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Indonesien ist das Land mit der größten muslimischen Bevölkerungsgruppe weltweit. Dennoch ist es kein islamischer Gottesstaat. Stattdessen legt die staatliche Ideologie „Pancasila“ („Fünf Prinzipien“) die Leitwerte des Landes fest. Die Verfassung schreibt keine bestimmte Religion vor, verpflichtet die Bürger aber zum Gottesglauben. Dennoch ist die politische Situation maßgeblich durch den Islam beeinflusst. Fundamentalistische Islamisten verzeichnen auch in Indonesien Zulauf.

 

Maria Lozano von KIRCHE IN NOT hat mit dem deutschstämmigen Jesuiten Franz Magnis-Suseno (82) über die Situation des Landes nach den Wahlen gesprochen. Magnis-Suseno lebt in der Hauptstadt Jakarta, lehrte an verschiedenen indonesischen Universitäten und gilt als profunder Kenner des Landes und der religiösen Situation.

Aschermittwoch-Gottesdienst in Indonesien (Foto: KIRCHE IN NOT/Magdalena Wolnik).
Pater Magnis-Suseno, Sie leben seit 1961 in Indonesien. Wie hat sich das Land seither entwickelt?
Die auffälligste Entwicklung war die Etablierung des Islam als wichtigstem Faktor in der indonesischen Politik. Laut der Staatsideologie „Pancasila“ brauchte der Islam keine besondere Stellung einzunehmen.

All dies änderte sich mit der demokratischen Öffnung des Landes 1998. Islamische Extremisten traten an die Öffentlichkeit. Es wurden neue politische Parteien auf der Grundlage des Islam gegründet. Der Mehrheitsislam geriet unter den Druck radikaler und extremistischer Bewegungen. Sie forderten ein stärker an der Scharia orientiertes Indonesien.

Das hat sich auch in lokalen Vorschriften niedergeschlagen. Die muslimischen Organisationen wie auch die Vereinten Nationen erklärten jedoch unmissverständlich, dass die endgültige politische Organisation des Landes auf den Prinzipien von „Pancasila“ basieren sollte. Dennoch muss alles, was in Indonesien geschieht, für die Muslime annehmbar sein.

- Franz Magnis-Suseno SJ
Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Ergebnisse der letzten Wahlen?
Dass der Mehrheitsislam eine moderate Politik unterstützt, ist ein stabilisierender Faktor. Die Zukunft Indonesiens wird zwar vom Islam bestimmt, aber die Ergebnisse der vergangenen Wahlen lassen hoffen, dass der gemäßigte Islam eine entscheidende Rolle spielen wird.

 

Ist also die sich abzeichnende Wiederwahl von Präsident Widodo, auch bekannt als Jokowi, eine gute Nachricht für die Stabilität Indonesiens?
Die Wiederwahl Jokowis bedeutet, dass die Indonesier erwarten, dass er seine ideologisch unauffällige Linie fortsetzt. Sie erwarten, dass er weitere Schritte unternimmt, um das Wirtschaftswachstum fortzusetzen und die Armut weiter zu bekämpfen, die sich auf dem historisch niedrigsten Niveau befindet. Sie erwarten eine moderat pro-islamische Politik. Das soll der Vizepräsident, ein muslimischer Geistlicher, garantieren.

Und die religiösen Minderheiten sind zuversichtlich, dass Toleranz und Religionsfreiheit gestärkt werden. Wenn es Präsident Jokowi gelingt, sich in den Dienst des moderaten Mehrheitsislams zu stellen, wird er hoffentlich den islamistischen Radikalismus isolieren und eine demokratische Entwicklung auf Grundlage der Menschenrechte etablieren.

Franz Magnis-Suseno SJ, Jesuitenpater aus Jakarta.
Indonesien gilt, Sie haben es angesprochen, als moderat-islamisches Land. Dennoch hat ein Fall im Jahr 2017 für Aufsehen gesorgt, bei dem der Begriff „islamischer Populismus“ eine Rolle gespielt hat. Was ist damit gemeint?

Der islamische Populismus trat erstmals in Erscheinung im Zusammenhang mit dem Gouverneur von Jakarta, Basuki Chaya Purnama, bekannt als Ahok. Er ist ein Christ chinesischer Herkunft. Ein unglücklicher Kommentar von ihm wurde dahingehend manipuliert, dass er scheinbar den Koran beleidigte. Dadurch wurde seinen Feinden die gesuchte Gelegenheit geboten, Muslime gegen ihn zu mobilisieren.

 

Der Bau neuer Kirchen ist schwierig

Ahok verlor die folgenden Kommunalwahlen und wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Mit der Ernennung eines gemäßigten Islamisten zum Kandidaten für das Amt der Vizepräsidenten ist es Präsident Jokowi gelungen, den Populismus abzuschwächen. Er hat bei den jüngsten Wahlen keine Rolle mehr gespielt.

Wie leben die Christen in Indonesien?
Die Christen sind frei. Sie leben, beten und agieren ohne Schwierigkeiten als kleine Minderheit in Java, Sumatra und anderen Regionen. Sie taufen weiterhin Konvertiten aus anderen Religionen, auch aus dem Islam. Der Bau neuer Kirchen ist jedoch schwierig. Es gab auch einige Anschläge auf Kirchen sowie andere Fälle von Intoleranz.

Gottesdienst in der Kathedrale in Jakarta (Foto: KIRCHE IN NOT/Magdalena Wolnik).
Wie sehen die Beziehungen der Christen zu den anderen Religionen aus?
Die Beziehungen zwischen Katholiken und Muslimen waren noch nie so gut wie heute. Der interreligiöse Dialog ist intensiv. Vor sechzig Jahren hatten die Christen praktisch keinen Kontakt zu Muslimen, aber das begann sich ab den 1970er-Jahren zu ändern. Heute sind die Beziehungen zwischen christlichen und muslimischen Intellektuellen, den meisten Bischöfen und muslimischen Geistlichen, Pfarreien und Moscheegemeinden eng und vertrauensvoll.

 

Was ist der Grund für diese Entwicklung?
Einer der Gründe dafür ist, dass sich der moderate Mehrheitsislam auch von extremistischen Ideologien angegriffen fühlt und uns deshalb als Verbündete betrachtet. Beim interreligiösen Dialog geht es nicht um unsere jeweiligen Lehren. Es geht vielmehr um die Frage, wie die latente Intoleranz überwunden werden kann.

Wir möchten, dass die Menschen Religionen als Gnade und nicht als Bedrohung wahrnehmen, und dass Hass und Gewalt keinen Platz in der Religion haben.

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24.06.2019 aktuelles