Beliebtes Reiseziel mit wenigen Christen

Kirchenhistoriker Professor Rudolf Grulich über das Christentum in Marokko

Logo zum Papstbesuch in Marokko.

Logo zum Papstbesuch in Marokko.

Das Königreich Marokko ist ein beliebtes Reiseland für Touristen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich.

Das Land ist noch nicht von den Unruhen vieler arabischer Staaten erfasst und wirbt mit seinen Stränden am Atlantik ebenso wie mit seinen Königstädten und der landschaftlichen Schönheit seiner Gebirge. Aber kaum ein Europäer beachtet die immer kleiner werdende christliche Präsenz in Marokko.

Zwar ist Marokko im Vergleich zu anderen islamischen Staaten noch toleranter als das benachbarte Algerien, aber es duldet andere religiöse Gruppen außer dem sunnitischen Islam nur so lange, wie sie ihre Aktivitäten und ihren Dienst auf die Ausländer im Land beschränken.

Gruppenfoto der Franziskaner aus dem Erzbistum Tanger/Marokko.

Gruppenfoto der Franziskaner aus dem Erzbistum Tanger/Marokko.

Die katholische Kirche hat noch zwei Erzbischöfe in Marokko. Aber die Zahl der Gläubigen nimmt ab. Wie in den anderen nordafrikanischen Staaten führte die Auswanderung der europäischen Einwohner nach dem Abzug der französischen und spanischen Kolonialherren zu einer wahren Dezimierung der Gläubigen.

Anteil der Christen im Promillebereich

So sank die Zahl der Katholiken im Erzbistum Tanger von 113 000 im Jahr 1950 auf heute knapp 2000, im Erzbistum Rabat von fast 400 000 auf heute unter 20 000. Im gleichen Zeitraum aber stieg die Einwohnerzahl Marokko von acht Millionen auf 30 Millionen. Konnte man vor 50 Jahren den Anteil der Christen an der Gesamtbevölkerung noch in Prozenten angeben, so sind es heute nur noch Promille.

Gottesdienst der Franziskaner aus Marokko.

Gottesdienst der Franziskaner aus Marokko.

Schon in frühchristlicher Zeit gab es in den römischen Provinzen Numidia und Mauretania Bischofssitze, im Jahr 325 schon in Tingis, dem heutigen Tanger. Aber alle diese Bistümer und das ganze Christentum gingen durch den Ansturm des Islams im siebten Jahrhundert unter.

Erste Missionare kamen zu Beginn des 13. Jahrhunderts

Um das Jahr 1220 kamen schon zu Lebzeiten des heiligen Franz von Assisi die ersten Franziskanermissionare. Der Dominikaner Alfonsus Bonihominis wird 1344 als erster Bischof genannt.

Neben der spanischen Enklave Ceuta wurde 1469 ein erstes Bistum in Tanger gegründet, das aber ein Jahrhundert später 1570 wieder mit Ceuta vereinigt wurde. 1630 entstand für Marokko eine Apostolische Präfektur mit Sitz in Tanger, die 1908 zum Apostolischen Vikariat erhoben wurde.

Charles de Foucauld (Foto: Joachim Schäfer - Ökumenisches Heiligenlexikon).

Charles du Foucauld (Foto: Joachim Schäfer – Ökumenisches Heiligenlexikon).

1884 kehrte der junge französische Offizier Charles de Foucauld von einer gefährlichen Forschungsreise durch Marokko zurück, die er unter dem Deckmantel eines jüdischen Rabbiners unternommen hatte.

Die Erfahrungen der Frömmigkeit der islamischen Bewohner beeindruckten ihn so sehr, dass sie zu seiner Bekehrung führten und er Priester wurde. Gleichzeitig waren seine Forschungsberichte über Marokko, die 1884 in Paris als Buch erschienen, ein Anstoß zur intensiveren Beschäftigung mit dem Land.

So entstanden 1889 die ersten Missionsschulen und 1890 die Franziskanermission in der Hauptstadt Rabat. Dort wurde 1923 ein Apostolisches Vikariat begründet. Im gleichen Jahr wurde Tanger zur Erzdiözese erhoben. Rabat wurde 1955 Erzbistum.

Noch gibt es zwei Erzbistümer in Marokko

Die politischen Veränderungen des 20. Jahrhundert hatte auch schwerwiegende Folgen für die Kirche. Nach der internationalen Krise, die der deutsche Kaiser Wilhelm II. bei seinem Besuch in Tanger auslöste, verlor Marokko 1912 seine Unabhängigkeit und wurde faktisch zwischen Frankreich und Spanien aufgeteilt.

Karmelitinnen aus Tanger (Marokko).

Karmelitinnen aus Tanger (Marokko).

1923 wurde das Gebiet um Tanger zur internationalen Zone erklärt, die von Franzosen, Spaniern, Briten und ab 1928 auch von Italienern verwaltet wurde. 1956 wurde Marokko unabhängig und Tanger wieder in das Staatsgebiet eingegliedert.

Was die politischen Umwälzungen nach der Unabhängigkeit für die Christen bedeuteten, zeigen die Angaben über den Bestand der katholischen Kirche. Das Erzbistum Tanger hatte 1959 für seine 113 000 Gläubige in 15 Pfarreien noch 22 Weltpriester und 50 Ordenspriester, dazu 211 Ordensschwestern.

1956 wurde Marokko unabhängig

Heute gibt es für die 2000 Katholiken sieben Pfarreien mit neun Priestern, darunter sieben Franziskaner, die auch den Bischof stellen. 84 Schwestern aus zwölf Kongregationen sind noch auf dem Gebiet der Erzdiözese tätig.

Basar in der marokkanischen Hauptstadt Rabat.

Basar in der marokkanischen Hauptstadt Rabat.

Im Erzbistum Rabat sind von 93 Pfarreien des Jahres 1959 nur 30 geblieben. Neben der St.-Petrus-Kathedrale in Rabat und der Kathedrale in Tanger gibt es noch Kirchen in Städten wie Tetuan, Fes, Casablanca, Agadir und Marrakesch. Tanger hat neben einem Dutzend katholischer Kirchen und Klöster ebenso wie die Städte Rabat, Casablanca und Marrakesch auch evangelische und anglikanische Kirchen.

Johannes Paul II.: Christen sollen lebender Leib Christi sein

Ähnlich dezimiert wie Zahl der Christen ist die Anzahl der Juden, deren Zahl von 250 000 auf weniger als 15 000 im Jahre 2000 sank und heute unter 5000 liegt.

Papst Johannes Paul II.

Papst Johannes Paul II. hat Marokko im Jahr 1985 besucht.

Als 1985 Papst Johannes Paul II. am 19. August Casablanca besuchte, rief er die Christen auf, der „lebende Leib Christi“ zu sein und durch ihre Präsenz die universale Ausrichtung der Kirche zu bezeugen.

Er sprach im Stadion vor 80 000 jungen Muslimen und betonte, dass er oft junge Menschen träfe, meistens Katholiken, aber dass dies die erste Begegnung mit jungen Muslimen sei.

Der Dialog zwischen Christen und Muslimen sei heute nötiger denn je, vor allem bei der Jugend, auf der die Zukunft aufgebaut werde.

Wie gestaltet sich heute christliche Präsenz in Marokko unter den Bedingungen des sunnitischen Islams? Die Verfassung erklärt den Islam zur Staatsreligion, aber „der Staat garantiert die freie Religionsausübung für jedermann“ (Artikel 6).

Islam ist Staatsreligion

König Mohammed VI., der den Thron nach dem Tode seines Vaters Hassan II. bestieg, trägt auch Titel „Herrscher der Gläubigen“. 1980 war König Hassan II. zu Besuch im Vatikan; der erste Kontakt zwischen ihm und dem Papst.

Moschee in Casablanca (Marokko).

Moschee in Casablanca (Marokko).

Nach einem Brief des Königs vom 30. Dezember 1983 an den Papst wurde 1984 der Kirche freie religiöse Betätigung sowie Steuerfreiheit für alle kirchlichen Einrichtungen zugesichert.

Besetzung von Westsahara

Neben den beiden Erzdiözesen in Marokko gibt es im heutigen Marokko auch die Apostolische Präfektur Sahara Occidental im Gebiet des ehemaligen Spanisch-Marokko beziehungsweise der Westsahara.

Hauswand in Marokko mit einem Bildnis des Königs sowie einer Landkarte von Marokko und dem annektierten Gebiet der Westsahara.

Hauswand in Marokko mit einem Bildnis des Königs sowie einer Landkarte von Marokko und dem annektierten Gebiet der Westsahara.

Der Frage der staatlichen Zugehörigkeit der Westsahara ist nach der marokkanischen Besetzung des Gebietes bis heute nicht gelöst, da die Frente Polisario, die Befreiungsfront der Sahrauis, bis heute um einen eigenen Staat kämpft. Von Marokko wird heute die Westsahara zunehmend für den Tourismus erschlossen.

Das 250 000 Quadratkilometer große Gebiet der Westsahara wird von Oblaten betreut, die ihren Hauptsitz in El Aaiun haben. Nach dem Abzug der spanischen Soldaten und Beamten gab es 1976 noch 365 Katholiken in zwei Pfarreien, heute sind es weniger als 100 Katholiken.

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28.Mrz 2019 09:08 · aktualisiert: 29.Mrz 2019 21:53
KIN / S. Stein