Eine wechselvolle Geschichte

Kirchenhistoriker Professor Rudolf Grulich über das Bistum Ostrau-Troppau

St.-Adalbert-Kirche in Troppau.

St.-Adalbert-Kirche in Troppau.

Seit der Errichtung des Bistums Ostrau-Troppau (Ostrava-Opava) im Jahr 1996 gibt es in der mährischen Kirchenprovinz in der Tschechischen Republik drei Diözesen: das Erzbistum Olmütz (Olomouc) sowie die Diözesen Ostrau-Troppau und Brünn (Brno).

Damit war eine Entwicklung abgeschlossen, bei der seit dem 18. Jahrhundert Bistumsgrenzen auch über Landesgrenzen hinausreichten.

Durch die Schlesischen Kriege fiel 1742 der größte Teil Schlesiens an Preußen. Die für Österreich verlorenen Gebiete gehörten meist zum Bistum Breslau. Von der Diözese Olmütz kam der größte Teil des Leobschützer Kreises, das Hultschiner Ländchen und ein Teil des Kreises Ratibor unter die neue preußische Herrschaft.

Bei Österreich verblieben vom Bistum Breslau das Gebiet des Herzogtums Teschen und die Standesherrschaften Bielitz und Oderberg, außerdem der südliche Teil des Fürstentums Neisse mit der Minderstandesherrschaft Olbersdorf in Österreichisch-Westschlesien.

Innenstadt von Troppau.

Innenstadt von Troppau.

Weil das Olmützer Bistumsgebiet von Troppau und Jägerndorf dazwischenlag, waren diese zwei Teile voneinander getrennt. Politisch bildeten sie jedoch mit den Olmützer Gebieten Schlesiens das Herzogtum und Kronland Schlesien.

Als 1763 die neue Grenzziehung bestätigt worden war, errichtete Fürstbischof Schaffgotsch 1771 für das Breslauer Bischofsterritorium auf österreichischem Gebiet ein eigenes Generalvikariat mit zwei Kommissariaten: dem ostschlesischen Fürstbischöflichen Kommissariat Teschen und dem westschlesischen Fürstbischöflichen Kommissariat Neisse.

Streit um Länder- und Bistumsgrenzen

Kaiserin Maria Theresia von Österreich und ihr Sohn Joseph II. konnten zwar für Böhmen in Budweis ein neues Bistum errichten, die Neuordnung der kirchlichen Hierarchie Mährens führte aber zur Gründung des Bistums Brünn und der Erhebung von Olmütz zum Erzbistum und Erzbischofssitz.

Obwohl sich nach dem Ersten Weltkrieg die neuentstandene Tschechoslowakische Republik um eine Anpassung der Bistumsgrenzen an die neuen Staatsgrenzen bemühte, gelang zwischen 1918 und 1938 keine Regelung. Forderungen nach einem nordmährisch-schlesischen Bistum wurden vom deutschen und tschechischen Klerus erhoben.

Teilnehmer der Wallfahrt vor der Heiliggeistkirche in Troppau.

Teilnehmer der Wallfahrt vor der Heiliggeistkirche in Troppau.

In der Tschechoslowakischen Republik traten an die Stelle des bisherigen Generalvikariates zwei Fürstbischöfliche Kommissare mit der Befugnis von Generalvikaren. Da der jeweilige Kommissar auch Pfarrer war und blieb, wechselten die Amtssitze mit dem jeweiligen Wohnsitz des Kommissars.

Als am 2. Februar 1928 ein Abkommen zwischen Kardinalstaatssekretär Pietro Gasparri und Außenminister Eduard Beneš ausgehandelt war („Modus vivendi”), schien eine Lösung für die Diözesangrenzen greifbar nahe zu sein.

Das Abkommen „Modus vivendi”

Artikel 1 besagte nämlich, „daß kein Teil der Tschechoslowakischen Republik einem Ordinarius untergeordnet werden solle, dessen Sitz sich jenseits der Grenzen des tschechoslowakischen Staates befindet, und daß auch keine tschechoslowakische Diözese über die Staatsgrenzen hinaus reichen wird“.

Kommissionen des Heiligen Stuhls und der Prager Regierung sollten Vorarbeiten für die neuen Diözesangrenzen und die Dotierung neuer Diözesen schaffen. Doch der Artikel 1 des „Modus vivendi” wurde nicht erfüllt.

Altar der Heiliggeistkirche in Troppau.

Altar der Heiliggeistkirche in Troppau.

Das Jahr 1938 brachte mit dem Münchner Abkommen neue Grenzen und die Besetzung Ostschlesiens durch Polen, wo nun der Bischof von Kattowitz die Jurisdiktion übernahm. Die zum Deutschen Reich gekommenen Teile des Erzbistums Olmütz wurden mit dem Hultschiner Ländchen vom Generalvikar des Olmützer Bistumsanteils in Preußen von Branitz aus verwaltet.

Folgen des Zweiten Weltkriegs

Die Errichtung des Protektorates Böhmen und Mähren im März 1939 und der Zweite Weltkrieg brachten neue Veränderungen: Die Archipresbyterate Friedek und Schlesisch-Ostrau wurden der Administration von Olmütz unterstellt, die drei übrigen Archipresbyterate Freistadt, Jablunkau und Karwin als „Kommissariat des Olsa­gebietes“ zusammengefasst.

Kardinal Bertram ernannte den tschechischen Prälaten Prof. Onderek zum Generalvikar für die beiden Kommissariate, aus denen alle Deutschen vertrieben wurden. Am 26. Juni 1947 wurde Prof. Onderek von Papst Pius XII. zum Apostolischen Administrator dieses Gebietes ernannt.

Treffen der Wallfahrer im Haus des Schlesisch-Deutschen Verbandes in Troppau.

Treffen der Wallfahrer im Haus des Schlesisch-Deutschen Verbandes in Troppau.

Dieser Zustand blieb bis 1972, als der Deutsche Bundestag den Warschauer Vertrag ratifizierte und der Heilige Stuhl die Angelegenheit neu regeln konnte: Die jenseits von Oder und Neiße liegenden Gebiete wurden aus dem Verband der deutschen Bistümer ausgegliedert und zu polnischen Diözesen umgestaltet.

Propsteikirche Mariä Himmelfahrt, Konkathedrale des Bistums Ostrau-Troppau.

Propsteikirche Mariä Himmelfahrt, Konkathedrale des Bistums Ostrau-Troppau.

Erst 1977 wurde Teschen von der Erzdiözese Breslau abgetrennt und an das Erzbistum Olmütz angeschlossen. Dies geschah im Rahmen einer Neuordnung der Diözesen der ČSSR, denn der Heilige Stuhl richtete eine eigene slowakische Kirchenprovinz mit Sitz in Tyrnau ein.

Teschen ist heute eine Doppelstadt: ein Teil gehört zu Polen, der andere Teil jenseits des Flusses Olsa ist tschechisch.

Nachdem es 1993 für Böhmen durch die Errichtung des Bistums Pilsen zu einer Neuordnung gekommen war, stand diese für Mähren noch aus. Am 30. Juni 1996 erfolgte dann die Gründung des Bistums Ostrau-Troppau.

Erster Bischof von Ostrau-Troppau wurde der damalige Weihbischof des Erzbistums Prag, Msgr. František Lobkovicz. Bistumspatronin ist die heilige Hedwig von Schlesien. Kathedrale ist die Heilandskirche in Ostrau, Konkathedrale St. Hedwig in Troppau. Die Diözese umfasst in elf Dekanaten 279 Pfarreien, die von 197 Pries­tern, darunter 56 Ordenspriester, betreut werden. Im Bistum gibt es 445 Kirchen und Kapellen.

Prof. Dr. Rudolf Grulich

In den kommenden Wochen werden wir Ihnen einige Stationen der diesjährigen gemeinsamen Wallfahrt mit dem Institut für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien auf unserer Internetseite vorstellen.

So können Sie helfen

Unterstützen Sie die Arbeit von KIRCHE IN NOT mit Ihrer Spende – entweder online oder auf folgendes Spendenkonto:

Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München

IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05

Spenden per PayPal:




Spenden per Sofortüberweisung:

 

22.Jun 2016 09:29 · aktualisiert: 25.Apr 2018 11:56
KIN / S. Stein