Kryptochristen in der Türkei

Kirchenhistoriker Prof. Dr. Rudolf Grulich über verborgenes christliches Leben in der Türkei

Eine Frau betet in einer Kirche in der Türkei.

Eine Frau betet in einer Kirche in der Türkei.

Im Lauf der Kirchengeschichte hat es immer wieder Zeiten gegeben, in denen Christen in der Verfolgung ihren Glauben nur im Verborgenen ausüben konnten und sich nach außen hin sogar zu einer anderen Religion bekannten.

Auf dem Balkan gab es die Poturen in Bosnien, die nach außen Muslime zu sein schienen, aber insgeheim den katholischen Glauben praktizierten.

Während diese bei westlichen Kirchenhistorikern kaum bekannten Poturen am Anfang des 19. Jahrhundert verschwanden, hielten sich bei den Albanern unter osmanischer Herrschaft die Laramanen.

Sie besuchten zwar die Moscheen, ließen aber ihre Kinder taufen. Die katholischen Patres, meist Franziskaner, trauten auch die Paare und zelebrierten an hohen Festtagen in Privathäusern Gottesdienste für die Laramanen. Ihr Name bedeutet „die Bunten“ oder „Gescheckten“. Solche Laramanen gibt es bis heute, auch unter Gastarbeitern aus dem Kosovo in Deutschland und in der Schweiz.

Die Hagia Sophia in Istanbul.

Die Hagia Sophia in Istanbul.

Von Kryptochristen spricht man auch heute wieder in der Türkei. Aufgrund der Pogrome 1895/96 und 1908 gegen die Armenier, aber auch gegen syrische beziehungsweise aramäische Christen und vor allem während des Völkermordes 1915 retteten sich viele Christen, indem sie den Islam annahmen.

Hunderttausende Frauen und Kinder verschwanden damals auch in türkischen und kurdischen Harems. Die Übergriffe waren nicht auf das Jahr 1915 beschränkt, sondern dauerten bis 1923 an, bis der Friedensvertrag von Lausanne den griechisch-türkischen „Bevölkerungsaustausch“ sanktionierte.

„Verborgene” Türken

Erst in letzter Zeit entdeckt die Türkei auch diese verlorene Generation. Zahlreiche junge Türken interessieren sich für ihre Großeltern, die oft erst im hohen Alter ihren Enkeln bekennen, keine Türken zu sein, sondern Armenier oder andere Christen. Bekannt wurde das auch durch das ins Deutsche übersetzte Buch von Fethiye Çetin „Meine armenische Großmutter. Erinnerungen“.

Mahnmal für die Opfer des Völkermordes an den Armeniern in Eriwan/Armenien.

Mahnmal für die Opfer des Völkermordes an den Armeniern in Eriwan/Armenien.

Diese „verborgenen“ Türken sind keine Einzelfälle, denn es müssen Zehntausende, ja Hunderttausende gewesen sein, meist im Hinterland des Schwarzen Meeres und in Ostanatolien bis zur irakisch-syrischen Grenze und im Taurusgebirge. Darauf hat auch der im Jahr 2010 in seiner Bischofsstadt Iskenderun ermordete Bischof Luigi Padovese mehrfach hingewiesen.

Ein heute vergessener Zeitzeuge des 20. Jahrhunderts war der 1881 in Erzerum geborene katholische armenische Priester Güregh Zohrabian, der diese Zeit der Verfolgung bis 1923 in Ostanatolien erlebte und darüber berichtete.

Bischof Luigi Padovese (1947-2010).

Bischof Luigi Padovese (1947-2010).

Der später zum Bischof für die katholischen Exilarmenier der weltweiten armenischen Diaspora ernannte Güregh Zohrabian berichtet in seinem Tagebuch von seinen erfolgreichen Bemühungen, in der Nordost-Türkei am Schwarzen Meer solche verschleppten Frauen und Kinder zu befreien.

Zohrabian hatte nach dem Ersten Weltkrieg in Istanbul erfahren, dass viele christliche Frauen weiterverkauft worden waren, wenn sie nicht schon vorher in Harems verschwanden.

Viele von ihnen konnte er in Istanbul mit Hilfe der alliierten Soldaten befreien, noch mehr im Bereich der Schwarzmeer-Mission, zu deren Superior in Trabzon (Trapezunt) er bestimmt war.

Er schreibt: „Ein paar Tage später war ich schon in den Wäldern südlich von Trapezunt nach dem ersten Lazendorf unterwegs. Dann zog ich (…) auf den Dorfplatz ein, wo ich im Teehaus verkünden ließ, dass ich als Priester zu den christlichen Frauen gekommen sei und es mich schon etwas kosten ließe, mich nach so vielen Jahren um ihre Seelsorge kümmern zu dürfen.

„Äußerlich sind sie Muslime geblieben”

Zu meiner Freude kamen tatsächlich ein paar Männer, die mich herzlich begrüßten und nach Hause einluden. Ja, sie hätten sich 1915/16 Christenmädchen eingekauft, seien aber inzwischen von diesen einmaligen Frauen selbst zum Glauben geführt worden, Äußerlich wären sie Muslime geblieben, daheim gebe es aber ein Kreuz und werde von der ganzen Familie das Vaterunser gebetet.“

Die Marienkirche in Vakifliköyü.

Die Marienkirche in Vakifliköyü, dem einzigen armenischen Dorf in der Türkei.

Zohrabian überzeugte sich nach Möglichkeit von der Richtigkeit der Aussagen. Einzelne Frauen blieben sogar in den Familien und ließen ihre Kinder von ihm taufen und – wenn es möglich war – die Ehen segnen.

In diesen Familien erhielt Zohrabian Hinweise, wo andere Mädchen und Frauen gefangen gehalten wurden und wo es Hoffnung auf Loskauf gäbe, denn unter anderem hatte der Kapuziner-Orden, dem er angehörte, ihm Geld für den Freikauf mitgegeben.

„Frauen schlimmer als Haustiere behandelt”

Die Frauen, die ihm gegen Geld angeboten wurden, „waren in der Regel schon durch viele Hände gegangen, wurden von ihren jetzigen Herrn schlimmer als die Haustiere behandelt und 3 sahen trotz ihrer jungen Jahre wie lebende Wracks aus“. Dass es möglich war, im Sommer 1919 etwa 3000 Frauen und Mädchen sowie tausend Knaben zu befreien, war nicht immer leicht.

Eine Frau betet in einer Kirche in der türkischen Stadt Diyarbakir.

Eine Frau betet in einer Kirche in der türkischen Stadt Diyarbakir.

Im damals noch bewohnten griechischen Sumela-Kloster bei Trabzon konnte Zohrabian ein Sammellager einrichten, wo sich die befreiten Christen erholen konnten, ehe sie zu Bekannten oder noch lebenden Verwandten weitergeleitet wurden.

Zohrabian konnte drei Jahre am Schwarzen Meer arbeiten, doch als sich die Franzosen mit Kemal Pascha, dem späteren Atatürk, zunächst im November 1921 in Kilikien über den Abzug einigten und sich dann im Mai 1922 auch aus Trabzon zurückzogen, verließen die meisten Christen das Gebiet, auch der griechisch-orthodoxe Metropolit Chrysanthos, die armenisch-orthodoxen und armenisch-katholischen Priester und die Christlichen Schulbrüder.

„Tod, Verfolgung und bestenfalls Katakombendasein”

Zohrabian schreibt: „Noch war mir ein Sommer gegönnt, um die Christen des Pontus auf alles vorzubereiten, was ihnen bevorstand: Austreibung, Tod, Verfolgung und bestenfalls Katakombendasein. Ich will mich nicht selbst für meine Arbeit loben. Jedenfalls ist es heute, zur Zeit des II. Vatikanischen Konzils, so, dass keine Religion der asiatischen Türkei so viele Geheimchristen zählt wie gerade der Pontus, die Gegend von Trapezunt.“

Blick auf Istanbul.

Blick auf Istanbul.

1923 begann eine neue Leidenszeit, als die Griechen umgesiedelt und aus Häusern und Wohnungen geprügelt wurden. Im März 1923 wurde Zohrabian nach Istanbul gebracht, wo er nach 300 Stockschlägen gehängt werden sollte, aber durch einen Offizier gerettet wurde, der ihn als Kind in Erzerum kennengelernt und dem er geholfen hatte.

Über das Ökumenische Patriarchat kam der Schwerverletzte nach Athen. Er war trotz der Verkrüppelung seiner Füße ungebrochen, schrieb ein Handbuch für die Muslim-Mission und bemühte sich als Missionsbischof in Syrien um Christen, Eziden und Muslime.

Ezidische Kinder in Flüchtlingslager im Nordirak (Foto: KIRCHE IN NOT/Anton Fric).

Ezidische Kinder in Flüchtlingslager im Nordirak (Foto: KIRCHE IN NOT/Anton Fric).

Seine Aufzeichnungen wären es wert, veröffentlicht zu werden, um mehr Licht in das Dunkel der Kryptochristen in Anatolien zu bringen. Seine Aussagen sind heute wieder aktuell.

Irfan Ortaç, der Vorsitzende der Christlich-Ezidischen Gesellschaft, die im Januar 2011 in Nidda gegründet wurde, berichtete nach seiner Reise in den Irak, von Verkäufen gefangener und verschleppter ezidischer und christlicher Frauen und Mädchen durch den „Islamischen Staat”.

Die „Gotteskämpfer“ bezahlen zwischen 25 und 75 Dollar für eine Frau je nach Alter. Die Eziden in Deutschland haben einen Fonds eingerichtet, um die Sklavinnen freizukaufen, was bis zu 10.000 US-Dollar für den Loskauf einer Unglücklichen kostet. Erschreckend dabei ist auch, dass die Übergabe oft in der Türkei geschieht, wo Zwischenhändler tätig sind und die Preise bestimmen.

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9.Okt 2018 09:15 · aktualisiert: 9.Okt 2018 10:22
KIN / S. Stein