Vor 100 Jahren

Der Sturz der Prager Mariensäule

Der Sturz der Prager Mariensäule am 3. November 1918 war ein politisches und religiöses Fanal

Die Karlsbrücke von Prag, eines der Wahrzeichen der tschechischen Hauptstadt.

Die Karlsbrücke von Prag, eines der Wahrzeichen der tschechischen Hauptstadt.

Wenn wir heute aus einer gewissen zeitlichen Distanz ein bestimmtes historisches Ereignis betrachten, so kann dieses im Nachhinein als Symbol oder Fanal für eine sich abzeichnende Zukunft gedeutet werden.

Dies kann sicher für den Sturz der Mariensäule auf dem Altstädter Ring in Prag, am 3. November 1918, einige Tage nach der tschechoslowakischen Unabhängigkeitserklärung, gesagt werden.

Die Mariensäule wurde als Rache für vermeintlich erlittenes nationales Unrecht, als Ergebnis des Wunsches nach Abrechnung mit der katholischen Kirche und der Monarchie, die man für die Unterdrückung des tschechischen Volkes verantwortlich machte, von fanatischen tschechischen Nationalisten gestürzt.

Blick über Prag.

Blick über Prag.

Erbaut wurde die Säule im 17. Jahrhundert. Gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges war Prag 1648 von einem schwedischen Heer bedroht. Dieses konnte Prag jedoch nicht völlig erobern. Zum Dank dafür, dass Prag vor der Verheerung durch die Schweden verschont blieb, ließ Kaiser Ferdinand III. am 22. April 1650 die Errichtung der Mariensäule verfügen.

Einweihung im Jahr 1652

Schon am 23. Mai des selben Jahres erfolgte die Grundsteinlegung und am 20. September die Aufstellung. Die Säule wurde am 13. Juli 1652, dem 44. Geburtstag des Kaisers, feierlich eingeweiht.

Als Künstler für die Schaffung der Säule konnte der Bildhauer Johann Georg Bendl gewonnen werden. Er war der führende Bildhauer der Gegenreformation in Prag. Die Säule galt als sein Hauptwerk.

Auf der Karlsbrücke in Prag.

Auf der Karlsbrücke in Prag.

Die Säule hatte eine lateinische Inschrift. Sie lautete auf Deutsch: „Der ohne Makel der Erbsünde empfangenen jungfräulichen Gottesmutter errichtete der Kaiser aus frommem und gerechten Dank für die Verteidigung und Befreiung der Stadt dieses Standbild“.

Ehrendenkmal für die Unbefleckte Empfängnis

Somit war die Mariensäule ein Ehrendenkmal für die Unbefleckte Empfängnis und auch in gewissem Sinne ein Weihedenkmal. Die Stadt war dadurch der Unbefleckten Empfängnis auch für die Zukunft anvertraut.

Marienplatz in München mit der Mariensäule.

Marienplatz in München mit der Mariensäule.

Wie in anderen Städten, wo solche Mariensäulen entstanden waren, fanden auch in Prag regelmäßige Andachten und Prozessionen zur Mariensäule statt.

Gegenüber den Mariensäulen von Wien und München besaß die Prager Mariensäule die Besonderheit, dass am Sockel des Denkmals eine Kopie der Muttergottes von Altbunzlau eingesetzt worden war.

Das bedeutete ein bewusstes Anknüpfen an die vorhussitische Praxis der Marienverehrung, die vor allem in Verbindung zu dem um 1400 entstandenen Reliefbild von Altbunzlau gesehen werden muss.

Die Gläubigen beteten nicht nur vor dem Bild der Unbefleckten Empfängnis in ihren persönlichen Anliegen, sondern flehten auch zu Maria, die als Schutzschild Böhmens angesehen wurde.

Maria als Schutzschild Böhmens

1848 fand in Prag der Slawenkongress statt. In der Folge begannen sich die Tschechen auf ihre nationale Geschichte und Traditionen zu besinnen. Im Mittelpunkt dieser Bestrebungen stand die Verehrung des 1415 in Konstanz hingerichteten Jan Hus, der immer mehr zu einer tschechischen Geschichtsikone umgeformt wurde. In nationalistischen Kreisen wurde Jan Hus zur Verkörperung der tschechischen Nation.

Jan-Hus-Denkmal in Prag.

Jan-Hus-Denkmal in Prag.

Es kam daher auf Seiten der Tschechen zu einer teilweisen Abwendung von der katholischen Kirche. Dies zeigte sich zunächst darin, dass viele Tschechen auf dem Papier katholisch blieben, aber ihren Glauben nicht mehr praktizierten.

Hass gegenüber der katholischen Kirche

Zu einer hohen Zahl von Kirchenaustritten sollte es daher nach Gründung der Tschechoslowakischen Republik im November 1918 kommen. Laut Volkszählung aus dem Jahre 1921 hatten demnach in den tschechischen Ländern mehr als 1,2 Millionen Personen die katholische Kirche verlassen. Davon blieben 717 000 bekenntnislos.

Die aus der Kirche Ausgetretenen waren aber nicht einfach nur den anderen gegenüber gleichgültig, sondern entwickelten teilweise einen Hass auf alles, was katholisch und deutsch war.

Prozession mit dem Prager Jesulein durch die Straßen der tschechischen Hauptstadt.

Prozession mit dem Prager Jesulein durch die Straßen der tschechischen Hauptstadt.

Der tschechische Nationalismus, getränkt von nationalen Mythen vom ewigen Kampf der Tschechen gegen die Deutschen, war unfähig, die anderslautenden Fakten wahrzunehmen und begann in der Zurückdrängung und Bekämpfung alles Katholischen und Deutschen eine nationale Aufgabe zu erblicken. Es galt, Rache für die so empfundene jahrhundertelange Unterdrückung der tschechischen Nation zu nehmen.

Gründung der Tschechoslowakischen Republik

So kam es nach der Gründung der Tschechoslowakischen Republik zum Sturm auf zahlreiche Denkmäler, von denen die Mariensäule in Prag nur das prominenteste Opfer gewesen ist.

Ein weiteres Beispiel war die geplante Umstoßung der Statue des heiligen Johannes Nepomuk auf der Karlsbrücke in die Moldau, die durch mutige katholische Gläubige verhindert werden konnte.

Statue des heiligen Johannes Nepomuk in Prag.

Statue des heiligen Johannes Nepomuk in Prag.

Während des Ersten Weltkrieges wurde 1915 auf dem selben Platz, auf dem die Mariensäule stand, in durchaus gehörigem Abstand, zur Erinnerung an die Verbrennung von Jan Hus im Jahre 1415 in Konstanz, ein großes Hus-Denkmal enthüllt.

Tschechische Befürworter des Standortes begründeten die Wahl damit, dass auf dem Altstädter Ring, dem Hauptplatz der böhmischen Hauptstadt, die beiden großen geistlichen Strömungen, die die tschechische Nation geprägt hätten, nämlich die katholische und die hussitische, einen würdigen Ausdruck finden sollten.

Indes wurde die benachbarte Mariensäule von den tschechischen Nationalisten immer mehr als provozierende Konkurrenz zum Hus-Denkmal gesehen. Das Miteinander der beiden Denkmäler sollte dann auch nur drei Jahre dauern.

Am 28. Oktober 1918 wurde die Tschechoslowakische Republik als selbstständiger Staat ausgerufen. In Folge der allgemeinen nationalen Euphorie wurden zahlreiche nationale Kundgebungen organisiert.

Prager Jesulein in einem Souvenirladen.

Prager Jesulein in einem Souvenirladen.

Im Anschluss an eine Kundgebung am 3. November 1918 wurde die aufgeputschte Menge zum Altstädter Ring gelenkt. Dort sollte sich die aufgestaute nationale Wut an der Mariensäule entladen.

Der Sturz der Mariensäule wurde journalistisch als spontane Reaktion der aufgebrachten Volksmasse präsentiert. Doch war der Sturz der Säule sorgfältig vorbereitet und organisiert, denn zur Niederlegung des massiven, 15 Meter hohen Standbildes, bedurfte es mehr als Wut und Muskelkraft.

Sturz der Säule war keine spontane Aktion

So stand die Feuerwehr bereit, dem „Volkszorn“ auch die nötige technische Energie zur Zerstörung des religiösen Kunstwerkes zur Verfügung zu stellen. Eine bekannte tschechische Athletin erklomm die Statue, um die Seile zum Umreißen zu befestigen.

Blick auf den Hochaltar im Prager Veitsdom.

Blick auf den Hochaltar im Prager Veitsdom.

Schon bald nach dem Sturz der Säule begannen Geldsammlungen für die Wiedererrichtung des religiösen Denkmals.

Aber weder während der Ersten Republik, geschweige denn unter der Naziherrschaft und dem schon 1948 folgenden kommunistischen Regime, konnte an den Wiederaufbau gedacht werden.

Nach der Wende 1989 wurde 1990 eine „Gesellschaft für den Wiederaufbau der Mariensäule” gegründet.

Es entstand in den Prager Zeitungen ein argumentativer Schlagabtausch von Befürwortern und Gegnern der Wiedererrichtung der Säule.

Interessant ist, dass die nationalhussitische Seite nun völlig entgegengesetzt argumentierte als noch 1915, bei Errichtung des Hus-Denkmals. Damals wurde, wie schon gesagt, gerade begrüßt, dass auf dem Prager Hauptplatz ein Nebeneinander der beiden prägenden geistigen Kräfte des tschechischen Volkes zum Ausdruck käme.

Jan-Hus-Denkmal vor der Teynkirche in Prag.

Jan-Hus-Denkmal vor der Teynkirche in Prag.

Nach dem Sieg des Neohussitismus im Jahre 1918 wird nun von den Nachfolgern dieser geistigen Richtung noch im Jahre 1990 ganz entgegengesetzt argumentiert: Eine wiederaufgerichtete Mariensäule auf dem Altstädter Ring befände sich in unzumutbarer Nähe zum tschechisch-antikatholischen Helden Hus.

Einsatz für den Wiederaufbau der Säule

Die „Gesellschaft für den Wiederaufbau der Mariensäule” ließ am 3. November 1993, dem 75. Jahrestag des Mariensäulensturzes, im Pflaster auf einer eingelassenen Steinplatte eine Inschrift einmeißeln. Die Inschrift lautete: „Hier stand und wird stehen die Mariensäule“.

Blick auf den Prager Veitsdom.

Blick auf den Prager Veitsdom.

Der Teil mit den Worten „wird stehen“ musste auf Verlangen des Prager Magistrates wieder getilgt werden. Im Jahre 2001 wurde ein 18 Tonnen schwerer Sandsteinblock aus Indien besorgt, um die Säule wieder komplettieren zu können.

Die Arbeiten dazu sind mittlerweile abgeschlossen. Die Säule könnte wiedererrichtet werden.

Der Prager Stadtrat befasste jedoch einen Beschluss gegen die Wiedererrichtung der Mariensäule auf ihrem alten Platz.

Wann und wo die Säule nun endgültig aufgestellt werden soll, ist nun wieder offen. Jedenfalls wird es voraussichtlich nicht an ihrem angestammten Platz sein.

Aus: Mitteilungen „Haus Königstein“

Helmut Gehrmann, Mitarbeiter des Instituts für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien

 

2.Nov 2018 14:52 · aktualisiert: 7.Nov 2018 13:46
KIN / S. Stein