Länderbericht Brasilien

Taufe eines Kindes in Brasilien.

Taufe eines Kindes in Brasilien.

Einwohner:
162,2 Millionen

Fläche:
8 514 215
(24-mal größer als Deutschland)

Religion:
Christen: 91,0 Prozent
Spiritisten: 4,8 Prozent
Sonstige: 4,2 Prozent

Gesetzesänderungen

Das brasilianische Parlament hat den im November 2008 von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva und dem Heiligen Stuhl unterzeichneten Vertrag ratifiziert. Darin wird die Rechtsstellung der Katholischen Kirche in Brasilien festgelegt und unter anderem der Religionsunterricht an öffentlichen Schulen garantiert. Außerdem beinhaltet er die Steuerbefreiung der Kirche und kirchlicher Einrichtungen.

Mit dem Vertrag wird das Beichtgeheimnis respektiert, die Tätigkeit von Priestern, Ordenschristen und Pastoralmitarbeitern unabhängig von einem Arbeitsvertrag mit der Kirche genehmigt und Geistlichen aller Religionen der freie Zugang zu Gefängnissen und Einrichtungen der Streitkräfte gewährt.

Ausländische Missionare müssen ein Visum beantragen, um in Brasilien zu wohnen und haben keinen freien Zutritt zu den Indianergebieten. Kirchlich geschlossene Ehen werden staatlich anerkannt, ebenso kirchenrechtliche Entscheidungen in Bezug auf die Ehe und kirchliche Hochschulabschlüsse.

Laut Vertrag sind die Kirchen und die sakralen Kunstwerke brasilianisches Nationalerbe und stehen unter staatlichem Schutz. Die Ratifizierung des Vertrags löste Kritik aus, weil man darin eine Gefahr für die Laizität des Staates sah und eine Bevorzugung der Katholischen Kirche gegenüber anderen Religionsgemeinschaften.

Die staatlichen und kirchlichen Behörden erklärten daraufhin, dass der ratifizierte Text nur eine Situation formell bestätige, die in der Praxis bereits bestehe, und dass er die historische und aktuelle Bedeutung der Katholischen Kirche in Brasilien anerkenne.

Um die Gleichheit der verschiedenen Glaubensrichtungen zu garantieren, wurde fast gleichzeitig ein Entwurf für ein „Allgemeines Religionsgesetz“ vorgestellt, das den anderen Glaubensgemeinschaften ähnliche Rechte zugesteht. Diese Initiative wurde vom Abgeordnetenhaus und vom Senat gebilligt; mit einem entsprechenden Gesetz ist also zu rechnen. Andere Religionsgemeinschaften haben diesen Gesetzentwurf jedoch als „verfassungswidrig und als Missachtung der Laizität des brasilianischen Staates“ scharf kritisiert.

Im Juli 2009 reichte eine Bürgerinitiative den Antrag ein, im Bundesstaat Sao Paolo alle religiösen Symbole aus öffentlichen Gebäuden mit viel Publikumsverkehr zu entfernen. Begründet wurde die Initiative mit der Säkularität des Staates; die religiösen Symbole stünden im Widerspruch zur Verfassung. Der Erzbischof von Sao Paulo, Kardinal Odilo Scherer, betonte, die Säkularität des Staates berechtige nicht dazu, den Ausdruck des Glaubens zu verbieten.

Im Zusammenhang mit der dritten Menschenrechtserklärung Brasiliens (PNDH-3) brachte die Bundesregierung diesen Gesetzentwurf am 21. Dezember erneut ein, religiöse Symbole aus allen öffentlichen Gebäuden des Landes zu entfernen. Ziel dieser Maßnahme sei es, die freie Ausübung der verschiedenen Religionen zu garantieren und Zeichen religiöser Intoleranz zu beseitigen. Mit einer Beschlussfassung vom Mai 2010 wurde dieser Passus jedoch durch den Präsidenten aus der Erklärung PNDH-3 gestrichen.

Verhältnis zwischen Katholischer Kirche und Staat

Bischof Luiz Soares Vieira wies darauf hin, dass 2009 einige Priester und Ordensschwestern Opfer von Kriminalität geworden seien, beispielsweise in der Stiftung Santa Terezinha im Zentrum von Manaus, wo die Schwestern von bewaffneten Räubern überfallen wurden. Außerdem fanden Überfälle auf fünf Kirchen statt, ein Priester erhielt eine Todesdrohung und ein weiterer wurde Opfer einer Blitzentführung.

In Brasilien wurden 2009 sechs Priester ermordet: P. Ruggero Ruvoletto wurde in seiner Pfarrei getötet, in Santa Evelina am Stadtrand von Manaus; P. Hidalberto Henrique Guimarães, Pfarrer der Kirche Nossa Senhora das Graças in Murici am Stadtrand von Maceió; P. Gisley Azevedo Gomes, Jugendbeauftragter der brasilianischen Bischofskonferenz in Brazlandia, einer Satellitenstadt von Brasilia; P. Evaldo Martiolo von der Diözese Caçador; P. Ramiro Ludeña und ein Freund, der in Pernambuco in der Sozialarbeit mit Kindern und Jugendlichen tätig war und P. Alvino Broering, Priester der Diözese Santa Catarina.

Im März 2010 wurde ein weiterer Priester ermordet, P. Dejair Gonçalves aus Almeida, Pastoralkoordinator im Bezirk Santa Cruz.

Der Pastoralrat der Brasilianischen Bischofskonferenz brachte am Ende der letzten Sitzung des Jahres in einer Veröffentlichung seine Sorge über die ansteigende Welle der Gewalt gegen Priester zum Ausdruck: „Die Katholische Kirche in Brasilien ist tief betroffen und erschüttert angesichts der Gewalt gegen ihre Söhne, denen man das Leben genommen hat. Wir betonen erneut, dass Gewalt durch nichts zu rechtfertigen ist.“

In Bezug auf die von der brasilianischen Regierung im Dezember 2009 verabschiedeten Menschenrechtserklärung erhoben sechzig Bischöfe und die Bischofskonferenz ihre Stimme gegen einige strittige Punkte: die geplante Legalisierung der Abtreibung; die Heirat gleichgeschlechtlicher Paare, deren Adoptionsrecht und die Anerkennung von homosexuellen, bisexuellen, transvestitischen und transsexuellen Paaren als Familie; das Verbot religiöser Symbole in öffentlichen Gebäuden.

Nach langen Diskussionen strich die Bundesregierung die Punkte Abtreibung und Verbot religiöser Symbole. Eine neue Diskussion über Abtreibung wurde ausgelöst durch die Debatte im Abgeordnetenhaus über den Gesetzentwurf „Estatuto do Nascituro“ (Rechtsstellung des Ungeborenen), mit dem der Schutz des Staates für Ungeborene ab dem Zeitpunkt ihrer Empfängnis garantiert und somit Versuchen zur Legalisierung der Abtreibung entgegengewirkt werden soll. Die Staatsführung soll Druck ausgeübt haben, diesen Gesetzentwurf fallen zu lassen.

Quellen:
Brasilianische Bischofskonferenz www.cnbb.org.br/ EFE www.iglesiaysociedad.com
Gaudium Press www.gaudiumpress.org
Iglesia Viva www.iglesiaviva.org
Zenit www.zenit.org

(Quelle: Religionsfreiheit weltweit – Bericht 2010. Stand: 2011)

19.Aug 2009 12:55 · aktualisiert: 27.Jun 2012 17:04
KIN / S. Stein