Auf den Spuren von Edith Stein in Breslau

Professor Rudolf Grulich über Zeugnisse der Heiligen in der schlesischen Stadt

Edith Stein (rechts) mit einer ihrer Schwestern.

Edith Stein (rechts) mit einer ihrer Schwestern.

Die katholische Kirche feiert am 9. August den Gedenktag der heiligen Edith Stein, der schlesischen Jüdin, Philosophin, Märtyrerin und Europapatronin. In diesem Jahr jährt sich ihr Todestag zum 75. Mal.

Der mittlerweile heiliggesprochene Papst Johannes Paul II. hat Edith Stein bei seinem Deutschlandbesuch in Speyer 1987 selig- und 1998 in Rom heiliggesprochen und 1999 zur Europapatronin erklärt. Damit wollte er auch auf die christlich-jüdischen Wurzeln unseres Kontinents hinweisen.

Edith Stein wurde am 12. Oktober 1891 in Breslau in einer jüdischen Familie als jüngstes von elf Kindern geboren und in jüdischer Tradition erzogen. Als 14-Jährige erklärte sie sich jedoch zur Atheistin.

Nach dem Abitur studierte sie in Breslau und Göttingen und wurde nach ihrer Promotion Assistentin des Philosophen Edmund Husserl. Im Ersten Weltkrieg arbeitete Edith Stein freiwillig in einem Lazarett in Mährisch Weißkirchen. Als Frau wurde ihr 1918 noch die Habilitation in Breslau verwehrt.

Blick von der Oder aus auf den Breslauer Dom.

Blick von der Oder aus auf den Breslauer Dom.

In dieser Zeit nach dem Ersten Weltkrieg fand sie durch die Schriften der heiligen Teresa von Avila zum Glauben zurück und ließ sich 1922 in Speyer katholisch taufen, was die gläubige jüdische Mutter schmerzte.

Bis 1933 arbeitete sie als Lehrerin in Speyer und als Dozentin in Münster, ehe sie in Köln-Lindenthal in den Karmelorden eintrat und dort den Ordensnamen Teresia Benedicta a Cruce (Teresia Benedicta vom Kreuz) erhielt.

Porträtaufnahme der heiligen Edith Stein.

Porträtaufnahme der heiligen Edith Stein.

Nach dem Tod der Mutter folgte ihr auch ihre Schwester Rosa in den Karmel. In der Neujahrsnacht 1938/39 floh Edith wegen der Nationalsozialisten in den Karmel Echt in den Niederlanden, wohin ihr ihre Schwester ein Jahr später folgte.

Wegen eines Hirtenbriefes der niederländischen Bischöfe gegen die Nationalsozialisten wurden 1942 auch alle getauften Juden verhaftet. „Komm, wir gehen für unser Volk“, sagte Edith zu ihrer Schwester Rosa beim Abtransport durch die NS-Polizisten in Echt.

Im Güterzug nach Auschwitz tröstete sie ihre Mitgefangenen: „Jesus ist auch hier mitten unter uns.“ Edith Stein, ihre Schwester und anderen Juden wurden am 9. August 1942 in das Konzentrationslager Auschwitz eingeliefert. Noch am selben Tag starb sie als Gefangene Nr. 44074 in der Gaskammer.

Tod im Konzentrationslager Auschwitz

In ihrer schlesischen Geburtsstadt hat die Edith-Stein-Gesellschaft das Haus der Familie von Edith Stein als Sitz der Gesellschaft erworben und renoviert. Diese 1989 gegründete Gesellschaft verfolgt als Hauptziele den christlich-jüdischen Dialog und die polnisch-deutsche Verständigung. Eine ständige Ausstellung informiert über die Märtyrerin und Europapatronin, der auch kulturelle Begegnungen und Veranstaltungen gewidmet sind.

Das Elternhaus von Edith Stein in Breslau. Hier ist heute die Edith-Stein-Gesellschaft beherbergt.

Ab 1910 lebte die Familie von Edith Stein in diesem Haus in Breslau. Hier ist heute die Edith-Stein-Gesellschaft beherbergt.

Eine dreisprachige Broschüre „Edith Steins Breslau“ auf Polnisch, Deutsch und Englisch stellt  alle Orte der Stadt vor, die mit der Heiligen verbunden sind. Der deutsche Text gibt auch die ursprünglichen deutschen Namen der Stadtteile und Straßen an, was sonst bei Publikationen in Polen selten geschieht.

Früher Tod des Vaters

Das Haus wurde 1890 gebaut, aber erst im Jahre 1910 von der Familie erworben, in deren Besitz es bis 1939 blieb und dann „arisiert” wurde. Es liegt in der heutigen Straße Nowowiejska Nr. 38 im alten Stadtviertel Elbing. Die Straße hieß früher Michaelisstraße. Zwei Gedenktafeln an der Hauswand und ein Stolperstein erinnern an Edith Stein.

Büste von Edith Stein.

Büste von Edith Stein.

Geboren wurde sie in der ul. Dubois 29, der ehemaligen Kohlenstraße. Das Haus wurde 1988 abgerissen und ein neues Gebäude errichtet. In der ul. Kurkowa 12, der alten Schießwerderstraße, wohnte die Familie nach dem Tod des Vaters. Er starb bereits 1895, als Edith Stein noch ein kleines Kind war.

Von 1896 bis 1901 war eine Wohnung in einem Mietshaus in der Jägerstraße (heute ul. Myśliwska 5), 1902 bis 1903 in der Endestraße 7 (heute ul. Henryka Poboźnego 7) und 1903 bis 1909 eine Wohnung im Hochparterre in der Waterloostraße (heute ul. Roosevelta 4) Heimat der Familie, ehe das Haus in der Michaelisstraße erworben wurde.

Edith wie auch ihre vier Schwestern besuchten die Viktoria-Schule. Diese Volksschule wurde 1909 in die ul. ks. J. Poniatowskiego 9 verlegt und in ein Gymnasium umgewandelt. Am 100. Jahrestag ihres Abiturs wurde dort eine Gedenktafel für Edith Stein angebracht, ebenso an der Breslauer Universität.

Urne mit Erde und Asche aus Auschwitz

Seit ihrer Taufe besuchte Edith bei ihren Aufenthalten in Breslau die Gottesdienste in der nahen Michaeliskirche in der ul. Prusa 78, die bis 1945 Lehmdamm hieß. Heute erinnert in der Kirche eine eigene Kapelle an die Heilige. Eine Urne auf dem Altar enthält Erde und Menschenasche aus Auschwitz. Der Altar hat die Form einer Bibel und trägt die Aufschrift „Ave Crux Spes Unica“ und das Todesdatum der Heiligen.

Altar der Kapelle in der Michaeliskirche.

Altar der Kapelle in der Michaeliskirche.

Die Grünanlage um die Kirche ist nach Edith Stein benannt, auch die Straße, die vom Elternhaus zur Michaeliskirche führt, heißt heute ul. Edyty Stein. Auf dem Alten Jüdischen Friedhof (ul. Sležna 37/39, früher Lohestraße) sind die Gräber des Vaters und der Mutter erhalten.

Darüber hinaus gibt es in Breslau weitere Denkmäler und Orte der Erinnerung an Edith Stein: An der Kreuzung der Straßen Prusa und Wyszyńskiego, vor der Michaeliskirche, steht das Friedenskreuz des österreichischen Künstlers Helmut Strobl. Zuvor war er mit der Originalvorlage des Kreuzes zu verschiedenen Orten gepilgert, die mit dem Leben Edith Steins verbunden sind.

Denkmäler und Orte der Erinnerung

Danach wurde das Kreuz in Patsch bei Innsbruck aufgestellt, und 2008 eine zweite Fertigung in Breslau. In der Schule bei der Michaeliskirche, die von Salesianern betreut wird, ist ein Mosaik zu sehen, das Edith Stein als Nonne darstellt. Am Südturm der Kathedrale auf der Dominsel wurde 2010 eine zwei Meter hohe Statue der Heiligen angebracht.

Im Bürgersaal des Rathauses, wo die Büsten berühmter Breslauer Bürger gezeigt werden, findet sich auch eine Büste Edith Steins. Für die Josefskirche (ul. Olbinska 1) hat eine Künstlerin ein Gemälde der Heiligen gemalt. Vor derselben Kirche findet sich ein Kreuz auf einem schwarzen Marmorsockel, das an ihren Namen erinnert: Teresia Benedicta a Cruce.

Rudolf Grulich

Frühere Wallfahrten von KIRCHE IN NOT mit Prof. Rudolf Grulich:

13.Jan 2017 09:18 · aktualisiert: 9.Aug 2017 14:19
KIN / S. Stein