Länderbericht Pakistan

Ein Priester in Pakistan zeigt den zerstörten Tabernakel.

Ein Priester in Pakistan zeigt den zerstörten Tabernakel.

Einwohner:
156,2 Millionen

Fläche:
796 095 qkm
(mehr als doppelt so groß wie Deutschland)

Religion:
Muslime: 96,1 Prozent
Christen: 1,6 Prozent (darunter: 1,2 Millionen Katholiken)
Sonstige 1,4 Prozent

Das tödliche Attentat auf Benazir Bhutto im Dezember 2007, kurz vor den Parlamentswahlen, einte das Land für einen Moment in gemeinsamer Trauer. Bischof Joseph Coutts schilderte vorher nicht gekannte Formen der Zusammenarbeit von Muslimen und Christen; so kam es an verschiedenen Orten in seinem Bistum Faisalabad zu gemeinsamen Gebetsveranstaltungen zum Andenken an die Getötete.

Für viele Christen war mit der Kandidatur von Benazir Bhutto und ihrer Partei, der Pakistanischen Volkspartei (PPP), die Hoffnung auf Gleichberechtigung verbunden, in einem Land, wo die Christen normalerweise eine unterdrückte Minderheit darstellen.

Deutliche Zunahme der Angriffe auf religiöse Minderheiten

In den letzten Jahren hat die Zahl der Angriffe auf religiöse Minderheiten in Pakistan deutlich zugenommen. Solch ein Angriff kann zum Beispiel auch die Form einer fatwa annehmen, also einer Verfügung durch ein islamisches Gericht; dabei werden gelegentlich auch Todesurteile ausgesprochen. Aber auch Anschläge auf Kirchen und Entführungen mit versuchter Zwangsbekehrung zählen dazu.

Das tückischste Instrument der Unterdrückung ist das sogenannte Blasphemie-
Gesetz. Es beruht auf Artikel 295, Paragraphen B und C des Strafgesetzbuches.

Paragraf B betrifft Angriffe auf den Koran; für diese droht lebenslange Haftstrafe.
Paragraf C betrifft Beleidigungen des Propheten Mohammed, für die lebenslange Haft oder die Todesstrafe droht.

hudud-Verordnung und Blasphemie-Gesetz

Zusammen mit den hudud-Verordnungen - einer Gruppe von Gesetzesstrafen, die auf dem Koran basieren und unter anderem Auspeitschungen und Steinigungen für Handlungen beinhalten, die als unvereinbar mit dem islamischen Gesetz gelten, darunter Ehebruch, Glücksspiel, Alkoholkonsum und Eigentumsdelikte - verkörpert dieses Blasphemie-Gesetz die dogmatischste und fundamentalistischste Gesetzgebung, die das Land jemals hatte.

Verschiedenen Beobachtern zufolge nutzen muslimische Fundamentalisten u. a. dieses Gesetz dazu, Minderheiten zu ver folgen und das Land weiter auf eine radikale Islamisierung zuzutreiben.

Nach Auffassung der Kommission “Frieden und Gerechtigkeit”, der Vereinigung der Christlichen Kirchen Pakistans sowie zahlloser Menschenrechtsorganisationen ist dieses Blasphemie-Gesetz “schlimm”, “wie ein Damoklesschwert, das über den Köpfen der pakistanischen Minderheiten schwebt, und außerdem eine klare Verletzung ihrer verfassungsmäßig garantierten Menschenrechte und ihres Rechts auf freie Religionsausübung”.

Drohbriefe gegen Christen

Khalil Tahir, Leiter des Adal Trust, der der christlichen Minderheit hilft, sich gegen falsche Anschuldigungen zu wehren, sagte gegenüber dem Nachrichtendienst AsiaNews, dass die meisten der “aufgrund des Blasphemie-Gesetzes Angeklagten den sozialen und religiösen Minderheiten angehören”; aus diesem Grund sei es wichtig, ihnen “nicht nur vor Gericht und im Gefängnis, sondern auch nach ihrer Entlassung”  zu helfen. Leider wird dieser Beistand nur allzu häufig benötigt.

Erzbischof Lawrence Saldanha von Lahore, Leiter der pakistanischen Bischofskonferenz, berichtete KIRCHE IN NOT im Mai 2007 von einem Vorfall
in Nord-West-Pakistan. Dort hatten etwa 500 Christen anonyme Drohbriefe erhalten, in denen sie aufgefordert wurden, innerhalb von zehn Tagen zum Islam überzutreten. Sollten sie dieser Forderung nicht nachkommen, so würden sie hingerichtet und alle Kirchen würden dann zugemacht werden.

“Es bereitet uns große Sorge”, so der Erzbischof, “dass Christen auf diese Weise bedroht werden, um sie zum Übertritt zum Islam zu zwingen. Dies ist etwas, was so noch niemals vorgekommen ist.”  So ist es nur zu verständlich, dass die Christen zur Zeit sehr beunruhigt sind, wie es weitergehen wird mit dem Christentum in ihrem Land.

Februar 2007:
Im Februar 2007 erhielten der katholische Bischof von Faisalabad und zwei Muslime, ein Journalist und ein Wissenschaftler, Morddrohungen, weil sie einige
Monate zuvor an einem interreligiösen Treffen in einer örtlichen madrasa (Islamschule) teilgenommen hatten. Eine bislang unbekannte extremistische
Gruppierung, die sich “Front der Islamischen Soldaten” nennt, erklärte sich für die Drohbriefe und Anrufe verantwortlich, in denen die drei Männer als “Ungläubige”
bezeichnet worden waren.

Monsignore Joseph Coutts, Bischof der Diözese von Faisalabad, versicherte sofort: “Wir werden uns von solchen Einschüchterungsversuchen nicht beeindrucken lassen und unseren interreligiösen
Einsatz für soziale Harmonie und Frieden im Land fortsetzen.”

März 2007:
Im Punjab wurde am 23. März 2007 ein Christ von einem Mob von etwa 150 Muslimen attackiert; man bezichtigte ihn der Entweihung eines Korans, und er wurde stundenlang geschlagen und gefoltert. Der Übergriff hatte ein Ende, als die Polizei anrückte; anstatt jedoch die Angreifer festzunehmen, nahmen die Polizisten das Opfer fest, weil der Mann angeblich gegen Artikel 295 B, das Blasphemie-Gesetz, verstoßen habe. Wird er für schuldig befunden, könnte er den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen.

Juli 2007:
Sadiq Masih, ein 45 Jahre alter Protestant, wurde am 30. Juli 2007 in seiner Wohnung durch Angehörige der Familie Chaudri, seine vormaligen Arbeitgeber,
tödlich verletzt. Er hatte seine Arbeit auf dem Hof der Familie gekündigt, da er der nicht enden wollenden, in seinem christlichen Glauben begründeten Übergriffe überdrüssig war.

August 2007:
Arif Khan, 50, ein baptistischer Bischof in Rawalpindi, und seine Frau Kathleen, 45, beide US-Bürger, wurden am 29. August 2007 in Islamabad ermordet. Daraufhin wurden zwei Christen aus der Stadt Wana verhaftet; angeblich soll ihr Motiv eine „Ehrensache” gewesen sein. Örtlichen christlichen Quellen zufolge handelte es sich dabei jedoch um eine falsche Darstellung des Hergangs. Der tatsächliche Verbrecher war ein Muslim namens Said Alam.

Juni 2008:
Bei ihrem Ad-Limina-Besuch in Rom im Juni 2008 berichteten die Bischöfe aus Pakistan dem Heiligen Vater, dass sich die Einstellung gegenüber der katholischen
Kirche in Pakistan grundlegend gewandelt habe. Habe die Kirche in der Vergangenheit hohes Ansehen genossen wegen ihrer Arbeit im schulischen und medizinischen Bereich, so tue die Kirche ihren Dienst heute “in einem feindlich gesinnten, sehr konservativen islamischen Milieu, das immer fanatischer, intoleranter und gewaltbereiter werde”, so der Vorsitzende der pakistanischen
Bischofskonferenz, Erzbischof Lawrence Saldanha aus Lahore.

Juli 2008:
In einem Interview schilderte Bischof Max Rodrigues aus Hyderabad in Pakistan Mitarbeitern von KIRCHE IN NOT seine Arbeit im Bereich der Evangelisierung. Obwohl sich die Gesellschaft deutlich verschoben habe hin zu einer eher “theokratischen” Form des Islam, seien die christlichen Gemeinden in seiner Diözese weiterhin sehr engagiert in der Arbeit mit Nicht-Muslimen unter den Stammesvölkern in der Provinz Sindh im Südosten Pakistans.

Dabei komme auch die Kinderbibel von KIRCHE IN NOT zum Einsatz, die erst vor zwei Jahren in die weit verbreitete Sprache Sindhi übersetzt worden sei, die viele zusätzlich zu ihrer Stammessprache verstehen würden. Darüber hinaus sei der Einsatz der Kirche für die Rechte der Frauen von großer Bedeutung. Bischof Rodrigues: “Bislang wurden Frauen als bewegliches Eigentum angesehen. Mädchen wurden nicht auf die Schule geschickt, weil der Wert einer Ausbildung von Mädchen gar nicht gesehen wurde. Heute aber werden auch sie zur Schule geschickt.”

(Quelle: Christen in großer Bedrängnis. Diskriminierung und Unterdrückung - Dokumentation 2008, Stand: 2008)

23.Jun.2009 14:19 Uhr · aktualisiert: 9.Feb.2010 11:26 UhrKIN / S. Stein

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