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Venezuela befindet sich in einer kriegsähnlichen Situation, ist Baltazar Enrique Kardinal Porras Cardozo, Erzbischof der Hauptstadt Caracas überzeugt. Zum Währungsverfall, dem allgegenwärtigen Mangel an Lebensmitteln, Medikamenten und nahezu allen Dingen des täglichen Bedarfs kommen noch schwere Repressionen, die das Regime seine Gegner spüren lässt.

 

Auch die Kirche steht verschärft im Visier. Obwohl die Ressourcen kaum reichen, setzen sich Seelsorger und freiwillige Helfer für die notleidende Bevölkerung ein.

Vertreter von KIRCHE IN NOT haben Anfang Juli das Land besucht. Unser Hilfswerk unterstützt seit langem die kirchliche Sozial- und Pastoralarbeit in Venezuela. Pressereferentin Maria Lozano hat mit Kardinal Porras gesprochen.

Venezolanische Ordensfrauen verteilen belegte Brote an bedürftige Kinder.
MARIA LOZANO: Venezuela befindet sich zwar nicht im Krieg, aber de facto lebt es in einem Kriegszustand. Was halten Sie von dieser Einschätzung?
BALTAZAR ENRIQUE KARDINAL PORRAS CARDOZO:
 Wir befinden uns in einer beispiellosen Situation. Sie ist zwar nicht das Ergebnis eines Krieges, hat aber ähnliche Folgen. Das Regime, das Venezuela zurzeit regiert, hat das Land zerstört und einen sozialen Konflikt ausgelöst, der schlimmer wird.

 

Viele Menschen verlassen das Land

Hinzu kommt die Auswanderung vieler Venezolaner in einem noch nie dagewesenen Ausmaß. Die Menschen verlassen das Land wegen ihrer Armut, ihrer politischen Ideen oder wegen der herrschenden Unterdrückung. Die Wirtschaft ist praktisch zerstört, und es gibt keine Rechtssicherheit.

Dazu kommt die Arbeitslosigkeit. Die Menschen haben keine Chance, den Mindestbedarf für ihre Familien zu erwirtschaften. All das bezeichnen Fachleute als Kriegswirtschaft.

- Erzbischof Baltazar Enrique Kardinal Porras Cardozo,
Regierung und Opposition haben sich im Juni in Oslo an einen Tisch gesetzt – ohne greifbare Ergebnisse. Demnächst sollen die Gespräche auf Barbados fortgesetzt werden. Die Skepsis ist groß. Was ist Ihre Einschätzung?
Die Regierung hat in den vergangenen 20 Jahren immer wieder zum Dialog aufgerufen, wenn sie in Schwierigkeiten war. Aber mit diesen Aufrufen wollte sie lediglich ihre Macht verlängern. Daher misstraut ein großer Teil der Bevölkerung dem Dialog. Trotzdem bietet er die Chance auszuloten, ob es einen Willen zum Wiederaufbau der Demokratie gibt.

 

Es macht mir große Sorgen, dass seit der Ausrufung von Juan Guaidó zum Interimspräsidenten Anfang des Jahres die Zahl der Verhafteten, Gefolterten, Toten und Verschwundenen zugenommen hat. An diesen Aktionen sind nicht nur hochrangige Militärs beteiligt, sondern auch Teile der Bevölkerung.

Baltazar Enrique Kardinal Porras Cardozo, Erzbischof von Caracas/Venezuela.
Vertreter von KIRCHE IN NOT konnten bei ihrem Besuch in Venezuela feststellen, dass die Menschen vielfach kirchliche Einrichtungen aufsuchen. Kann man sagen, dass die Kirche in Venezuela für viele Menschen die letzte Hoffnung ist?
Viele öffentliche und private Einrichtungen wurden zerstört. Die Kirche ist die einzige Institution, die unversehrt geblieben ist. Das liegt an unserer Nähe zu den Menschen und an unserer Präsenz in allen Bereichen.

 

Darüber hinaus hat die Kirche den Mut, auf die Missstände dieses Regimes hinzuweisen. Viele öffentliche Stimmen äußern sich nicht mehr, weil sie Angst haben. Die Regierung hat viele Unternehmer angegriffen oder kritische Medien bedroht und geschlossen.

Baltazar Enrique Kardinal Porras Cardozo, Erzbischof von Caracas, verteilt Suppe an.
Aufgrund ihrer deutlichen Haltung ist aber auch die Kirche Drohungen und Druck ausgesetzt. Kann man sagen, dass die venezolanische Kirche verfolgt wird?

Man kann nicht sagen, dass sie nicht verfolgt wird. Im Bildungsbereich gibt es beispielsweise viele Einschränkungen für katholische Schulen.

 

Kirche leidet unter subtilem Druck

Es scheint, als seien Hindernisse errichtet worden, damit die Kirche am Ende selbst ihre Schulen schließt. Seit Jahren leiden wir unter subtilem Druck, verbalen Drohungen und Schikanen gegen die karitativen Einrichtungen. Pfarreien werden von der Regierung, von kommunalen Räten und von regierungsfreundlichen Gruppen, den sogenannten „Colectivos“, angegriffen.

In den ärmeren Stadtvierteln von Caracas zum Beispiel stehen diese „Colectivos“ oft vor den Kirchentüren. Sie hören genau zu, was der Priester in der Predigt sagt. Wenn ihnen das nicht gefällt, beginnen die Drohungen.

Menschen strömen über die Grenzbrücke von Venezuela nach Kolumbien.
Was würde in Venezuela passieren, wenn die katholische Kirche ihr Engagement nicht fortsetzen könnte?
Für viele Menschen würde sich die Situation noch weiter verschlechtern. Weil so viele Menschen auswandern, sind wir Daheimgebliebenen emotional verwaist. Die Familien und das soziale Umfeld sind verschwunden. Es fehlt an Gemeinschaft.

 

Wir leiden auch darunter, dass es vielen von den Auswanderern weiterhin nicht gut geht. Das ist sehr traurig.

- Erzbischof Baltazar Enrique Kardinal Porras Cardozo
Was ist Ihre Botschaft an die Menschen, die die Arbeit der Kirche in Venezuela durch Organisationen wie KIRCHE IN NOT unterstützen?
Die Nähe vieler Institutionen ist für uns ein großer Trost. Insbesondere bin ich KIRCHE IN NOT zutiefst dankbar, nicht nur für die materielle Hilfe, sondern auch für den „geistlichen Gleichklang“, der sich vor allem im Gebet ausdrückt.

 

Dank der Hilfe, die wir von KIRCHE IN NOT zum Beispiel durch Mess-Stipendien erhalten, werden die Nöte der Pfarreien stark gemildert. Auf diese Weise können andere Mittel zur Stärkung der Sozialarbeit eingesetzt werden, die es uns ermöglichen, den bedürftigsten Menschen zur Seite zu stehen.

„Wir lassen nicht nach mit unserem Einsatz”
Interview mit einem Erzbischof aus Venezuela über die prekäre Lage in seiner Heimat
Venezuela war einst dank des hohen Erdölexports das wohlhabendste Land Südamerikas. Heute durchleidet es eine Inflation bis zu einer Million Prozent, weite Bevölkerungsteile verelenden. Beobachter machen dafür den linksgerichteten Kurs verantwortlich, den das Land unter Präsident Hugo Chávez eingeschlagen hatte und den sein Nachfolger Nicolás Maduro fortsetzt.
Die Regierung dagegen verweist auf die verhängten Handelssanktionen aus dem Ausland und den aggressiven Kurs der USA. Die katholische Kirche Venezuelas ist nicht nur durch den Geldverfall in ihren pastoralen Möglichkeiten eingeschränkt, immer wieder kommt es auch zu staatlichen Restriktionen. Die Inflation steigt. Es fehlt an Strom und Wasser. Die Menschen können sich kaum noch Lebensmittel leisten. Wie die Kirche dennoch versucht, den notleidenden Menschen beizustehen und zur Einheit des Landes beizutragen, darüber berichtete Erzbischof Manuel Felipe Díaz Sánchez (63) bei einem Besuch bei KIRCHE IN NOT Deutschland.
Sánchez leitet seit 2008 das Erzbistum Calabozo, etwa 300 Kilometer südlich der Hauptstadt Caracas. Das Interview führte Tobias Lehner.
Menschen strömen über die Grenzbrücke von Venezuela nach Kolumbien.
Die Inflation steigt. Es fehlt an Strom und Wasser. Die Menschen können sich kaum noch Lebensmittel leisten.
„Es herrscht ein Mangel an allem”

TOBIAS LEHNER: Exzellenz, was bedeutet die Krise für die Menschen konkret?

Ein alltägliches Beispiel: Jemand geht in ein Geschäft und fragt, wie viel ein bestimmtes Lebensmittel kostet. Er holt das Geld und kommt nach einer Stunde wieder – in der Zwischenzeit ist der Preis gestiegen.
Es herrscht ein Mangel an allem. Viele Menschen ernähren sich nur noch von Reis und Bohnen. Besonders schlimm ist die Lage in den Krankenhäusern. Es fehlen Medikamente. Die Patienten müssen sie teilweise selber beschaffen und verkaufen dafür ihre letzten Wertgegenstände. Viele Menschen sehen die Auswanderung als einzige Lösung.

Es gibt immer wieder Meldungen, dass sich die Situation an der Grenze zu Kolumbien zuspitzt. Zeitweise musste der Grenzübergang geschlossen werden. Viele Menschen kommen nicht weiter, weil das Geld für die Ausreisepapiere fehlt. Was wissen Sie über die Situation dort?
Es ist vor allem die Kirche, die sich der Menschen annimmt. Das gilt auf der venezolanischen Seite, aber auch in Kolumbien, Ecuador, Peru und Chile, wohin die meisten Menschen auswandern.

„Sie teilen das Wenige, das sie haben”

Die Gemeinden an der Grenze versorgen die Menschen mit Lebensmitteln, bieten Übernachtungsmöglichkeiten oder medizinische Hilfe an. Sie teilen das Wenige, das sie haben. Wir sind sehr dankbar für diese Solidarität.

TL: Venezuela präsentiert sich als moderner sozialistischer Staat. Bringt das auch Schwierigkeiten für die Kirche mit sich?

Das politische System in Venezuela ist ein Flickenteppich aus verschiedenen Einflüssen: sozialistisch, konservativ, durchtränkt mit atheistischen und spiritistischen Vorstellungen und vielem mehr. Es gab immer wieder Versuche, die Bischöfe zu spalten, aber das ist nicht gelungen.
Gleichzeitig haben Chávez und der jetzige Präsident Nicolás Maduro alle Verträge anerkannt, die die Vorgängerregierungen mit der katholischen Kirche geschlossen hatten. Das betrifft vor allem die kirchlichen Schulen. Zehn Prozent der Schulen in Venezuela sind in kirchlicher Trägerschaft, darunter auch viele Berufsschulen. Davon hat der Staat natürlich auch etwas.

Viele Politiker zeigen sich bewusst sehr religiös. Gleichzeitig nehmen staatliche Vertreter zum Beispiel nicht mehr an Bischofsweihen teil. Es ist ein zwiespältiges Verhältnis.

TL: Wie steht es um das kirchliche Leben?

75 Prozent der Venezolaner sind Katholiken. Sie sind dem Glauben treu geblieben. Ich höre immer wieder: Die Kirche in Venezuela ist die Institution, die am meisten Glaubwürdigkeit hat.

Venezolanische Ordensfrauen verteilen belegte Brote an bedürftige Kinder.
Plakat des Präsidenten Nicolás Maduro.
Kinder und Jugendliche aus Carupano/Venezuela freuen sich über die Kinderbibel von Kirche in Not.
Bei einem Gottesdienst in Venezuela.
Kirche genießt hohe Glaubwürdigkeit

Die wirtschaftliche Misere beeinflusst natürlich auch das kirchliche Leben: Es ist zum Beispiel aus finanziellen Gründen nicht mehr möglich, kirchliche Großveranstaltungen wie einen Jugendtag oder ein Familientreffen zu organisieren. Aber wo es keine Begegnung mehr gibt, gibt es auch keine kirchliche Gemeinschaft! Sehr schlimm ist auch die Situation der Priester: Viele vereinsamen, weil sie allein eine sehr große Pfarrei betreuen, oft in einer ländlichen Gegend. Sie haben nicht das Geld, um zu Treffen zu fahren oder das Lebensnotwendigste einzukaufen.
Es gab auch schon Fälle, bei denen Ordensleute das Land verlassen mussten, weil sie ihr Kloster und ihre Arbeit finanziell nicht mehr aufrechterhalten konnten.

TL: Kann die Kirche in Venezuela denn irgendetwas tun, um der Not der Menschen abzuhelfen?

Wir lassen nicht nach mit unserem Einsatz auf dem Gebiet Schule und Erziehung. Wir wollen den jungen Menschen die Möglichkeit eröffnen, dass sie eine bessere Zukunft bauen können. In einzelnen Pfarreien verteilen die Priester Medikamente, die sie aus dem Ausland bekommen.

„Solidarische Töpfe”

Eine sehr erfolgreiche Aktion sind die sogenannten „Solidarischen Töpfe“. Mit Lebensmittelspenden kochen Freiwillige in den Pfarreien für besonders arme Menschen. Diese sind sehr dankbar dafür, weil sie wissen, dass auch die kirchlichen Mittel gering sind.

TL: Was kann KIRCHE IN NOT tun, um Venezuela zu helfen?

Ich bin es nicht gewohnt zu betteln. Umso dankbarer bin ich, dass KIRCHE IN NOT uns Hilfe angeboten hat. Die Menschen brauchen Unterstützung, um Essen und Medikamente kaufen zu können.

„Mess-Stipendien sind lebensnotwendig”

Wir brauchen aber auch pastorale Unterstützung. Die Priester und Gläubigen brauchen Gelegenheiten, bei denen sie sich vernetzen und bestärken können. Es fehlen auch Bibeln und Materialien für die Katechese. Sehr wichtig ist die Versorgung der Priester. Mess-Stipendien sind für viele die einzige Einnahmequelle und lebensnotwendig.

TL: Im September waren alle venezolanischen Bischöfe bei Papst Franziskus. Wie reagiert der Papst auf die Schilderungen der Lage?

Der Papst hat wiederholt seine Solidarität mit den Menschen in Venezuela gezeigt. Er hat uns Bischöfe ermutigt, geeint für das Land einzustehen. Vertreter der Kurie, zum Beispiel der Kardinalstaatssekretär, haben sogar von einer „bedrängten Kirche“ in Venezuela gesprochen und Hilfe angeboten.
Das hat uns sehr bewegt und ermutigt. Ohne die Solidarität der Christen weltweit können wir nicht überleben!

Manuel Felipe Díaz Sánchez, Erzbischof von Calabozo (Venezuela).
Seit 18 Jahren fahren Laienmissionare Sonntag für Sonntag in die entlegenen Dörfer des Pastoralgebietes Guamà II, um den Menschen die Frohe Botschaft Christi zu bringen. Auf der Ladefläche eines geliehenen Lastwagens sind sie bei Wind und Wetter stundenlang unterwegs.
Bis zu 150 Kilometer fahren sie über eine holprige und gefährliche Küstenstraße, die von Felsüberhängen gesäumt ist. An Komfort ist nicht zu denken, und selbst ihre Verpflegung bringen sie selbst mit, da die Menschen, die sie besuchen, sehr arm sind.
Tauffeier in Kuba.
Heilige Messe in Kuba.
Vigilfeier am Strand.
Der selbstlose Einsatz der Laienmissionare ist die Antwort auf den starken Priestermangel in dieser Region.

Sekten breiten sich immer weiter aus und versuchen, die Katholiken abzuwerben. Zeigt die Kirche keine Präsenz, ist es zu spät. Dabei sind die Menschen sehr am Glauben interessiert. Schwester María Asunción Domínguez Castañeda von der Kongregation der „Hermanas Catequistas de Dolores Sopeña”, die das Programm leitet, berichtet: „Die Menschen haben Durst nach Gott, und das ist unsere Art, als Kirche zu ihnen zu kommen. Viele Menschen, die nie Kontakt zur Kirche hatten, bitten nun um den Sakramentenempfang.“

Ausbildung von Laienmissionaren

Ein Priester begleitet die Laienmissionare so oft wie möglich und spendet die Sakramente. Die Schwestern bilden die Laienmissionare in einwöchigen Intensivkursen und monatlichen Kursen aus. Nachdem sie diese Ausbildung durchlaufen haben, fungieren sie als Leiter von Wortgottesdiensten, Kommunionhelfer und Katecheten.
Unter den Laienmissionaren sind alle Altersstufen vertreten, auch einige Jugendliche. „Die Gläubigen in den Gemeinden wissen diesen Einsatz der Jugendlichen zu schätzen“, weiß Schwester Maria Asunciòn. „Ich glaube daran, dass das, was wir in diesem Moment für Kuba machen können, der Mühe wert ist“, fügt sie hinzu.

Mit 12.000 Euro hat KIRCHE IN NOT hat dieses wertvolle Programm unterstützt
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Herzlichen Dank
an alle, die geholfen haben
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Auch wenn Kuba nicht mehr die Schlagzeilen dominiert: Es polarisiert bis heute. Für die einen Urlaubsziel und Versuchsland einer sozialistischen Gesellschaftsordnung, für die anderen Land großer sozialer Verwerfungen und gewalttätiger Unterdrückung.

Nach dem Ende der Castro-Ära im Frühjahr 2018 sahen viele Beobachter die Chance auf Wandel gekommen. Einen Wandel, den der kubanische Priester Rolando Montes de Oca (37) nicht entdecken kann. Er stammt aus Camagüey, etwa 500 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Havanna. Derzeit hält er sich zum Studium in Rom auf – und verfolgt die Entwicklungen in seiner Heimat mit Sorge.

Tobias Lehner vom weltweiten katholischen Hilfswerk KIRCHE IN NOT sprach mit Montes über die neue Verfassung Kubas, die alte Bekenntnisse zur Religionsfreiheit wiederholt, über die bestehenden Einschränkungen für das kirchliche Leben – und darüber, was KIRCHE IN NOT mit seinem persönlichen Glaubensweg zu tun hat.
Wiederaufbauarbeiten an einer zerstörten Kirche.
Gläubige auf Kuba treffen sich zu einem Gebetskreis unter freiem Himmel.
Gläubige auf Kuba treffen sich zu einem Gebetskreis unter freiem Himmel.
Tobias Lehner: Pater Rolando, seit April 2018 ist die Castro-Ära auf Kuba vorbei: Auf Fidel und Raul Castro folgte Miguel Diaz-Canel als neuer Präsident. Wie geht es den Menschen unter der neuen Regierung?

Rolando Montes de Oca: Die Situation hat sich kaum verändert. Auch der neue Präsident betont immer wieder, er wolle den Revolutionsprozess fortsetzen, den Fidel Castro begonnen hat. Das heißt: Der Sozialismus bleibt Staatsdoktrin. In seiner ersten Rede nach der Wahl hat Diaz-Canel sogar versichert, dass die wichtigsten Entscheidungen immer noch Raul Castro treffen wird.

Die neue Staatsführung hat als eine ihrer ersten Amtshandlungen eine neue Verfassung auf den Weg gebracht. Neben marktwirtschaftlichen Öffnungen sollen darin auch die bürgerlichen Rechte gestärkt werden. Wie steht es in der neuen Verfassung um die Religionsfreiheit?

Die kubanische Regierung will ein demokratisches Image verbreiten. Sie will Kuba als ein Land präsentieren, in dem jeder Bürger volle Freiheit genießen kann. Auch in der alten Verfassung gab es bereits einen Artikel, wonach der kubanische Staat „die Religionsfreiheit anerkennt, respektiert und gewährleistet“. Das wurde zumindest behauptet. Jetzt sind diese Aussagen unverändert erhalten geblieben. Es gab und gibt Kultfreiheit. Das heißt: Die Menschen können sich in den Kirchen versammeln, um Gottesdienst zu feiern. Aber Kultfreiheit ist nicht gleich Religionsfreiheit.

Was meinen Sie damit?

Kubanische Familien können zum Beispiel nicht frei über die Erziehung ihrer Kinder entscheiden. Sie sind verpflichtet, sie im Kindergarten und in der Schule nach der marxistischen und atheistischen Ideologie erziehen zu lassen. Die neue Verfassung sagt das auch ganz klar: Ziel des Staates ist, die sozialistische Ideologie und Moral zu verbreiten. Organisationen, die sich für Errichtung und Verteidigung der sozialistischen Gesellschaft einsetzen, stehen unter besonderem staatlichen Schutz.

Ein kubanischer Bischof verteilt die Kinderbibel von Kirche in Not.
Was bedeutet das für die Kirche?

Es ist nach wie vor kaum möglich, neue Kirchen zu bauen. Vor kurzem wurden einige Kirchen geweiht – nach über 60 Jahren Verhandlungen und Verzögerungen. Der Kirche auf Kuba wird kein Platz in den Medien eingeräumt. Abgesehen von den Papstbesuchen auf Kuba und einigen wenigen Minuten pro Jahr, in denen die Bischöfe über das Lokalradio kurze Botschaften senden können, ist die Kirche von den Medien ausgeschlossen. In Pfarreien werden häufig pastorale Aktivitäten oder Veranstaltungen verboten – den Grund versteht keiner und niemand weiß, wer dafür verantwortlich ist. Das ist für die Pfarrgemeinden Alltag. Es gibt durchaus Bemühungen von Seiten der kommunistischen Partei, bessere Beziehungen zur katholischen Kirche aufzubauen. Aber der Preis dafür wäre, dass wir zu den riesigen sozialen Problemen im Land schweigen. Und das können wir nicht!

Das scheint den Spielraum der Kirche jenseits der Liturgie sehr stark einzuschränken …

Die Kirche auf Kuba hat mittlerweile gelernt, Fenster zu öffnen, wo Türen zu geschlagen werden. Wir geben nicht auf. Weil es keinen Zugang zu staatlichen Medien gibt, veröffentlichen viele Bistümer eigene Zeitschriften. Diese beschäftigen sich neben Glaubensthemen auch mit Alltagsfragen der Kubaner.

Weil kirchliche Mitarbeiter nicht in den staatlichen Schulen unterrichten dürfen, betreibt die Kirche viele Bildungszentren. Dort werden neben Fachwissen – zum Beispiel bei der beruflichen Weiterbildung – auch christliche Werte vermittelt. Weil wir keine Kirchen bauen dürfen, öffnen viele Privatpersonen ihre Häuser für die heilige Messe oder den Religionsunterricht. Unsere größte Aufgabe und gleichzeitig unsere größte Sorge ist die Vermittlerrolle der Kirche im nationalen Versöhnungsprozess.

Pater Rolando Montes de Oca. Foto: Bruno Barata
Worum geht es bei diesem Prozess?

Die kubanische Bevölkerung ist gespalten, politisch wie gesellschaftlich. Die Kirche versucht, alle aufzunehmen und allen Raum zu geben. Leider haben sich bislang weder die Regierung noch die radikale Opposition offen für den Dialog gezeigt. Und so wird von allen Seiten die Kirche beschuldigt: Dass sie sich von der Opposition instrumentalisieren lasse. Dass sie linke Ideologien übernehme. Dass sie die Interessen der USA verteidige. Die Kirche auf Kuba wird vielfach missverstanden. Wir wollen ein Kuba mit allen und für alle bauen!

Was braucht die Kirche auf Kuba für diese Aufgabe und was können Organisationen wie KIRCHE IN NOT dazu beitragen?

Die Probleme der Kirche auf Kuba sind die Probleme aller Kubaner – in erster Linie der Mangel an finanziellen Mitteln. KIRCHE IN NOT hat immer sehr viel getan, um unsere pastorale Arbeit zu unterstützen: von der Priesterausbildung über die kirchliche Medienarbeit und der Renovierung von baufälligen oder durch Unwetter zerstörten Kirchen, bis hin zur Schulung von Katecheten und der Verbreitung von Bibeln und Katechismen. Die Ergebnisse dieser Arbeit sind überall im Land zu spüren: Menschen bekehren sich, die christlichen Werte werden verbreitet. Durch die Hilfe von KIRCHE IN NOT handelt die unsichtbare Hand Gottes an uns!

Ihr eigener Glaubensweg ist ja eng mit KIRCHE IN NOT verbunden …

Das stimmt! Meine erste Erfahrung mit Gott ist mit der Kinderbibel von KIRCHE IN NOT verbunden. Als ich ein Kind war, wollte ich unbedingt ein Buch haben, das mir den Glauben erläutert. Mit Dankbarkeit denke ich an den Tag, als mir unser Pfarrer die Kinderbibel überreicht hat. Ich habe sie verschlungen. Ich bewahre sie noch heute in meinem Zimmer auf. Ich habe sie sogar verwendet, als ich Pfarrer auf Kuba war und Kindern Religionsunterricht erteilt habe. Ich habe mich in Gott verliebt, der mich durch die Kinderbibel von KIRCHE IN NOT angesprochen hat!

Das Interview wurde im Original auf Italienisch geführt und für die deutschsprachige Veröffentlichung gekürzt und redigiert.

Helfen Sie den Christen in Kuba

Um die pastorale und karitative Arbeit der Kirche auf Kuba weiterhin unterstützen zu können, bittet KIRCHE IN NOT um Spenden.

Ferienzeit, Sommerspaß, unbeschwert die Kindheit genießen: Für Kinder hierzulande ist das weitgehend selbstverständlich. Für Millionen ihrer Altersgenossen weltweit ist das jedoch ein unerreichbarer Wunschtraum. Sie leben in Krieg, Armut, Elend und Gefahr.

Die Mitarbeiter von KIRCHE IN NOT stoßen bei ihrer Projektarbeit in über 140 Ländern immer wieder auf beeindruckende Zeugnisse kindlichen Glaubens. Drei Berichte aus unterschiedlichen Weltregionen haben wir aufgezeichnet.
Kinder aus Aleppo mit Luftballons.
Straßenszene in Aleppo.

Aleppo, Syrien

Jad Abed ist zehn Jahre alt und lebt in Aleppo. Seine Heimatstadt wurde zum Inbegriff von Krieg und Terror. Seit eineinhalb Jahren schweigen dort die Waffen weitgehend, während andernorts noch Krieg tobt. Aleppo ist schwer gezeichnet.

Abeds Schule wurde von Bomben verwüstet. Er berichtet: „Ich bin in der fünften Klasse. Unsere Klassenzimmer befinden sich jetzt in einem Keller ohne Heizung und Strom.“ Jad ist begeisterter Basketballer und singt gerne.

Schule von Bomben verwüstet

KIRCHE IN NOT hat die Kirchengemeinden unterstützt, damit sie auch während des Krieges Sport- und Freizeitprogramme anbieten konnten. „Ich glaube, dass böse Menschen nicht singen“, sagt Jad, „deshalb war Musik während des Krieges sehr wichtig.“

Jad hat seinen besten Freund während der Kämpfe verloren. „Er starb durch einen Bombenangriff, als er auf den Schulbus wartete. Ich habe jetzt einen Fürsprecher im Himmel.“ Auch das Wohnhaus seiner Familie wurde von Raketen getroffen.

„Dabei stürzte ein Teil des Hauses ein“, berichtet Jad. „Mein Vater holte mich und meine Mutter heraus. Viele Bilder und Erinnerungsstücke sind verbrannt. Ich hoffe, dass nicht alle meine Spielzeuge kaputt sind.“

Heute lebt Jad mit seinen Eltern in einer Notunterkunft und wird durch die Kirchengemeinde versorgt. KIRCHE IN NOT hilft dabei in vielfältiger Weise.

„Mein Vater bekommt jeden Monat ein Lebensmittelpaket von der Kirche“, erzählt Jad. „Meine Eltern bekommen auch etwas Geld, damit sie die Schulgebühren für mich bezahlen können.“

Unterstützung bei Schulgebühren

Noch wichtiger aber als diese Hilfe ist Jad, dass er in der Kirche Antwort auf seine Fragen bekommt: „Ich habe angefangen, schwierige Fragen zu stellen. Ich fragte, ob Gott wirklich existiert, warum er uns ausgewählt hat, in diesen schwierigen Zeiten zu leben.

Die Kirche antwortet auf diese Frage in der Sonntagsschule und bei einigen Aktivitäten und Spielen. Sie zeigen uns, wie sehr Gott uns liebt.“

Jad Abed aus Aleppo.

Karatschi, Pakistan

Die 11-jährige Dolly Sarwar Bhatti kommt aus Karatschi, der größten Stadt Pakistans. Ihr Heimatland gehört zu den gefährlichsten Brennpunkten der Christenverfolgung weltweit. Ein rigides Blasphemiegesetz stellt jede kritische Äußerung gegen den Islam unter Todesstrafe.

„Christen in Pakistan leben nicht sicher”

Immer wieder kommt es zu Lynchjustiz an Christen; eine Situation, unter der auch Dolly und ihr Bruder leiden: „Christen in Pakistan leben nicht sicher. Deshalb dürfen wir niemals ohne unsere Eltern aus dem Haus. Wir spielen nicht auf der Straße.“

Auch vor der Kirche, die Dolly mit ihrer Familie regelmäßig besucht, stehen immer zwei Aufseher. KIRCHE IN NOT fördert aufgrund der Gefahrenlage in Pakistan ebenfalls Maßnahmen, die der Sicherheit von Gläubigen und kirchlichen Gebäuden dienen.

Außerdem unterstützt unser Hilfswerk den Neubau von Kirchen und religiösen Zentren, christliche Bildungsprogramme und den Unterhalt von Ordensgemeinschaften.

Sicherheitskontrolle vor einer Kirche in Pakistan.
Kinder in einer katholischen Schule in Pakistan.
Pakistanisches Mädchen liest in einer Kinderbibel auf Urdu.
Diskriminierung bereits in der Schule

Trotz ihres jungen Alters hat Dolly in der Schule bereits Diskriminierung erlebt: „Die muslimischen Kinder bezeichnen die christlichen Mädchen als „cheap“ (billig). Sie trinken nicht aus demselben Wasserhahn wie wir und setzen sich nie neben uns.“

Seit einem Jahr jedoch kann sie die Schule gar nicht mehr besuchen: „Mein Vater wurde schwer krank und verlor seine Arbeit. Wir konnten das Schulgeld nicht mehr bezahlen. Das war der traurigste Augenblick in meinem Leben.“ Denn trotz der Schikanen lernt Dolly gern und träumt von ihrem großen Berufswunsch: „Ich möchte gern Flugbegleiterin werden. Ich habe noch Hoffnung, dass mein Leben erfolgreich sein wird, weil ich eine gute Schülerin und Tochter Gottes bin.“

„Ich lese regelmäßig in der Bibel”

Der Glaube an Gott sei in aller Gefahr ihre große Kraft, erzählt das Mädchen: „Ich lese regelmäßig in der Bibel und gehe jeden Nachmittag mit meiner Mutter in die Kirche. Es sind Augenblicke der Freude und des Glücks, weil ich weiß, dass Gott Gutes für uns tut und uns hilft.“

Jeden Tag betet auch die Familie gemeinsam. „Ich spüre, dass Gott uns nie verlassen hat, obwohl wir schwierige Zeiten durchmachen.“ Denn ob sie im nächsten Schuljahr wieder zum Unterricht gehen kann, ist fraglich.

Dass die Politiker in Pakistan nichts unternehmen, um armen Kinder einen Schulbesuch zu ermöglichen, macht Dolly traurig. Auch vermisst sie die Solidarität der Christen in anderen Ländern der Welt. „Ich habe lange geglaubt, dass es im Westen nur Muslime gibt. Denn wenn es dort auch Christen gibt, warum kommen nicht mehr von ihnen, um unsere Not zu lindern?“

„Sobald es zu einer Schießerei kommt, laufen wir in das nächstgelegene Haus. Hier kennt jeder jeden, und so hat auch jeder Verständnis für die Angst, die man in solch einem Moment hat.“

Dolly aus Pakistan.

Rio de Janeiro, Brasilien

Tagtäglich von Gewalt umgeben

Wenn Laís Maria Pereira da Silva von der Gewalt erzählt, die sie tagtäglich umgibt, kann der Gegensatz zum übrigen Erscheinungsbild und Temperament der 12-Jährigen nicht größer sein. Laís ist ein aufgewecktes Mädchen, das es nach eigenen Angaben liebt, „zu laufen und zu tanzen“.

Doch die Gefahr läuft mit: „Immer, wenn wir auf der Straße sind, habe ich Angst, mich oder eine meiner Freundinnen könnte eine Kugel treffen.“

Laís lebt in einen Stadtteil von Río de Janeiro namens „Complexo da Maré“. Er umfasst 17 verschiedene Gemeinden mit insgesamt 130 000 Einwohnern. Eine eigene Stadt in der Metropole – und eines der gefährlichsten Pflaster Ríos. Die Elendsviertel werden von kriminellen Gruppen kontrolliert, die mit Drogenhandel ihr Geld verdienen.

Blick auf Rio de Janeiro mit Christusstatue und dem Zuckerhut im Hintergrund.
Laís Maria Pereira da Silva.
„Wir sind nirgendwo sicher”

Blutige Straßenkämpfe sind an der Tagesordnung – und wehe dem, der unbeteiligt zwischen die Fronten gerät. So wie Laís´ Cousin Ian: „Er spielte gerade im Innenhof unseres Hauses, als plötzlich ein Feuergefecht begann. Er wurde von einem Schuss am Kopf getroffen. Meine Tante lief die Treppen herunter und sah ihren Sohn, der blutüberströmt dalag.“

Der Junge war damals 12 Jahre alt. Mehrere Operationen konnten zwar sein Leben retten, aber seither ist Ian gehbehindert und kann nicht richtig sprechen. Die Erinnerung an jenen Schicksalstag hat der junge Mann verloren – in der Familie jedoch ist alles präsent, ebenso wie die Gewalt nach wie vor überall präsent ist.

„Die Bandenmitglieder eröffnen auf der Straße das Feuer“, erzählt Laís. Dann müssen wir uns auf den Boden werfen – auch wenn wir im Haus sind. Denn wir sind nirgendwo sicher.“

Häufig fällt die Schule aus

Die Gewalt macht für Laís nicht nur den Alltag zum Überlebenskampf, sondern verdüstert auch ihre Zukunft. Denn aus Sicherheitsgründen muss der Unterricht oft ausfallen. Dennoch träumt Laís davon, eines Tages Medizin zu studieren. „Ich will anderen Menschen helfen und dazu beitragen, dass meine Familie in ein besseres Viertel umziehen kann – mit Gottes Hilfe.“

Um den Beistand und die Barmherzigkeit Gottes erfahrbar zu machen, unterstützt KIRCHE IN NOT die Arbeit verschiedener Missionsgemeinschaften, die sich der Menschen in den Elendsvierteln annehmen. Eine davon ist die „Allianz der Barmherzigkeit“ mit über 2000 Freiwilligen und rund 350 Sozialarbeitern.

Eine solche „Lektion der Barmherzigkeit“ erteilt auch die 12-jährige Laís. Der Glaube gebe ihr und ihrer Familie Kraft und einen Blick für die Nöte der anderen Menschen, obwohl alles um sie herum „zum Verzweifeln“ sei. „Selbst mitten in einem Schusswechsel kann man einen ,kugelsicheren Glaubenʼ bewahren und für andere ein Zeichen der Hoffnung sein.“

Kleiner Junge aus Brasilien.
Internationale Beobachter sähen in Nordkorea „lediglich einen Unsicherheitsfaktor mit einem über Raketen verfügenden Diktator. Dabei werden die Lebensbedingungen der 24 Millionen Nordkoreaner häufig ausgeblendet.“ Dies erklärte der südkoreanische Priester Kang Ju-seok in einem Gespräch mit dem weltweiten päpstlichen Hilfswerk „Kirche in Not“. Kang leitet das „Nordostasiatische Katholische Institut für Frieden und Zusammenarbeit“. Es befindet sich in der Stadt Paju, nur wenige Kilometer von der demilitarisierten Zone entfernt, die Nord- und Südkorea trennt. Das Institut engagiert sich in der Friedensarbeit – „jenseits von Schlagzeilen“, wie Kang anmerkt.
Grenzanlagen an der Demarkationslinie zwischen Nord- und Südkorea.
Kumsusan-Palast im Pjöngjang. In dem Gebäude befindet sich das Mausoleum von Kim Il-sung und Kim Yong-il.
Blick an der Grenze nach Nordkorea.
Denkmal für die beiden verstorbenen Machthaber Kim Il-sung und Kim Yong-il in Pjöngjang.
Mehr Informationen aus dem Ausland – weiterhin schlechte Versorgungslage

Die historischen Begegnungen des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-un mit US-Präsident Donald Trump und dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in würden zwar die Hoffnungen auf Reform und Annäherung nähren, meint der Priester. „Allerdings wird das nordkoreanische Regime die Wachsamkeit gegenüber den Religionen nicht verringern.“

Man wisse kaum etwas über die alltägliche Situation in Nordkorea – sowohl was die humanitäre Situation als auch die Zahl der Christen anbelange. Flüchtlinge berichteten jedoch, dass immer mehr Informationen aus dem Ausland nach Nordkorea gelangten. „Immer mehr Nordkoreaner haben Zugang zu Handys, DVD-Playern und Computern“, sagte Kang. Es herrsche aber nach wie vor eine mangelhafte Lebensmittelversorgung. Der Schmuggel mit China blühe – davon profitierten jedoch am ehesten höhere Angestellte und Parteikader. „Ich mache mir Sorgen um die Armen und Verletzlichen, denn sie leiden am meisten.“ Die internationalen Sanktionen würden die Situation noch verschärfen. „Viele Nordkoreaner leben in extremer Armut“, so Kang.

Auch was die Zahl der Christen und Angehörigen anderer Religionen anbelange, gebe es keine verlässlichen Zahlen. Fakt sei aber, dass in der Hauptstadt Pjöngjang heute vier vom Regime errichtete Kirchen existieren: zwei russisch-orthodoxe, eine römisch-katholische und eine protestantische. Ausländischen Besuchern werden diese Gotteshäuser als Beleg für religiöse Toleranz gezeigt. Auch Katholiken und Priester aus Südkorea können seit 20 Jahren vereinzelt an Gottesdiensten teilnehmen, so Kang. Diese regelmäßigen heiligen Messen seien eine Ausnahme im Vergleich zu den anderen christlichen Konfessionen. Diese könnten seltener Gottesdienste feiern.

Die Meinungen über die Zusammensetzung der Gemeinde sei jedoch gespalten: „Einige sind von den Gottesdiensten beeindruckt. Anderen ist die Situation verdächtig. Sie fragen sich, ob die Nordkoreaner, die an der Messe teilnehmen, wirklich Gläubige sind.“ Kangs Auffassung nach würden die meisten Gottesdienstbesucher vom Regime in die Kirche beordert, wenn Gäste teilnehmen. Es sei so gut wie unmöglich, in Nordkorea längerfristig eine Religion auszuüben, ohne Repressalien des Regimes fürchten zu müssen. „Aber wir glauben dennoch, dass es Christen in Nordkorea gibt“, sagte Chang.

Kang Ju-seok, Leiter des Nordostasiatische Katholischen Instituts für Frieden und Zusammenarbeit.

Diese seien vielleicht Überlebende der Christenverfolgung oder deren Nachkommen. Die kommunistischen Machthaber hatten bereits nach der Teilung der koreanischen Halbinsel im Jahr 1948 mit der systematischen Verfolgung begonnen. „Schon bevor der Koreakrieg ausbrach (1950-1953, Anm. d. Red.), gingen viele Christen auf der Suche nach Religionsfreiheit über die Grenze.“ Noch Anfang des 20. Jahrhunderts waren in Pjöngjang drei von zehn Einwohnern Christen. Die Stadt wurde sogar „Jerusalem des Ostens“ genannt. In der Region wurden damals mehr als 2000 Kirchen gebaut.

Hass als Ersatzreligion?

Der Kult um die Kim-Dynastie sei nach wie vor eine Art „Ersatzreligion“. Die Loyalität zum Regime speise sich jedoch auch aus dem immer wieder geschürten Hass auf Südkorea und den Westen. „Während des Koreakriegs starben zwei bis drei Millionen Nordkoreaner, und die Regierung nutzt dieses Trauma immer wieder aus.“ Zum Erhalt der Alleinherrschaft trage auch das ein Art „Kastensystem“ namens Songbun bei, das die Kim-Dynastie eingeführt habe. „Bei der Zuteilung von Gütern und Dienstleistungen erhält die Gruppe der Menschen, die dem Regime loyal ergeben sind, einen besseren Anteil oder wird großzügiger behandelt“, sagte Kang. Ob diese quasireligiöse Verehrung aber auch in die private Vorstellungswelt der Nordkoreaner vorgedrungen sei, könne niemand sagen. „Wir wissen nicht genau, wie diese Gesellschaft funktioniert.“

Diese jahrzehntelang etablierten Verhaltensmuster seien schwer zu durchbrechen. Deshalb ist der Priester überzeugt, „dass im Zuge der Reform und der Öffnung zwar nicht kurzfristig, aber langsam das Christentum zurückkehren wird. Letztlich müssen wir die Herzen der Nordkoreaner gewinnen.“ Dies könne durch die Erfahrung von „Werken der Nächstenliebe ohne Gegenleistung“ erfolgen. Der Weg zu mehr Menschenrechten und Religionsfreiheit könne gegenwärtig nur über Veränderungen von Seiten des Regimes erfolgen. Dazu sei eine Zusammenarbeit aller friedensliebenden Kräfte nötig, ist Kang überzeugt. „Laut Papst Franziskus sollen wir daran glauben und dafür beten, dass der Weg zur Öffnung über Dialog und Verhandlungen führt, nicht über Militärmacht.“