Spenden
Leo Kardinal Scheffczyk: "Christus, Kirche und Maria" - Das Vermächtnis Pater Werenfrieds

Leo Kardinal Scheffczyk: "Christus, Kirche und Maria" - Das Vermächtnis Pater Werenfrieds

Leo Kardinal Scheffczyk erinnert an den Gründer von KIRCHE IN NOT

08.12.2019 aktuelles
Kardinal Leo Scheffczyk (1920-2005) war nach dem Zweiten Weltkrieg Subregens an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Königstein im Taunus, vollendete dort im Jahr 1950 seine Doktorarbeit in Kirchengeschichte und wirkte an dieser Priesterausbildungsstätte von 1952 bis 1959 als akademischer Lehrer. Aus der  Königsteiner Hochschule gingen in den Jahren von 1946/47 bis 1977/78 insgesamt 420 Priester aus den Reihen der Heimatvertriebenen hervor. Dort lernte er auch Werenfried van Straaten kennen, den Gründer von KIRCHE IN NOT.

 

Bei einem Gedenkgottesdienst für Pater Werenfried van Straaten am 3. Mai 2003 in der Kirche St. Margaret in München predigte Kardinal Leo Scheffczyk vor einigen hundert Gläubigen über „Das Vermächtnis Pater Werenfrieds“. Der Kardinal, der den am 31. Januar verstorbenen Gründer von „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“ seit 1948 kannte, machte drei Grundpfeiler im Leben und Werk des „Speckpaters“ aus: Christus, die Kirche und Maria. Wir veröffentlichen nachstehend Auszüge aus der Predigt:

Leo Kardinal Scheffczyk (1920-2005). © Leo-Scheffczyk-Zentrum Bregenz
Wir möchten vor allem Pater Werenfried selbst sprechen lassen, in den Worten seiner Predigt. Wenn er zu uns spricht, so hat das den Charakter seines Vermächtnisses an uns. Das heißt dann auch, dass wir uns von ihm belehren lassen und zwar über die Grundpfeiler seines Lebens und seines Werkes.

 

Er hat Christus in unsere Zeit geholt

Der erste dieser Grundpfeiler, auf dem er sein Leben und sein Werk aufbaute, war Christus selbst. Eines seiner charakteristischen Worte über Christus lautete: „Christus weigert sich, der Vergangenheit anzugehören. Er will mehr sein, als eine Schattenfigur aus Parabeln von vor zweitausend Jahren. Er will unser Zeitgenosse sein.“ Wenn man deshalb eine besondere Ader seines Lebens und Wirkens treffen will, darf man sagen: Er hat Christus in unsere Gegenwart, in unsere Zeit hineingeholt. Das geschah zuallererst durch seinen unerschütterlichen Christusglauben.

 

Pater Werenfried lebte und wirkte in dieser unserer modernen Zeit, in welcher der Christusglaube bei den Menschen von Zweifeln angenagt ist. Man möchte heute gerade noch an Christi menschlicher Vorbildhaftigkeit festhalten, ihn als den frommen Mann von Nazareth anerkennen, aber man möchte nicht mehr an seiner Gottheit und an seine leibhafte Auferstehung glauben. Darum sagt man in einem spöttischen Wort: Die Krippe war leer (nämlich leer von einem Gottessohn), und das Grab war voll (nämlich voll von einem verwesten Leichnam).

Pater Werenfried im Gebet während seines Fatima-Besuchs 1997.
Aber Pater Werenfried ahnte und wusste, dass ein solcher rein menschlicher Christus die Zeiten nie überdauern könnte und dass er der modernen Zeit niemals Heil und Leben bringen könnte. An einen menschlichen Christus kann man sich, wie an einen großen Mann, erinnern, man kann ihn aber nicht wirklich in die Zeit hineinholen. Das geht nur, wenn er als der Ewige, der Gottgleiche, über aller Zeit steht und jede einzelne Zeit durchdringt. Nur vom Gottmenschen, vom Christus des Glaubens, kann der Mensch so beeindruckt, so mit Kraft ausgestattet werden, dass er die Gesinnung Christi annimmt und sein Werk der Liebe und Hingabe an den erlösungsbedürftigen Menschen weiterführt, wie es Pater Werenfried getan hat.

 

Der Christus des Glaubens war ihm eine so lebendige gegenwärtige Wirklichkeit, das er ihn besonders in den Armen, den Notleidenden und den Gepeinigten wiedererkannte. Es ist das keine leichte Identifizierung, die Christus als Weltenrichter von uns verlangt, wenn er fordert, ihn in den Hungrigen und Durstigen zu erkennen und ihm im Gefangenen zu begegnen. Wem das aber gelingt, der holt Christus wirklich in die Zeit hinein und verwirklicht das in der Gegenwart, was Christus seinen Jüngern beim Endgericht verkünden wird: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Nur aus dem Geist einer solchen lebendigen Christusbegegnung in der Gegenwart, nur aus seiner wahren Vergegenwärtigung in der Zeit und im Nächsten konnte das Werk Pater Werenfrieds entstehen und wachsen.

Pater Werenfried bei seinem Zaire-Besuch 1965,
Vom Geheimnis der Kirche geprägt

Freilich bleibt auch wahr: Kein noch so gläubiger Mensch vermag Christus in eigener Kraft und Phantasie aus der Ferne von zweitausend Jahren in die Zeit hineinzuholen und ihn als den wirklichen originalen Christus gegenwärtig zu setzen. Das haben ja die Historiker der liberalen Leben-Jesu-Forschung immer wieder versucht und haben dabei den originalen Jesus immer verfehlt. Es bedarf für den einzelnen einer Führung, einer Leitinstanz, eines verbindenden Organismus, um den originalen Christus in der Gegenwart ausmachen zu können. Dieser Organismus ist allein die Kirche Jesu Christi. Das Geheimnis der Kirche aber war der zweite Pfeiler, auf dem Pater Werenfried sein Leben gründete und sein Werk aufbaute.

 

Aus seinen Jugendjahren wissen wir, dass er sich mit Gedanken stürmischer politischer und kirchlicher Reform trug. Aber er durchschaute bald das Oberflächliche und Vordergründige äußerer Reformen, die mit technischen Mitteln an der äußeren Gestalt der Kirche etwas zu ändern suchen, wobei es ihnen meistens nur um Machtverschiebungen und Machtverteilung geht. Der Christusglaube aber und ein gesunder menschlicher Instinkt führten ihn von früh an zur Erkenntnis, dass die wahrhafte revolutionäre Reform der Kirche sich nur im Innern, nur in der Liebe vollziehen kann und zwar in der Liebe zur Kirche. Von ihr sprach er einmal in deutlicher Anspielung auf die modernistischen Rebellen: „Die Kirche ist größer als ein Lehrstuhl eines berühmten Theologen oder als eine Handvoll geistlicher Rebellen und falscher Propheten, die vorläufig noch die Medien beherrschen. Sie überschreitet die Grenzen der Erde und entnimmt ihre unverwüstliche Lebenskraft dem erstandenen Christus.“

Pater Werenfried bei einer heiligen Messe in Waldkappel 1978.
Was ihn nächst Christus vor allem anzog, war das Geheimnis der Kirche. Deshalb nannte er sein Werk auch „Kirche in Not“ und nicht etwa „Völker oder Menschen in Not“, was äußerlich auch zutreffend gewesen wäre, aber den inneren Sinn verfehlt hätte; denn dieser Sinn war auf die Kirche als den Leib Christi gerichtet, der für Pater Werenfried aus der Fülle der von Glaube und Liebe erfüllten Glieder Christi bestand, zu denen potentiell alle Menschen gehörten. Die Kirche aber als der Gemeinschaft der an Christus Glaubenden und ihn Liebenden war für ihn Inhalt und Gegenstand seines Wirkens, vor allem in ihren leidenden Gliedern, zumal in den Verfolgten und in den Märtyrern.

 

Er war stets davon überzeugt, dass in diesen notleidenden Gliedern die höchsten Potenzen für das gottgefällige, wahre Leben des mystischen Leibes niedergelegt waren. Aus dieser Angleichung an den Geist der Armut und des Martyriums im Leibe Christi erwuchsen seinem Werk jene tiefen religiös-mystischen Impulse, die es himmelhoch abheben von einer humanistischen Sozialarbeit, in der sich christliche Caritas von sozialistischer Wohlfahrt nicht mehr unterscheidet.

Am 21. Februar 2001 wurde Leo Scheffczyk von Papst Johannes Pail II. in den Kardinalsrang erhoben. © Leo-Scheffczyk-Zentrum Bregenz
Pater Werenfried war sich des wesentlichen Unterschiedes stets bewusst. Aus dem Glauben an den Leib Christi, in dem die Glieder füreinander da sind, sich miteinander freuen und miteinander leiden erwuchs ihm die Kraft, ein weltweites Netz der Liebe aufzubauen, ein Abbild des Gottesreiches auf Erden, in dem Wahrheit, Liebe und der Geist Christi herrschen. So war sein Werk immer vom Geheimnis der Kirche und ihrer Ausrichtung auf den Menschen geprägt, der auch in seinem Elend noch die Hoheitszeichen Gottes an sich trägt.

 

Über sein Vermächtnis wachen

Was aber die kirchliche Prägung ausmachte, war nicht der Geist einer mächtigen Organisation, einer weitverästelten Institution oder eines seelenlosen Apparates, sondern es war die Haltung demütigen Dienstes, liebender Hingabe und warmherziger Menschlichkeit. Dieser charakteristische Zug aber kommt dem katholischen Glauben und Leben von Maria her, der mütterlichen und liebenswürdigen Mittlerin der Gnade und der Wegbereiterin zu Christus. Darum war Maria, die Mutter der Kirche, die dritte große Säule in Leben und Werk Pater Werenfrieds. Auch dafür gibt es viele Zeugnisse aus seinen Predigten. In einem seiner treffenden Worte über Maria führte er aus: „Je dunkler die Nacht über die Welt herabzieht, umso heller erstrahlt das Licht Mariens, das Suchenden und Verirrten den Weg weist.“

Die Ikone „Selige Jungfrau Maria, Schmerzensmutter und Trösterin der Syrer“ wurde von KIRCHE IN NOT auf eine „Pilgerreise“ durch Syrien geschickt. Innige Marienverehrung war ein Wesensmerkmal, das Leo Scheffczyk und Pater Werenfried verband.
In seiner Arbeit wie in seinem Wirken an den Menschen hat er dieses Licht Mariens über den Schächten der Dunkelheit oft erfahren. Zuletzt hat er noch im Jahre 1999 in Rom in der Peterskirche nach einem Besuch des Heiligen Vaters sein und seiner Freunde Werk Maria geweiht mit den Worten: „Mutter der Kirche, unser Werk gehört dir seit den Anfängen. Gib, dass wir mit schöpferischer Treue das Charisma unseres Ursprungs leben.“

 

Als Priester, der das, was er verkündete, auch lebte, hat er der Mutter Christi und der Mutter der Menschen sein ganzes Leben und auch sein Sterben anempfohlen. Das zeigt seine Bitte: „Gib, Mutter, wenn wir durch das Tor des Todes gegangen sind und vor :dem Richterstuhl deines Sohnes stehen, dass wir dich dort Emden mit einem Lächeln in deinen Augen und ruhig sagen dürfen: Grüß dich, Mutter.“ Wir dürfen gewiss sein, dass Maria ihm und seinem Lebenswerk diesen Gruß erwidern wird. Uns aber bleibt aufgetragen, über sein Vermächtnis zu wachen und es wie er auf die drei Pfeiler aufzubauen: Christus, Kirche und Maria.

Weitere Informationen