Von der Vertreibung bis zum Prager Frühling

Prof. Dr. Rudolf Grulich über die Geschichte der Kirche in Tschechien

Prof. Dr. Rudolf Grulich.

Im September hat KIRCHE IN NOT zum zweiten Mal eine Wallfahrt in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien veranstaltet. Sie führte diesmal nach Südböhmen. Um zu verstehen, warum Tschechien heute eines der am meisten säkularisierten Länder der Welt ist, muss man einen Blick in die Geschichte werfen, vor allem die des 20. Jahrhunderts. Ein Beitrag von Prof. Dr. Rudolf Grulich.

Schon Ende des 19. Jahrhunderts waren Teile des tschechischsprachigen Klerus unzufrieden mit dem Erscheinungsbild der katholischen Kirche in der Donaumonarchie. Sie waren der Meinung, dass die katholische Kirche die herrschende Monarchie und damit die Vorherrschaft der Deutschen und Ungarn stützte. 1890 gründeten liberale Geistliche die Priestervereinigung Jednota, die sich für eine Modernisierung und Demokratisierung der Kirche einsetzte.

Als 1918 die Erste Tschechoslowakische Republik entstand, soll der aus der katholischen Kirche ausgetretene erste Präsident Tomaš Masaryk gesagt haben: “Mit Wien haben wir abgerechnet, mit Rom werden wir abrechnen.”

Der Sturz der Mariensäule 1918 auf dem Altstädter Ring, die Entstehung der Tschechoslowakischen Kirche 1920 – die sich als die Nationalkirche des neuen Staates verstand -, die Unterbrechung der diplomatischen Beziehungen zwischen Prag und dem Vatikan 1925, das Fehlen eines Konkordates und die brüchige Existenz eines modus vivendi seit 1927 müssen hier in Erinnerung gerufen werden.

Betende Frauen im böhmischen Wallfahrtsort Velehrad.

Betende Frauen im mährischen Wallfahrtsort Velehrad.

Nach der Volkszählung von 1930 gab es unter den Sudetendeutschen 91,53 Prozent Katholiken, unter den Tschechen 73,81 Prozent. Der Unterschied erklärt sich, dass es 85 000 konfessionslose Sudetendeutsche gab, aber 747 000 Tschechen ohne Konfession. Dazu kamen noch 778 000 Tschechen, die sich als Angehörige der Tschechoslowakischen Kirche bekannten.

Schon in der Ersten Republik verschwanden viele Kreuze aus den Schulen. 1938 setzte der Kirchenkampf der Nationalsozialisten ein, zunächst im Sudetenland, später auch im Protektorat. Katholische Gymnasien, wie in Braunau und Mariaschein, wurden geschlossen; Bischof Weber in Leitmeritz musste seine Residenz räumen. Im Reich gab das Konkordat den Bischöfen Gelegenheit zum Protest, aber in der Tschechoslowakei und auch im 1938 angeschlossenen Sudetenland galt das Reichskonkordat von 1933 nicht.

Die Folgen der Vertreibung der Deutschen für die Kirche

Als das Jahr 1945 den Tschechen die Befreiung brachte, war die tschechische Kirche Nutznießer. In der Londoner Exilregierung war es Ministerpräsident Jan Šramek, ein mährischer Priester und Professor für Moraltheologie am Brünner Priesterseminar, der sich 1945 nach der Rückkehr rühmen konnte, Beneš‘ Berater zur Vertreibung der Deutschen gewesen zu sein. Leider wollten auch die tschechischen Kirchenführer nicht einsehen, dass man nicht ein Drittel der Bevölkerung vertreiben und glauben kann, dass dieser Staat eine Demokratie bleibt.

Man ließ mit den drei Millionen Sudetendeutschen jeden dritten Katholiken Böhmens und Mährens “abschieben” und wollte glauben, dass danach noch christliches Leben herrsche. Mit den fast drei Millionen Katholiken sind auch 1800 Priester, deutsche Äbte, Domkapitulare, ein Weihbischof und weit über 3000 Schwestern vertrieben worden. Klöster standen nach der Vertreibung 1946 leer.

Im Bistum Leitmeritz waren bis 1946 drei Viertel der Katholiken Deutsche. Im Erzbistum Prag war der Westteil, das Egerland, deutsch. Dort liegt heute das 1993 neu gegründete Bistum Pilsen.

Kirche unter dem Kommunismus

Die Kirche wurde 1948 vom kommunistischen Umsturz überrascht. Im ersten gemeinsamen Brief der katholischen Bischöfe der Tschechoslowakei an die neue durch Putsch an die Macht gekommene Regierung hieß es: “Als katholische Bischöfe werden wir weiterhin gewissenhaft und treu alle unsere Pflicht Gott, der Kirche, dem Volk und dem Staat gegenüber erfüllen, und wir sind dessen gewiss, dass der ganze Klerus und das ganze katholische Volk diese Treue wahren wird.

Mit Dankbarkeit haben wir die Zusicherung empfangen, dass sich nichts ereignen wird, was die gute Beziehung zwischen Kirche und Staat stören könnte… Wir beten für unser gutes tschechisches und slowakisches Volk, dass es seiner Verantwortlichkeit bewusst sei und verstehen möge, dass nur eine moralische, anständige und fleißige Art zu leben, ihm wirklich eine glückliche Zukunft garantieren kann.”

Eine verfallene Kirche im Bistum Hradec Kralove (Königgrätz).

Eine verfallene Kirche im Bistum Hradec Kralove (Königgrätz).

Doch die Bischöfe irrten, denn schon bald setzten anti-kirchliche Maßnahmen ein. Schon im März 1948 raubte die Bodenreform der Kirche ihren Grundbesitz. Das berüchtigte Gesetz gegen die Feinde des Sozialismus konnte sofort gegen Priester und Gläubige angewendet werden. Zur gleichen Zeit wurden 68 Priester verhaftet.

Als bei den Parlamentswahlen 1948 hatten die Bischöfe ihren Priestern verboten zu kandidieren; der Priester Josef Plojhar wurde suspendiert, der Minister wurde und es zwei Jahrzehnte bleiben konnte. Die Verhandlungen zwischen Kirche und Staat entzweiten auch die Bischöfe: einige verfochten eine harte Linie, andere aber waren zu Kompromissen bereit. Im März 1949 trafen sich die Bischöfe zum letzten Mal in Altschmecks in der Slowakei, beendeten aber ihre Bischofskonferenz, als sie eine Abhöranlage entdeckten.

Die Unterdrückung durch die kommunistischen Machthaber wurde immer offener, so dass Rom den tschechischen und slowakischen Bischöfe die Erlaubnis gab, geheime Bischofsweihen vorzunehmen, um so ein Überleben der Kirche zu sichern. Durch Übertragungen von Kompetenzen auf die Geheimbischöfe und auf Dechanten traf man Vorbereitungen für eine Untergrundkirche.

Seit 1949 muss man von einer Kirchenverfolgung sprechen, die brutal, aber auch diabolisch raffiniert war und die Kirche zu einer vom Staat verfolgten Staatskirche machte. Im April 1948 entstand beim Zentralkomitee der Kommunistischen Partei eine Kommission, der die Liquidierung der Kirche anvertraut wurde. Das sollte über die Trennung der Katholischen Kirche von Rom geschehen und über die Spaltung der Bischöfe von den Priestern und Gläubigen.

Alte Aufnahme der Kirche in Hajnice (Haindorf).

Aufnahme der beschädigten Kirche in Hajnice (Haindorf).

Dazu wurde im Juni 1949 eine sogenannte “Katholische Aktion” gegründet, die von “Patriotischen Priestern” geführt das Schisma mit Rom durchführen sollte. An der Gründungskonferenz nahmen 283 Personen, darunter 68 Priester, teil, die ein Komitee wählten, das die Kirche vertreten sollte.

Dagegen wandten sich nicht nur die Bischöfe, die allen Gläubigen die Beteiligung an dieser Aktion verboten, sondern es erfolgte auch das Dekret des Heiligen Offiziums in Rom, das am 1. Juli 1949 für alle Mitglieder, auch für Befürworter der Kommunistischen Partei, die Exkommunikation vorsah.

Von der Kommunistischen Partei wurde die sogenannte Patriotische Priesterbewegung gegründet, die sich später in “Friedensbewegung der katholischen Geistlichkeit” umbenannte. Gleichzeitig kam es zu Massenverhaftungen von Priestern und Laien. An Fronleichnam 1949 schrien 1700 Provokateure im Veitsdom in Prag Erzbischof Beran nieder, weil man befürchtete, er werde gegen die Kommunisten predigen. Gleich danach wurde der Erzbischof interniert; die übrigen Bischöfe bespitzelt und überwacht.

Der härteste Schlag kam im Oktober 1949 durch eine Reihe von Religionsgesetzen: man gründete ein Staatliches Amt für Kirchenangelegenheiten und ein Gesetz regelte “die wirtschaftliche Sicherung der Kirchen”. Alle Bischöfe und Priester mussten den Loyalitätseid ablegen, was die Bischöfe Beran, Skoupy und Hlouch ablehnten und deshalb interniert wurden. Jeder Priester musste eine Erlaubnis des Kirchenamtes haben, um eine Heilige Messe zu feiern oder Beichte zu hören. Vielen Priester wurde diese Erlaubnis entzogen und sie mussten andere Berufe ausüben, die ihnen der Staat zuwies, zum Beispiel Nachtwächter, Bauarbeiter oder Milchkannenfahrer.

Klostersturm und KZ-Klöster

Am 26. Februar 1950 beschloss das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei die Liquidierung aller Klöster und Ordensniederlassungen. Die Vorbereitungen liefen unter dem Geheim-Kennwort “Aktion-K”. Im März wurden Agenten in die Klöster entsandt, angeblich, um die Ordensleute zu “schulen”, aber in Wirklichkeit, um vor allem die Vermögenslage und die Finanzierung auszukundschaften.

In der Nacht vom 13. auf den 14. April 1950 begann die “Aktion-K”. Die Polizei besetzte Ordenshäuser, rief die Ordensmitglieder zusammen, erklärte die Klostergebäude mit dem gesamten Inventar für beschlagnahmt. Jedes Ordensmitglied durfte das Notwendigste der persönlichen Habe zusammenpacken, alle mussten bereitgestellte Busse besteigen. Noch in der Nacht wurden sie in Konzentrationsklöster abtransportiert, die zumeist in abgelegenen Gebieten lagen.

Altes Servitenkloster in Gratzen. Seit 2006 gehört das Kloster der Gemeinschaft der Familie Mariens.

Altes Servitenkloster in Gratzen. Seit 2006 gehört das Kloster der Gemeinschaft der Familie Mariens.

Im September wurden die Theologischen Hochschulen und Priesterseminare liquidiert. Damals hatten die verbliebenen Bischöfe noch Weihen vorgenommen. Als kein Bischof mehr erreichbar war, mussten die Kandidaten bis 1968 warten. Die damals geheim Geweihten konnten erst 1968 öffentlich auftreten.

Anstelle der Hochschulen und Seminare schufen die Kommunisten zwei von ihnen streng kontrollierte Seminare in Preßburg (Bratislava) und Prag, wobei das Priesterseminar 1955 von Prag nach Leitmeritz verlegt wurde. 1950 wurden auch alle Frauenorden aufgehoben, was schwieriger war, weil man ihre Arbeitskraft in Heimen für alte und behinderte Menschen brauchte. Betroffen waren 8300 Schwestern.

Das harte Los der Hirten

Erzbischof Beran ging seinen Kreuzweg über mehrere Internierungen bis zu seiner Ausreise 1965 nach Rom. Der einzige mit Genehmigung amtierende Weihbischof Eltschkner starb 1961.

Die böhmischen Länder hatten bis 1965 keinen offiziell anerkannten Bischof, ehe der geheim geweihte Bischof Tomašek als Administrator nach Prag kommen konnte. Bis dahin war er drei Jahre im KZ-Kloster Seelau, anschließend Dorfpfarrer. Bischof Trochta war interniert und wurde 1954 zu 25 Jahren Haft verurteilt. Nach der Amnestie von 1960 musste er verschiedene Zivilberufe ausüben und konnte erst 1968 wieder als Bischof in seine Diözese Leitmeritz. zurück kehren.

František Kardinal Tomášek (1899-1992).

František Kardinal Tomášek (1899-1992).

Diese Tatsachen sagen wenig über das Leid der Bischöfe, Priester, aber auch vieler Laien. Sie waren gedemütigt, aber auch mit Angeboten gelockt worden. Den Schwestern wurden Stellen in ihren früheren Schulen angeboten, wenn sie aus dem Orden austreten würden. Nur wenige haben das angenommen, sie haben aber auch bei der Arbeit in Fabriken und in der Landwirtschaft das Ordenskleid getragen.

Als sich Ende der 50er-Jahre die politischen Verhältnisse besserten, der Regierungswechsel und die Entstalinisierung in der Sowjetunion auf die Tschechoslowakei übergriff und Papst Johannes XXIII. einen anderen Kurs vatikanischer Ostpolitik einschlug, brachte das für die Kirche in der damaligen Tschechoslowakei eine Erleichterung. Am Zweiten Vatikanum nahmen zwei, seit 1963 drei slowakische Bischöfe teil, aus den beiden Kirchenprovinzen Böhmens und Mährens nur einer: Tomašek.

Seit 1963 gab es erste Verhandlungen zwischen dem Vatikan und Prag. Es kam zu Amnestien für Priester, zur Beendigung der Internierung der Bischofe, aber nicht zur Rückkehr in ihre Diözesen, sondern zur Einweisung in sogenannte Caritas-Heime oder, wie im Falle von Bischof Otčenašek, zur Genehmigung, als Seelsorger zu arbeiten.

Hoffen auf den Prager Fühling

Der „Prager Frühling“ begann im Januar 1968. Das kurze Intermezzo brachte der Kirche in der Tschechoslowakei viel. Im März wurde der für seine Härte bekannte Leiter des Kirchenamtes, Karel Hruza, durch die tolerante Soziologin Erika Kadlecova abgelöst.

Die meisten Priester wurden nicht nur amnestiert, sondern sogar rehabilitiert; die Bischöfe Trochta, Hlouch und Skoupy konnten in ihre Diözesen zurückkehren. Die kommunistische Priestervereinigung “Friedensbewegung der katholischen Geistlichkeit” löste sich auf und an ihre Stelle trat ein Werk der “konziliären Erneuerung.”

Kardinal Tomasek und Pater Werenfried van Straaten.

Kardinal Tomasek und Pater Werenfried van Straaten.

Besuche, auch von Priestern, im Westen waren erlaubt, religiöse Literatur durfte eingeführt werden. Die Orden schöpften Hoffnung, obwohl sie die Klöster nicht zurückbekamen. In Olmütz wurde ein weiteres Seminar mit Hochschule eingerichtet.

Insgesamt wurde die katholische Kirche in der Tschechischen Republik im 20. Jahrhundert um die Hälfte dezimiert. Heute bekennen sich 3,3 Millionen der 10,5 Millionen Einwohner zum katholischen Glauben. 43,8 Prozent der Tschechen sind konfessionslos.

In den kommenden Wochen werden wir Ihnen einige besuchte Orte der Wallfahrt auf unserer Internetseite vorstellen.

11.Okt 2011 13:41 · aktualisiert: 16.Jul 2015 10:51
KIN / S. Stein