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Polen

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Wie wichtig die Pflege der Kultur auch auf dem sprachlichen Gebiet sein kann, davon konnten sich die Teilnehmer der gemeinsamen Wallfahrt von KIRCHE IN NOT und dem Institut für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien ein Bild machen.

 

Auf dem Programm standen wie bei den früheren Wallfahrten Besuche von Orten in Polen und Tschechien, deren alte deutsche Namen heute auch in Deutschland selbst kaum noch benutzt werden.

Dom in Königsberg (Kaliningrad) (Foto: Pixabay).
Mit Recht beklagen nicht nur deutsche Vertriebene in Deutschland und in Österreich, dass die deutschen Ortsnamen in Gebieten des Ostens nicht mehr verwendet werden. Das gilt nicht nur im Wintersport, wo heute Weltcup-Rennen nicht in Reichenberg, sondern in Liberec (Tschechische Republik) ausgetragen werden. Es setzt sich fort in vielen weiteren Gebieten.

 

Vor der Wende taten sich die meisten unserer östlichen Nachbarn schwer mit den deutschen Städtenamen in Ostmitteleuropa, vor allem dort, wo man die alteingesessene deutsche Bevölkerung vertrieben hatte. Man sprach lieber von Kaliningrad, Wroclaw und Sibiu anstatt von Königsberg, Breslau oder Hermannstadt.

Rathaus von Reichenberg (Liberec) in der Tschechischen Republik (Foto: pixabay).
Die Orientierung der Nachkriegskultur der Bundesrepublik Deutschland fast einseitig zum Westen hin tat ein Übriges, um alte deutsche Namen des Ostens in Vergessenheit geraten zu lassen. So schreiben heute auch renommierte Zeitungen nur von Bratislava und Ljubljana und setzen nur gelegentlich Preßburg und Laibach in Klammern.

 

Aus dem gebräuchlichen Sprachschatz verschwunden

Die Öffnung seit 1989 hat zwar im Osten wieder alte deutsche Namen hoffähig gemacht. Doch die sieben Jahrzehnte seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges brachten es mit sich, dass die alten deutschen Bezeichnungen heute aus dem gebräuchlichen Sprachschatz praktisch verschwunden sind.

Da schrieb eine katholische Nachrichtenagentur vom „Berg der heiligen Mutter im tschechischen Kraliky“. Aber wer erkennt dahinter noch den bekannten Muttergottesberg bei Grulich, einem einst bekannten Wallfahrtsort?

Blick auf die Wallfahrtskirche in Grulich (Kraliky).
Auch wenn der Autor dieser Zeilen nicht den gleichen Namen trüge wie die einst deutsche Stadt Grulich, würde er sich darüber empören, dass historische deutsche Namen aus Ignoranz verschwinden. Werden bald unsere Kochbücher Rezepte für Kaliningrader Klopse statt Königsberger Klopse anbieten?

 

Viele Touristen sind nur die heutigen Namen geläufig. Es ist fast ein Wunder, dass deutsche Italienurlauber noch von Mailand, Venedig und Neapel sprechen, nachdem andere Namen wie Thibein, Wiesenthein oder Weiden für Duino, Vicenza oder Udine längst der Vergangenheit angehören.

Königsberger Klopse (Foto: pixabay).
Es ist dagegen erfreulich, dass die Mehrzahl der Deutschen noch von Lüttich, Löwen und Kopenhagen spricht und höchstens snobistisch andere Namen benutzt. Die Frage wäre auch: Welche? Liège oder Luik, Louvain oder Leuwen?

 

Dieses Phänomen der Benennung alter historischer, im Sprachbereich alter Kulturen lange verwurzelten Ortsnamen trifft aber auch auf italienische Namen in jenen Ländern zu, die einst italienisch geprägt waren und deren Städtenamen uns über venezianische Kaufleute vermittelt wurden oder die im alten Österreich-Ungarn gebräuchlich waren.

Tallinn war früher unter Reval bekannt

Unsere Großeltern hatten in ihren Atlanten noch die Namen Fiume, Zara, Spalato oder Ragusa, ehe die kroatischen Namen Rijeka, Zadar, Split und Dubrovnik an ihre Stelle traten. Aber wer verbindet heute noch mit der bis 1808 selbstständigen Republik Ragusa das heutige Dubrovnik? Wer erkennt in Werner Bergengruens „Tod von Reval“ die estnische Hauptstadt Tallinn?

Tallinn (Reval), die Hauptstadt Estlands (Foto: pixabay).
Wie deutsche Kultur die Sprache Mittelost- und Nordosteuropas geprägt hat, tat dies die italienische Sprache in Südosteuropa und im Orient. Über den deutschen Handel mit Venedig kamen italienische Namen der Städte des Osmanischen Reiches, das von Bosnien bis Libyen reichte, nach Deutschland.

 

Städtenamen wie Aleppo und Kairo italienischen Ursprungs

Wir schreiben noch heute Städtenamen wie Aleppo und Kairo nach ihrer italienischen Bezeichnung, auch Orte in Albanien wie Durazzo und Skutari, deren albanische Namen sich erst langsam durchsetzen oder manchmal auch in ihrer slawischen oder griechischen Form auftauchen.

Selbst einen seit 2006 unabhängigen Staat dieser Region benennen wir mit dem italienischen Namen: Montenegro oder genauer: mit seinem venezianischen Namen, denn italienisch wäre Montenero.

Ordensschwester aus Montenegro.
Zur Entkrampfung und zum unbekümmerten Gebrauch deutscher Namen (wenn sie überhaupt noch bekannt sind!) kann ein Blick in die westlichen Nachbarländer beitragen. Viele historische Namen des Ostens sind Franzosen und Engländern nur in der alten deutschen Form bekannt, wenn dort wichtige europäische historische Ereignisse stattfanden.

 

Austerlitz ist bekannter als Slavkov u Brna

Der tschechische Name von Austerlitz ist Slavkov u Brna, aber gibt es eine Dreikaiserschlacht von Slavkov und den darauffolgenden Frieden von Bratislava? Auf dem Stadtplan von Paris taucht achtmal der Name Austerlitz auf, als rue, quai, gare, pont d’Austerlitz.

Es gibt sogar ein französisches Sprichwort: „C’est le soleil d’Austerlitz!“ Napoleon soll dieses Wort seinen Soldaten im brennenden Moskau 1812 zugerufen haben, um sie an den Sieg von 1805 zu erinnern.

St.-Markus-Kirche in Zagreb.
Die wenigen Ausnahmen von der Verdrängung deutscher Ortsnamen im Osten erfolgten neue nach rein kommerziellen Gesichtspunkten. Budweiser Bier, das Kasino in Marienbad oder die Karlsbader Oblaten konnten im Westen nicht erfolgreich unter den tschechischen Namen von Städten wie Česke Budějovice, Marianske Lazně oder Karlový Vary verkauft werden.

 

Bier aus Budweis statt aus Česke Budějovice

Später meldeten sich bereits im kommunistischen Osten Proteststimmen mit deutschen Namen zu Wort. So gab sich noch in kommunistischer Zeit eine slowenische Rock-Band bewusst und provokativ den Namen Laibach. In der kroatischen Hauptstadt Zagreb nannten Juweliere ihre Läden „Agram-Gold“.

Ortsschild von Storcha (Sachsen).
Positiv ist, dass Deutschland im Verzeichnis der Telefonvorwahlen und Postleitzahlen mit gutem Beispiel vorangeht. Dort werden für das Gebiet der Sorben in der Ober- und Niederlausitz auch die sorbischen Namen angegeben wie Storcha und Baćoń, Wittichenau und Kulow.

 

Hoyerswerda heißt sorbisch Wojerecy, Bautzen wird auch mit der sorbischen Bezeichnung Budyšin genannt. Wie bei anderen großen Städten gelten auch für Cottbus, das sorbisch Chóśebuz heißt, je nach Straßen unterschiedliche Postleitzahlen, sodass hier auch alle Straßennamen auf Sorbisch verzeichnet sind.

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