Bei einem Gedenkgottesdienst für Pater Werenfried van Straaten am 3. Mai 2003 in der Kirche St. Margaret in München predigte Kardinal Leo Scheffczyk vor einigen hundert Gläubigen über „Das Vermächtnis Pater Werenfrieds“. Der Kardinal, der den am 31. Januar 2003 verstorbenen Gründer von „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“ seit 1948 kannte, machte drei Grundpfeiler im Leben und Werk des „Speckpaters“ aus: Christus, die Kirche und Maria. Wir veröffentlichen nachstehend Auszüge aus der Predigt:
Der erste dieser Grundpfeiler, auf dem er sein Leben und sein Werk aufbaute, war Christus selbst. Eines seiner charakteristischen Worte über Christus lautete: „Christus weigert sich, der Vergangenheit anzugehören. Er will mehr sein, als eine Schattenfigur aus Parabeln von vor zweitausend Jahren. Er will unser Zeitgenosse sein.“ Wenn man deshalb eine besondere Ader seines Lebens und Wirkens treffen will, darf man sagen: Er hat Christus in unsere Gegenwart, in unsere Zeit hineingeholt. Das geschah zuallererst durch seinen unerschütterlichen Christusglauben.
Pater Werenfried lebte und wirkte in dieser unserer modernen Zeit, in welcher der Christusglaube bei den Menschen von Zweifeln angenagt ist. Man möchte heute gerade noch an Christi menschlicher Vorbildhaftigkeit festhalten, ihn als den frommen Mann von Nazareth anerkennen, aber man möchte nicht mehr an seiner Gottheit und an seine leibhafte Auferstehung glauben. Darum sagt man in einem spöttischen Wort: Die Krippe war leer (nämlich leer von einem Gottessohn), und das Grab war voll (nämlich voll von einem verwesten Leichnam).
Der Christus des Glaubens war ihm eine so lebendige gegenwärtige Wirklichkeit, das er ihn besonders in den Armen, den Notleidenden und den Gepeinigten wiedererkannte. Es ist das keine leichte Identifizierung, die Christus als Weltenrichter von uns verlangt, wenn er fordert, ihn in den Hungrigen und Durstigen zu erkennen und ihm im Gefangenen zu begegnen. Wem das aber gelingt, der holt Christus wirklich in die Zeit hinein und verwirklicht das in der Gegenwart, was Christus seinen Jüngern beim Endgericht verkünden wird: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Nur aus dem Geist einer solchen lebendigen Christusbegegnung in der Gegenwart, nur aus seiner wahren Vergegenwärtigung in der Zeit und im Nächsten konnte das Werk Pater Werenfrieds entstehen und wachsen.
Freilich bleibt auch wahr: Kein noch so gläubiger Mensch vermag Christus in eigener Kraft und Phantasie aus der Ferne von zweitausend Jahren in die Zeit hineinzuholen und ihn als den wirklichen originalen Christus gegenwärtig zu setzen. Das haben ja die Historiker der liberalen Leben-Jesu-Forschung immer wieder versucht und haben dabei den originalen Jesus immer verfehlt. Es bedarf für den einzelnen einer Führung, einer Leitinstanz, eines verbindenden Organismus, um den originalen Christus in der Gegenwart ausmachen zu können. Dieser Organismus ist allein die Kirche Jesu Christi. Das Geheimnis der Kirche aber war der zweite Pfeiler, auf dem Pater Werenfried sein Leben gründete und sein Werk aufbaute.
Aus seinen Jugendjahren wissen wir, dass er sich mit Gedanken stürmischer politischer und kirchlicher Reform trug. Aber er durchschaute bald das Oberflächliche und Vordergründige äußerer Reformen, die mit technischen Mitteln an der äußeren Gestalt der Kirche etwas zu ändern suchen, wobei es ihnen meistens nur um Machtverschiebungen und Machtverteilung geht. Der Christusglaube aber und ein gesunder menschlicher Instinkt führten ihn von früh an zur Erkenntnis, dass die wahrhafte revolutionäre Reform der Kirche sich nur im Innern, nur in der Liebe vollziehen kann und zwar in der Liebe zur Kirche. Von ihr sprach er einmal in deutlicher Anspielung auf die modernistischen Rebellen: „Die Kirche ist größer als ein Lehrstuhl eines berühmten Theologen oder als eine Handvoll geistlicher Rebellen und falscher Propheten, die vorläufig noch die Medien beherrschen. Sie überschreitet die Grenzen der Erde und entnimmt ihre unverwüstliche Lebenskraft dem erstandenen Christus.“
Er war stets davon überzeugt, dass in diesen notleidenden Gliedern die höchsten Potenzen für das gottgefällige, wahre Leben des mystischen Leibes niedergelegt waren. Aus dieser Angleichung an den Geist der Armut und des Martyriums im Leibe Christi erwuchsen seinem Werk jene tiefen religiös-mystischen Impulse, die es himmelhoch abheben von einer humanistischen Sozialarbeit, in der sich christliche Caritas von sozialistischer Wohlfahrt nicht mehr unterscheidet.
Was aber die kirchliche Prägung ausmachte, war nicht der Geist einer mächtigen Organisation, einer weitverästelten Institution oder eines seelenlosen Apparates, sondern es war die Haltung demütigen Dienstes, liebender Hingabe und warmherziger Menschlichkeit. Dieser charakteristische Zug aber kommt dem katholischen Glauben und Leben von Maria her, der mütterlichen und liebenswürdigen Mittlerin der Gnade und der Wegbereiterin zu Christus. Darum war Maria, die Mutter der Kirche, die dritte große Säule in Leben und Werk Pater Werenfrieds. Auch dafür gibt es viele Zeugnisse aus seinen Predigten. In einem seiner treffenden Worte über Maria führte er aus: „Je dunkler die Nacht über die Welt herabzieht, umso heller erstrahlt das Licht Mariens, das Suchenden und Verirrten den Weg weist.“
Als Priester, der das, was er verkündete, auch lebte, hat er der Mutter Christi und der Mutter der Menschen sein ganzes Leben und auch sein Sterben anempfohlen. Das zeigt seine Bitte: „Gib, Mutter, wenn wir durch das Tor des Todes gegangen sind und vor :dem Richterstuhl deines Sohnes stehen, dass wir dich dort finden mit einem Lächeln in deinen Augen und ruhig sagen dürfen: Grüß dich, Mutter.“ Wir dürfen gewiss sein, dass Maria ihm und seinem Lebenswerk diesen Gruß erwidern wird. Uns aber bleibt aufgetragen, über sein Vermächtnis zu wachen und es wie er auf die drei Pfeiler aufzubauen: Christus, Kirche und Maria.
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