„Mein Kind, von jetzt an heilt’s!” 

Der Wallfahrtsort Philippsdorf gilt als das nordböhmische Lourdes

Die Wallfahrtskirche in Philippsdorf.

Die Wallfahrtskirche in Philippsdorf.

Bis 1918 galt der kleine Ort Philippsdorf in Nordböhmen nach Mariazell und Přibram als einer der größten Wallfahrtsorte der österreichisch-ungarischen Donaumonarchie.

Wie in anderen Pilgerstätten, zum Beispiel in Grulich, waren auch in Philippsdorf die Patres des Redemptoristenordens die Betreuer der Wallfahrt.

Wie in Grulich erlitten auch in diesem „nordböhmischen Lourdes” die deutschen Einwohner das Schicksal der Vertreibung. Philippsdorf ist heute in der Tschechischen Republik und heißt Filipov. Die Stadt liegt direkt an der Grenze nach Sachsen am Grenzübergang Neugersdorf.

Die Wallfahrtskirche wurde zwischen 1870 und 1885 im neoromanischen Stil erbaut. 1926 erhob Papst Pius XI. die Kirche in den Rang der Basilika. Die Gnadenkapelle des Gotteshauses wurde an der Stelle errichtet, an der sich 1866 eine wundersame Heilung ereignete.

Innenraum der Basilika in Philippsdorf.

Innenraum der Basilika in Philippsdorf.

Dahinter steckt folgendes Ereignis: Die 1835 geborene Magdalena Kade litt seit zehn Jahren an einem Ekzem. Mehrfach hatte sie bereits die Sterbesakramente empfangen und lange Zeit sogar in Bewusstlosigkeit verbracht.

Wundersame Heilung nach einer Vision

Am 13. Januar 1866, morgens um vier Uhr, erlebte sie eine Vision. Die Muttergottes erschien ihr und sprach: „Kind, von jetzt an heilt’s.” Tatsächlich wurde Magdalena Kade gesund. Sie starb erst im Jahr 1905.

Gerade was die Zahl weiterer wundersamer Heilungen betraf, konnte Philippsdorf im 19. Jahrhundert mit Lourdes verglichen werden. Von weither kamen die Pilger dorthin. Jedes Jahr wurde am Erscheinungstag, am 13. Januar um 4:00 Uhr früh, in der Gnadenkapelle die heilige Messe gefeiert.

Direkt über der Stätte, an der die wundersame Heilung der Magdalena Kade geschehen ist, wurde die Gnadenkapelle errichtet.

Direkt über der Stätte, an der die wundersame Heilung der Magdalena Kade geschehen ist, wurde die Gnadenkapelle errichtet.

Um 10:00 Uhr feierte man unter höchster Beteiligung von Einheimischen und Wallfahrern am Hochaltar der Basilika ein Pontifikalamt. Von 4:00 Uhr bis 10:00 Uhr wurde in sechs Beichtstühlen Beichte gehört.

Mit der Festfeier war eine Oktav mit täglicher Abendpredigt, Andacht und sakramentalem Segen verbunden. Die Kirche war jeden Abend gefüllt, selbst bei Schneetreiben, Glatteis und Kälte. Schließlich war die Vision am Morgen eines Januartages.

Erscheinungsfest auch außerhalb der Heimat

Aber auch nach der Vertreibung wurde das Fest begangen: Schon im Mai 1946 nahm ein vertriebener Philippsdorfer, „Vater Bitterlich”, der nach Burg bei Herborn (Hessen) gekommen war, den Gedanken auf, Philippsdorf und das Erscheinungsfest auch außerhalb der Heimat weiterzuführen.

Gottesdienst der Reisegruppe in der Basilika von Philippsdorf.

Gottesdienst der Reisegruppe in der Basilika von Philippsdorf mit Bischof em. Hubert Bucher (r.).

Er lud zunächst zum Erscheinungsfest für Samstag, den 18. Januar 1947, nach Herborn ein. In der kleinen Diasporakirche wurde im Gedenken an Philippsdorf der Gottesdienst gefeiert. 1948 war der Gottesdienst bereits so stark besucht, dass der angemietete Saal in einem Hotel nicht mehr ausreichte.

Wiederaufleben der Wallfahrt nach Philippsdorf 

Viele Menschen pilgerten bald nach der Öffnung der Grenzen in die alte Heimat, wo inzwischen auch in Tschechien die Wallfahrt nach Philippsdorf wieder auflebte. Es kamen nicht nur Tschechen nach Filipov, sondern über die nahe Grenze aus Sachsen auch viele Bürger der neuen Bundesländer.

Muttergottes in der Basilika von Philippsdorf.

Muttergottes in der Basilika von Philippsdorf.

Mitte der 1980er-Jahre wurde in Philippsdorf die Kirche renoviert. Das Muttergottesbild krönte 1985 von František Kardinal Tomašek mit einer Goldkrone, die der heilige Papst Johannes Paul II. geweiht hatte.

In die Krone sind sechs böhmische Granaten eingearbeitet. Die Krone stifteten sudetendeutsche Katholiken der Ackermanngemeinde, die sie vorher im Rahmen einer Wallfahrt nach Rom gebracht hatten.

Die deutsche Wiedervereinigung und die Abschaffung der Visa-Pflicht für Deutsche sowie die Aufnahme der Tschechischen Republik in die Europäische Union haben die Pilgerzahlen nach Philippsdorf steigen lassen. Heute gibt es dort auch wieder deutschsprachige Gottesdienste.

Die Gnadenkapelle links hinter dem Eingang in die Basilika trägt auch im tschechischen Filipov eine Tafel mit der deutschen Aufschrift: „Mein Kind, von jetzt an heilt’s.”

Wie andere ehemals sudetendeutsche Wallfahrtsorte (Maria Kulm, Grulich) hat auch Philippsdorf ein eigenes Lied (siehe unten). Es endet mit dem Satz, den Magdalena Kade in ihrer Vision hörte: „Mein Kind, von jetzt an heilt’s …” Interessanterweise wurde dieser Satz selbst in der tschechischen Version des Liedes nicht übersetzt.

Professor Rudolf Grulich

Das Philippsdorfer Wallfahrtslied

Eine Statue der Muttergottes über dem Portal der Wallfahrtskirche in Philippsdorf.

Eine Statue der Muttergottes über dem Portal der Wallfahrtskirche in Philippsdorf.

Zu Philippsdorf schon manchen Tag
Im Jahre sechsundsechzig lag
Die kranke Magdalena still
Und duldete der Schmerzen viel.
Sie rief: Maria, es ist Zeit!
Hilf, Mutter der Barmherzigkeit!
Da strahlt es in der Stube licht,
Maria zu der Kranken spricht:

„Mein Kind, von jetzt an heilt’s,
Mein Kind, von jetzt an heilt’s!”
Singt Ave Maria, singt Ave Maria,
Singt Ave Maria, Maria!

Die Muttergottes gleich entschwebt,
Voll Dank die Kranke sich erhebt,
Verschwunden ihre Wunden sind
Und Kraft durch ihre Adern rinnt.
Mariens Wundermacht sie preist,
Und bald von Haus zu Haus es heißt:
Maria war in unser’m Ort
Und machte wahr ihr Mutterwort:
„Mein Kind, von jetzt an heilt’s …”

Schild an der Wallfahrtskirche in Philippsdorf.

Schild an der Wallfahrtskirche in Philippsdorf.

In Andacht wollen viele seh’n,
Die Stätte, wo das war gescheh’n.
Sie kamen d’rum von nah und fern
Zur lieben Mutter unseres Herrn
Und beteten am Gnadenort,
Zum Heil der Kranken immerfort.
Maria noch wie einstens spricht:
„Vertrau auf Gott, verzage nicht!
Mein Kind, von jetzt an heilt’s …”

Wer seufzend trägt des Kreuzes Last,
Der komme her zu frommer Rast!
Ob jemand ist am Leibe krank,
Ob ihm des Lebens Mut entsank,
In Sündenelend, Seelenpein,
Kann allen ja geholfen sein.
In Leiden und in Ängsten schwer
Tönt’s von der Gnadenstätte her:
„Mein Kind, von jetzt an heilt’s …”

Kirchenfenster in der Basilika in Philippsdorf.

Kirchenfenster in der Basilika in Philippsdorf.

Geht einst auf Wegen rau und hart
Zu Ende meine Pilgerfahrt,
Und bricht die Todesstunde an,
Am Abend meiner Lebensbahn,
Dann, Mutter, denk der Bitten mein,
Lass mich im Sterben nicht allein!
Und sage mir zum letzten Mal
Beim Scheiden aus dem Erdental:
„Mein Kind, von jetzt an heilt’s …”

Alle Fotos: Rudolf Weilguni, München.

Frühere Wallfahrten von KIRCHE IN NOT mit Prof. Rudolf Grulich:

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10.Jul 2018 07:06 · aktualisiert: 10.Jul 2018 16:23
KIN / S. Stein