesten in Nordost-Italien. Die Chroniken von Grado berichten, dass zur Zeit des Patriarchen Elia von Aquileja, der Ende des 6. Jahrhunderts wegen der Einfälle der Barbaren nach Grado geflüchtet war, das damals noch eine Insel war, bereits zwei Einsiedler auf Barbana lebten. Ihre Namen sind als Barbanus und Tarilessus überliefert.

Ihnen soll im Traum ein Engel erschienen sein, der ihnen die Stelle zeigte, an der eine Kirche entstehen sollte. Eine andere Überlieferung nennt den Patriarchen selber, der nach einer Überschwemmung eine Statue in den Ästen eines Baumes fand, die dann in der ersten von Patriarch Elia im Jahre 582 erbauten Kirche verehrt wurde.

Bewohner von Grado, Friauler und Venezianer trugen zum Bau der Kirche bei und kamen als Wallfahrer durch vierzehn Jahrhunderte bis heute. Bis gegen Ende des Mittelalters betreuten Benediktiner das Heiligtum, und zwar von der Abtei St. Maria di Sesto, später die Franziskaner, die die Kirche der Unbefleckten Empfängnis Mariens weihten.

Blick in die Kuppel der Wallfahrtskirche auf der Insel Barbana.

Blick in die Kuppel der Wallfahrtskirche auf der Insel Barbana.

Als 1769 die Republik Venedig die Franziskaner zum Verlassen des Klosters zwang, übernahmen Weltpriester die Betreuung Barbanas, das 1818 zum Erzbistum Görz kam. Im Jahre 1863 wurde die Statue feierlich gekrönt.

Nach dem Ersten Weltkrieg übergab der Erzbischof von Görz die Seelsorge wieder den Franziskanern, die ein neues Kloster bauten, die jetzige Wallfahrtskirche fertigstellten, ein Hospiz und ein Pilgerheim errichteten und ein Exerzitienhaus auf der kleinen Insel bauten. Als nach dem Zweiten Weltkrieg im italienisch-jugoslawischen Grenzgebiet ein eigener Staat Triest, das „Freie Territorium Triest“, bis 1954 bestand, gehörte Barbana zu Italien, zur Provinz Görz.

Größte Wallfahrt ist die Lagunenprozession

Die große Verehrung der Madonna von Barbana erkennt man, dass seit 1237 die Gelöbniswallfahrt der Stadt Grado als Dank für das Ende einer Cholera-Epidemie bis heute stattfindet und nie unterbrochen wurde. Im 16. Jahrhundert entstand unter den Gondolieri von Venedig eine eigene „Bruderschaft der Verehrer der Madonna von Barbana“.

Die größte Wallfahrt ist nach fast acht Jahrhunderten immer noch die Lagunenprozession, an der mindestens ein Mitglied der alten Familien von Grado teilnimmt. Am ersten Julisonntag wird eine Marienstatue aus dem Dom von Grado zum Hafen gebracht und über die Lagune in die Wallfahrtskirche überführt. Ähnlich große Prozessionen finden am 15. August, am Jahrestag der Krönung der Gnadenstatue vom Jahre 1863, und am 8. September statt.

Kirchenfenster in der Wallfahrtskirche auf der Insel Barbana.

Kirchenfenster von Giuseppe Modolo in der Wallfahrtskirche auf der Insel Barbana.

Die heutige Kirche ist die dritte auf der Insel, nach der Gründungskirche des Jahres 582 und einem Erweiterungsbau 1710 bis 1712. Die Pläne für den neuen Bau erstellte der Görzer Architekt Silvano Berrida, nach dessen Plänen auch die im Krieg zerstörte Kirche und das Kloster auf dem Heiligen Berg wieder errichtet wurden.

Beim Eintritt in die Kirche fällt ein großes Weihwasserbecken auf, das auf einem Teufel ruht, der das Becken trägt und an die Worte des heiligen Augustinus erinnert: Auch der Teufel muss dienen. In der gewaltigen Kuppel stellen Fresken die Gründungsgeschichte der Wallfahrt dar.

Gemälde zeigen die Prozession des Jahres 1237 und die Krönung der Madonnenstatue im Jahre 1863. Kleinere Bilder versinnbildlichen Anrufungen der Lauretanischen Litanei; vier Statuen verkörpern die vier Kardinaltugenden Klugheit, Mäßigung, Gerechtigkeit und Tapferkeit.

Egidio Bullesi ist in der Wallfahrtskirche begraben. Untersuchungen zu einer Seligsprechung sind im Gange.

Egidio Bullesi ist in der Wallfahrtskirche begraben.

Der Hauptaltar stammt aus den Jahren 1695 bis 1706, erstellt auch aus Spenden der venezianischen Gondolieri, die auf einem unteren Teil des Altartisches in einem Relief bei ihrer Abfahrt zur Pilgerfahrt nach Barbana dargestellt sind.

Größte Verehrung aber genießt die hoheitsvolle Madonnenstatue. Die modernen Glasfenster stammen von Giuseppe Modolo aus dem Jahre 1974 und zeigen Szenen aus dem Leben Jesu und Mariens. Der Kirchturm wurde bis 1929 erbaut, seine Glocken ertönen mit dem Ave-Maria von Lourdes.

Eine Kapelle der Erscheinung steht in einem Pinienwald an der Stelle, wo der Baum stand, in dessen Zweigen 582 die erste Statue gefunden wurde. Um die Kapelle erstreckt sich der kleine Friedhof, auf dem die Franziskaner ruhen. Ein Fresko an der Altarwand der Kapelle zeigt die Muttergottes in der Glorie.

Auf der Insel ist auch der Diener Gottes Egidio Bullesi begraben. Er starb 1929 mit 24 Jahren an Tuberkulose. Sieben Jahre arbeitete er in der Werft in Pula und nach seinem Militärdienst in der Werft von Monfalcone. Als Apostel der Katholischen Aktion war er ein gläubiger Laie, der oft nach Barbana pilgerte. Derzeit gibt es Bemühungen, dass Egidio Bullesi seliggesprochen werden soll.

Prof. Rudolf Grulich

Frühere Wallfahrten von KIRCHE IN NOT mit Prof. Rudolf Grulich:

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Barbana · Friaul · Grado · Italien · Triest · Wallfahrt
KIN / S. Stein