Über zwei Millionen Pilger jährlich

Interview über die Geschichte und die Verehrung des Prager Jesuleins

Eva-Maria Kolmann, Mitarbeiterin in der internationalen Zentrale von KIRCHE IN NOT.

Eva-Maria Kolmann, Mitarbeiterin in der internationalen Zentrale von KIRCHE IN NOT.

In der Kirche „Maria vom Siege“ in Prag wird eine ganz besondere Jesuskind-Statuen verehrt: das Prager Jesulein. Viele Tausend Gläubige und Touristen strömen jedes Jahr in die tschechische Hauptstadt, um das nur rund 50 Zentimeter Gnadenbild zu sehen.

Die Kirche mit dem Prager Jesulein war auch eine Station während der Wallfahrt von KIRCHE IN NOT und dem Institut für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien.

Volker Niggewöhner hat über Geschichte und Bedeutung dieses Gnadenbildes gesprochen mit Eva-Maria Kolmann von der internationalen Zentrale von KIRCHE IN NOT.

Frau Kolmann, woher stammt das Prager Jesuskind und was zeichnet es aus?
Das Prager Jesuskind ist eine Darstellung des Jesusknaben in königlichem Gewand und mit einer Krone auf dem Haupt. In seiner linken Hand trägt er einen Reichsapfel, der die Welt symbolisiert, und die rechte Hand hat er segnend erhoben.

Seine Geschichte beginnt im 16. Jahrhundert in Spanien. Dort erfreute sich die Verehrung der Menschwerdung Gottes zu dieser Zeit großer Beliebtheit.

Figur ist Werk eines spanischen Künstlers

Die heilige Teresa von Avila hatte bei der Gründung neuer Klöster und auf ihren Reisen immer eine Statue des Jesuskindes bei sich. Das Prager Jesulein ist vermutlich ein Werk eines unbekannten spanischen Künstlers.

Auf der Karlsbrücke in Prag.

Auf der Karlsbrücke in Prag.

Was hat es mit den Gewändern auf sich, die das Jesuskind trägt?
Dem Jesuskind werden noch heute aus aller Welt prunkvolle Kleidchen als Votivgaben geschenkt. Die Statue wird ungefähr einmal im Monat umgezogen. Das Heiligtum in Prag hat ein kleines Museum, in dem man einige der prunkvollen Gewänder sehen kann.

Prunkvolle Gewänder aus aller Welt

Eines davon wurde von Kaiserin Maria Theresia eigenhändig gefertigt, andere stammen aus weit entfernten Ländern wie Vietnam oder Korea. Es kommen immer wieder neue Kleidchen dazu, im vergangenen Jahr beispielsweise eines aus der Zentralafrikanischen Republik, das mit afrikanischen Motiven bestickt ist.

Was ist die theologische Aussage des Prager Jesuskindes?

Das Prager Jesulein.

Das Prager Jesulein.

Im Grunde geht es darum, das Geheimnis der Menschwerdung Gottes zu betrachten. Gott hat sich in der Gestalt eines Kindes klein und wehrlos gemacht, damit es uns leichtfällt, ihn zu lieben.

Aber die Darstellung mit der königlichen Krone, dem Reichsapfel und den kaiserlichen Gewändern macht auch klar, dass es der wahre König der Welt und der Geschichte und der verheißene Friedensfürst ist.

Übrigens gibt es in der Orthodoxie und in den katholischen Ostkirchen eine Ikone der Muttergottes unter dem Titel „Nie verwelkende Rose“, auf der das Jesuskind genauso dargestellt wird wie das Prager Jesuskind: mit Krone und königlichen Gewändern, Reichsapfel und mit der segnenden rechten Hand.

Der einzige Unterschied ist, dass es auf diesen Ikonen nicht alleine, sondern mit der Gottesmutter zusammen abgebildet ist.

Das Prager Jesulein wird bei einer Prozession in Nigeria getragen.

Das Prager Jesulein wird bei einer Prozession in Nigeria getragen.

Die Ursprünge des Gnadenbildes liegen vermutlich in Spanien. Wie kam das Jesuskind nach Prag?
Es soll ein Geschenk der heiligen Teresa von Avila an eine adlige spanische Familie gewesen sein. Jedenfalls befand es sich im Besitz der Familie Manrique de Lara. Im Jahr 1556 heiratete Maria Manrique de Lara den böhmischen Adligen Wratislaw von Pernstein.

Zahlreiche bezeugte Wunder

Sie bekam das Jesuskind zu ihrer Hochzeit geschenkt und nahm es mit nach Prag. Ihre Tochter Polyxena von Lobkowitz hatte das Jesuskind ebenfalls als Hochzeitsgeschenk erhalten. Als sie Witwe war, schenkte sie die Statue 1628 dem Kloster der Unbeschuhten Karmeliten auf der Prager Kleinseite.

Wie ging es dann weiter?

Hochaltar mit Prager Jesulein.

Hochaltar mit Prager Jesulein.

In der alten Klosterchronik sind viele Wunder verzeichnet: die Rettung des Klosters aus großen finanziellen Nöten, die überreiche Frucht, die der völlig verdorrte und teilweise verbrannte Weingarten der Karmeliten auf einmal trug, die Bewahrung vor der Pest, die Rettung der Stadt aus der Hand der Feinde, zahlreiche wunderbare Heilungen und vieles mehr.

Die Verehrung des Jesuskindes breitete sich immer weiter aus. Schließlich kam sogar Kaiser Ferdinand III. höchstpersönlich aus Wien, um dem Jesuskind dafür zu danken, dass die Regierenden des Heiligen Römischen Reiches nicht in die Hände der Schweden gefallen waren, als sie sich 1641 in Regensburg aufhielten.

Tag und Nacht wurde das Prager Jesuskind um Hilfe angefleht. Plötzlich floh das schwedische Heer, ohne dass es einen äußerlich erkennbaren Grund gegeben hätte.

Große Gnaden und Gebetserhörungen

Wir Menschen des 21. Jahrhunderts sind ja doch immer etwas skeptisch, wenn es um Wunder und Gebetserhörungen geht. Gibt es das denn heute noch?
Ja, auch heute erfahren unzählige Menschen große Gnaden und Gebetserhörungen, sogar Wunder, wenn sie das Prager Jesuskind in ihren sehr unterschiedlichen Anliegen um Hilfe bitten: von der auffälligen Hilfe bei der Suche eines Arbeitsplatzes oder einer Wohnung bis hin zu Heilungen schwerer Krankheiten des Leibes und der Seele.

Prozession mit dem Prager Jesulein in Pakistan.

Prozession mit dem Prager Jesulein in Pakistan.

Dann gibt es auch viele Ehepaare, die zum Jesuskind gebetet haben, weil sie sich ein Kind gewünscht haben und die nun stolze Eltern sind – gerade auf diesem Gebiet gibt es sehr viele Gebetserhörungen.

Aber auch in allen möglichen anderen Anliegen – den guten Ausgang eines Gerichtsverfahrens oder eine Lösung bei finanziellen Problemen, oder viele, viele andere Beispiele.

Arenzano – großes Heiligtum des Prager Jesuskindes

Wie hat das Prager Jesuskind die Zeit des Kommunismus „überlebt“?
Man kann sagen, dass das Jesuskind selbst dafür gesorgt hatte, dass der Kommunismus seine Verehrung nicht ausgelöscht hatte. Denn in Arenzano bei Genua in Italien besteht seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts ein großes Heiligtum des Prager Jesuskindes.

Es war zunächst eigentlich nur ein unbedeutendes neues Karmelitenkloster an einem vollkommen unbedeutenden Ort. In der winzigen Klosterkapelle stand ursprünglich nur ein kleines Bild des Jesuskindes.

Syrische Kinder zeigen ihre ausgemalten Bilder mit dem Prager Jesulein.

Syrische Kinder zeigen ihre ausgemalten Bilder mit dem Prager Jesulein.

Aber die Wunder, die dort geschahen, waren so offensichtlich. Die Verehrung verbreitete sich so rasant, dass man nur sagen kann, dass das Jesuskind dieses Heiligtum gewünscht haben muss.

Arenzano (Italien) wurde so zum wichtigsten internationalen Zentrum der Verehrung des Prager Jesuskindes in der Welt – mit einer prachtvollen Basilika und eifrigen Patres, die sich ganz in den Dienst dieses Apostolates stellen.

Patres mussten bei null anfangen

Nach der politischen Wende wurde das Prager Heiligtum 1993 dem Karmelitenorden wieder zurückgegeben.

Die Kirche und das Kloster in Prag waren damals in einem schrecklichen Zustand. Die Patres mussten bei null anfangen, und man vermag sich kaum vorzustellen, wie viele Opfer es gekostet haben muss, alles nach und nach wieder instand zu setzen. Aber so kehrte in das Heiligtum endlich wieder Leben ein.

Wie ist es heute?

Papst Benedikt XVI. besuchte 2009 die Kirche mit dem Prager Jesulein.

Papst Benedikt XVI. besuchte 2009 die Kirche mit dem Prager Jesulein.

Inzwischen besuchen jährlich fast zwei Millionen Pilger das Prager Jesuskind. Einer der Höhepunkte war, als im September 2009 Papst Benedikt XVI. das Heiligtum besuchte und dem Jesuskind eine Krone schenkte.

Die Krönung durch den Papst stellt die höchste Ehrung dar, die die römisch-katholische Kirche für Bilder Jesu Christi und der Gottesmutter kennt.

Es war daher ein überaus wichtiger Moment in der Geschichte des Heiligtums. Der Papst selbst hatte den Wunsch, das Prager Jesuskind zu besuchen – ursprünglich war dieser Besuch im Programm seiner Tschechienreise nicht vorgesehen gewesen.

So stand plötzlich das Prager Jesuskind vor den Augen der Welt im Scheinwerferlicht, und alle sahen den Papst vor ihm knien und zu ihm beten.

Papstbesuch im September 2009

Ein weiterer vorläufiger Höhepunkt war, als in der Zeit des Weltjugendtages in Krakau 2016 viele Tausend Jugendliche in das Heiligtum kamen – immerhin ist Prag nicht weit von Krakau entfernt. Im Laufe von nur drei Wochen kamen 125 000 Pilger aus 50 verschiedenen Ländern in das Heiligtum.

Sie feierten 200 heilige Messen. 27 000 junge Pilger aus aller Welt hinterließen in dem Heiligtum außerdem kleine bunte Zettel, auf denen sie ihre Gebete oder Botschaften niedergeschrieben hatten.

Blick über Prag.

Blick über Prag.

Sie haben gerade schon Papst Benedikt XVI. genannt. Können Sie uns noch andere große Persönlichkeiten nennen, die das Prager Jesuskind verehrt haben?
Die Verehrung der Menschwerdung Gottes und Göttlichen Kindheit war bei sehr vielen Heiligen stark ausgeprägt. Ich erinnere hier an die heilige Teresa von Avila und den heiligen Johannes vom Kreuz, aber es gibt unzählige andere.

Ich möchte aber auch an zwei großen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts erinnern:

Josef Kardinal Beran (1888-1969).

Josef Kardinal Beran (1888-1969).

Der erste ist der Bekennerkardinal Josef Beran, der unter den Nazis in den Konzentrationslagern Theresienstadt und Dachau inhaftiert war und der als Erzbischof von Prag unter den Kommunisten 16 Jahre lang in Gefangenschaft verbrachte.

Er war ein sehr großer Verehrer des Prager Jesuskindes. Seine Befreiung aus dem KZ Dachau sah er selbst als Wunder an, das er dem Prager Jesuskind verdankte. Als die Amerikaner am 29. April 1945 vorrückten, um das KZ Dachau zu befreien, hatte der Lagerkommandant bereits beschlossen, die Häftlinge zu töten.

Allerdings trafen die Amerikaner schneller ein als gedacht, und so konnte dieser Plan nicht mehr ausgeführt erden. Bei seiner Rückkehr nach Prag ging Josef Beran als erstes in das Heiligtum des Prager Jesuskindes und feierte an seinem Altar eine heilige Messe, um dem Jesuskind für das Wunder seiner Rettung zu danken.

Edith Stein verehrte Prager Jesulein

Ich möchte auch an die heilige Edith Stein erinnern, die eine große Verehrerin des Prager Jesuskindes war. Sie hat das Heiligtum in Prag selbst besucht. Es wird berichtet, dass sie noch unmittelbar vor ihrer Ermordung in den Gaskammern von Auschwitz sagte: „Das Jesuskind ist auch hier bei uns.“

Übrigens diente das Prager Jesuskind dem französischen Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry als Vorbild für den weltberühmte Erzählung „Der kleine Prinz“. Paul Claudel schrieb auch ein Gedicht über das Prager Jesuskind.

Prager Jesulein in einem Souvenirladen.

Prager Jesulein in einem Souvenirladen.

In welchen Ländern wird das Prager Jesuskind besonders stark verehrt?
Traditionell groß ist die Verehrung des Prager Jesuskind in Südeuropa, in Lateinamerika, auf den Philippinen und in Indien, wo es die weltweit größten Heiligtümer des Jesuskindes gibt.

Allerdings breitet sich die Verehrung des Jesuskindes mittlerweile auch in anderen Teilen der Welt aus, vor allem da, wo die Kirche verfolgt wird.

Weltweite Verehrung

Ein Beispiel ist Nigeria, wo die Verehrung des Jesuskindes mittlerweile in über 20 Diözesen gepflegt wird und wo in der Nähe von Benin City ein Heiligtum geplant ist. Jedes Jahr findet ein großes dreitägiges Fest zu Ehren des Jesuskindes statt, an dem unzählige Gläubige teilnehmen.

Das Prager Jesulein bei einer Familie in der Mongolei.

Das Prager Jesulein bei einer Familie in der Mongolei.

In Pakistan verbreitet sich die Verehrung des Jesuskindes ebenfalls, und auch in Syrien ist das Jesuskind sehr verbreitet. Das Prager Jesulein war der Patron eines Gebetstags der syrischen Kinder für den Frieden, der in mehreren Städten mit Prozessionen und anderen Veranstaltungen abgehalten wurde.

Patron eines Gebetstages in Syrien

Im benachbarten Libanon gibt es seit 13 Jahren ein Heiligtum des Prager Jesuskindes. Nahezu in allen Kirchen und christlichen Familien wird das Jesuskind nun verehrt. Als der christliche Präsident des Landes im vergangenen Jahr Papst Franziskus besuchte, brachte er ihm als Geschenk aus dem Libanon eine Statue des Prager Jesuskindes mit.

Pater Anastasio Roggero mit Messdienern bei einer Prozession mit dem Prager Jesulein in der Zentralafrikanischen Republik.

Pater Anastasio Roggero mit Messdienern bei einer Prozession mit dem Prager Jesulein in der Zentralafrikanischen Republik.

Eine große Rolle spielt Pater Anastasio Roggero, der einer der Pioniere in Prag war, als das Heiligtum wiedereröffnet wurde. Er ist nahezu eine Legende. Inzwischen ist er fast achtzig Jahre alt und hat Statuen des Jesuskindes in nahezu alle Länder der Welt geschickt. Die Mongolei, Mauritius, La Reunion, die Zentralafrikanische Republik, China, Japan, Myanmar oder Singapur sind nur einige wenige Beispiele.

Man kann aber insgesamt sagen, dass es kaum ein Land der Welt geben dürfte, in dem es keine einzige Statue des Prager Jesuskindes gibt.

Frühere Wallfahrten von KIRCHE IN NOT mit Prof. Rudolf Grulich:

1.Aug 2018 08:39 · aktualisiert: 16.Aug 2018 11:23
KIN / S. Stein