Das Erbe von Pater Werenfried van Straaten 

Vortrag von Kardinal Meisner beim Kongress von KIRCHE IN NOT im September 2003

Joachim Kardinal Meisner (1933-2017).

Joachim Kardinal Meisner (1933-2017).

Liebe Schwestern, liebe Brüder! Aus dem Nachlass von Pater Werenfried van Straaten habe ich – auf meine Bitte hin – einen Kugelschreiber geerbt.

Mit diesem Erbe habe ich diesen Vortrag über „Das Erbe von Pater Werenfried” geschrieben. Hoffentlich ist er damit zufrieden?!

Pater Werenfried ist noch kein halbes Jahr unter der Erde, darum lässt sich nach meiner Einschätzung noch kein abgerundetes, historisch gesichertes Bild seines großen Erbes definieren, das er uns hinterlassen hat.

Aber aus der Begegnung mit Pater Werenfried und seinem Werk lassen sich doch schon Grundzüge erkennen, die ans Licht zu ziehen sind, damit wir das Werk ganz in seinem Sinne fortsetzen.

Der Artikel „Friede auf Erden?” von Pater Werenfried in einer Ausgabe der Klosterzeitschrift „De Toren” in Tongerlo im Jahr 1947. Er gilt quasi als Geburtsstunde des Hilfswerks KIRCHE IN NOT/Ostpriesterhilfe.

Der Artikel „Friede auf Erden?” von Pater Werenfried in einer Ausgabe der Klosterzeitschrift „De Toren” in Tongerlo im Jahr 1947. Er gilt quasi als Geburtsstunde des Hilfswerks KIRCHE IN NOT/Ostpriesterhilfe.

Die Gründung von Pater Werenfrieds KIRCHE IN NOT/Ostpriesterhilfe ist nicht aufgrund eines Konferenzbeschlusses zustande gekommen, sondern durch die geistliche Inspiration eines Einzelnen. KIRCHE IN NOT/Ostpriesterhilfe ist nicht zu vergleichen etwa mit Misereor, mit Adveniat oder Renovabis, vielmehr trägt sie den Charakter einer geistlichen Bewegung.

Geistliche Inspiration eines Einzelnen

Alle vorgenannten Werke und Einrichtungen unserer deutschen Bischofskonferenz sind löblich und aus der kirchlichen Landschaft gar nicht mehr wegzudenken, aber sie werden weithin von Kirchensteuergeldern und anderen amtlichen Zuwendungen gespeist, während KIRCHE IN NOT/Osterpriesterhilfe ganz von persönlichen Spenden glaubender Menschen lebt.

Deckblatt der Klosterzeischrift „De Toren”  aus dem Jahr 1947.

Deckblatt der Weihnachtsausgabe der Klosterzeischrift „De Toren” aus dem Jahr 1947.

Darum ist das Werk Pater Werenfrieds van Straaten eine geistliche Bewegung und als solche in der Gegenwart zu praktizieren und in die Zukunft hinein zu tragen.

Das Schlüsselerlebnis Pater Werenfrieds, aus dem sein großes Werk erwuchs, schlägt sich in der Weihnachtsnummer der Monatszeitschrift 1947 seiner Prämonstratenserabtei von Tongerlo in Flandern nieder.

Orazio Petrosillo schreibt in seinen Erinnerungen an Pater Werenfried van Straaten: „Es war Weihnachten, und er schrieb, dass es ,in diesen Bunkern keinen Platz für Jesus Christus gäbe‘. Er bat die Flamen, die noch um ihre von den Deutschen getöteten Angehörigen trauerten, um eine Geste der Wiederversöhnung.

So fing das Abenteuer von Pater Werenfried an: mit einer erstaunlichen Findigkeit. Er bat auch die flandrischen Frauen um ein Stück Speck, woraus der Spitzname ,Speckpater‘, der ihm sehr gefiel, entstand.

Der Spitzname „Speckpater” gefiel ihm

Später folgten die Initiativen der ‚fahrenden Kirchen‘ für die Betreuung der Flüchtlinge in der Diaspora ohne Kirchen, die Gründung des internationalen Bauordens, um ‚Kirchen für Gott und Häuser für die Menschen‘ zu schaffen, die kühnen Einsätze für die Kirche in der kommunistischen Welt und der Sprung von Europa auf die anderen Kontinente mit der Hilfe gegen die materielle und spirituelle Not in allen Ländern der Erde (Orazio Petrosillo, Groß durch Gottvertrauen und Nächstenliebe).”

Darstellung aus der Kinderbibel von KIRCHE IN NOT.

Darstellung aus der Kinderbibel von KIRCHE IN NOT.

Weihnachten feiern wir die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. “Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf” (Joh 1,11), heißt es im Johannesevangelium. Und Pater Werenfried zieht daraus die Konsequenz: Wo man für die Menschen keinen Platz hat, dort gibt es auch für Jesus Christus keinen Platz mehr. Das heißt, das Mysterium der Menschwerdung Gottes ist das Schlüsselerlebnis für das überaus segensreiche Werk von KIRCHE IN NOT.

Die Tränen Gottes trocknen

Weil der Mensch nach dem Bilde Gottes erschaffen ist, konnte Gott in Jesus Christus Mensch werden. Das Göttliche des Menschen und das Menschliche Gottes gestaltet die Geschichte zu einer gott-menschlichen Heilsökonomie. Daraus resultiert die Sendung der Kirche.

Titelbild des Buches „Wo Gott weint” von Pater Werenfried van Straaten.

Titelbild des Buches „Wo Gott weint” von Pater Werenfried van Straaten.

Nachdem Gott Mensch geworden ist, muss man Gott wie einen Menschen behandeln. Pater Werenfried sagt: „Wir müssen die Tränen Gottes dort trocknen, wo er Tränen weint.”

Und man muss den Menschen wie Gott behandeln. Und der Herr sagt ausdrücklich im Evangelium: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan” (Mt 25,40).

Er sagt nicht: „Tut so, als ob ihr mir das getan hättet!”, sondern er sagt indikativ ganz schlicht: „Das habt ihr mir getan!”

Der Sozialismus gibt vor, christliche Botschaft zu verwirklichen und ruft die Bedürftigen dazu auf, sich das Gut der anderen gewaltsam anzueignen. Das Christentum fordert dazu auf, das Seine freiwillig zu teilen.

Pater Werenfried bleibt in seinem großen Hilfswerk ganz Seelsorger. Er hilft dann, dass der Arme nicht stiehlt und der Besitzende teilt, dass sie also das tun, was ihnen zum wahren Menschsein verhilft. Darum wirkt Pater Werenfried als Jünger Jesu durch konkretes Handeln. Sein Charisma ist die Tat und nicht so sehr die Theorie.

Pater Werenfried van Straaten mit Flüchtlingskindern in Palästina.

Pater Werenfried van Straaten mit Flüchtlingskindern in Palästina.

Wenn die östliche Christenheit mehr auf das Göttliche, der Westen mehr auf das Menschlich-Soziale achtet, so hat jeder seine eigene Teilwahrheit. Um zu der unverfälschten gottmenschlichen Fülle Christi zu gelangen, muss man aber beide Teilwahrheiten vereinigen.

Verbindung von christlichem Westen und Osten

Deshalb brachte wohl ganz intensiv, aber theologisch genau richtig, Pater Werenfried den christlichen Westen mit dem christlichen Osten in Verbindung, das heißt er strebte einen Ausgleich zwischen dem mystischen Osten und dem sozialen Westen an. Darin sehe ich die innere Dynamik des Werkes von Pater Werenfried van Straaten.

Das Christentum ruft die Menschen dazu auf, die Fülle des Göttlichen und des Menschlichen in das Dasein hinein zu nehmen, so wie sie in Christus gegeben ist. Gott zu erkennen, bedeutet, bewusst seine Geburt in der menschlichen Seele zu erleben.

Pater Werenfried mit Mutter Teresa mit einem Patienten.

Pater Werenfried mit Mutter Teresa mit einem Patienten.

Die Menschwerdung ist keine Folge des Sündenfalls, sondern des von aller Ewigkeit her vorhandenen Verlangens Gottes, Mensch zu werden und aus jedem menschlichen Wesen ein vergöttlichtes Wesen zu machen, einen Freund Gottes, seinen „Anderen”, der an den Bedingungen des göttlichen Lebens teilhat.

Gott ist besser, als wir denken

Darum konnte Pater Werenfried sagen: „Gott ist besser, als wir denken, und die Menschen sind auch besser, als wir denken.” Deshalb haben wir die Pflicht, weder allein bei Gott, noch allein beim Menschen, sondern beim Gottmenschen zu beginnen. Das ist das Weihnachtserlebnis von Pater Werenfried van Straaten 1947.

Pater Werenfried nahm kein Blatt vor seinen Mund. Wenn es um Gott und den Menschen im kommunistischen System ging, kannte er keine Diplomatie oder falsche Rücksicht. Das Mittelalter hatte Gott zu sehr gegenüber dem Menschen betont. Die Neuzeit hat die Betonung auf den Menschen – gegen Gott – verlegt.

Keine Berührungsängste: Pater Werenfried bittet Bundeskanzler Konrad Adenauer um eine Spende.

Keine Berührungsängste: Pater Werenfried bittet Bundeskanzler Konrad Adenauer um eine Spende.

Unserer Zeit ist die Aufgabe übertragen, dass gott-menschliche Gleichgewicht des Konzils von Chalzedon wieder zu finden: Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Und das ist das eigentlich Neue oder Eigentümliche im Werk von Pater Werenfried. Die Christologie von Pater Werenfried ließ ihn zu einem Nothelfer der Menschen werden.

Gott warf seine Liebe ins Leben von Pater Werenfried

Die Liebe ist eine Initiative Gottes in seiner Menschwerdung: Nicht wir haben Gott zuerst geliebt, sondern Gott hat uns zuerst geliebt. Unsere Liebe ist immer nur Echo. Das Kommunikationsorgan Pater Werenfrieds mit seiner Gemeinschaft trägt daher nicht ohne Grund den Titel „Echo der Liebe”, und es erweckte ein millionenfaches Echo der Liebe.

Gott warf – um in einem anderen Bild zu sprechen – seine Liebe ins Leben von Pater Werenfried, und wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird, Kreise zieht, zog das Leben von Pater Werenfried weite Kreise in die Welt hinein.

Viele Jahre verfasste Pater Werenfried den Leitartikel im „Echo der Liebe” persönlich mit seiner Handschrift.

Viele Jahre verfasste Pater Werenfried den Leitartikel im „Echo der Liebe” handschriftlich.

Die Ausgaben des „Echo der Liebe” waren in erster Linie keine Bettelbriefe, sondern Verkündigung des Glaubens, und in Zeiten der Verwirrung und der religiösen Halbwahrheiten gab das „Echo der Liebe” für viele eine notwendige Lebensorientierung.

Pater Werenfried lebte im Einsatz Gottes zu Gunsten der Menschen, die ihm halfen und denen er ein Helfer war. „Echo der Liebe” ist eine Fundgrube, die Auskunft über Theologie, Spiritualität und Lebenspraxis von Pater Werenfried gibt.

Pater Werenfried wurde zu einer Offenbarung Jesu Christi zu einer ganz bestimmten Zeit, in einem bestimmten Raum. Das geschah zunächst in seiner flandrischen Heimat, dann aber namentlich in Mittel- und Osteuropa und später in die ganze Welt hinein.

Hierfür war ihm eine unglaubliche menschliche Phantasie und Findigkeit gegeben. Pater Werenfried war für die Liebe Christi eine Gelegenheit, sich neu zu offenbaren. Er war, wenn Sie so wollen, eine Re-Inkarnation Christi.

Eine sprühende und hinreißende Persönlichkeit

In der Kirche bewirkt und empfängt Christus täglich diese unbegrenzte Ausdehnung seiner selbst, namentlich durch die Sakramente, die sich dann ins Leben umsetzen. Hier bei Pater Werenfried war es näherhin neben Taufe, Firmung besonders die Priesterweihe.

Werenfried predigt aus einem Kapellenwagen.

Werenfried predigt aus einem Kapellenwagen.

Pater Werenfried war eine sprühende und hinreißende Persönlichkeit. Er ging nicht mit zwei Köpfen oder Herzen durch die Welt, sodass er in der Kirche anders dachte als in der Welt. Er war wie aus einem Guss! Das verlieh ihm seine bekannte Argumentations- und Durchsetzungskraft.

Es ist – glaube ich – deutlich geworden, dass das Werk von Pater Werenfried van Straaten eine gültige Form christlichen Lebens ist, die durch und durch von der Inkarnation, das heißt von der Menschwerdung Gottes geprägt ist.

Gebetbuch in der einen, Fachbuch in der anderen Hand

Und wir werden sie nur weiterführen können, wenn alle, die in diesem Werke mitarbeiten, um es banal zu sagen, das Gebetbuch in der einen Hand halten und das Fachbuch in der anderen Hand, das heißt die aus der tiefen Begegnung mit dem lebendigen Christus in seiner Kirche kommen und die andererseits von dem Phantasiereichtum, der Findigkeit und der Bestimmtheit des Gründers geleitet werden und damit auch etwas verstehen von dem, was die Schrift nennt: „Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes (Lk 16,8).”

Pater Werenfried van Straaten inmitten von Kindern.

Pater Werenfried van Straaten inmitten von Kindern.

Pater Werenfried besaß etwas von der Klugheit der Kinder dieser Welt. Und weil die Kirche die Fortsetzung der Inkarnation Christi ist, wird die Kirche der gültige Lebensraum für das Werk von Pater Werenfried sein und bleiben müssen.

Ich kann mich nicht erinnern, dass es bei KIRCHE IN NOT/Ostpriesterhilfe jemals glaubensmäßige Verwirrungen, Abweichungen oder Differenzen gegeben habe. Ganz im Gegenteil!

Vitalität eines ungebrochenen Glaubens

Die Vitalität eines ungebrochenen Glaubens seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wie ihn die Kirche lehrt, war und ist die Quelle eines dynamischen weltumspannenden Hilfswerkes, das so wenig Mittel für Verwaltungsstrukturen verwendete und darum in der Lage ist, der Kirche in Not in aller Welt so wirksam zu helfen.

Grab von Pater Werenfried in Königstein im Taunus.

Grab von Pater Werenfried in Königstein im Taunus.

Sie sind Erben von Pater Werenfried. Was erben Sie von ihm? – Das Vorrecht, so ungebrochen an Gott und seine Reichtümer zu glauben, um dann so selbstlos den Menschen zu helfen und zu dienen, dass sie zu ihren Gunsten arm werden.

Weil Pater Werenfried wusste, dass die Hilfsbedürftigen die vornehmsten Glieder Jesu sind, geschah seine Hilfe immer in einer Weise, die den anderen nicht demütigte oder zum bloßen Empfänger entwürdigte.

Ein Mann Gottes und kein Sozialreformer

Er wusste immer, dass die Not der anderen die Ressourcen seiner riesigen Spendergemeinde und die Ressourcen von Kreativität und Phantasie bei seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aktualisiert und steigert.

Joachim Kardinal Meisner enthüllt ein Denkmal von Pater Werenfried van Straaten in Königstein im Taunus,

Joachim Kardinal Meisner enthüllt ein Denkmal von Pater Werenfried van Straaten in Königstein im Taunus,

Pater Werenfried ist ein Mann Gottes und nicht ein Sozialreformer. Seine Botschaft an uns ist, nicht das christologische Gleichgewicht – wahrer Gott und wahrer Mensch – zu vergessen.

Die Kirche in Westeuropa und Nordamerika ist deshalb weitgehend zu einer Sozialinstitution entartet, weil sie das christologische Gleichgewicht verloren hat und deswegen letztlich unfruchtbar geworden ist.

Wir haben in Deutschland als katholische Kirche in den letzten 30 Jahren so viel Geld zur Verfügung gehabt wie noch nie in der Kirchengeschichte und gleichzeitig noch nie so viel Glaubenssubstanz dabei verloren.

Wir müssen auf die Gnade und auf das Geld setzen, auf Gott und den Menschen, auf den Himmel und die Erde, dann dürfen wir das Stückchen Welt verwandeln, das uns anvertraut ist. Darin besteht das Erbe von Pater Werenfried van Straaten.

Vortrag von Joachim Kardinal Meisner (1933-2017), Erzbischof von Köln, bei einem Kongress von KIRCHE IN NOT in Castelgandolfo am 12. September 2003

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7.Sep 2018 11:54 · aktualisiert: 7.Sep 2018 11:53
KIN / S. Stein