Die Bischöfe kritisieren, dass die Täter häufig straffrei ausgingen: „Wenn sich die Straflosigkeit etabliert, verlieren die Menschen das Vertrauen in das Justizsystem und laufen so Gefahr, entmutigt zu werden, Selbstjustiz zu üben und Verbrechen zu begehen.“ Ihr Appell richte sich an diejenigen, „die das Gefühl hegen, das Blut friedlicher Bürger vergießen zu müssen, um ihrer Ideologie Gehör zu verschaffen oder politische Macht zu erringen“.
Die Bischöfe rufen die Verantwortlichen auf, „sich an den Aufbau der Nation zu machen“ und die „Würde der menschlichen Person zu respektieren“. Dazu gehörten auch faire Verfahren für beschuldigte Bürger: „Diese Personen müssen an einem Ort festgehalten werden, der bekannt und für Familienmitglieder zugänglich ist.“
Ähnlich wie die Bischöfe Burundis hatte im vergangenen Jahr der UN-Menschenrechtsausschuss seine Besorgnis geäußert „über Anschuldigungen des Verschwindens und der Ermordung von politischen Aktivisten und Journalisten durch Sicherheitskräfte und andere regierungsnahe Truppen“.
Auch der für Burundi zuständige Projektreferent an der internationalen Zentrale von „Kirche in Not“ (ACN) in Königstein im Taunus, Maxime François-Marsal, sieht das Land von einem „Klima des Misstrauens“ geprägt, „selbst unter Freunden und Familien“. Burundi habe eine sehr schmerzhafte Geschichte, „die von Massaker, Morden, sozialen Konflikten und Gewalt geprägt ist“, erklärte François-Marsal, der das Land 2023 besucht hat.
Burundi, bis 1918 Teil der deutschen Kolonie Deutsch-Ostafrika, erlangte 1962 Unabhängigkeit von Belgien. Das Nachbarland der Demokratischen Republik Kongo war seither immer wieder Schauplatz blutiger Konflikte. Diese spitzten sich 2015 zu, nachdem der damalige Präsident Pierre Nkurunziza angekündigt hatte, für eine dritte Amtszeit zu kandidieren. Dieses Vorhaben verstieß gegen die Verfassung; Proteste im ganzen Land folgten.
Seitdem gehen die Behörden hart gegen Zivilbevölkerung und Medien vor, vor allem wenn sie Kritik an den Missständen im Land üben. Auch unter dem seit 2020 amtierenden Präsidenten Évariste Ndayishimiye hat sich die Menschenrechtslage nicht gebessert, das kleine Land mit rund 13 Millionen Einwohner gilt als weitgehend abgeschottet. 93 Prozent der Einwohner Burundis bekennen sich zum Christentum.
Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank
IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05
Verwendungszweck: Burundi
Dort finanziert das weltweite katholische Hilfswerk „Kirche in Not“ Solaranlagen auf den Dächern von kirchlichen Schulen, Klöstern oder Pfarrzentren. In den vergangenen Jahren wurden dazu knapp zwei Millionen Euro bereitgestellt. 37 Pfarreien, 24 Klöster, 22 Schulen, sieben Priesterseminare und weitere Einrichtungen konnten dadurch Solaranlagen auf ihren Dächern installieren.
Strom ist, wie viele andere Dinge des täglichen Bedarfs, in diesen Ländern unerschwinglich geworden; in Syrien stiegen die Preise zuletzt um 500 Prozent. Im Libanon kommt der Strom in vielen Haushalten nur etwa vier Stunden am Tag aus der Steckdose. Mehr gibt das öffentliche Versorgungsnetz nicht her. Viele Haushalte müssen deshalb auf brennstoffbetriebene Generatoren zurückgreifen. Aber auch Benzin oder Diesel sind sehr teuer, abgesehen von der schlechten Umweltbilanz. In Syrien ist die Situation noch schlimmer: Dort gibt es maximal drei Stunden Strom am Tag, manchmal auch gar nicht. Stromgeneratoren sind dort kaum noch zu bekommen, oder werden von zwielichtigen Unternehmen angeboten.
All das hat auch Auswirkungen auf die kirchliche Arbeit in diesen Ländern: Pfarreien, die Suppenküchen betreiben, können die dazu notwendigen Lebensmittel nicht mehr kühlen. Einkehrtage oder Veranstaltungen sind wegen der hohen Strompreise in den Herbst- und Wintermonaten kaum mehr durchführbar. Und kirchliche Waisenhäuser, Pflegeheime, Kliniken, Kindergärten oder Schulen können ohne Strom nur eingeschränkt arbeiten.
Deshalb haben sich zahlreiche Einrichtungen hilfesuchend an „Kirche in Not“ gewandt. Sie wollen selbst Strom produzieren, um damit unabhängig zu werden und ihren Betrieb aufrechterhalten zu können. Eine dieser Einrichtungen ist die Pfarrei St. Tekla in Qartaboun, einem Stadtteil von Byblos, rund 40 Kilometer nördlich von Beirut. Bislang musste die Pfarrei täglich umgerechnet 60 Dollar allein für Stromkosten bezahlen. Jetzt liegen diese Kosten nur noch bei drei Dollar – dank der Sonnenkollektoren auf dem Dach. Das bedeute mehr Geld für die pastoralen und karitativen Aktivitäten der Gemeinde, berichtet Pfarrer Christian Gerges gegenüber „Kirche in Not“.
Eine lebenswichtige Erleichterung stellen die Solaranlagen auch für Klostergemeinschaften dar, die täglich zahlreiche Mahlzeiten für Menschen mit Behinderung, pflegebedürftige und ältere Personen zubereiten. So berichtet Schwester Yaout von der Kongregation der Heiligen Familie aus Qartaboun, die sich um Menschen mit Behinderung kümmern: „Wir haben nicht nur Stromkosten gespart, wir können auch unsere Lebensmittel besser kühlen.“ Das spare Zeit, weil nicht ständig frische Lebensmittel gekauft werden müssten und sichere auch die Qualität der Speisen.
Positive Auswirkungen vermeldet auch die von der Ordensgemeinschaft der Antonianer betriebene Schule in Zgharta, das in der Nähe der Hafenstadt Tripolis liegt. Ein Lehrer berichtet: „Die Sonnenkollektoren haben viel verändert, insbesondere in Bezug auf den Unterricht. Wir haben jetzt Strom, um zum Beispiel digitale Tafeln und andere Hilfsmittel zu verwenden und können so unter besseren Bedingungen unterrichten. Danke an ,Kirche in Not’ und alle, die das möglich gemacht haben.“ Das Hilfswerk wird sein Programm zur Förderung von Solaranlagen in kirchlichen Einrichtungen in Syrien, im Libanon und anderen Ländern fortsetzen – im Nahen und Fernen Osten, aber auch in Afrika.
Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank
IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05
Verwendungszweck: Naher Osten
Das Interview mit Abt Nikodemus Schnabel führte André Stiefenhofer, Pressesprecher von „Kirche in Not“ Deutschland.
Abt Nikodemus Schnabel: Wir Deutschen haben eine besondere Verantwortung gegenüber Israel. Auf der anderen Seite gibt es auch Mitgefühl mit den Palästinensern, die aus humanitärer Sicht unfassbar leiden. Wir reden hier über kein Fußballspiel, wo die einen die Israelfahne und die anderen die Palästinafahne schwenken. Hier sterben Menschen. Ich bin weder pro Israel noch pro Palästina. Ich bin pro Mensch. Staaten sind menschengemacht. Es ist der Mensch, der von Gott geschaffen ist. Ich empfehle sehr, den Blick von der Politik zu den Biografien der Menschen zu lenken. So viele Biografien sind zerstört, es gibt so viel Leid, so viel Trauer.
Wie verortet sich die katholische Kirche im Heiligen Land in diesem Konflikt?
Wir Christen im Heiligen Land sind eine kleine Minderheit von ein bis zwei Prozent der Bevölkerung. Wir haben Opfer auf beiden Seiten zu beklagen. Die Hamas hat bei ihrem Terrorangriff auf Israel am 7. Oktober 2023 auch vier Katholiken ermordet. Es handelt sich um drei Frauen und einen Mann, Arbeitsmigranten aus den Philippinen. Stand Februar wurden im Gaza-Streifen 27 Christen getötet. Das heißt, wir haben christliche Tote hier und da. Und für beide Seiten gilt: Weder die philippinischen Migranten noch die palästinensischen Christen in Gaza, die in ihren Kirchen Zuflucht gesucht haben, haben jemals eine Waffe in der Hand gehabt oder sich an Terrorplanungen beteiligt.
Viele Beobachter haben sich gefragt, warum die Christen nicht aus Gaza-Stadt in den Süden gegangen sind. Was wissen Sie darüber?
Das kann ich klar sagen: Der Süden des Gaza-Streifens ist eine absolute No-go-Area für Christen. Es gibt ja nicht nur die Hamas, es gibt noch schlimmere islamistische Gruppen, wie „Dschihad Islami“ zum Beispiel. Die haben ihren Sitz in Rafah im Süden. Deshalb haben die Christen gesagt: Lieber sterben wir in unseren eigenen Kirchen, wo wir täglich die heilige Messe feiern können, als dort im Süden.
Sie sprechen aus unmittelbarem Erleben und aus einer pastoralen Perspektive. Wie erleben Sie die Debatte über diesen Krieg im deutschsprachigen Raum?
Ich finde es schon sehr interessant bis mutig, wenn Leute, die noch nie im Land waren, mir erklären, warum ich falsch liege oder auf welche Seite ich mich zu stellen habe. Ich lebe seit 20 Jahren im Heiligen Land. Ich habe Freunde auf beiden Seiten. Bevor ich Abt wurde, war ich Stellvertreter des Lateinischen Patriarchen für Migranten und Asylsuchende. Das heißt, die vier ermordeten Filipinos waren mir anvertraute Gläubige. Ich war auch schon mehrmals in Gaza. Die Zahl der Christen betrug vor dem Krieg etwa 1000. Es sind also für mich keine anonymen Zahlen, es sind konkrete Menschen.
Sie haben immer wieder deutlich gemacht, dass Sie klar unterscheiden zwischen Hamas und palästinensischer Zivilbevölkerung, auch zwischen Hamas und Palästinensischer Autonomiebehörde. Sind Sie sich sicher, dass die Hamas und ein möglicher „Staat Palästina“ nicht doch in weiten Teilen deckungsgleich werden?
Die letzten Wahlen in den Palästinensischen Gebieten waren 2006. Also tut man sich sehr leicht, zu sagen: Die Hamas wurde ja damals gewählt, sie ist deckungsgleich mit Palästina. Die Autonomiebehörde ist längst nicht mehr demokratisch legitimiert. Eine überwältigende Zahl von Menschen, die heute im Gaza-Streifen leben, haben nie in ihrem Leben gewählt. Wir wissen gar nicht, wie sich die Leute jetzt entscheiden würden. Und es ist auch ein großer Unmut gegen die Hamas zu spüren.
Auch in Israel sind viele Leute frustriert über die Regierung, weil sie wirklich zu sehr scharfen Tönen neigt. Was es bräuchte, und da bin ich ganz beim israelischen Schriftsteller Amos Oz, wäre eine „Enttabuisierung des Kompromisses“. Ich erlebe seit Jahren, dass sich beide Seiten dafür feiern lassen, keinen Millimeter nachgegeben zu haben. Allerdings gibt es mit dieser Politik der klaren Kante kein Zusammenleben.
Wenn ich Sie richtig verstanden habe, erleben Sie in Ihren Gesprächen mit den Menschen auf beiden Seiten, dass diese sehr realistisch sind, was die mögliche Zukunft angeht. Heißt das dann, dass die fehlende Kompromissbereitschaft ein Elitenproblem ist?
Ich habe das Gefühl, dass es auf beiden Seiten Verantwortliche gibt, die sehr tolerant gegenüber Radikalen sind. Die Palästinensische Autonomiebehörde tut sich sehr schwer, sich von der Hamas zu distanzieren. Und auf israelischer Seite gibt es Schwierigkeiten, sich gegen die Radikalen in den eigenen Reihen, sprich ultranationale religiöse Siedler, zu distanzieren. Ich habe das Gefühl, dass beide Seiten an diesen problematischen „Schmuddelkindern“ festhalten. Wenn dann doch einmal ein Kompromiss gelingen sollte, werden diese hervorgeholt und machen den Erfolg wieder zunichte. Das ist ein sehr zynisches Spiel. Ich habe das Gefühl, dass es Hemmungen gibt, die Probleme in den eigenen Reihen anzugehen: Dass die Israelis klar Nein sagen zu den Radikalen, weil sie das politische Klima vergiften. Und dass sich die palästinensische Seite ganz klar vom Terrorismus abgrenzt. Terror ist keine Sehnsucht nach Freiheit.
Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank
IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05
Verwendungszweck: Heiliges Land
Auch die internationale Gemeinschaft solle „ein für alle Mal (…) verstehen, dass die Demokratische Republik Kongo weder zum Verkauf steht noch anarchisch ausgebeutet werden kann.“ Afrika drohe an dieser Mentalität „zu ersticken“.
Was die aktuelle Situation im zweitgrößten Land Afrikas und deren Ursachen angeht, zeigen sich die Bischöfe ernüchtert. Im Dialog mit der Bevölkerung hörten sie immer wieder „dass der kongolesische Staat tot ist, dass wir (…) unserem traurigen Schicksal überlassen sind und dass wir keinen Hinweis darauf sehen, dass die aktuellen Herrscher an das Wohlergehen der Bevölkerung denken.“
Die Bischöfe prangern unter anderem „Morde (…), Massaker und Entführungen“, die „Lähmung der Wirtschaft“ sowie die „Einkreisung der Stadt Goma durch die von Ruanda unterstütze Miliz M23“ an. Goma, die Hauptstadt der Provinz Nord-Kivu, ist seit Februar dieses Jahres von Rebellen umstellt, die sich schwere Gefechte mit der staatlichen Armee liefern.
Um die Kontrolle über die umkämpften Gebiete wiederzugewinnen, hat die Regierung dem Militär große Machtbefugnisse übertragen – was erneut zu Problemen führt. Die Bischöfe beklagen „den Vertrauensverlust zwischen Zivilbevölkerung und Militär einerseits und der Zivilbevölkerung und den Machthabern während der Belagerung andererseits“. Die Jugend des Landes sei weitgehend sich selbst überlassen, zahlreiche Pfarreien wegen der prekären Sicherheitslage teilweise oder ganz verlassen, heißt in der Erklärung.
Die Bischöfe loben den Mut von Priestern und Ordensleuten in den besetzten Gebieten und weisen auf das Vertrauen hin, dass die Bevölkerung der katholischen Kirche entgegenbringt „als einer Institution, die nicht müde wird, die Interessen des Volkes zu verteidigen.“ Ebenso betonen sie den karitativen Einsatz der Kirche für die Binnenflüchtlinge, „die in den in Diözesen Butembo-Beni und Goma auf mehr als zwei Millionen Menschen geschätzt werden.“
Seit über 30 Jahren leidet der Osten der Demokratischen Republik Kongo unter der Gewalt von rund 120 bewaffneten Milizen, die um Territorien kämpfen und sich über die Ausbeutung der Bodenschätze des Landes finanzieren. Die aktuell größten Gruppen sind die M23 und die „Allied Democratic Forces“ (ADF), die Verbindungen zum „Islamischen Staat“ unterhält. Nach Angaben der Vereinten Nationen hat der Konflikt seit 1996 über sechs Millionen Menschen das Leben gekostet, ebenso viele wurden innerhalb des Landes vertrieben.
Nach Angaben des von „Kirche in Not“ herausgegebenen Berichts „Religionsfreiheit weltweit“ bekennen sich rund 95 Prozent der Einwohner der Demokratischen Republik Kongo zum Christentum. Dennoch kommt es zu schwerwiegenden Verfolgungen, die vorrangig von islamistischen Gruppen und Milizen ausgehen.
Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank
IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05
Verwendungszweck: Demokratische Republik Kongo
Im Gespräch mit dem weltweiten katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“ (ACN) sagte Rehmat: „Mehr als 300 mutmaßliche Täter wurden verhaftet, aber es ist
unwahrscheinlich, dass sie vor Gericht gestellt werden. Nach und nach werden sie wieder freigelassen. Niemand wurde angeklagt.“ Der Bischof fügte hinzu: „Wir wollen Gerechtigkeit. Die Schuldigen müssen zur Rechenschaft gezogen werden, damit dies eine Lehre für andere ist.“
Der Bischof kritisierte außerdem die mangelhaften Instandsetzungsarbeiten seitens der Regierung an drei ausgebrannten Kirchen. Die Kirchengebäude könnten bis heute nicht ohne Gefahr betreten werden. Rehmat berichtete: „Ich habe mir die
Reparaturarbeiten der Regierung an beschädigten Gebäuden angesehen, und habe sie dann gebeten, die Arbeiten einzustellen. Sie wollten den Medien zeigen, dass alles in Ordnung sei, aber sie haben nur die Wände getüncht. Ich konnte sogar noch den Rauch riechen. Es ist nicht ratsam, unter diesen Dächern zu beten.“
Positiv bewertete Bischof Rehmat hingegen die Fortschritte der von „Kirche in Not“ unterstützten Renovierungsarbeiten an 150 von Christen bewohnten Häusern in Jaranwala. In einem weiteren Hilfspaket werden von der Gewalt betroffene Familien zudem Motorräder und Autorikschas erhalten, damit sie einer Arbeit als Taxifahrer oder Kuriere nachgehen können. Bis zu 400 Kinder werden außerdem mit Schulbüchern und Schultaschen ausgestattet.
Der Bischof dankte allen Spendern von „Kirche in Not“ für Ihre Hilfe: „Wir sind sehr dankbar für diese großartige Unterstützung. Wir alle beten für ‚Kirche in Not‘ und alle Wohltäter.“
Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München
IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05
Verwendungszweck: Pakistan
Entführungen seien an der Tagesordnung, erklärte Mésidor: „Egal, ob man arm oder reich, ein Intellektueller oder ein Analphabet ist, jeder kann entführt werden. Das ist eine Plage, es erstickt die Haitianer.“ Auch immer mehr Priester und Ordensleute gerieten ins Visier der Banden. So seien allein in diesem Jahr mindestens sechs Ordensschwestern, sechs Ordensmänner und zwei Priester entführt worden. „Die Gangs gehen sogar so weit, dass sie in die Kirche eindringen, um Leute zu entführen. Manche Pfarreien wurden geschlossen, weil die Pfarrer sich in Sicherheit bringen mussten“, sagte der Erzbischof.
Er selbst habe seit über einem Jahr seine Kathedrale und die Büroräume in der Hauptstadt Port-au-Prince nicht mehr aufsuchen können, da sich diese in einem der unsichersten Stadtviertel in der Nähe des Präsidentenpalastes befänden. Auch zwei Drittel seiner Erzdiözese seien nicht besuchbar, aktuell sei es kaum möglich, die Hauptstadt zu verlassen.
Angesichts der anhaltenden Krise in Haiti hätten bereits viele wohlhabende Bürger das Land verlassen. Weite Teile der Bevölkerung seien verarmt. Hilfen kämen aber nach wie vor an, sagte der Erzbischof. „Ohne die Hilfe von ,Kirche in Not’ und anderen wäre es sehr schwer weiterzumachen. Es ist dieser Hilfe zu verdanken, dass wir den Menschen etwas Hoffnung geben können.“ „Kirche in Not“ unterstützt in Haiti unter anderem Lebensunterhalt und Ausbildung für Priester, Seminaristen und Ordensfrauen, Programme für Kinder und Jugendliche und die Versorgung von Binnenflüchtlingen.
„Unser Volk will leben. Es beweist viel Widerstandskraft, auch wenn gegenwärtig das Leid ein schreckliches Ausmaß annimmt“, betonte Mésidor. Er sei jedes Mal überwältigt, wenn sich trotz dieser gefährlichen Situation viele Gläubige zu den Gottesdiensten versammelten. „Bei den Prozessionen oder einem Kreuzweg im Stadtzentrum von Port-au-Prince können es bis zu 50 000 Menschen sein. Manchmal bin ich sprachlos.“
In Haiti herrscht nach der Rücktrittsankündigung von Interims-Premier Ariel Henry eine Regierungskrise. Henry hatte die Regierungsgeschäfte kurz nach der Ermordung von Präsident Jovenel Moïse im Juli 2021 übernommen. Ein Übergangspräsidialrat soll nun Neuwahlen vorbereiten.
Bewaffnete Banden hatten sich Ende Februar zusammengeschlossen und Henrys Rücktritt gefordert. Inzwischen sind laut der Internationalen Organisation für Migration mehr als 360 000 Menschen innerhalb Haitis vor der Gewalt geflohen; Beobachter gehen von einer sich verschärfenden Hungersnot im Land aus.
Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München
IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05
Verwendungszweck: Haiti
Der 61-jährige Karmelit ist ein langjähriger Freund und Projektpartner des weltweiten katholischen Hilfswerks „Kirche in Not“. International bekannt wurde er für seinen Einsatz bei Friedensverhandlungen zwischen bewaffneten Gruppen. Rund zwei Drittel der rund fünf Millionen Einwohner der Zentralafrikanischen Republik sind Christen. Ab 2013 kam es nach der gewaltsamen Machtübernahme durch die überwiegend muslimische Rebellenallianz Séléka zu einem Bürgerkrieg. Auch die mehrheitlich christliche Anti-Balaka wird für schwere Übergriffe verantwortlich gemacht. Der Bürgerkrieg konnte ab 2016 weitgehend beigelegt werden; die Zentralafrikanische Republik gehört zu den Ländern mit der geringsten menschlichen Entwicklung.
Pater Aurelio, wie geht es Ihnen nach Ihrer Ernennung?
Pater Aurelio Gazzera: Einerseits habe ich Angst, andererseits empfinde ich ein tiefes Vertrauen in Gott. Die Kraft, Bischof zu sein, habe ich nicht aus mir selbst. Aber Gott weiß mehr über mich als ich selbst. Er hat mehr Vertrauen zu mir, als ich zu mir selbst habe. Und es gibt eine große Schar von Menschen, die für mich betet.
Sie waren viele Jahr in Bouar im Westen der Zentralafrikanischen Republik, nahe der Grenze zu Kamerun, täig. Jetzt kommen sie nach Bangassou. Wie ist die Situation dort?
Bangassou liegt im Südosten zwischen der Demokratischen Republik Kongo und dem Südsudan. Die Diözese ist fast halb so groß wie Italien, aber mit nur rund einer halben Million Einwohner dünn besiedelt. Das Gebiet ist sehr abgelegen. Die Straßen sind so schlecht, dasss man mit dem Auto mehrere Wochen in die 750 Kilometer entfernte Hauptstadt Bangui brauchen würde. Einige der Pfarreien sind mit dem Auto ebenfalls nicht erreichbar. In weiten Teilen der Diözese sind bewaffnete Gruppen aktiv. Es gibt aber auch Grund zur Freude: Bischof Juan José Aguirre, der die Diözese seit 2000 mit großer Tatkraft leitet, hat viele große Initiativen ins Leben gerufen: Es gibt kirchliche Schulen, Waisenhäuser und eine Katechetenschule. 30 junge Männer bereiten sich auf den Priesterberuf vor.
In den Nachrichten ist nur noch wenig über die Zentralafrikanische Republik zu hören. Doch vor einem Jahr wurde beispielsweise ihr Mitbruder Pater Norbert Pozzi durch eine Landmine schwer verlezt. Wie beurteilen Sie die Lage im Land?
Die Situation ist weiterhin sehr schwierig und instabil. In einigen Landesteilen ist es ruhiger geworden. Andererseits wurde zum Beispiel im vergangenen Dezember ein Dorf in der Diözese Bouar angegriffen. Es gab 28 Tote, 900 Häuser wurden niedergebrannt. Auch in der Diözese Bangassou sind Missionssationen geschlossen, weil es noch in den vergangenen Monaten Angriffe gegeben hat. Die Sicherheitslage in weiten Teilen des Landes ist weiterhin prekär.
Als Priester verletzt alles, was meine Brüder und Schwestern trifft, auch mich selbst. Ich habe als Pfarrer die Verantwortung, mich um die mir anvertrauten Menschen zu kümmern – und als Bischof habe ich sie noch viel mehr. Also werde ich alles tun, um den Dialog mit den verschiedenen Rebellengruppen fortzusetzen. Ich werde weitere mit denen sprechen, die ihre Erwartungen an die Regierung und die internationale Gemeinschaft zum Ausdruck bringen, wenn auch auf inakzpetable Weise mit Gewalt. Ich werde dennoch versuchen, ihnen zuzuhören und mit meinen begrenzten Kräften ein Werkzeug des Friedens zu sein.
Was sind die nächsten Schritte, die Sie unternehmen werden?
Meine Bischofsweihe wird am 9. Juni stattfinden. Direkt nach Ostern ziehe ich bereits um nach Bangassou. Ich werde die Missionstationen und Pfarreien besuchen, die mit dem Auto erreichbar sind. An meiner bisherigen Wirkungsstätte muss ich die Aufgaben als Caritasdirektor und meine Pfarreiarbeit, sowie die Betreuung von Schulen, die Ausbildungsttätte für Mechaniker und andere Aufgaben in neue Hände legen. Das weitere Programm wird der Herr aufstellen.
Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München
IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05
Verwendungszweck: Zentralafrikanische Republik
Nach Informationen von „Kirche in Not“ befinden sich noch über 500 katholische und orthodoxe Christen in den Gemeinderäumen. Unter ihnen sind etwa 120 Kinder und Jugendliche. In den zurückliegenden Wochen tobten schwere Kämpfe im Viertel Al Zeyton, in dem sich die einzige katholische Gemeinde des Gaza-Streifens befindet.
Ab und an schaffen es ein paar Textnachrichten von Schwester Nabila aus dem Kampfgebiet: „Uns geht es gut.“ Auf Nachfrage, was „gut“ bedeutet, erklärt die Ordensfrau, dass sie und ihre Mitbewohner noch am Leben sind. Doch die Situation ist bedrückend: „Wir haben nicht genug, es fehlt uns an allem.“
Aktuell erlebt die christliche Gemeinde im Gaza-Streifen die wohl schlimmste Zeit seit Beginn der Kämpfe. Ein anderer Projektpartner von „Kirche in Not“, zu dem die Telefonverbindung stabil ist und der anonym bleiben möchte, sagt: „Unsere Leute leiden, jede Minute. Jedes Mal, wenn über einen Waffenstillstand gesprochen wird, nimmt die Intensität der Militäroperationen zu.“
Die Lebensmittelversorgung sei sehr eingeschränkt, erklärt der Ansprechpartner. Es sei schwer, irgendwo Lebensmittel für so viele Menschen aufzutreiben. Doch es gebe auch immer wieder kleinere Erfolge: „Die christliche Gemeinde ergreift jede Gelegenheit, um Trinkwasser und Lebensmittel zu sichern.“ Oft seien die Menschen stundenlang unterwegs, um etwas Essbares zu finden.
Mithilfe von „Kirche in Not“ und anderen Organisationen ist das Lateinische Patriarchat von Jerusalem, die Vertretung der Katholiken im Heiligen Land, in der Lage, zwei Mahlzeiten pro Woche und jeden zweiten Tag Brot für die Menschen auf dem Pfarreigelände zur Verfügung zu stellen.
Größte Herausforderung bleibt die Trinkwasserversorgung. „Wir haben schmutziges Wasser für die Sanitäranlagen, aber das Trinkwasser kann nur unzureichend aufbereitet werden“, erklärt der Projektpartner. Krankheiten breiten sich aus. „Viele Kinder leiden unter Durchfall. Einige ältere Menschen sind schwer erkrankt und müssten eigentlich ins Krankenhaus. Das ist jedoch aktuell nicht möglich.“
Der gelebte Glaube sei jedoch eine Stütze für die Menschen, erklärt der Ansprechpartner. In der Pfarrei findet täglich die Heilige Messe statt, es wird der Rosenkranz gebetet. Auch gebe es Aktivitäten für Kinder und erste Versuche, traumatisierten Menschen seelsorgerisch beizustehen.
Die Priester und Ordensschwestern wie Schwester Nabila seien erschöpft, führt der Ansprechpartner aus. „Es wird ein außergewöhnliches Osterfest. Aber wir sind dem gekreuzigten Jesus jetzt näher denn je.“
Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München
IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05
Verwendungszweck: Heiliges Land
„Kirche in Not“ unterstützt die Arbeit der Gemeinden vor Ort und hilft den Christen, durch diese schwere Zeit zu kommen. Das weltweite katholische Hilfswerk hat einige Momentaufnahmen aus der Kriegsregion zusammengetragen.
Gaza-Streifen: Eine Ordensfrau bleibt bei denen, die nicht flüchten können
In den Räumen der katholischen Pfarrei „Heilige Familie“ in Gaza-Stadt haben etwa 150 katholische und 350 orthodoxe Christen Zuflucht gefunden. Das ist etwa die Hälfte der christlichen Bewohner des Gaza-Streifens. Bei ihnen sind ein katholischer Priester und mehrere Ordensfrauen, darunter auch Schwester Nabila. Sie ist eine langjährige Projektpartnerin von „Kirche in Not“.
Westjordanland: „Die Menschen sind völlig verzweifelt“
Auch die schätzungsweise 37 000 Christen, die sich noch im Westjordanland aufhalten, erleben Tage der Unsicherheit und Angst. Nahezu alle Pilger und Besucher von Städten wie Bethlehem, Hebron oder Jericho haben das Land bereits verlassen. Damit sei für viele Christen nach den Corona-Jahren erneut die wichtigste Einnahmequelle weggebrochen, erklärt der Projektverantwortliche des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem, George Akroush, im Gespräch mit „Kirche in Not“: „70 Prozent der Christen im Westjordanland leben vom Tourismus. Der Krieg wird für viele christliche Familien zu einer schrecklichen Wirtschaftskrise führen.“
Ein weiteres großes Problem bestehe darin, dass die Checkpoints nach Israel geschlossen worden seien. Somit könnten viele Menschen aus dem Westjordanland nicht mehr zu ihren Arbeitsplätzen nach Jerusalem oder andernorts gelangen. „Die Menschen lebten vorher schon in Armut, aber jetzt sind sie völlig verzweifelt“, berichtet Akroush. Menschen mit chronischen Erkrankungen seien in einer bedrohlichen Situation, da Medikamente kaum noch zu bekommen seien. Auch die Wasser- und Stromversorgung funktioniere nicht mehr zuverlässig.
Etwa 100 000 Christen sind in Ostjerusalem beheimatet. Da auch viele von ihnen im Tourismus arbeiten, sind sie jetzt ohne Broterwerb. Leerstehende Hotels werden als Quartierte für Reservisten oder für geflüchtete Israelis genutzt, die sich aus der Umgebung des Gaza-Streifens in Sicherheit gebracht haben.
Trotz der belastenden Lage herrsche unter den Christen eine hohe Solidarität, berichtet George Akroush: „Einige, die ihre Arbeit behalten konnten, spenden bis zu 15 Prozent ihres Einkommens an ärmere Familien. Der Krieg bringt die katholische Gemeinschaft näher zusammen.“ Der Projektverantwortliche des Lateinischen Patriarchats fürchtet, dass die jüngste Eskalation zu einer weiteren Abwanderung von Christen aus dem Heiligen Land führen wird. „Deshalb sollten wir alles tun, was in dieser kritischen Zeit noch zu retten ist.“
Die US-Amerikanerin Holly ist eine von etwa 150 000 Christen, die auf israelischem Staatgebiet zu Hause sind – die meisten von ihnen mit ausländischen Wurzeln. Holly, die ihren Nachnamen nicht veröffentlicht sehen möchte, hielt sich in Jerusalem auf, als die Welt, wie sie sie kannte, zusammenbrach: „Mein Herz schmerzt wegen der Gräueltaten, die von der Hamas verübt wurden. Am ersten Tag des Angriffs wurde die höchste Zahl von Juden seit der Shoah ermordet. Es ist unvorstellbar“, erklärt sie gegenüber „Kirche in Not“.
Ihre Familie hätte ihr sofort einen Rückflug in die USA organisiert. Doch dann bat sie eine Hilfsorganisation, sich um geflüchtete jüdische Familie aus dem Grenzgebiet zum Gaza-Streifen zu kümmern. „Ich habe mich sofort entschieden zu helfen. Ich musste einfach bleiben“, bekräftigt Holly. Für ihre Eltern sei die Entscheidung sehr schwer, aber sie hätten auch Verständnis gezeigt. Sie haben mehrere Jahre in Polen gelebt und dort viele Orte besucht, an denen Juden während des Zweiten Weltkriegs getötet worden seien. Sie habe sich oft gefragt, warum dies alles geschehen sei, erklärt die US-Amerikanerin. „Heute habe ich die Möglichkeit zu helfen, also muss ich es tun. Das ist meine Antwort als Christin: Das Böse darf nicht siegen.“
Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München
IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05
Verwendungszweck: Heiliges Land
Marielle Boutros ist eine junge maronitische Christin. Sie arbeitet als Lehrerin im Libanon und unterstützt die Projektarbeit von „Kirche in Not“ (ACN) im Land. Mit André Stiefenhofer vom deutschen Zweig des Hilfswerks hat sie über die aktuellen Herausforderungen im Libanon und die Rolle der Kirche gesprochen. Das Gespräch wurde vor Ausbruch des Kriegs in Israel geführt. Die Folgen, die dieser für den Libanon und den ganzen Nahen Osten haben wird, sind noch nicht abzusehen, werden aber gravierend sein.
André Stiefenhofer(„Kirche in Not“): In welcher Situation befindet sich der Libanon aktuell?
Marielle Boutros: Im Libanon kam es 2019 zum totalen Zusammenbruch aufgrund der langjährigen Korruption, der Geschäftspraktiken der Banken und vieler anderer Faktoren. Die Währung verlor an Wert: Bekam man früher für 1500 Libanesische Pfund einen US-Dollar, muss man heute 19 000 Pfund für einen Dollar bezahlen. Dann ereignete sich am 4. August 2020 die Explosion im Hafen von Beirut. Ganze Stadtviertel wurden zerstört. Seither bricht alles auseinander – auch politisch. Eineinhalb Jahre nach der Parlamentswahl haben wir noch immer keinen Präsidenten und keine Regierung. Die Folgen treffen die Menschen ganz unmittelbar: 80 Prozent der Libanesen leben in Armut. Die Jugend wandert ab, die Migration ist ein harter Schlag für uns. Der Libanon fällt noch immer, wir haben den Tiefpunkt noch nicht erreicht.
Diejenigen, die vor 2019 zur Mittelschicht gehörten, leben jetzt in Armut. Die Gehälter sind immer noch die gleichen wie vor der Krise, aber wie gesagt, das Libanesische Pfund ist jetzt viel weniger wert. Wer vor der Krise ein Gehalt von umgerechtnet 2000 US-Dollar hatte, hat jetzt nur noch etwa 20 bis 30 Dollar zur Verfügung. Allein die Fahrt in die Arbeit frisst das ganze Gehalt auf. Viele Menschen haben ihre Arbeit verloren. Sie leben von ein paar Dollar im Monat und müssen deshalb auf Mahlzeiten verzichten. Kinder müssen ohne Pausenbrot zur Schule gehen. Darum bereiten unsere christlichen Schulen wenigstens ein bisschen Essen zu.
Sie haben gesagt, dass viele junge Libanesen angesichts der Krise auswandern. Sie sind selber eine junge Frau. Weshalb haben Sie sich entschlossen zu bleiben?
Ich bin im Libanon geblieben, weil die Kirche dort ist. Die Kirche versteckt sich nicht in Gotteshäusern oder Bischofsresidenzen. Sie ist ist da und sie hilft. Der Libanon hat keine Regierung. Wir haben keinen funktionierenden Staat. Die Kirche ist für uns der wichtigste Bezugspunkt. Die Kirche kämpft dafür, die Menschen mit Lebensmitteln, Medikamenten oder Bildung zu versorgen. Sie begleitet die Menschen durch diese schwere Zeit. Sonst ist niemand für sie da. Ich habe diese starke Begleitung der Kirche selber erfahren, und darum bleibe ich. Es ist meine Berufung, durch die Kirche den Menschen im Libanon zu dienen.
Die Kirche im Libanon und im ganzen Nahen Osten ist gekennzweichnet durch zwei Aspekte. Sie ist für die Menschen da, wenn sie hungrig oder krank sind oder Bildung brauchen. Die Kirche betreibt viele Einrichtungen, in denen die Menschen Heimat und Geborgenheit finden. Das ist eine wirklich anstrengende Aufgabe. Wenn man in die Gesichter der Priester oder der Ordensschwestern im Libanon schaut, kann man ihre Müdigkeit sehen.
Die andere Seite ist die apostolische Sendung der Kirche: Sie begleitet Menschen seelsorgerisch, sie regt zum Gebet an, sie feiert Gottesdienste und veranstaltet kleine Zusammenkünfte wie in den Tagen der Apostel. Dort lesen die Christen zum Beispiel in der Bibel, am Ende essen sie gemeinsam und teilen ihren Alltag. Die Kirche ist im pastoralen wie im karitativen Bereich präsent und leistet eine erstaunliche Arbeit.
Sie arbeiten als Lehrerin. Wie ist die Situation an den Schulen im Libanon?
Wir haben über 200 katholische Schulen im Libanon. Sie haben eine wichtige Funktion, denn an den öffentlichen Schulen sind die Lehrer wegen der Krise mehrfach in Streik getreten, und die Kinder hatten keinen Unterricht. Deshalb sind die katholischen Schulen im Libanon sehr wichtig, nicht nur für die Christen. Auch viele muslimische Eltern schätzen unsere Arbeit. Die Kinder lernen den Glauben kennen, und im Miteinander wächst auch die Toleranz. Doch jetzt sind die Schulen in einem regelrechten Teufelskreis: Die Eltern können die Schulgebühren nicht mehr bezahlen, staatliche Unterstützung gibt es keine. Die Schulen können aber ohne diese Einnahmen den Lehrern keine Gehälter zahlen. Hinzu kommen die laufenden Kosten. Um diese Lücke zu schließen, brauchen wir Hilfe aus dem Ausland. Sonst können wir die katholischen Schulen nicht weiter betreiben. Und die Folge wäre: Viele islamistische Einrichtungen warten darauf, in diese Lücke zu springen. Dann würden die Kinder ideologisch indoktriniert, und das würde zu noch mehr Extremismus führen.
Hilfen wie die von „Kirche in Not“ sind für uns essenziell. Nur so können wir die Lehrer bezahlen, Strom und Heizkosten decken und so weiter. Ein aktuelles Projekt ist zum Beispiel, dass wir Solaranlagen auf die Schuldächer montieren, um somit autark zu werden und die Stromkosten zu senken. Das sind Schritte, die den Kindern im Libanon zugutekommen: Weil an vielen öffentlichen Schulen gestreikt wird, drohen drei Millionen Kinder ohne Bildung aufzuwachsen. Wir können viele von ihnen an den katholischen Schulen aufnehmen. Die Christen erfüllen hier ein wichtige Aufgabe für den ganzen Libanon.
Ein weiterer Schwerpunkt der Hilfe ist die Bekaa-Ebene im Osten des Libanon an der Grenze zu Syrien. Warum hat dieses Gebiet gerade auch für die Christen eine so hohe Bedeutung?
Die Bekaa-Ebene ist umgeben von libanesischen Milizen und muslimischen Fanatikern. Die Christen, die sich dort noch aufhalten, leben in einer sehr schwierigen Situation, weil es um sie herum eine „versteckte Unterdrückung“ gibt. Die Präsenz der Christen, die besonders in den Städten Zahlé und Baalbek leben, ist ein wichtiges Statement für den Libanon und den Nahen Osten.
Hilfen wie die von „Kirche in Not“ sind für uns essenziell. Nur so können wir die Lehrer bezahlen, Strom und Heizkosten decken und so weiter. Ein aktuelles Projekt ist zum Beispiel, dass wir Solaranlagen auf die Schuldächer montieren, um somit autark zu werden und die Stromkosten zu senken. Das sind Schritte, die den Kindern im Libanon zugutekommen: Weil an vielen öffentlichen Schulen gestreikt wird, drohen drei Millionen Kinder ohne Bildung aufzuwachsen. Wir können viele von ihnen an den katholischen Schulen aufnehmen. Die Christen erfüllen hier ein wichtige Aufgabe für den ganzen Libanon.
Wie hilft „Kirche in Not“ in dieser christlichen Enklave?
„Kirche in Not“ unterstützt vor allem die Seelsorge: Sommercamps für christliche Kinder und Jugendliche, Exerzitien für junge Menschen, Mess-Stipendien für Priester. Die Kirche betreibt auch eine Suppenküche in Zahlé. Sie versorgt syrische Flüchtlinge, aber auch Libanesen, die aufgrund der Krise verarmt sind. Es gehen auch Hilfen an Ordensschwestern, die in der Region eine großartige Arbeit leisten – und natürlich auch wieder an die christlichen Schulen, um dem Fanatismus keine Chance zu geben.
Was können Sie aus Ihrer Erfahrung der Kirche im Westen mitgeben?
Vielleicht kann ich es mit einem Zitat Jesu sagen: „Marta, Marta, du macht dir viele Sorgen und Mühen – Maria hat den guten Teil gewählt.“ Es geht nicht darum, den Dienst für andere aufzugeben, sondern uns auf den Weg wie Maria zu begeben: hinzuhören, was Gott jetzt von uns will. Die wichtigsten Werkzeuge dafür sind die Bibel und die Feier der Euchariste. Im Libanon haben wir viele Missionen, in denen die jungen Leute in die Cafés gehen und über den Glauben sprechen. Wir besuchen auch viele einsame Menschen. Dafür müssen wir unsere Komfortzone verlassen. Ich sehe und erlebe den Wandel in der Kirche. Aus meiner Erfahrung im Libanon kann ich sagen: Der Wandel kann uns stark machen, wenn wir bereit sind, auf die Menschen zuzugehen und einen Raum zu schaffen, in dem die Menschen durch uns die Güte Gottes entdecken.
Regina Lynch: Chile, Brasilien, Kolumbien und Mexiko sind Länder, die Hilfe von „Kirche in Not“ erhalten, die aber auch selber Spendenkampagnen für Christen in Not in anderen Teilen der Welt organisieren. Es ist wunderbar, wenn Menschen über ihr eigenes Leid hinausblicken können. Deshalb war es mir ein Bedürfnis, die Büros von „Kirche in Not“ in Lateinamerika zu besuchen.
Ihre erste Station war Chile. Wie ist die Lage dort?
Chile war das erste Land in Lateinamerika, das „Kirche in Not“ unterstützt hat. Das war 1962. Das Land ist geprägt von vielen Auseinandersetzungen. Das betrifft auch die Kirche: Da waren die Skandale um sexuellen Missbrauch, und seit 2019 gibt es immer wieder Brandanschläge auf Gotteshäuser. Das ist keine einfache Ausgangslage. Dennoch werden unsere Wohltäter in Chile aktiv und spenden. Ich glaube, sie tun das, weil sie sich ihrer eigenen schwierigen Situation bewusst sind.
Ja, wir konzentrieren uns dort sehr stark auf das Thema Ausbildung, vor allem von Priesterseminaristen und Katecheten. Traurigerweise müssen wir aufgrund der Angriffe auf Kirchen und Kapellen in Chile auch beim Wiederaufbau und der Instandsetzung der beschädigten Gebäude helfen.
Ihre nächste Station war Brasilien. Vor welchen Herausforderungen steht die Kirche dort?
60 bis 65 Prozent der Menschen in Brasilien sind katholisch, aber ihre Zahl sinkt Jahr für Jahr. Viele Gläubige schließen sich Sekten an. Aufgrund des Drogenhandels gibt es sehr viel Gewalt. Ich habe zum Beispiel in São Paulo arme Gegenden besucht, in die sich nicht einmal die Polizei hineinwagt. Ich war beeindruckt von den Mitarbeitern der neuen kirchlichen Bewegungen, die in diesen Slums mit den Menschen leben, Schulen betreiben und die viel Respekt in der Bevölkerung genießen. In Rio habe ich eine Kapelle besucht, die in einem Einkaufszentrum untergebracht ist. Es gibt mehrere solcher Einrichtungen. Das ist ein innovativer Weg, um Menschen zu erreichen.
Ja, das Land erlebt ein extremes Ausmaß an Gewalt. Es gibt auch gesellschafspolitische Entwicklungen, wie die Legalisierung der Sterbehilfe oder der Abtreibung, zu denen die Kirche Stellung beziehen muss, um die Menschen gut zu begleiten. Die Kirche in Kolumbien spielt auch eine sehr wichtige Rolle für Menschen, die vor der Dauerkrise und der enormen Armut in Venezuela fliehen. Die Kirche tut enorm viel, um diese Migranten zu unterstützen.
Ihre Reise endete in Mexiko, einem Land, in dem in der jüngeren Vergangenheit viele Priester ermordet wurden.
Mexiko ist für Priester eines der gefährlichsten Länder der Welt. Es gibt dort viel organisiertes Verbrechen, und wenn ein Priester es wagt, das anzusprechen, kann er dafür mit seinem Leben bezahlen. „Kirche in Not“ hat gerade erst ein Friedenstreffen in Puebla unterstützt. Die Idee für dieses Treffen entstand nach dem Mord an zwei Jesuiten vor einem Jahr. Wenn irgendeine Hoffnung auf Veränderung in Mexiko besteht, dann ist es die Kirche, die dazu beitragen kann.
Das gilt auch im Blick auf die Migranten, die oft Opfer von Drogenkartellen und anderen kriminellen Gruppen werden. Die Kirche ist eine der wenigen Einrichtungen, die sich für diese Menschen einsetzt. Ich habe den Eindruck, dass dies vom Staat nicht immer anerkannt wird, was sehr bedauerlich ist.
Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München
IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05
Verwendungszweck: Lateinamerika
Während eines Kreuzweggebets im Augsburger Dom hob der Bischof zudem die ökumenischen Initiativen hervor, die die Situation verfolgter und bedrängter Christen „immer wieder aufs Tablett bringen“. Es sei gut, „wenn wir als katholische und evangelische Kirche gemeinsam die Stimme erheben zur Verteidigung der Religionsfreiheit, denn Religion ist ein wesentlicher Teil des Menschseins“, sagte Meier.
Vorangegangen war eine Informationsveranstaltung im Augsburger Haus St. Ulrich. In deren Zentrum stand die prekäre Lage der Christen in Libanon und Syrien. Das Erdbeben Anfang Februar haben neben dem Süden der Türkei auch schwer zugängliche Gebiete im Norden Syriens hart getroffen, betonte Projektreferent Reinhard Backes aus der Zentrale von „Kirche in Not“ (ACN) in Königstein im Taunus. Schnelle Hilfe sei nur möglich gewesen, weil man auf die kirchlichen Kanäle habe zurückgreifen konnte: „In den Ländern, die keine funktionierenden Strukturen haben, kommt es auf die Strukturen der Kirche an“.
In Syrien hätten vor Beginn des Bürgerkriegs noch etwa 1,5 Millionen Christen gelebt, heute seien es schätzungsweise nur noch 500 000 oder weniger. Die Erfahrung der Not habe die verschiedenen christlichen Konfessionen nähergebracht. „Kirche in Not“ arbeite mit ihnen gut zusammen, was sich auf die weitere Bevölkerung Syriens auswirke, sagte Backes: „Unsere Hilfe dient den Christen, aber sie strahlt auch auf andere Glaubensgemeinschaften aus“. „Kirche in Not“ habe in Syrien wie im Libanon ein eigenes Team vor Ort, um die Hilfe zu koordinieren.
Eine dieser Mitarbeiterinnen ist Marielle Boutros. Sie koordiniert die Hilfsprojekte im Libanon und ist zugleich als Lehrerin tätig. Das Land befinde sich seit 2019 aufgrund einer schweren Wirtschafts- und Politikkrise im freien Fall, erklärte Boutros: „Es ist die schlimmste Situation, die wir jemals erlebt haben.“ Die hohe Inflation habe dazu geführt, dass mittlerweile 80 Prozent der Libanesen unterhalb der Armutsgrenze lebten. Selbst viele hoch qualifizierte Bürger hätten alles verloren. Der Alltag sei von vorher undenkbaren Schwierigkeiten geprägt: „Viele Menschen leiden Hunger, es gibt keine funktionierende Stromversorgung mehr, schon eine kleine Krankheit bedeutet für viele Menschen das Ende.“
Die Kirche sei die einzige Anlaufstelle und versuche, den Menschen humanitär wie geistlich beizustehen, betonte Boutros: „Wir haben keine Regierung, aber wir haben die Kirche.“ Diese sei auch der Grund, warum sie nicht wie viele andere gut ausgebildete Libanesen ausgewandert sei: „Ich bin immer noch im Libanon, weil ich die Kirche unterstützen will. Sie ist ein Fels für die Menschen und bleibt an ihrer Seite.“
Boutros hob auch die Hilfe von „Kirche in Not“ für die über 200 katholischen Schulen im Libanon hervor. Dank der Spenden sei es möglich, das Schulgeld für Kinder aus verarmten Familien zu bezahlen, die geringen Lehrergehälter aufzubessern und die laufenden Kosten etwa für Strom zu begleichen.
Die katholischen Schulen im Libanon hätten auch eine hohe integrative Funktion: Viele muslimische Eltern schätzen die Ausbildung und schicken ihre Kinder gezielt in christliche Einrichtungen. „Würden unsere Schulen schließen, würden sofort islamistische Bildungseinrichtungen in diese Lücke springen. Die Folge wäre eine weitere Radikalisierung“, sagte Boutros.
Der islamistische Extremismus im Nahen Osten wie in der afrikanischen Sahelzone sei weiterhin eine der Hauptgefahren für das Menschenrecht auf Religionsfreiheit, betonte der Geschäftsführer von „Kirche in Not“, Florian Ripka in einem Kurzvortrag. Hinzu kämen ethno-religiöse Tendenzen wie in Indien oder autoritäre Regime wie in China, die Christen und andere Religionsgemeinschaften diskriminieren und verfolgen. „Kirche in Not“ gebe alle zwei Jahre den Bericht „Religionsfreiheit weltweit“ heraus, der alle Länder der Welt und alle Religionen in den Blick nehme. „Religionsfreiheit und Christenverfolgung sind aufs engste miteinander verbunden“, betonte Ripka.
Er rief dazu auf, öffentliche Zeichen für bedrängte Glaubensgeschwister zu setzen. Gelegenheit dazu biete der von „Kirche in Not“ weltweit initiierte „Red Wednesday“ jedes Jahr Ende November. Dazu werden Kirche und andere öffentliche Gebäude rot angestrahlt, und es finden Gebete und Informationsveranstaltungen statt.
Weitere Informationen unter: www.religionsfreiheit-weltweit.de und www.red-wednesday.de