Die Gewalt gegen Christen im Westjordanland nimmt zu. Nach erneuten Angriffen israelischer Siedler auf das christliche Dorf Taybeh und ausländische Diplomaten fordern die Kirchenoberhäupter in Jerusalem mehr Schutz für die Bevölkerung und Konsequenzen für die Verantwortlichen.
Siedlerangriffe auf christliches Dorf Taybeh im Westjordanland
Taybeh gilt als das letzte vollständig christliche Dorf im Westjordanland. Seit Wochen erleben seine Bewohner zunehmende Gewalt und Einschüchterungen durch israelische Siedler. Besonders während der Olivenernte kam es zu schweren Übergriffen auf palästinensische Familien, deren Lebensgrundlage von der Landwirtschaft abhängt.
Die Patriarchen und Oberhäupter der Kirchen in Jerusalem verurteilten die Angriffe in einer gemeinsamen Stellungnahme scharf. Sie sprechen von einer massiven Welle der Siedlergewalt, die zahlreiche palästinensische Dörfer im Westjordanland getroffen habe.
Am 16. Oktober wurde Medienberichten zufolge eine amerikanische Fotografin schwer verletzt, als sie die Olivenernte palästinensischer Bauern nahe Taybeh dokumentierte. Einen Tag später griffen maskierte Siedler eine Gruppe europäischer Diplomaten an. Unter den Betroffenen befanden sich Vertreter aus Frankreich, Belgien und Polen sowie ein französischer Bürgermeister und der Erzbischof von Cambrai.

Kirchenführer in Jerusalem fordern Schutz für Christen im Westjordanland
Die Kirchenoberhäupter betonten, dass die Gewalt gegen die Bewohner von Taybeh kein Einzelfall sei. Besorgt zeigten sie sich auch über Äußerungen des israelischen Rabbiners Dov Lior, der Berichten zufolge die Aneignung palästinensischer Oliven durch israelische Juden religiös gerechtfertigt hatte.
Die Kirchenführer bezeichneten diese Aussagen als „zutiefst besorgniserregend, gefährlich und vollkommen inakzeptabel“. Zugleich begrüßten sie, dass sich mehrere jüdische Religionsvertreter öffentlich davon distanzierten.
Am 19. Oktober nahm die israelische Polizei mehrere Verdächtige fest. Ihnen werden unter anderem Gewalttaten und Verstöße gegen militärische Anordnungen vorgeworfen.
Auch der israelische Präsident Isaac Herzog verurteilte die Angriffe. Die Kirchenführer fordern jedoch weitere konkrete Maßnahmen, um die Bevölkerung dauerhaft zu schützen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

Pfarrer von Taybeh: „In unserer Gemeinde wachsen Angst und Unsicherheit“
Wie angespannt die Lage für die Christen in Taybeh ist, schildert der katholische Pfarrer Bashar Fawadleh gegenüber KIRCHE IN NOT (ACN).
„Wir verzeichnen immer wieder Übergriffe und Einschüchterungen von Siedlern sowie Angriffe auf Wohnhäuser, Privateigentum und Betriebe.“
Obwohl Taybeh zu einem militärischen Sperrgebiet erklärt wurde, könnten sich Siedler weiterhin ungehindert bewegen, berichtet der Priester.
„In unserer Gemeinde wachsen deshalb Angst und Unsicherheit. Wir sorgen uns nicht nur um das, was bereits geschehen ist, sondern auch darum, was als Nächstes kommen könnte, wenn wir keinen wirksamen Schutz erhalten.“

Christen im Heiligen Land brauchen Schutz und Solidarität
Die anhaltende Gewalt bedroht nicht nur die Sicherheit der Menschen in Taybeh, sondern auch die Zukunft der christlichen Gemeinschaft im Westjordanland.
Pfarrer Bashar Fawadleh dankte KIRCHE IN NOT und seinen Wohltätern für ihre Solidarität und ihren Einsatz für den Fortbestand der christlichen Präsenz im Heiligen Land.
Gleichzeitig appellierte er an die internationale Gemeinschaft, sich stärker für den Schutz der Bevölkerung einzusetzen. Er fordert anhaltende internationale Aufmerksamkeit, diplomatisches Engagement und konkrete Maßnahmen, damit die Christen von Taybeh weiterhin sicher in ihrer Heimat leben können.
Auch die Kirchenoberhäupter in Jerusalem rufen dazu auf, die Bewohner von Taybeh sowie Menschen, die ihnen ihre Solidarität zeigen, wirksam zu schützen.