Der Muttergottesberg bei Grulich

Kirchenhistoriker Rudolf Grulich über einen Wallfahrtsort in Tschechien

Kirche auf dem Muttergottesberg in Grulich (Kraliky).

Kirche auf dem Muttergottesberg in Grulich (Kraliky).

Ein österreichischer katholischer Informationsdienst schrieb nach der Wende in der Tschechoslowakei vom „Berg der heiligen Mutter von Kraliky” und meinte dabei den Muttergottesberg bei Grulich.

Während österreichische und deutsche Medien immer noch nur die tschechischen Namen gebrauchen, wird in Grulich bereits seit langem wieder der deutsche Name verwendet: Dort gibt es Postkarten und Holzschnitte für tschechische und deutsche Pilger.

Ganz selbstverständlich heißt es heute wieder: Muttergottesberg bei Grulich. Die Zahl der Pilger nimmt Jahr für Jahr zu, aus der Tschechischen Republik, der Slowakei, aus Deutschland, Österreich und dem nahen Polen.

Die Geschichte der Wallfahrt nach Grulich ist untrennbar verbunden mit dem Königgrätzer Bischof Tobias Johannes Becker, der im Jahr 1649 in dem späteren Wallfahrtsort geboren wurde. Er hatte am Jesuitengymnasium in Glatz und dann an der Prager Universität studiert und sich als Prager Domprediger einen Namen gemacht.

Blick vom Muttergottesberg auf Grulich (Kraliky) .

Blick vom Muttergottesberg auf Grulich (Kraliky) .

1702 wurde er Bischof von Königgrätz, wo er 1704 für die Priester Richtlinien für ihre Arbeit im Zuge der Gegenreformation erließ. Erst 1664 war die Diözese Königgrätz gegründet worden.Mit dem Muttergottesberg war Becker seit seiner Kindheit verbunden.

Wegen des rauen Klimas hieß dieser Berg früher einfach der „Kahle” oder der „Kalte Berg”. Seit Mitte des 17. Jahrhunderts hatten Grulicher Kinder den Berg aufgesucht und hier gebetet, so weiß die Überlieferung zu berichten.

Gedenktafel an Tobias Becker, den Erbauer der Wallfahrtskirche in Grulich (Kraliky).

Gedenktafel an Tobias Johannes Becker.

Unter ihnen war auch Tobias Becker, der als Prager Domkapitular 1696 in seine Geburtsstadt kam, als er hörte, dass sich nach Jahrzehnten wieder viele Kinder aus Grulich zum gemeinsamen Gebet auf den Berg begaben.

Bereits am 6. August 1696 wurde der Grundstein zu einer Kirche gelegt, für die Tobias Becker ein altes Marienbild, eine Kopie des römischen Bildes von Maria Maggiore, als Gnadenbild stiftete. Es überlebte Krieg und Plünderungen, auch den Brand der Kirche im Jahr 1846.

Für die Ausgestaltung des repräsentativen Baus der gesamten Wallfahrtsanlage tat Becker auch als Bischof vieles. 1710 wurde die „Heilige Stiege” fertiggestellt.

Die Wallfahrten nahmen ständig zu und überdauerten auch die Zeit von Kaiser Josef II., der in Böhmen und Mähren viele Klöster aufhob und Wallfahrten verbot. Seit 1883 betreuten Redemptoristen den Wallfahrtsort, zu dem bis 1939 jährlich Hunderte von Prozessionen kamen, wobei zwei Drittel der Wallfahrer Deutsche und ein Drittel Tschechen waren.

Die Teilnehmer der gemeinsamen Wallfahrt von KIRCHE IN NOT und dem Institut für Kirchengeschichte für Böhmen-Mähren-Schlesien feierten in der Wallfahrtskirche in Grulich einen Gottesdienst. Er wurde von Pater Hermann-Josef Hubka, dem geistlichen Assistenten von KIRCHE IN NOT Deutschland, geleitet.

Die Teilnehmer der gemeinsamen Wallfahrt von KIRCHE IN NOT und dem Institut für Kirchengeschichte für Böhmen-Mähren-Schlesien feierten in der Wallfahrtskirche in Grulich einen Gottesdienst. Er wurde von Pater Hermann-Josef Hubka, dem geistlichen Assistenten von KIRCHE IN NOT Deutschland, geleitet.

Seitdem im Jahre 1742 Schlesien durch die Aggressionen Friedrichs II. preußisch wurde, lag Grulich an der österreichisch-preußischen Staatsgrenze, aber bis zum Zweiten Weltkrieg pilgerten auch die Gläubigen der benachbarten Grafschaft über die Grenze nach Grulich, die dann 1918 tschechoslowakisch-deutsche Grenze wurde.

Schon früher erschienen Bücher und Broschüren über den Muttergottesberg. Bischof Tobias Becker ließ 1707 ein 546 Seiten umfassendes Gebetbuch drucken: „Dreyzehnfache Heylsame Andacht auff dem so genannten Mutter-Gottes-Berg bey Grulich”. 1721 folgte in Prag die „Marianische Gnadenburg”, die immer wieder neu aufgelegt wurde.

Redemptoristen wurden verschleppt

Die Vertreibung der Sudetendeutschen traf 1946 auch den Wallfahrtsort hart. Die Stadt Grulich verlor ihre deutschen Einwohner, der Berg die deutschen Redemptoristen. Als 1950 in der Tschechoslowakei alle Klöster aufgehoben wurden, verschleppte man auch die tschechischen Redemptoristenpatres.

Hochaltar in der Wallfahrtskirche von Grulich.

Hochaltar in der Wallfahrtskirche von Grulich. Hier wird das Gnadenbild der Muttergottes von Grulich aufbewahrt.

Der Muttergottesberg wurde zum Konzentrationskloster für Ordensfrauen bis zur Wiederzulassung der Orden 1990. In den Gebäuden auf dem Berg waren Schwestern von der Kongregation der Unbefleckten Empfängnis vom Dritten Orden des heiligen Franziskus konfiniert, und zwar tschechische und deutsche Schwestern.

Konzentrationskloster für Ordensfrauen

Seit 1964 konnten zwölf der deutschen Schwestern in die Bundesrepublik ausreisen, wo sie im Exerzitienhaus St. Paulus in Leitershofen bei Augsburg tätig waren. Durch ihre Hilfe konnte die Kirche auf dem Muttergottesberg renoviert werden.

Fünfzig Schwestern sind auch nach der Wende immer noch auf dem Berg, da sie ihre eigentlichen Klöster in Olmütz, Kremsier oder Prerau noch nicht zurückerhalten hatten. Erst als dies geschah, verließen die Schwestern den Berg.

Die Teilnehmer der Wallfahrt hatten Gelegenheit, das Gnadenbild der Muttergottes von Grulich zu verehren.

Die Teilnehmer der Wallfahrt hatten Gelegenheit, das Gnadenbild der Muttergottes von Grulich zu verehren.

Unter den älteren Schwestern waren auch einige, die 1936 nach Estland gegangen waren, um in der dortigen Diaspora zu helfen. Einige kehrten 1940 in ihre Heimat zurück, vier blieben in Estland. Drei von ihnen sind erst 1988, also nach 52 Jahren, in die Tschechoslowakei gekommen. Die vierte Schwester war in Dorpat (heute Tartu) verstorben, wo neben Reval (heute Tallinn) heute die einzige katholische Gemeinde Estlands besteht.

Nach Estland in die Diaspora

Als ich Schwester Salvatora nach der Wende besuchte, erzählte sie uns in Grulich von ihrer Arbeit im Baltikum, wo die Schwestern bis 1940 in Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern arbeiteten, dann unter den Kommunisten als Holzarbeiterinnen im Wald, ehe sie wieder in Krankenhäuser durften.

Eine Delegation der Gemeinde Dorpat war 1990 in Grulich. Sie dankte den Schwestern und überreichte eine Urkunde, in der die Schwestern als die geistlichen Eltern der Dorpater Katholiken bezeichnet werden.

Blick auf die Wallfahrtskirche in Grulich (Kraliky).

Blick auf die Wallfahrtskirche in Grulich (Kraliky).

Auf Estnisch und Deutsch heißt es da: „Ohne Ihre anstrengende Arbeit, ohne Ihre Leiden, hätte unsere Gemeinde kaum diese inzwischenliegenden qualvollen Zeiten überstanden. Dank Ihrer Hilfe gibt es jetzt in der römisch-katholischen Kirche in Tartu so junge Menschen, die hier den Sinn des Lebens suchen und finden.

Unsere tiefste Verbeugung für diese tapferen Taten. Unser Gott und Herr Jesus Christus vergelte Euch reichlich und schenke Euch viel innere Freude in Ihm. Die römisch-katholische Gemeinde in Tartu (Dorpat).”

Die Heilige Stiege in der Wallfahrtskirche in Grulich (Kraliky). Die letzten Stufen sollen nur auf Knien betend zurückgelegt werden.

Die Heilige Stiege in der Wallfahrtskirche in Grulich (Kraliky). Die letzten Stufen sollen nur auf Knien betend zurückgelegt werden.

Die alten Schwestern aus Estland sind tot, aber ihr Missionsgeist war auf junge Schwestern übergesprungen. Heute arbeiten wieder tschechische Schwestern dieser Kongregation in der Pfarrei und Schule von Dorpat.

Die mächtige Anlage des Muttergottesberges mit den Türmen und Ambiten, den zahlreichen Kapellen und Statuen ist nach der Rückkehr der Redemptoristen auf ihren Berg wieder zu einem Pilgerzentrum geworden, nicht nur in der Diözese Königgrätz, sondern auch für Ausländer. Die Pilger können in einem neuen Pilgerheim übernachten.

Immer mehr sudetendeutsche Pilger kommen nach Grulich. Viele Heimatvertriebene haben es sich zur Aufgabe gemacht, den deutschen Muttergottesberg zu retten, die Kirche, Inschriften, Bilder und Kapellen zu restaurieren. Vom Haupteingang aus blicken wir auf die sieben mal sieben Stufen der Heiligen Stiege.

Am Horizont sehen wir den 1425 Meter hohen Grulicher Schneeberg. Nur sechs Kilometer sind es von der Kirche bis zur polnischen Grenze. Der Kreuzgang ist mit Altären und Statuengruppen geschmückt. Maler des 18. und 19. Jahrhunderts haben daran gearbeitet. Im Pilgerhof sprudelt die Marienquelle.

In der Kirche hängt das Gnadenbild über dem Hauptaltar, der die Krönung Mariens zeigt. Prächtige Seitenaltäre zieren die Kirche: Sie tragen Statuen der böhmischen Heiligen und der Heiligen der einst hier tätigen Orden.

Professor Dr. Rudolf Grulich

Frühere Wallfahrten von KIRCHE IN NOT mit Prof. Rudolf Grulich:

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1.Jun 2017 09:22 · aktualisiert: 17.Mai 2018 14:49
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