Moskaus Kampf gegen die Kirche

Historiker Professor Rudolf Grulich zum 100. Gedenktag der Oktoberrevolution

Russisch-orthodoxes Kreuz.

Russisch-orthodoxes Kreuz.

Zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution wird Russland wieder feiern. Die Februarrevolution 1917 hatte der orthodoxen Kirche zwar erstmals wieder eine Patriarchenwahl erlaubt und Hoffnungen geweckt.

Bald nach der Machtübernahme der Kommunisten begann aber eine Zeit der Verfolgung aller Gläubigen bereits zu Lebzeiten Lenins, nicht erst unter Stalin. Besonders betroffen war die katholische Kirche.

Am 31. März 1923, liquidierte ein GPU-Mann im Moskauer Sokolniki-Gefängnis den 56-jährigen Prälaten und Generalvikar Konstantin Budkewicz durch Genickschuss.

Sein Vergehen: Er hatte Religionsunterricht erteilt, was nach einem Dekret vom 21. Januar 1921 an Personen unter 21 Jahren verboten war, und sich geweigert, kirchliche Wertgegenstände wie Kelche und Monstranzen an den Staat abzuliefern.

Mit dem Generalvikar stand auch sein Bischof Jan Cieplak vor Gericht, auch er wurde zum Tode verurteilt, aber gegen einen polnischen Kommunisten nach Warschau ausgetauscht. Mit diesem Prozess gegen den Bischof, den Generalvikar und weitere Priester der Erzdiözese Mohilev setzte die erste Etappe des Kampfes gegen die katholische Kirche in Russland ein.

Die Auferstehungskirche in Sankt Petersburg.

Die Auferstehungskirche in Sankt Petersburg.

Damals wurden die alten Diözesen aufgelöst und die Bischöfe vertrieben; in der zweiten Etappe gelang es Stalin, die von dem Geheimbischof Michel d’Herbigny geheim geweihte Hierarchie zu zerschlagen. Der dritte Abschnitt begann seit 1939/1940, als mit Ostpolen und dem Baltikum bis dahin intakte katholische Gebiete und Diözesen erstmals unter sowjetische Herrschaft gerieten und dies 1944/45 ein zweites Mal erfolgte.

Entschlossenheit der Sowjets

Wie entschlossen die Sowjets waren, zeigt ein Beitrag in der Zeitung „Prawda” einen Tag nach der Hinrichtung von Budkevicz: „Warum eröffnet man keinen Prozess gegen den Papst von Rom? Der Prozess Cieplak hat bewiesen, dass die verantwortlichere Person in dem von gegenrevolutionären Priestern organisierten Widerstand gegen die Beschlagnahme des Kirchenbesitzes der Papst von Rom ist.

Er sollte von einem Revolutionsgerichtshof abgeurteilt werden. Der Prozess und das jüngst verkündete Urteil haben bewiesen, dass der katholische Klerus ein unbändiger Feind der Armen und der Regierung der Bauern und Arbeiter ist.“

Gedenkkreuz für die Opfer  eines Gulag-Arbeitslagers.

Gedenkkreuz für die Opfer eines Gulag-Arbeitslagers.

Bei der Machtübernahme der Bolschewisten 1917 durch die Oktoberrevolution gehörten zum damaligen Russland auch Teile von Polen, die baltischen Staaten, Weißrussland und die Ukraine. Es gab eine Kirchenprovinz Mohilev, zu der neben der Erzdiözese Mohilev die Suffraganbistümer Wilna, Samogitien, Lutzk-Shitomir und die Diözese Tiraspol mit Sitz in Saratow an der Wolga gehörten.

1801 Priester betreuten in 1051 Pfarrkirchen, 258 Filialkirchen und 717 Kapellen fast fünf Millionen Katholiken. Sitz des Erzbistums Mohilev war Sankt Petersburg, das auch eine Kaiserliche Römisch-katholische Geistliche Akademie und das Priesterseminar beherbergte. Ein weiteres katholisches Priesterseminar gab es in Saratow an der Wolga für die Russlanddeutschen der Diözese Tiraspol.

Das Bistum Mohilev reichte bis nach Alaska

Die Diözesanstruktur Russlands war im 18. Jahrhundert entstanden. Mohilev war die größte Diözese der Welt, da sie bis Alaska reichte. Für die Katholiken des russischen Königreiches Polen gab es nach dem Wiener Kongress eine eigene Kirchenprovinz Warschau.

Zar Nikolaus I. (1825–1855) ging unversöhnlich gegen die Unierten vor und schloss seit 1832 zahlreiche katholische Kirchen. 1839 verleibte er die unierte Kirche auf russischem Boden ganz in die orthodoxe Kirche ein. Trotzdem kam der Zar im Dezember 1845 nach Rom und besuchte zweimal Papst Gregor XVI.

Göttliche Liturgie in einer russisch-orthodoxen Kirche.

Göttliche Liturgie in einer russisch-orthodoxen Kirche.

Nach dessen Tod 1846 gab es weitere Verhandlungen unter Pius IX. und es kam am 3. August 1847 zum Abschluss eines Konkordates. In diesem sicherte der Zar die Beibehaltung der Kirchenprovinz Mohilev zu sowie die Neugründung eines Bistums Cherson beziehungsweise Tiraspol.

Am Vorabend des Ersten Weltkrieges gab es in Sankt Petersburg 13 katholische Kirchen und acht Kapellen. Kathedralkirche war die Katharinenkirche auf dem Newski-Prospekt. Das Dekanat Moskau zählte 33 000 Gläubige, davon 27 700 in Moskau.

Vorwurf der Gründung einer konterrevolutionären Organisation

Als erster katholischer Bischof wurde schon 1919 der Erzbischof von Mohilev, Eduard von Ropp, verhaftet und nach mehrmonatiger Haft ausgewiesen. Sein Nachfolger Johann Cieplak wurde 1922 angeklagt, er habe versucht, „eine konterrevolutionäre Organisation mit dem Ziel einer Revolte gegen die Gesetze und Verordnungen der Sowjetregierung“ zu gründen.

Heute können wir anhand der KGB-Akten und russischen, polnischen und deutschen Studien das Ausmaß der damaligen Verfolgung erahnen.

Kirchenruine in Weißrussland (Aufnahme von 2005).

Kirchenruine in Weißrussland (Aufnahme von 2005).

Um eine Seelsorge unter den veränderten Bedingungen des neuen Regimes zu gewährleisten, teilte Rom die Sowjetunion in neun neue kirchliche Sprengel auf: Erzdiözese Mohilev, Diözese Kamenetz, Diözese Minsk, Diözese Shitomir, Diözese Tiraspol, Diözese Wladiwostok, Apostolisches Vikariat Kaukasus-Krim, Apostolisches Vikariat Sibirien, Apostolische Administratur für die Gläubigen des armenischen Ritus. Daneben zählte man zehn Priester (Ukrainer und Russen) des slawisch-byzantinischen Ritus.

Geheime Bischofsweihen

Bis 1925 wurden aber alle katholischen Bischöfe vertrieben und ausgewiesen. Deshalb versuchte der Vatikan durch den Präsidenten der päpstlichen Kommission für Russland, den Jesuiten Michel d’Herbigny, eine Reorganisation der kirchlichen Verwaltung.

Anstelle der alten Diözesen Mohilev und Tiraspol sollten neue Bezirke geschaffen werden. Vier der dafür vorgesehenen Administratoren erhielten die Bischofsweihe im Geheimen durch d’Herbigny.

Der Kreml in Moskau.

Der Kreml in Moskau.

Seitdem war die katholische Kirche Russlands ohne Hierarchie und begann der totale Kampf der sowjetischen Behörden gegen die Seelsorger in den Pfarreien. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges gab es viele Prozesse gegen Priester als „Spione und Geheimagenten ausländischer Mächte“. Es begann damals die Zeit der Untergrund-Diaspora vor allem in den Zwangsarbeitslagern.

Viele Märtyrer unter den Konvertiten

Neben dem eingangs genannten Generalvikar Budkevicz gibt es auf dem Gebiet der Russischen Föderation eine ganze Reihe von Blutzeugen und Märtyrern verschiedener Volksgruppen: Polen und Litauer, aber auch russische Konvertiten, Deutsche, Armenier und Georgier. Jede seelsorgliche Tätigkeit war schon unter Lenin erschwert, aber dennoch gab es noch Priester, bis seit 1937 mit Stalins Säuberungen auch Massenhinrichtungen einsetzten.

Besonders groß ist die Zahl der russischen Märtyrer, die zur katholischen Kirche konvertiert und zum Teil Priester geworden waren oder als orthodoxe Priester katholisch wurden. Groß ist auch die Zahl russischer Frauen, die in die katholische Kirche eintraten und Nonnen wurden.

Das Lenin-Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau.

Das Lenin-Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau.

Artikel 124 der Verfassung der alten UdSSR besagte: „Zum Zwecke der Gewährleistung der Gewissensfreiheit für die Bürger sind in der UdSSR die Kirche vom Staat und die Schule von der Kirche getrennt. Die Freiheit der Ausübung religiöser Kulthandlungen und die Freiheit antireligiöser Propaganda werden allen Bürgern zuerkannt.“

Kirche unter Kontrolle des Staates

Hier lag während der Sowjetherrschaft Einseitigkeit und Diskriminierung vor: Beschränkung auf Kulthandlungen für die Gläubigen, aber Möglichkeit der Propaganda für Atheisten. Die erste sowjetische Verfassung von 1918 hatte auch den Gläubigen noch die Möglichkeit von „religiöser Propaganda“ gewährt.

Aber die Verordnung über die religiösen Vereinigungen vom 8. April 1929 schränkte die Tätigkeit der Kirchen ein und unterstellte sie total der Kontrolle des Staates. Religionsunterricht für Jugendliche unter 18 Jahren war verboten.

Ein Palast in Sankt Petersburg.

Ein Palast in Sankt Petersburg.

Als Beispiel, wie sehr die katholische Kirche in der Sowjetunion zugrundegerichtet wurde, erwähnen wir im alten Sankt Petersburg, das nach Lenins Tod in Leningrad umbenannt wurde. Es hatte einen Erzbischof, ein Domkapitel, eine geistliche Akademie, ein Priesterseminar und 13 katholische Kirchen gegeben.

Völlig verschwunden waren seit 1923 außer Erzbischof, Domkapitel und Akademie die Kirche des hl. Kasimir und die Bonifatiuskirche. Die Katharinenkirche auf dem Nevski-Prospekt, die 1783 eingeweiht wurde, war seit 1922 geschlossen. Im Inneren befand sich bis zum Ende der Sowjetunion ein Fahrradlager.

Kirchen wurden zu Lagerräumen und Steinbrüchen

Die Kirche Maria Himmelfahrt wurde ein Studentenheim, das ehemalige Priesterseminar ein Institut der Metallarbeiter. Die St.-Stanislaus-Kirche diente als Pelzlager. Die St.-Marien-Kirche war brannte 1925 aus und wurde als Steinbruch genutzt. Die Herz-Jesu-Kirche wurde ein Wohnhaus.

Bischof Joseph Werth aus Nowosibirsk.

Bischof Joseph Werth aus Nowosibirsk.

Übrig blieb nur die sogenannte französische Kirche Notre Dame de France aus dem Jahre 1880. Neben den 13 Kirchen (davon acht Pfarrkirchen) gab es bis 1917 neun weitere katholische Kapellen und zwei katholische Schulen, die ebenfalls verstaatlicht wurden.

Die bischofslose Zeit dauerte bis 1989, als erstmals wieder im Zuge der Perestrojka mit Thaddäus Kondrusiewicz ein katholischer Bischof in Weißrussland ernannt werden durfte.

Er wurde später Erzbischof in Moskau und war für das europäische Russland zuständig, während seit 1991 in Sibirien Bischof Josef Werth von Novosibirsk aus die Katholiken zwischen dem Ural bis Wladiwostok betreute.

Erst 1999 und 2002 wurden zwei weitere Diözesen in Saratow und in Irkutsk eingerichtet. Außerdem entstanden in den 1991 selbstständig gewordenen Staaten im Baltikum, Weißrussland, der Ukraine und in Kasachstan neue Diözesen und im Kaukasusgebiet und in Zentralasien neue Jurisdiktionsgebiete.

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7.Nov 2017 10:57 · aktualisiert: 27.Nov 2017 14:49
KIN / S. Stein