Slawische Minderheit in Deutschland

Die Sorben in der Lausitz und ihre völkerverbindende Aufgabe

Cyrill-und-Method-Figuren in der Herz-Jesu-Kirche im sächsischen Storcha.

Cyrill-und-Method-Figuren in der Herz-Jesu-Kirche im sächsischen Storcha.

Mit der Erweiterung der Europäische Union am 1. Mai 2004 sind auch slawische Länder des Bündnisses: Polen, Tschechien, die Slowakei und Slowenien, seit 2013 auch Kroatien.

Slawische Minderheiten gibt es auch in anderen Ländern. Im Gründungsmitgliedsland Italien existiert eine slowenische und eine kleine kroatische Minderheit, ebenso in Österreich, dessen Kärntner Slowenen ebenso wie die Burgenländer Kroaten österreichische Staatsbürger slawischer Muttersprache sind.

Seit der Deutschen Einheit leben auch die Sorben als slawische Minderheit in der Europäischen Union. In der Lausitz hat vor allem die katholische Kirche beigetragen, das Sorbische zu bewahren. Neben dem Eichsfeld in Thüringen ist die Lausitz das einzige Gebiet der ehemaligen DDR, das sich seit der Reformation als katholische Landschaft erhalten konnte.

Nationale und religiöse Faktoren haben dazu beigetragen. Sorbisches Volkstum und katholischer Glaube sind eine Symbiose eingegangen, die nach 1945 auch im Sozialismus weiterbestand.

Das zweisprachige Ortsschild von Storcha auf deutsch und sorbisch.

Das zweisprachige Ortsschild von Storcha auf deutsch und sorbisch.

Die Kirche hat als Wahrerin der Identität bei den katholischen Sorben seit dem 14. Jahrhundert eine lange Tradition. In der Reformation wandte sich zwar ein Großteil der Sorben dem Luthertum zu, doch das Gebiet um Bautzen blieb katholisch.

Beide Konfessionen pflegten in den folgenden Jahrhunderten die sorbische Sprache, allerdings in zwei Varianten: Das Niedersorbische, als die protestantische sorbische Schriftsprache, wurde nach einer dem Deutschen und Polnischen angenäherten Rechtschreibung geschrieben, während sich die Katholiken, deren Sprache auf dem westlichen obersorbischen Dialekt fußte, an die tschechische Orthographie hielten.

Herz-Jesu-Kirche in Storcha.

Herz-Jesu-Kirche in Storcha mit dem 49 Meter hohen Turm.

Für diese Katholiken war das Sorbische (Wendische) Seminar in Prag von Bedeutung. Es wurde 1706 auf der Grundlage einer Stiftung der sorbischen Brüder Šiman auf der Kleinseite gegründet, um sorbischen Priesternachwuchs auszubilden. Es bestand bis 1922, als es verkauft wurde und die 1921 neugegründete Diözese Meißen die Priesterausbildung in der Diözese selbst durchführte.

In der Zeit des Nationalsozialismus litten katholische Kirche und Sorbentum schwer. Wie alle sorbischen Publikationen wurde auch das Kirchenblatt „Katolski Posol” liquidiert. Seit 1940 wurden sorbische Geistliche aus der Lausitz versetzt, einige auch inhaftiert und in Konzentrationslager gebracht.

Auf 15 000 Seelen schätzt man heute die Zahl der sorbischen Katholiken, die im Bistum Dresden-Meißen ein ziemlich geschlossenes Gebiet in der Nähe von Bautzen besiedeln. In den Pfarrgemeinden Bautzen, Radibor, Sdier, Wittichenau, Raltitz, Nebelschütz, Ostro, Storcha und Crostwitz wird regelmäßig täglich sorbischer Gottesdienst gefeiert, in Kamenz und Schirgiswalde gibt es außerdem eine Minderheit katholischer Sorben.

Liturgische Texte auf Sorbisch

Eine Arbeitsgemeinschaft katholischer sorbischer Geistlicher hatte bereits seit 1950 liturgische Texte ins Sorbische übertragen. Der eigentliche Durchbruch kam erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, als Bischof Otto Spülbeck von Rom als „Auctoritas territorialis“ für die Sorben bestätigt wurde und in dieser Eigenschaft liturgische Texte für die Katholiken sorbischer Muttersprache approbieren konnte.

Der Innenraum der Herz-Jesu-Kirche in Storcha.

Der Innenraum der Herz-Jesu-Kirche in Storcha.

Für die sorbische Seelsorge besteht heute innerhalb des Bischöflichen Ordinariates in Dresden ein eigenes Referat. Etwa zwanzig Priester im Bistum sind sorbischer Abstammung. Vierzehntäglich erscheint die Katholische Kirchenzeitung „Katolski Posol”, die bei einem Umfang von acht Seiten eine Auflage von 2600 Exemplaren hat.

Da sie bereits 1863 gegründet wurde und (mit einer Unterbrechung im Dritten Reich) seitdem regelmäßig erscheint, gehört sie zu den ältesten bestehenden Kirchenblättern Mitteleuropas überhaupt.

Statue des heiligen Benno. Er wird als Patron der Sorben verehrt.

Statue des heiligen Benno. Er wird als Patron der Sorben verehrt.

Für den Religionsunterricht wurden Bücher auf Sorbisch veröffentlicht, außerdem ein Gebetbuch und Ausgaben der Bücher des Alten und Neuen Testaments.

Die liturgischen Texte für den Gottesdienst waren wegen der geringen Anzahl der benötigten Exemplare oft nur hektographiert erschienen, so die Messe, die neuen Hochgebete und alle bisher für den deutschen Sprachraum erschienenen liturgischen Texte. Nach der Wende ist das Messbuch auch im Druck erschienen.

Sorbische Geistliche stellten für die heutige Lausitz schon vor der Wende fest: „Eine besondere Chance christlichen Zeugnisses ist in der Lausitz auch dergestalt gegeben, dass durch das bloße Zusammenleben der Deutschen mit einem kleinen, slawischen Volk für beide die außerordentlich wichtige völkerverbindende Aufgabe besteht, Brücke der nachbarlichen Versöhnung und wachsenden Verständigung zu den anderen slawischen Nachbarvölkern zu sein.“

Im Jahr 2000 haben die Sorben den Slawenaposteln und Europapatronen Cyrill und Method bei Schmochtitz ein Denkmal errichtet. In der Pfarrkirche in Storcha ist ihnen auch ein Altar geweiht.

Prof. Dr. Rudolf Grulich

Frühere Wallfahrten von KIRCHE IN NOT mit Prof. Rudolf Grulich:

1.Sep 2016 18:58 · aktualisiert: 25.Apr 2018 11:50
KIN / S. Stein