Wolodymyr Hruza, Weihbischof der griechisch-katholischen Kirche in Lemberg, begleitet Menschen in dieser Situation als Seelsorger. Im Gespräch mit KIRCHE IN NOT berichtet er von der seelischen Not im Land, von Zeichen der Menschlichkeit und davon, warum die Ukraine jetzt vor allem eines braucht: Hilfe bei der Heilung. Das Interview führte Volker Niggewöhner von KIRCHE IN NOT Deutschland.
VOLKER NIGGEWÖHNER: Herr Weihbischof, wie erleben Sie die Situation in der Ukraine derzeit?
WEIHBISCHOF WOLODYMYR HRUZA: Die Lage ist weiterhin sehr schwer. Wir leben in einem ständigen Zustand der Unsicherheit. Fast jede Nacht gibt es Luftalarm. Man hört Sirenen und verfolgt, wohin Raketen fliegen – und versucht dann, irgendwie wieder in den Alltag zurückzukehren. Aber dieser Alltag ist nie normal.
Sie begleiten viele Familien, die Angehörige verloren haben. Was hilft in solchen Momenten?
In den ersten Tagen hilft oft nicht viel „Gerede“. Viele Menschen sind wie betäubt. Da geht es vor allem um Nähe: da sein, die Hand halten, umarmen. Auf dem Friedhof einfach dabei sein, Segen erteilen, nicht formal sein, sondern menschlich. Später beginnt dann die lange Begleitung.
Gab es ein Erlebnis in all dieser Zeit, das Sie besonders bewegt hat?
Ja, das war am Anfang des Krieges, kurz vor Ostern. Wir hatten an der Kathedrale in Lemberg ein Sozialzentrum für Flüchtlinge eingerichtet. Eine Frau kam – sie war selbst arm und auf der Flucht – und brachte Osterbrot. Sie sagte: „Vielleicht braucht es jemand, der noch bedürftiger ist.“ Dieses Werk der Liebe hat mich sehr geprägt – gerade, weil sie selbst nichts hatte.
KIRCHE IN NOT unterstützt die Kirche in der Ukraine seit den 1950er-Jahren. Welche Hilfe ist jetzt wichtig?
Wir brauchen nicht nur Lebensmittel oder kurzfristige Unterstützung. Wir brauchen vor allem Hilfe bei der Heilung der Wunden. Dieser Krieg hinterlässt tiefe seelische Verletzungen. Und das wird uns Jahrzehnte beschäftigen.
Was meinen Sie mit „Heilung der Wunden“?
Unsere Diözese baut zum Beispiel ein Haus für spirituelle und psychologische Rehabilitation. Die Kirche kann und muss hier helfen – mit Seelsorge, mit Begleitung, mit Orten, wo Menschen wieder zu sich kommen können. Medizinische Versorgung ist Aufgabe des Staates. Aber die Kirche begleitet die Menschen seelisch und geistlich.
Was ist aus Ihrer Sicht die größte Gefahr – auch für die Zukunft?
Hass. Wenn wir im Hass leben, in ständiger Rache, dann zerstören wir uns selbst. Auch wenn wir äußerlich überleben. Wir müssen lernen, unsere Kraft nicht in Hass zu verwandeln, sondern in Mut und Standhaftigkeit. Wir müssen unser Land verteidigen, ja – aber wir dürfen nicht innerlich verrohen. Wenn wir Mensch bleiben, bleibt auch Hoffnung.
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