Länderbericht Bolivien

Kapelle in der Diözese El Alto.

Kapelle in der Diözese El Alto.

Einwohner:
10 Millionen

Fläche:
1 098 581 qkm

Religion:
Christen: 91,8 Prozent
Baha’i: 2,2 Prozent
Animisten: 3,8 Prozent
Sonstige: 2,2 Prozent

Gesetzesänderungen

In der neuen Verfassung, die am 25. Januar 2009 mit einem Referendum in Kraft trat, wurde der bisherige Paragraf 3 gestrichen, mit dem die katholische, apostolische und römische Religion gewürdigt und befürwortet und gleichzeitig die öffentliche Ausübung anderer Religionen garantiert wurde. Paragraf 4 der neuen Verfassung lautet: „Der Staat respektiert und garantiert die Freiheit der Religion, der Glaubensüberzeugung und der jeweiligen Weltanschauung. Der Staat ist von Religion unabhängig.“

Es wurde auch versucht, dem Glauben der Ureinwohner mehr Bedeutung zuzumessen, beispielsweise in der Präambel der neuen Verfassung, welche die Neugründung Boliviens mit der „Kraft unserer Pachamama (Mutter Erde) und mit Gottes Hilfe“ vornimmt.

Paragraph 86 geht auf die Freiheit im Bildungswesen ein: „Die staatlichen Bildungseinrichtungen respektieren und garantieren Gewissens- und Glaubensfreiheit, den Religionsunterricht sowie die Spiritualität der indigenen Landbevölkerung, der ethnischen Völker und Volksgruppen. Sie fördern den gegenseitigen Respekt und das Zusammenleben der Menschen verschiedener Religionen, ohne eine Lehre aufzuzwingen.“

Im Mai 2010 trafen Regierung und Bolivianische Bischofskonferenz eine Einigung in Bezug auf die Achtung der Religionsfreiheit und der Glaubensüberzeugungen. Religion wird zur Förderung der Freiheit in der Bildung weiterhin Unterrichtsfach an den Schulen des Landes sein.

Im Februar 2010 erklärte die Präfektur von La Paz das Karfreitagsfest zum immateriellen Kulturerbe des Departements. Als Kulturerbe gelten die Feierlichkeiten selbst sowie Darstellungen zum Karfreitag aus der Kirche La Merced: El Señor del Santo Sepulcro, La Virgen Dolorosa, El Señor de las Caídas, Cristo Crucificado und El Señor de la Sentencia.

David Jiménez Paz vom Tourismus- und Kulturbüro der Präfektur betonte, dass die Aufnahme dieses Festes in das Kulturerbe nicht im Widerspruch zur Laizität des Staates stehe, da die Verfassung die Religionsfreiheit garantierte. Es werde wegen des neuen Kulturerbes keine Probleme geben, da die Plurinationalität Boliviens dadurch sogar unterstrichen werde.

Verhältnis zwischen Katholischer Kirche und Staat

Im Zusammenhang mit dem 200-jährigen Jubiläum der Stadt La Paz verbreitete die Regierung bei verschiedenen Gelegenheiten die Auffassung, dass einige Verantwortungsträger der Katholischen Kirche versucht hätten, die Völker durch Gebet, Gesetze oder Gewalt zu unterwerfen.

Hauptprobleme der Katholischen Kirche sind jedoch Konflikte mit Gruppen aus der Bevölkerung, wie im Mai 2009 in Villa Ingenio und im Juli in Apolo. Einwohner dieser Orte forderten von der Kirche die Herausgabe zweier Grundstücke, weil diese keine wichtige soziale Funktion hätten. Auf dem Grundstück in Villa Ingenio stand eine Kapelle, auf dem Grundstück in Apolo das Kloster Nuestra Señora de Nazareth.

In Villa Ingenio organisierten die Bewohner eine Demonstration und skandierten Beleidigungen gegen die Kirche. Sie bedrohten den Pfarrer und zwangen ihn zur Herausgabe des Grundstücks. Anschließend plünderten sie die Kapelle und zerstörten sie mit Maschinen, die der Stadt gehörten. Es sind politische Motive dahinter zu vermuten, da der Bürgermeister und die Dorfbewohner auf dem Grundstück den Bau eines Gesundheitszentrums planten, obwohl bereits wenige Meter weiter ein solches bestand.

In Apolo besetzten die Dorfbewohner das Grundstück des Klosters. Die städtischen Behörden genehmigten die Besetzung und ließen der Klostergemeinschaft nur die Möglichkeit, rechtliche Schritte einzuleiten und die örtliche Polizei zu Hilfe zu rufen. Kardinal Terrazas, Vorsitzender der Bolivianischen Bischofskonferenz, erklärte, dass auch die Art und Weise, wie Katholiken Gott verehren, respektiert werden müsse, wenn behauptet werde, in Bolivien herrsche Religionsfreiheit.

Außer den Übergriffen auf Kircheneigentum gab es auch Angriffe auf Personen. Beispielsweise wurde Bischof Tito Solari auf dem Platz von Cochabamba angegriffen, weil er Priester ist. Man drohte ihm mit Mord, machte Anspielungen auf seine ausländische Staatsbürgerschaft und schrie ihn an, er solle das Gold herausgeben, das die Kirche vor fünfhundert Jahren gestohlen habe.

Auf Kardinal Julio Terrazas verübte eine separatistische Terrorgruppe in seinem Haus in der Erzdiözese Santa Cruz einen Bombenanschlag. Es kam niemand zu Schaden; der Kardinal war zu dem Zeitpunkt nicht im Haus.

Angesichts dieser Gewalt wurde im August zwischen der Staatskanzlei und der Bolivianischen Bischofskonferenz ein Rahmenabkommen über Zusammenarbeit getroffen. In diesem Dokument werden die Rechte der Kirche an ihrem Eigentum anerkannt und die Berechtigung, das Eigentum im Rahmen der Arbeit, die sie im Land tut, zu verwalten. Ebenfalls wird der Kirche zuerkannt, ihre Projekte im Bereich Bildung, Gesundheit, Sozialarbeit und soziale Medien weiterzuführen.

Nach Angaben der Bischofskonferenz ist die Kirche in Bolivien zurzeit in 1500 Bildungseinrichtungen, 600 Gesundheitseinrichtungen, 300 Sozialeinrichtungen, 200 Medienprojekten und 50 Produktionsprojekten tätig. Außenminister Choquehuanca wies darauf hin, dass dieses Dokument der Religionsfreiheit und insbesondere dem Bildungssystem zur Achtung verhelfe.

Limberth Ayarde, Bildungsbeauftragter der Bolivianischen Bischofskonferenz, sagte in
Bezug auf dieses Abkommen im April 2010, die Bischöfe seien besorgt gewesen wegen der Schwierigkeiten, eine Erlaubnis zu erhalten, die Leiter von Bildungshäusern zu bestimmen.

„In diesem Punkt können wir nicht nachgeben, weil der Leiter einer katholischen Bildungseinrichtung nicht nur administrative und pädagogische Autorität besitzt, sondern auch pastorale. Er muss die katholische Identität des Bildungshauses sicherstellen und den Lehrkörper leiten. Ein Bildungshaus ist nur sinnvoll, wenn die Kirche die Leitung selbst bestimmen kann.“

Quellen:
Bolivianische Bischofskonferenz www.iglesia.org.bo/
Verfassung Boliviens www.laconstituyente.org
Iglesia Viva www.iglesiaviva.org
La Razón www.la-razon.com
Los Tiempos www.lostiempos.com
Zenit www.zenit.org

(Quelle: Religionsfreiheit weltweit – Bericht 2010. Stand: 2010)

7.Jul 2009 15:07 · aktualisiert: 7.Mai 2012 12:32
KIN / S. Stein