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Aufgrund der sich zuspitzenden Lage für die Menschen in Syrien gibt KIRCHE IN NOT Deutschland eine neue Gebetskarte heraus.

 

Die Klappkarte im Format DIN A6 zeigt auf der Vorderseite die Ikone „Selige Jungfrau Maria, Schmerzensmutter und Trösterin der Syrer“. Papst Franziskus hat die Ikone am 15. September, dem „Gedenktag der Schmerzen Mariens“, gesegnet.

Hoffnung auf den Wiederaufbau in Homs (Syrien).
Als Zeichen seiner Nähe und Verbundenheit wird die Ikone nun alle Diözesen Syriens besuchen. Gestaltet wurde sie vom griechisch-orthodoxen Priester Spiridon Kabbasch für die Solidaritätsaktion „Tröstet mein Volk“, die KIRCHE IN NOT zusammen mit den katholischen und orthodoxen Christen Syriens ins Leben gerufen hat.

 

Gebet für die Opfer und Betroffenen des Syrienkrieges

Ziel der Aktion ist es, den Hinterbliebenen von getöteten oder entführten Menschen geistlich beizustehen.

Der Fürbitte für die Opfer des Syrienkriegs und alle Leidenden in den Krisengebieten der Welt widmet sich auch das auf der Innenseite der Karte abgedruckte Gebet, das an die Schmerzensmutter Maria gerichtet ist. Es eignet sich sowohl für das persönliche wie das gemeinsame Gebet in der Gemeinde.

Ikone mit der seligen Jungfrau Maria, Schmerzensmutter und Trösterin der Syrer.
„KIRCHE IN NOT verbindet von jeher materielle mit geistlicher Hilfe“, erklärte der Geschäftsführer von KIRCHE IN NOT Deutschland, Florian Ripka.

 

„Wir dürfen jetzt nicht nachlassen, da viele Menschen in Syrien in neues unvorstellbares Leid gestürzt werden. Unsere Projektpartner bitten immer wieder um das Gebet. Wir wollen sie stärken und stützen, damit die Kirchen ihren Auftrag erfüllen können: Trösterin und Anlaufstelle für die leidende Bevölkerung zu sein.“

Bestellen Sie jetzt die neue Gebetskarte

Die neue Gebetskarte ist kostenlos erhältlich im Internet-Bestelldienst von KIRCHE IN NOT oder bei:
KIRCHE IN NOT
Lorenzonistr. 62
81545 München
Telefon: 089 / 64 24 888 0
Fax: 089 / 64 24 888 50
E-Mail: kontakt@kirche-in-not.de
Am ersten Adventssonntag hat Papst Franziskus beim Angelusgebet auf dem Petersplatz in Rom eine große Kerze im Gedenken an die syrischen Kinder entzündet, die besonders unter Krieg und Terror leiden. Er schloss sich damit der Advents-Aktion „Kerzen für den Frieden in Syrien“ an, mit der das weltweite katholische Hilfswerk KIRCHE IN NOT zu Gebet und Hilfe für Syrien aufruft.
Papst Franziskus mit der Friedenskerze beim Angelusgebet am 2. Dezember 2018.
Schwester Annie Demerjian überreicht Papst Franziskus die Friedenskerze.
„Diese Flammen der Hoffnung mögen die Dunkelheit des Krieges vertreiben“, sagte Franziskus laut Vatican News.

„Lasst uns beten und den Christen helfen, als Zeugen der Barmherzigkeit, Vergebung und Versöhnung im Nahen Osten zu bleiben.“ Vor allem die Kinder in Syrien würden schon seit acht Jahren „vom Krieg gequält“, so der Papst.

Die Kerze, die Franziskus entzündete, zeigte rund 40 Porträtfotos von syrischen Kindern und Jugendlichen, das Logo von KIRCHE IN NOT und das Symbol der Adventsaktion: Eine Taube, deren Flügel eine Kinderhand bildet, und die Aufschrift „Frieden für die Kinder – Syrien 2018“ in englischer Sprache. Die Kerze wurde von einem Kunsthandwerker aus Damaskus angefertigt und von der Ordensfrau Schwester Annie Demerjian am Vortag dem Papst übergeben. Sie setzt sich in Damaskus und Aleppo für Kinder, alte und kranke Menschen ein. KIRCHE IN NOT unterstützt die Ordensfrau und ihr Team seit vielen Jahren.

Weihnachtsgeschenke für über 15 000 Kinder

Bereits in der Woche vor dem ersten Advent hatten sich mehr als 50 000 Kinder verschiedener Religionen an der Kerzenaktion beteiligt. In Schulen und Gemeindehäusern entzündeten sie Lichter, beteten um Frieden und malten Bilder mit ihren Zukunftshoffnungen. Die Aktion fand unter anderem in Damaskus, Aleppo und Homs statt – Städte, die besonders schwer vom Krieg betroffen sind.

KIRCHE IN NOT lädt Menschen weltweit dazu ein, sich dem Appell der syrischen Kinder anzuschließen und im Advent Lichter für den Frieden zu entzünden. Als Antwort auf die dramatische humanitäre Lage begleitet das Hilfswerk die Intitiative „Kerzen für den Frieden in Syrien“ mit einer internationalen Spendenaktion.

Die zugesagten Hilfen in Höhe von 15 Millionen Euro umfassen die Verteilung von Lebensmitteln, Medikamenten und Milchpulver für die Ernährung der Kinder, Mietbeihilfen, Heizöl-Zuschüsse, den Wiederaufbau zerstörter Häuser und Kirchen, seelsorgerische und psychologische Begleitung von Traumatisierten sowie Stipendien für Schüler und Studenten. In der Adventszeit unterstützt KIRCHE IN NOT außerdem die Herstellung und den Kauf von Weihnachtsgeschenken für über 15 000 syrische Kinder. Seit Ausbruch des Krieges im Jahr 2011 hat das Hilfswerk Projekte für Syrien mit über 29 Millionen Euro unterstützt.

Es ist das zweite Weihnachten ohne Bombenhagel, aber der Frieden ist noch weit. Auch wenn in der syrischen Stadt Aleppo die Waffen schweigen: kaum eine Familie ohne Toten, kaum eine Familie ohne Sorge um Freunde und Verwandte in den nach wie vor umkämpften Gebieten. Die Hoffnung in Aleppo ist wieder zurückgekehrt, aber die Freude oft noch nicht.

Schwester Annie Demerjian und ihre Helfer sind Boten der Hoffnung, nicht nur zur Weihnachtszeit. Sie besuchen alte und kranke Menschen, verteilen Lebensmittel und finanzielle Hilfen, stellen Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche auf die Beine. Viele haben noch nie ein Weihnachten im Frieden erlebt
Kind mit einer Kerze bei einem Gottesdienst in Damaskus (Foto: Carole Al-Farah).
Krippe in der syrisch-katholischen Kirche in Aleppo (Syrien).

KIRCHE IN NOT unterstützt Schwester Annie seit Langem. Die Ordensfrau tut auch in diesem Jahr ihr Möglichstes, um den verbliebenen Christen in Aleppo ein frohes Weihnachtsfest zu bereiten. Ihre besondere Sorge gilt den Kindern. Viele von ihnen haben noch nie ein Weihnachten im Frieden erlebt.

Nicht alle Waren sind einfach zu bekommen

Bereits seit September arbeiten Schwester Annie und ihre Helfer für die Bescherung. Stifte, Hefte, Radiergummis, Bälle, Sticker, Spiele und Plüschtiere haben sie besorgt. Nicht alle Waren sind einfach zu bekommen.

Schwester Annie ist es wichtig, die Geschäfte vor Ort mit den Anschaffungen zu beauftragen. Denn es hängen Existenzen daran, erklärt sie: „Die Menschen sind dankbar, dass sie endlich wieder Arbeit haben und ihre Familie ernähren können.“

Auch Kleidung lässt sie vor Ort nähen. Und so werden an Weihnachten auch viele Kinder mit einer neuen warmen Jacke in die Weihnachtsmesse gehen können.

Mit viel Liebe ist auch die Geschenkübergabe organisiert: ein Christbaum, Lichter, bunte Luftballons schmücken den Gemeindesaal. Es ist ein buntes „Familientreffen“ der Christen – einer kleinen, aber lebendigen Minderheit in Aleppo.

Lachen erfüllt den Raum. Die Kinder spielen zwischen den Erwachsenen Verstecken. „Die Menschen sollen sich nicht wie Bettler vorkommen. Deswegen haben wir den Ausgaberaum festlich geschmückt. Es soll eine Begegnung von Mensch zu Mensch sein“, sagte Schwester Annie.

Kraft und Hoffnung

Ohne Unterstützung von KIRCHE IN NOT wäre das umfangreiche Weihnachtsprojekt nicht zu stemmen, davon ist die Ordensfrau überzeugt. „Dass ich den Menschen überhaupt etwas geben kann, ist für mich ein Wunder.“ Es ist ein Weihnachtswunder, dass den Kindern von Aleppo Kraft und Hoffnung schenkt.

Unser Hilfswerk unterstützt Kurse zur therapeutischen Behandlung von Trauma-Betroffenen in Syrien. Das Seminarprogramm trägt den Titel „Barmherziger Samariter“ und richtet sich vor allem an Kinder und Jugendliche.

Der Kurs umfasst eine mehrtägige Einführung, wöchentliche Wiederholungstreffen und eine individuelle Begleitung. Aktuell findet noch bis zum 23. Oktober ein Einführungsseminar in der Küstenstadt Jounieh im Libanon statt. Daran nehmen Priester und Ehrenamtliche teil, die danach die Kurse in ihrem Heimatland Syrien einführen sollen.

„Acht Jahre Krieg haben bei den Menschen Narben hinterlassen, die nicht verheilen“, erklärte der Nahost-Referent von KIRCHE IN NOT, Dr. Andrzej Halemba. „Wir wollen den Menschen helfen, ihr Leid in Worte zu fassen und schreckliche Erinnerungen zu verarbeiten. Denn Zeit heilt keine Traumata.“

Kinder zwischen Trümmern in einer Straße in Aleppo (Foto: Ismael Martínez Sánchez/KIRCHE IN NOT).
Eine Frau aus Homs tröstet ihr Kind (Foto: Ismael Martínez Sánchez/KIRCHE IN NOT).
Aufgrund der Versorgungsengpässe und der hohen Teuerungsrate hätten viele Menschen keinen Zugang zu Medikamenten, geschweige denn therapeutischer Hilfe, berichtete Halemba von einem kürzlichen Syrienaufenthalt.

 

„Sanktionen treffen syrische Zivilgesellschaft”

„Die Wirtschaftssanktionen verschlimmern die Situation nur noch. Denn im Gegensatz zu ihrem erklärten Ziel treffen die Sanktionen in erster Linie die syrische Zivilgesellschaft“, so Halemba

Viele Menschen seien psychisch angeschlagen, die Zahl der posttraumatischen Belastungsstörungen steige. „Die Kriegserfahrungen führen zu schweren Traumata, die gerade für Kinder unüberwindbar sein können“, sagte Halemba.

Die Folgen seien gravierende Verhaltensänderungen, ein erhöhtes Suizidrisiko und weitere psychische Erkrankungen. Zusammen mit Vertretern der syrischen Kirchen und Experten aus anderen Ländern hat KIRCHE IN NOT deshalb den Kurs „Barmherziger Samariter“ ins Leben gerufen. Dieser soll nach und nach in verschiedenen Regionen Syriens etabliert werden.

Die Projektpartner wollen außerdem eine Studie zur Verbreitung posttraumatischer Belastungsstörungen erstellen. „Wir hoffen, dass diese Erkenntnisse eine wichtige Hilfe für Hilfsorganisationen und internationale Stellen sein können, die auf diesen Bereich spezialisiert sind“, sagte Halemba.

Teilnehmer des Einführungsseminars über Traumata-Bewältigung. Sie werden sich In ihrer syrischen Heimat um Betroffene kümmern.
Kinder in einer Schule der armenisch-katholischen Gemeinde in Al-Telal bei Aleppo (Foto: Ismael Martínez Sánchez/KIRCHE IN NOT).
Dr. Andrzej Halemba, Nahost-Referent von KIRCHE IN NOT.

Spezielle Angebote für Familien und Kinder

Ergänzt werden die therapeutischen Maßnahmen durch Angebote, die sich speziell an Familien und Kinder richten, zum Beispiel kirchliche Sommerlager, Familienexerzitien und regionale Jugendtage.

„Viele Menschen leiden psychisch wie geistlich“, erklärte Halemba. „Sie suchen Trost im Glauben. Außerdem ist es für viele Kinder und Jugendliche, die im Krieg aufgewachsen sind, die erste Gelegenheit, mit Gleichaltrigen unbeschwert zusammen zu sein.“

Nach Angaben der Vereinten Nationen benötigen in Syrien mehr als 13 Millionen Menschen humanitäre Hilfe. Die Hälfte von ihnen sind Kinder. Mit über 910 getöteten Mädchen und Jungen sei 2017 das bislang schlimmste Kriegsjahr für syrische Kinder gewesen, teilte das UN-Kinderhilfswerk UNICEF mit. Für 2018 lägen die Zahlen bereits jetzt ähnlich hoch.

Jedes vierte syrische Kind wurde bereits verwundet

Fast jedes vierte syrische Kind sei im Laufe des Krieges verwundet worden, so die Studie. Die meisten Kinder haben Granateinschläge in ihrer unmittelbaren Umgebung erlebt, trauern um einen Angehörigen, haben extreme Albträume und schwere Ängste. Hinzu kommen traumatische Erfahrungen von Verstümmelungen, Vergewaltigungen, Zwangsverheiratungen oder Sklavenarbeit.

Über 60 Prozent der syrischen Kinder seien schon in Situationen geraten, in denen sie dachten, sterben zu müssen, so UNICEF. Auch würden immer mehr Jugendliche als Soldaten herangezogen – ihre Zahl hat sich seit 2015 verdreifacht.

Viele Kinder konnten keine Schule besuchen

Viele Kinder unter 15 Jahren haben außerdem noch nie eine Schule besucht. Die Zahl der Analphabeten ist enorm. „Viele dieser Kinder werden ein Leben lang von Krieg und mangelnder Versorgung gezeichnet sein“, erklärte Halemba. „Es droht eine ,verlorene Generation’ heranzuwachsen. Wenn wir nicht helfen, wer sollte es sonst tun?“

Helfen Sie den Kindern in Syrien

Um die seelsorgliche wie therapeutische Betreuung der Kriegsopfer und die karitative Arbeit der Kirchen in Syrien sichern zu können, bittet KIRCHE IN NOT um Spenden.

Father Georges Jahola lächelt viel. „Das ist wichtig, um den Menschen ein Gefühl zu geben, dass sie willkommen sind“, erklärt der 54-Jährige bei seinem Besuch im deutschen Büro der Päpstlichen Stiftung „Kirche in Not“. In der irakischen Ninive-Ebene lebt der syrisch-katholische Priester eine „Willkommenskultur“ der besonderen Art: Jahola leitet den Wiederaufbau seiner Heimatstadt Karakosch – von den Christen auf aramäisch Baghdeda genannt. Das war einst die größte christliche Stadt in der Region; etwa 35 Kilometer südöstlich von Mossul. Wie in den übrigen Orten der Ninive-Ebene hat der sogenannte „Islamische Staat“ auch in Karakosch eine Trümmerwüste hinterlassen.
Gottesdienst in einer beschädigten Kirche in Karakosch nach der Rückkehr der Vertriebenen aus Erbil.
Wiedereröffnetes Lebensmittelgeschäft in Karakosch.
Father Georges Jahola besichtigt die Bauarbeiten an einem zerstörten Haus in Karakosch.
Zerstörte Gebäude in Karakosch.
Mutter und Tochter an der Eingangstür ihres wiederrichteten Hauses in Karakosch.

Die Invasion des IS im Sommer 2014 hat Jahola aus der Ferne miterlebt – sein Bischof hatte ihn zum Studium nach Rom gesandt. Nach der Befreiung war ihm aber sofort klar: „Ich muss zurück. Es gibt so viel zu tun.“ Am Erfolg seiner Mission habe er nie gezweifelt, sagt er. In der Tat ist nur eineinhalb Jahre nach Beginn der Wiederaufbauarbeiten gut die Hälfte der Christen in die Ninive-Ebene zurückgekehrt. Mit Tobias Lehner sprach Father Jahola darüber, wie dies möglich wurde, welche neuen Herausforderungen jetzt vor den Christen im Irak liegen – und warum ein starkes Christentum in Europa auch die Position der Christen im Nahen Osten stärkt.

TOBIAS LEHNER: Wie geht der Wiederaufbau in der Ninive-Ebene voran?

FATHER GEORGES JAHOLA: Der Wiederaufbau geht sehr gut voran – dank der vielen Unterstützung, die wir erhalten. Unser wichtigster Partner dabei ist und bleibt „Kirche in Not“. Ich bewundere sehr, wie viel Hilfe wir von den Wohltätern erhalten. Das ist für uns ein großes Zeichen der Hoffnung. In meiner Heimatstadt Karakosch haben wir in nur 16 Monaten bereits 35 Prozent der Häuser wiederhergerichtet. In der Ninive-Ebene insgesamt sind es schon über 41 Prozent. Sehr viele Ehrenamtliche machen mit. Die Renovierung der teilweise beschädigten und einsturzgefährdeten Häuser ist fertig. Jetzt nehmen wir die niedergebrannten und komplett zerstörten Häuser in Angriff.

Und wie steht es um die Kirchen und die Pfarreigebäude?

Der Hass der Islamisten richtete sich ja in besonderer Weise gegen die Gotteshäuser.

Die Kirchen haben eine enorme Bedeutung – nicht nur kulturell. Sie geben den Menschen Mut und Zuversicht. Wir feiern auch jetzt schon unsere Gottesdienste und Feste in den Kirchen, obwohl sie fast alle schwer beschädigt und teilweise zerstört sind. Ich zum Beispiel feiere die Liturgie mit der syrisch-katholischen Gemeinde von Karakosch in einer rußgeschwärzten Kirche, in der immer wieder Betonteile von der Decke fallen. In einigen Orten wurden bereits die ersten Gotteshäuser wiederhergerichtet. Das ist der nächste große Schritt. „Kirche in Not“ hilft auch hier.

Wie geht es den Menschen, die zurückgekehrt sind? Wie leben sie?

Seit gut einem Jahr kommen immer mehr Menschen zurück, Läden und Restaurants öffnen. Der Alltag hat wieder begonnen – allerdings mit viel weniger Menschen als vor der IS-Invasion. Gut die Hälfte der Vertriebenen ist zurück. Die größte Herausforderung ist das Thema Arbeit. So lange die Wiederaufbauarbeiten laufen und wir sie finanzieren können, stehen die Menschen in Lohn und Brot. Es gibt ja genug zu tun. Aber die große Frage ist: Wie können wir gerade den jungen Leuten neue Arbeitsmöglichkeiten eröffnen? Wir haben da auch schon konkrete Pläne …

Zum Beispiel?

Das betrifft vor allem die Landwirtschaft, denn sie ist ein großer Wirtschaftsfaktor für die Ninive-Ebene und könnte vielen Menschen Arbeit bieten, zum Beispiel in der Geflügel- und Viehzucht. Die Kämpfer des IS haben jedoch viele Bauernhöfe zerstört. Wir wollen deshalb auch eine Untersuchung starten, wie wir es schon mit den zerstörten Wohnhäusern gemacht haben: Wie hoch ist die Zerstörung der landwirtschaftlichen Betriebe? Was brauchen die Familien jetzt am dringendsten, um die Arbeit aufnehmen zu können? Wir denken auch über Anschubfinanzierungen und Kredite nach – aber das kostet viel …

Ein weiteres riesiges Aufgabenfeld – zusätzlich zu dem, was die Kirche in der Ninive-Ebene sonst noch stemmt. Gibt es denn gar keine staatliche Hilfe?

Nur die Kirche kümmert sich um die Menschen. Wir bekommen nichts vom Staat. Aber als Kirche sind wir nah dran an den Menschen. Wir haben sehr konkrete Vorstellungen davon, was die Menschen in der Ninive-Ebene für die Zukunft brauchen.

Sie sprachen davon, dass die Hälfte der Christen zurückgekehrt ist. Sehen Sie irgendeine Chance, dass auch die andere Hälfte zurückkommt?

Hier muss man unterscheiden: Nach wie vor halten sich einige tausend Christen in Erbil in der Autonomen Region Kurdistan auf, wohin viele nach der IS-Invasion geflüchtet waren. Ihre Zahl ist rückläufig. Die Menschen, die dortbleiben, haben dafür gute Gründe: Die meisten haben in der Region feste Arbeit gefunden. Es hängt also auch von der wirtschaftlichen Situation in der Ninive-Ebene ab, ob sie zurückkehren. Die Mehrheit der übrigen Vertriebenen lebt in Jordanien, im Libanon oder der Türkei. Sie haben natürlich die Möglichkeit zurückzukommen, scheuen aber den Schritt. Sie halten den Irak noch für zu unsicher. Ich arbeite dafür, das Gegenteil zu beweisen!

Father Georges Jahola aus Karakosch.
Und was ist mit den Christen, die in die westlichen Länder geflohen sind?

Nur zehn Prozent der Christen sind in den Westen gegangen. Natürlich hoffen wir, dass auch sie heimkehren. Aber man muss realistisch bleiben: Viele jungen Leute haben in Europa ein Studium begonnen, junge Familien haben ihre Kinder dort in der Schule oder im Kindergarten. Ich denke aber weder, dass diese christlichen Einwanderer eine Belastung für den Westen sind, noch, dass sie für uns im Nahen Osten „verloren“ sind. Wenn sie beispielsweise für ein europäisches Unternehmen arbeiten, das mit dem Irak Geschäfte macht, wird das vielleicht auf die Expertise der irakischen Christen zurückgreifen. Sie können also Brückenbauer sein!

Sie haben mehrmals das Thema Schule und Studium angesprochen – essentielle Bereiche, um junge Menschen zur Rückkehr zu bewegen. Wie steht es um die Schulen in der Ninive-Ebene?

Alle öffentlichen Schulen in der Ninive-Ebene haben wieder geöffnet. Allerdings wollen die Eltern ihre Kinder viel lieber auf kirchliche Privatschulen schicken, weil dort die Ausbildung besser ist. Die Bildungsarbeit, die vor der Vertreibung vor allem in der Hand der Ordensschwestern war, ist ein weiterer großer Baustein für die Zukunft in der Ninive-Ebene.

Kritiker behaupten ja, der Wiederaufbau sei zu früh erfolgt, Anhänger des IS oder anderer islamistischer Gruppen könnten jederzeit wieder losschlagen. Wie sehen Sie das?

Der IS im Irak ist vernichtet. Ich sehe auch nicht, dass von anderen Gruppen die Gefahr einer militärischen Eroberung ausgeht. Das heißt aber nicht, dass es keine Probleme gibt. Es gibt viel Radikalisierung in den Köpfen. Es gibt eine weitreichende Diskriminierung der Christen. Das betrifft vor allem die öffentliche Verwaltung und die Universitäten. Wenn zum Beispiel ein Christ einen guten Studienabschluss hat und weiterstudieren möchte, kommt es häufig vor, dass ein muslimischer Student vorgezogen wird. Das ist eine verdeckte Diskriminierung und sie ist eine viel größere Gefahr. Und dann gibt es auch noch eine Art „demografische Invasion“ …

Was verstehen Sie darunter?

Wenn Christen die Ninive-Ebene verlassen, versuchen sehr oft Muslime, deren Eigentum zu erwerben. Diese Tendenz reicht schon bis in die achtziger und neunziger Jahre zurück. So war zum Beispiel die Kleinstadt Telkef, etwa 20 Kilometer nördlich von Mossul, früher eine mehrheitlich christliche Stadt. Heute leben dort nur noch 20 Prozent Christen. Ähnliche Entwicklungen gibt es aktuell in Bartella. Dort versuchen Angehörige der ethnischen Gruppe der Schabak immer mehr Gebäude aufzukaufen. Es fragt sich natürlich, woher die Gelder dafür kommen. Die Schabak sind mehrheitlich schiitische Muslime und es bestehen sehr enge Kontakte zum Iran, das sich ja als eine Art „Schutzmacht“ der Schiiten versteht. Das ist eine sehr reale Gefahr!

Sie sprechen den Einsatz der ausländischen Regierungen für die Rechte der Christen in der Ninive-Ebene an. Fühlen Sie sich angemessen unterstützt?

Die Hilfen, die wir bekommen, sind ein großes Zeichen der Brüderlichkeit! Jeder einzelne Beitrag zeigt uns, dass irgendwo auf der Welt jemand an uns denkt. „Kirche in Not“ macht das für uns sichtbar. Wir wissen natürlich auch um die Herausforderungen für Glaube und Kirche in der westlichen Welt. Wir beten dafür, dass das Christentum in Europa stark bleibt! Denn alles, was das Christentum in Europa stärkt, stärkt auch die Situation der Christen im Nahen Osten!

Auch nach der Befreiung der christlichen Siedlungsgebiete in der irakischen Ninive-Ebene von Truppen des „Islamischen Staat“ (IS) beklagen Bischöfe des Landes große Sicherheitsmängel.

„Ohne Sicherheit und Arbeitsplätze wird kein Christ im Irak bleiben“, sagte Timothy Mosa Alshamany, syrisch-orthodoxer Erzbischof von Antiochien, gegenüber KIRCHE IN NOT. Alshamany plädierte anlässlich des vierten Jahrestags der IS-Eroberungen an die Weltgemeinschaft, ihrer Verantwortung nachzukommen: „Es sollte eine internationale Friedenstruppe in der Ninive-Ebene stationiert werden. Wir wollen eine Garantie, dass unsere Freiheit und Sicherheit gewährleistet werden.“
Prozession von Christen, die wieder in ihre Heimatstadt Karakosch zurückgekehrt sind.
Gruppenbild der Unterzeichner (von links): Monsignore Timothy Mosa Alshamany, syrisch-orthodoxer Erzbischof von Antiochien und Abt des Klosters vom heiligen Matthäus; Yohanna Petros Mouche, syrisch-katholischer Erzbischof aus Mossul; Andrzej Halemba, Nahost-Referent von „Kirche in Not“, Nicodemus Daoud Matti Sharaf, syrisch-orthodoxer Metropolit von Mossul, Kirkuk und Kurdistan; Mikha Pola Maqdassi chaldäisch-katholischer Bischof aus Alqosh.
August 2014: Flüchtlinge in einem Notlager in Ankawa bei Erbil/Nordirak. Foto: ankawa.com.

Eine besondere Verantwortung komme dabei den USA zu, so der Erzbischof. Das gelte nicht nur militärisch: Die US-Regierung hatte mehrfach angekündigt, Hilfsgelder zukünftig den Christen im Irak direkt zukommen zu lassen.

Bislang werden diese Mittel über die Vereinten Nationen verteilt. Es sei jedoch noch nichts geschehen, so Alshamany: „Wir hören viele Reden von Präsident Trump. Wir wollen endlich Taten sehen.“

Am 6. August 2014 hatten die Einheiten des IS das christliche Siedlungsgebiet nahe der nordirakischen Metropole Mossul erobert. Etwa 120 000 Christen mussten fliehen. Viele von ihnen fanden rund um die kurdische Stadt Erbil Zuflucht. In den Folgejahren gingen viele Christen ins Ausland.

Seitdem ab 2016 irakische Truppen und ihre Verbündeten die Gebiete zurückerobern konnten, sind mehrere zehntausend vertriebene Christen in ihre zerstörten Heimatorte zurückgekehrt.

KIRCHE IN NOT unterstützt zusammen mit lokalen Kirchen den Wiederaufbau maßgeblich.

Ende Juli 2018 waren so bereits 45 Prozent der einstigen Bewohner zurückgekehrt und über ein Drittel der Gebäude wieder instand gesetzt „Ohne die Hilfe christlicher Organisationen wie KIRCHE IN NOT hätten wir nicht überleben können“, stellte Alshamany fest.

Gleichzeitig bleibe die Furcht vor einer Rückkehr radikal-islamischer Gruppen ein ständiger Begleiter, denn viele Anhänger des „Islamischen Staates“ seien noch am Leben und untergetaucht: „Wir vermuten, dass sich in Zukunft eine IS-ähnliche Gruppe bilden wird – wie auch immer sie sich dann nennen mag.“

Timothy Mosa Alshamany, syrisch-orthodoxer Erzbischof von Antiochien.
Syrischer Bischof
Noch immer Zehntausende Menschen in Notunterkünften

Baschar Warda, chaldäisch-katholischer Erzbischof von Erbil, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan, betonte im Gespräch mit KIRCHE IN NOT, dass beim Wiederaufbau keine Zeit verloren werden dürfe: „Dieser Sommer ist sehr kritisch für uns. Wenn die Christen nicht bald zurück können, wandern sie aus.“

Wardas Diözese hatte einen Großteil der vertriebenen Christen aus der Ninive-Ebene aufgenommen. Noch immer harren Zehntausende rund um Erbil in Notunterkünften aus – eine angespannte Situation.

Warda zeigte sich vorsichtig optimistisch, was die finanziellen Zusagen der US-Regierung angeht. Zwar seien noch keine Gelder geflossen, er sei aber überzeugt, „dass die Vereinigten Staaten helfen wollen. Es ist das erste Mal, dass eine amerikanische Regierung anerkennt, dass die Christen hier im Irak wegen ihres Glaubens verfolgt wurden.“

Botschaft von Versöhnung und Feindesliebe

Warda betonte, wie wichtig es sei, die christliche Präsenz im Nahen Osten aufrechtzuerhalten. „Die ganze Region wird durch Gewalt, Korruption und politische Verwerfungen erschüttert. Nur die Christen können dem Nahen Osten die Botschaft von Versöhnung und Feindesliebe bringen.

Unterstützen Sie den Wiederaufbau im Irak

Um den Wiederaufbau der christlichen Dörfer im Irak sowie die materielle und geistliche Hilfe der Bevölkerung weiterhin unterstützen zu können, bittet KIRCHE IN NOT um Spenden.

In Nigeria nehmen die Übergriffe durch islamistische Fulani-Hirten zu.
Im Interview mit KIRCHE IN NOT spricht Father Habila Daboh, der Regens des Priesterseminars von Kaduna in Nordnigeria, von einer neuen Dimension des Terrors und wirft der Regierung vor, nicht genug gegen den Terrorismus zu tun.

Die internationale Staatengemeinschaft müsse aufwachen, damit es nicht zu einer humanitären Katastrophe oder gar zum Völkermord komme. Das Gespräch führte Volker Niggewöhner, Mitarbeiter von KIRCHE IN NOT Deutschland.
Ein durch einen Angriff von Fulani zerstörtes Gebäude.
Gruppenfoto im Priesterseminar in Jos/Nigeria.
Kinder aus Nigeria.
Bis auf das Fundament zerstörtes Gebäude im Bistum Kaduna (Nigeria) nach einem Angriff von Fulani im Jahr 2017.
VOLKER NIGGEWÖHNER: Father Daboh, Ende Juni wurden im nordöstlichen Bundesstaat Plateau Christen erneut Opfer gewalttätiger Übergriffe. Was ist geschehen?

FATHER HABILA DABOH: Der erste Angriff ereignete sich während eines christlichen Begräbnisses, als plötzlich einige bewaffnete Hirten vom Stamm der muslimischen Fulani hinzukamen und wahllos das Feuer auf die Trauergäste eröffneten. Auch in zwei anderen Dörfern kam es zu tödlichen Attacken auf Menschen, die sich gerade ihren Alltagsgeschäften widmeten. Es gab viele Tote.

Was wissen Sie über die Opferzahlen?

Die Menschen vor Ort sprechen von bis zu 300 Toten. Die offiziellen Zahlen werden niedriger veranschlagt, weil die Behörden das wahre Ausmaß verschleiern wollen.

Sind diese fast zeitgleichen Angriffe der Fulani eine neue Dimension des Terrors gegen Christen?

So sieht es aus. Es gab nicht das geringste Anzeichen, nicht die geringste Warnung. Die Angreifer sind einfach gekommen und haben die Menschen bei ihren alltäglichen Arbeiten oder Besorgungen getötet.

„Fulani besetzen gewaltsam Bauernhöfe”
Die islamische Terrorsekte „Boko Haram“ macht schon seit einigen Jahren von sich reden. Wer sind die Fulani?

Die Fulani sind ein Hirtenvolk, das noch immer als Nomaden lebt. Das heißt, sie ziehen mit ihrem Vieh, meistens sind es Rinder, auf der Suche nach Nahrung umher. Dabei kommt es dann oft zu Konflikten, denn die Fulani besetzen gewaltsam Bauernhöfe, ihr Vieh frisst die Ernte auf – und häufig zerstören sie auch die Gebäude und töten die Bewohner.

In unseren Medien wird oft davon gesprochen, dass es sich um Landkonflikte zwischen Nomaden und Bauern handle. Steckt mehr dahinter?

Ja. Im Mai wurden beispielweise im Bundesstaat Benue im Südwesten von Nigeria mehrere Besucher einer Frühmesse in einer katholischen Kirche durch Fulani getötet. Es ist wohl kaum anzunehmen, dass sie in der Kirche nach Futter für ihre Tiere gesucht haben.

Viele dieser Angriffe ereignen sich in Regionen, die mehrheitlich christlich sind. Es scheint ein Plan dahinter zu stecken. Christen werden von den Fulani getötet, um das Land für sich zu beanspruchen. Es ist eine Form der ethnischen Säuberung.

„Hirten mit hoch entwickelten Waffen”
Könnte es Hintermänner aus dem Ausland geben?

Das halte ich für durchaus möglich. Bei „Boko Haram“ war es ähnlich. Auch hier wurde immer gemutmaßt, dass sie vom „Islamischen Staat“ unterstützt werden. Wiederholt sich das jetzt mit den Fulani?

Die Vermutung liegt nahe, denn diese einfachen Hirten sind mit hoch entwickelten Waffen ausgerüstet.Woher haben sie die? Aus dem Ausland oder aus Nigeria? Ich weiß es nicht, halte es aber für sehr wahrscheinlich, dass sie Hintermänner haben.

Der nigerianische Bischof William Amove Avenya aus Gboko sprach gegenüber KIRCHE IN NOT von der Gefahr eines Völkermords, so wie er 1994 in Ruanda geschehen ist. Sehen Sie auch diese Gefahr?

Auch ich sehe die Gefahr eines Völkermords in Nigeria, wenn nicht energisch entgegengesteuert wird. In Ruanda ist die Gewalt stufenweise eskaliert, bis es zum Genozid kam. Das kann leicht auch in Nigeria passieren.

Der muslimische Staatspräsident Muhammadu Buhari hat bei seinem Amtsantritt 2015 versprochen, den islamischen Terrorismus zu bekämpfen. Sehen Sie Fortschritte?

Es hat einige Anstrengungen gegeben, aber sie sind bei Weitem nicht genug. Es scheint, dass Präsident Buhari die Bekämpfung der Korruption weitaus energischer anpackt. So hat er zum Beispiel bei seinem „Anti-Korruptionsfeldzug“ eine Liste mit vermeintlich bestechlichen Personen veröffentlichen lassen.

„Wir haben genug vom Blutvergießen in Nigeria“: Demonstration in Mbalom/Nigeria.
Father Habila Daboh, Regens des Priesterseminars von Kaduna in Nordnigeria.
William Amove Avenya, Bischof von Gboko/Nigeria.

Was hindert ihn daran, eine Liste derjenigen zu veröffentlichen, die die Hintermänner der Fulani-Mörder offenlegt? Der Präsident misst mit zweierlei Maß.

Ein Beispiel: Als eine Bewegung aufkam, die sich friedlich für die erneute Unabhängigkeit der Biafra-Region im Südosten Nigerias einsetzt, hat Präsident Buhari diese Gruppierung massiv bekämpft und ihre Mitglieder zu Terroristen erklärt, obwohl sie keine Gewalt ausgeübt hatten.

„Fulani haben schon tausende Menschen getötet”

Die Fulani dagegen haben schon tausende Menschen getötet, und dennoch weigert sich der Präsident, sie als Terroristen zu bezeichnen. Warum schaut er weg? Warum baut er nicht ein Sicherheitskonzept auf, wozu ihm auch die internationale Staatengemeinschaft geraten hat?

Die westliche Staatengemeinschaft betont die Bedeutung der Menschenrechte. Lässt sie ihren Worten in Nigeria auch Taten folgen?

Menschenrechte darf man nicht nur im Mund führen. In Nigeria gibt es viele Menschenrechtsverletzungen. Wenn Menschen angegriffen werden und nicht in Sicherheit leben können, ist das auch eine Menschenrechtsverletzung.

Es reicht nicht, hier in Nigeria Organisationen zu haben, die den Kampf gegen Korruption überwachen. Die internationale Staatengemeinschaft sollte mit Nachdruck darauf hinweisen, dass Menschenrechte in Nigeria missachtet werden.

Sie haben KIRCHE IN NOT berichtet, dass auch bereits katholische Priester von Fulani-Banden getötet wurden. Steckt ein System dahinter?

Das ist möglich. Lassen Sie mich aber noch etwas Anderes betonen. Auch Muslime werden vermehrt Opfer dieser Attacken. So war es auch schon bei „Boko Haram“.

Auch diese Gruppe begann mit Angriffen auf Christen, Kirchen und kirchliche Einrichtungen, hat dann aber später auch Muslime und sogar Moscheen angegriffen. Dieser Aspekt ist sehr wichtig, um die Situation hier zu verstehen.

Nigeria ist ein Land der christlichen Glaubensfreude, mit vielen geistlichen Berufungen. Werden sich die Christen des Landes durch den Terror einschüchtern lassen?

Furcht ist eine ganz normale Reaktion. Sie hat aber keinen Einfluss auf das Verhalten der Gläubigen – im Gegenteil. Als Regens eines Priesterseminars kann ich Ihnen versichern, dass der Terror sogar einen positiven Effekt hat.

Ich kenne viele junge Männer, die Priester werden wollen – auch um die Terroristen zu bekehren. Viele Muslime konvertieren zum Christentum, weil sie erkennen, dass keine Religion Blut vergießen sollte.

„Internationale Staatengemeinschaft muss handeln”
Was können wir in Deutschland tun?

Bitte hören Sie nicht auf, für Nigeria zu beten. Aber nutzen Sie auch Ihren Einfluss, der Welt mitzuteilen, dass in Nigeria gerade etwas Schreckliches passiert. Die internationale Gemeinschaft sollte jetzt handeln, bevor es zu spät ist. Wenn es in Nigeria zu einem Bürgerkrieg kommt, ist eine humanitäre Katastrophe vorprogrammiert.

Helfen Sie der Kirche in Nigeria

Die verfolgten Christen Nigerias gehören zu den Schwerpunkten der Hilfe von KIRCHE IN NOT auf dem afrikanischen Kontinent.

Unser Hilfswerk fördert unter anderem den Aufbau zerstörter Kirchen, die Priesterausbildung, den Unterhalt der Klöster und die pastorale Arbeit der Kirche.

Im Norden Nigerias, in der die Gläubigen bis heute unter den Folgen des islamistischen Terrors von „Boko Haram“ leiden, unterstützt „Kirche in Not“ auch Hilfsprogramme für Witwen und Waisen.

Um weiterhin helfen zu können, bittet das Hilfswerk um Spenden.

Der Generalvikar der Diözese Bambari im Süden der Zentralafrikanischen Republik, Firmin Gbagoua, ist am 29. Juni einem Mordanschlag zum Opfer gefallen.

In einer Erklärung, die KIRCHE IN NOT vorliegt, sprechen die Bischöfe des Landes von „großer Bitterkeit“ angesichts des erneuten Mordes an einem Priester: „Wir verurteilen die sukzessive Ermordung von Priestern in der jüngsten Zeit.“

Generalvikar Gbagoua ist bereits der dritte zentralfrikanische Geistliche, der in diesem Jahr ermordet wurde. Nach einer tödlichen Attacke auf einen Priester im März waren am 1. Mai in der Hauptstadt Bangui ein Gemeindepfarrer und 15 Gläubige erschossen worden.
Flüchtlingsunterkunft auf dem Gelände des Priesterseminars des Bistums Bangassou/Zentralafrikanische Republik (Foto: Fundación Bangassou).
Gottesdienst in einem Dorf in der Zentralafrikanischen Republik (KIRCHE IN NOT/Aurelio Gazzera).
Beerdigung für die Opfer, die bei einem Angriff auf eine Kirche in Bangui ums Leben gekommen sind.

Die Bischöfe rufen die zentralafrikanische Regierung und die im Land stationierten UN-Einheiten auf, „ihre Maßnahmen stärker zu koordinieren, damit die Mörder und die Hintermänner gefasst und vor Gericht gebracht werden können“.

Die Bischöfe stellten sich die Frage: „Wer profitiert von all dieser Gewalt gegen die katholische Kirche in der Zentralafrikanischen Republik?“

In den Bauch geschossen

Bisher unbekannte Täter hatten Gbagoua aus kurzer Entfernung in den Bauch geschossen, als er mit anderen Priestern zu Abend gegessen habe, berichtete das Portal „Vatican News“ am 2. Juli unter Berufung auf den Pfarrer der Kathedralkirche von Bangui, Mathieu Bondombo.

Auf dem Weg ins Krankenhaus sei Gbagoua verstorben. Der Geistliche koordinierte als Caritasdirektor im Bistum Bambari auch die materielle Hilfe für Gläubige und Binnenflüchtlinge.

In jüngster Zeit geraten in der Zentralafrikanischen Republik immer mehr Priester, Missionare, humanitäre Helfer und Blauhelmsoldaten in das Fadenkreuz von Bürgerkriegsmilizen.

Vor einer Kirche in der Zentralafrikanischen Republik.
Eines der ärmsten Länder der Welt

Seit 2013 dauern die Kämpfe an, bei denen sich Regierungstruppen, muslimische Rebellen der „Séléka“ und Kampfverbände der „Anti-Balaka“, in denen mehrheitlich Christen vertreten sind, gegenüberstehen. Seit 2014 sind auch multinationale Truppen und Sicherheitskräfte im Rahmen der UN-Operation „Minusca“ in der Zentralafrikanischen Republik stationiert.

Bei den Kämpfen geht es neben religiösen Gründen auch um die Kontrolle des Rohstoffhandels in dem Land, das als eines der ärmsten der Welt gilt.

Ende 2015 hatte Papst Franziskus die Zentralafrikanische Republik besucht. Standen die Zeichen damals noch auf Versöhnung, hat sich die Situation in jüngster Zeit erneut verschärft.

Die Bischöfe rufen in ihrer Erklärung die Christen des Landes dennoch dazu auf, „ruhig zu bleiben und zu beten, um nicht denen in die Falle zu laufen, die beweisen wollen, dass Christen und Muslime in der zentralafrikanischen Nation nicht mehr zusammenleben können“.

Helfen Sie in der Zentralafrikanischen Republik

KIRCHE IN NOT steht der Bevölkerung der Zentralafrikanischen Republik seit Jahren bei. Im vergangenen Jahr hat unser Hilfswerk 30 Projekte gefördert – von der Nothilfe für Kriegsopfer, die Arbeit von Ordensgemeinschaften und Pfarrgemeinden bis hin zur Friedensarbeit.

Um weiterhin helfen zu können, bittet KIRCHE IN NOT um Spenden.

„Der ,Feindʼ hat weder ein Gesicht noch eine Stimme. Wir kennen nicht einmal das Ziel seines Kampfes“, erklärte Bischof Luiz Fernando Lisboa gegenüber KIRCHE IN NOT angesichts der zunehmenden terroristischen Überfälle in Mosambik.

Lisboa, der dem Passionistenorden angehört, leitet das Bistum Pemba im Nordosten Mosambiks. Die Küstenstadt am Indischen Ozean ist auch das Zentrum der Region Cabo Delgado. Seit einem dreiviertel Jahr mehren sich dort Angriffe von Islamisten auf die Zivilbevölkerung.

Jüngste Vorfälle: Anfang Juni wurden in zwei Dörfern zehn Menschen – darunter Frauen und Kinder – entführt und später enthauptet aufgefunden.
Prozession in Mosambik.
Kinder aus Mosambik.
Luiz Fernando Lisboa, Bischof von Pemba/Mosambik.
Gottesdienst im Freien in Mosambik (Foto: Florencia Visconti/KIRCHE IN NOT).

Mitte des Monats überfielen Milizen das Dorf Nathuko und zündeten etwa hundert Hütten an. Auch hier soll ein alter Mann enthauptet worden sein – er konnte nicht mehr schnell genug fliehen. Kirchen wie Moscheen werden gleichermaßen verwüstet.

Die Angriffe, die seit Oktober 2017 andauern, gehen auf das Konto einer Organisation die sich „Al-Shabaab“ nennt. Mit der Terrororganisation gleichen Namens in Somalia scheinen aber keine weiteren Verbindungen zu bestehen, sagte Lisboa.

Auch die Ziele der Gruppe lägen im Unklaren: „Man spricht von religiösem Radikalismus, vom Kampf um Bodenschätze, von illegalem Waffenhandel, politischen Auseinandersetzungen, ethnischen Rivalitäten – aber in Wahrheit kann noch niemand sicher sagen, worum es geht.“ Klar sei jedoch, dass sich der Terror nicht ausschließlich gegen Christen richte.

Terror nicht nur gegen Christen gerichtet

Offensichtlich sei jedoch, dass die Terrorgruppe viele Jugendliche „geködert“ habe, so der Bischof. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit bereite den Boden für die Radikalisierung. Teilweise sei den jungen Menschen viel Geld versprochen worden, um sie zum Eintritt in die Gruppe zu bewegen.

Mosambik gehört nach Jahren des Bürgerkriegs zu den ärmsten Ländern der Welt. Auf dem Index der menschlichen Entwicklung belegt es Platz 181 von 188. In jüngster Zeit war es durch verstärkte ausländische Investitionen zu einem kleinen Aufschwung gekommen.

Unzufriedenheit im Land sei groß

Kritiker werfen der Regierung deshalb vor, aus Angst vor einem Rückzug der Investoren die Übergriffe kleinzureden oder auf ausländische Unruhestifter zu reduzieren. Lisboa warnt deshalb vor voreiligen Schlüssen: „Diese Jugendliche sind nicht nur einige Sonderlinge, Ausländer oder ,Terroristenʼ. Einige von ihnen stammen aus unseren Familien, Dörfern und Bezirken.“

Die Unzufriedenheit im Land sei groß – und das, obwohl besonders im Norden des Landes viele Bodenschätze wie Kohle, Titan, Eisen und Gold Einkommen und Wohlstand sichern könnten. „Stattdessen sind sie aber zu einer Quelle ständiger Konflikte geworden“, sagte der Bischof.

In den vergangenen Jahren sei es zu „einer wahren Invasion“ verschiedener Unternehmen gekommen. Die Bevölkerung sei aber weitgehend außen vor geblieben. „Die Ungleichheit, die in Mosambik immer existiert hat, kann nur beseitigt werden, wenn man die vorhandenen Güter seriös und verantwortungsvoll verteilt.“

Trinkwasserausgabe für Kinder in Mosambik.
Versöhnung nach Bürgerkriegen ausgeblieben

Auch sei die nationale Versöhnung nach zwei Bürgerkriegen bis heute ausgeblieben – und verursache weiter ethnische Spannungen.

In Mosambik sind gut die Hälfte der Einwohner Christen und etwa 17 Prozent Muslime – im Norden des Landes stellen sie die Mehrheit. Anders als in anderen afrikanischen Ländern war Mosambik bisher von islamistischem Terror verschont geblieben.

Die neue Gewaltwelle habe deshalb Regierung, Bevölkerung und Sicherheitskräfte völlig überrascht, so Bischof Lisboa. Es sei zu unkoordinierten Festnahmen gekommen. „Sowohl die Gefängnisse als auch die Vollzugsbeamten waren darauf nicht vorbereitet, und das löst eine Reihe von Menschenrechtsproblemen aus.“

Unkoordinierte Festnahmen

Wichtig sei, die Lage jetzt nicht durch Gerüchte und Verdächtigungen weiter anzuheizen, so Lisboa. Das versuche er auch den Gläubigen seiner Diözese zu vermitteln, wenn er betroffene Dörfer besucht.

„Wir versuchen, die Menschen zu beruhigen. Wir haben sie gebeten, in sozialen Netzwerken keine Bilder der Gewalt zu verbreiten, da dies zu noch mehr Panik und einem Klima der Unsicherheit führt. Wir dürfen uns nicht lähmen lassen.“

„Die Weltgemeinschaft darf nicht denselben Fehler machen wie beim Völkermord in Ruanda. Er fand unter den Augen der Weltöffentlichkeit statt, aber niemand hat ihn gestoppt.“
Dies erklärte der nigerianische Bischof William Amove Avenya gegenüber KIRCHE IN NOT angesichts der zunehmenden Attacken islamistischer Viehhirten aus dem Volk der Fulani auf die ansässige Landbevölkerung – unter ihnen viele Christen.

Zusammen mit anderen Bischöfen aus Nigeria hat Avenya sich in einem Appell an die Weltöffentlichkeit gewandt. Avenya ist Bischof von Gboko, das im südöstlichen Bundesstaat Benue liegt. Die Region gehört zum sogenannten „Middle Belt“, wo der mehrheitlich christlich besiedelte Süden Nigerias an den mehrheitlich muslimischen Norden grenzt.
Bis auf das Fundament zerstörtes Gebäude im Bistum Kaduna (Nigeria) nach einem Angriff von Fulani im Jahr 2017.
Christen protestieren gegen die zunehmenden Fulani-Attacken.
Ein durch einen Angriff von Fulani zerstörtes Gebäude.
Trotz zahlreicher Anschläge durch Boko Haram sind die Gemeinden in Nigeria sehr aktiv und die Gottesdienst gut besucht.
Kinder aus Nigeria.

Im Bundesstaat Benue wurden Medienangaben zufolge seit Anfang des Jahres 492 Menschen bei Überfällen durch Fulani getötet. So verloren zum Beispiel am 24. April zwei Priester und zwei Gläubige bei einer Attacke während eines Gottesdienstes ihr Leben.

Auseinandersetzungen schwelen schon lange

In den anderen Regionen des „Middle Belt“ zeichnet sich ein ähnliches Bild ab: Mitte Juni kamen nahe der Stadt Jos mehr als 100 Personen bei Attacken der Fulani ums Leben.

Die Auseinandersetzungen schwelen schon lange – neu ist jedoch das Motiv der Attacken, sagte Avenya: Während sie in der Vergangenheit rein ethnisch oder wirtschaftlich geprägt gewesen seien, scheine jetzt „der religiöse Hintergrund die Oberhand zu gewinnen“.

Es gehe den extremistischen Fulani längst nicht mehr um Landstreitigkeiten: „In mehrheitlich muslimischem Gebieten verüben sie diese Taten nicht. Wir sind davon überzeugt, dass es sich um eine ethnische Säuberung an Christen handelt“, sagte Avenya.

„Ethnische Säuberung an Christen”

Deshalb hat er den drastischen Vergleich mit dem Völkermord in Ruanda gewählt. Dort wurden 1994 innerhalb weniger Monate bis zu einer Million Angehörige der Tutsi-Minderheit von Milizen aus dem Stamm der Hutu getötet.

Den Vereinten Nationen sowie einzelnen Staaten, die damals Truppen in Ruanda stationiert hatten, wird bis heute Untätigkeit vorgeworfen.

Die Gefahr einer solchen Entwicklung in seinem Heimatland sieht auch Bischof Matthew Ishaya Audu aus Lafia, das etwa 200 Kilometer südöstlich der nigerianischen Hauptstadt Abuja liegt: „Die Regierung unternimmt nichts, um die Terroristen aufzuhalten.“ Das stimme umso nachdenklicher, da auch Präsident Muhammadu Buhari dem Volk der Fulani angehöre.

Christen protestieren gegen die zunehmenden Fulani-Attacken.
William Amove Avenya, Bischof von Gboko/Nigeria.
„Die Regierung unternimmt nichts”

Die Polizei bleibe weitgehend untätig. In den von Überfällen betroffenen Gebieten gebe es in Dörfern und auf Wegabschnitten regelmäßig Kontrollpunkte. Dennoch sei es laut Polizei bislang nicht gelungen, Täter zu fassen.

„Ist es möglich, dass bewaffnete Männer mit ihren Viehherden unsichtbar werden?“, fragt Audu. Zudem würden die Fulani auch über immer anspruchsvollere Waffen verfügen. „Früher waren sie nur mit Stöcken bewaffnet; heute besitzen sie teure Maschinengewehre. Wer stattet sie damit aus?“

Letztlich würden die Fulani instrumentalisiert, ist Audu überzeugt. Seiner Meinung nach gebe es „eine klare Agenda, den nigerianischen ,Middle Beltʼ zu islamisieren.“

Gegen diese Entwicklung und um die Regierung zu einem besseren Schutz für die Christen aufzufordern, haben Ende Mai alle nigerianischen Diözesen an einem Protestmarsch im Bundesstaat Benue teilgenommen.

„Unsere Gläubigen werden getötet oder müssen aufgrund der Attacken fliehen – doch die westliche Welt betrachtet die Fulani nur als internes Problem“, erklärten die Bischöfe und wiederholten ihren Appell: „Wartet nicht ab, bis ein Völkermord verübt wird, ehe Ihr eingreift!“

Unterstützen Sie die verfolgten Christen in Nigeria

Die verfolgten Christen Nigerias gehören zu den Schwerpunkten der Hilfe von KIRCHE IN NOT auf dem afrikanischen Kontinent.

Wir fördern unter anderem den Wiederaufbau zerstörter Kirchen, die Priesterausbildung, den Unterhalt der Klöster und die pastorale Arbeit der Kirche.

Im Norden Nigerias, in der die Gläubigen bis heute unter den Folgen des islamistischen Terrors von „Boko Haram“ leiden, unterstützt KIRCHE IN NOT auch Hilfsprogramme für Witwen und Waisen.

Um weiterhin helfen zu können, bittet das Hilfswerk um Spenden

„Das größte Geschenk, das die lang ersehnte Begegnung zwischen dem Präsidenten des Südsudan und dem Anführer der Rebellen hervorbringen könnte, wäre ein dauerhafter Frieden.“

Dies sagte Weihbischof Daniel Adwok anlässlich der laufenden Gespräche der Bürgerkriegsparteien in dem ostafrikanischen Land. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge haben Präsident Salva Kiir Mayardit und Rebellenchef Riek Machar, der frühere Vizepräsident, mittlerweile ein Friedensabkommen unterzeichnet, das bereits am 30. Juni in Kraft treten soll.

Erst am 22. Juni war der Dialog für gescheitert erklärt worden. Vorangehende Waffenruhen hielten meist nur wenige Stunden.
In einem Flüchtlingscamp nahe der sudanesischen Stadt Kusti.
Wasserstelle in einem Flüchtlingscamp für Südsudanesen im Sudan.

„Ein Friedensabkommen würde es den Vertriebenen ermöglichen, nach Hause zurückzukehren und in Würde zu leben, anstatt in Flüchtlingslagern auszuharren, in denen sie so viel Not leiden“, sagte Adwok.

Jeder Dritte im Südsudan ist auf der Flucht

Der Weihbischof koordiniert von der sudanesischen Hauptstadt Khartum aus die Versorgung der Menschen, die vor dem bewaffneten Konflikt im Süden geflohen sind. Aktuellen Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks zufolge ist im Südsudan jeder Dritte auf der Flucht – über vier Millionen Menschen.

Allein 200 000 Flüchtlinge hielten sich in neun Flüchtlingscamps nahe der Stadt Kusti im Grenzgebiet zum Südsudan auf, teilte Weihbischof Adwok mit.

Viele Menschen dort hätten nicht einmal eine Plastikplane als provisorisches Dach über dem Kopf. Lebensmittel seien stark rationiert; das führe zu Unterernährung und Krankheiten. „Die Lebensmittel reichen nicht. Viele Flüchtlinge bekommen nur eine kleine Mahlzeit am Tag“, sagte Adwok.

Zugang zu Flüchtlingscamp verweigert

Erschwerend komme hinzu, dass die Regierung des Sudan humanitären Hilfswerken den direkten Zugang zu den Flüchtlingscamps verweigere. Die Kirche findet dennoch einen Weg: Zwei Ordensschwestern und drei Priester leisten geistlichen wie materiellen Beistand.

KIRCHE IN NOT unterstützt ihre Arbeit, die für die Flüchtlinge lebensnotwendig sei, so der Weihbischof: „Die Menschen brauchen dringend Hilfe.”

Weihbischof Daniel Adwok aus dem Sudan.

2011 hatte der Südsudan seine Unabhängigkeit ausgerufen. Viele Bewohner erhofften dadurch eine stärkere Beachtung ihrer religiösen und ethnischen Rechte. Die Mehrheit der Bewohner des Südsudan sind Christen, während im Sudan die Muslime überwiegen.

Die Hoffnungen auf eine friedliche Entwicklung erfüllten sich nicht: Seit fünf Jahren tobt im Südsudan ein Bürgerkrieg, dessen Ursachen unter anderem in ethnischen Konflikten liegen. Über 50 000 Menschen haben bei den Kämpfen bislang ihr Leben verloren.

Helfen Sie den Flüchtlingen im Sudan und Südsudan

Um weiterhin die Nothilfe für Flüchtlinge aufrechterhalten und die Arbeit der Kirche im Südsudan unterstützen zu können, bittet KIRCHE IN NOT um Spenden.

Die Ukraine ist ein Land im Fadenkreuz: Die Auseinandersetzung mit Russland hat im Osten des Landes zu einem Krieg geführt, in dem bis heute Menschen sterben. Wie schon oft in seiner Geschichte ist die Ukraine ein Spielball der Mächtigen, zerrissen von politischen und wirtschaftlichen Interessen.

Zerrissenheit prägt auch die Kirche des Landes. Nicht nur verschiedene christliche Konfessionen stehen sich gegenüber, auch die Jahre der kommunistischen Verfolgung wirken noch nach.

KIRCHE IN NOT engagiert sich seit über fünf Jahrzehnten für die Christen in der Ukraine. Über alte Wunden und neue Herausforderungen hat sich Tobias Lehner, Referent für Öffentlichkeitsarbeit bei KIRCHE IN NOT Deutschland, bei einer Reise informiert. Mit Berthold Pelster, Experte für Fragen in Angelegenheiten zur Religionsfreiheit, sprach er über seine Erfahrungen.
Marsch für das Leben in Kiew.
Brennende Häuser in der Ostukraine nach Raketenbeschuss.
Junge Erwachsene aus der Ukraine beim Beten.
Studenten am Priesterseminar in Lemberg (L’viv).
BERTHOLD PELSTER: Vor gut vier Jahren blickte die Weltöffentlichkeit auf die Ukraine: Blutige Proteste in der Hauptstadt Kiew, Annexion der Halbinsel Krim durch Russland und Krieg in der Ostukraine. Heute ist es ruhig um das Land geworden. Trügt die Stille?

TOBIAS LEHNER: Absolut. Die Ukraine ist ein Land im Krieg. Er ist allgegenwärtig in den Erzählungen der Menschen – auch wenn diese in vergleichbarer Sicherheit und Frieden leben. Trotz zweier Waffenstillstandsabkommen wird Tag für Tag in der Donbass-Region im Osten des Landes geschossen. Die Zahl der Opfer ist auf über 10 000 gestiegen.

Ich bin einem Priester begegnet, der immer wieder in die Kriegsregion reist und den Menschen beisteht. Er erzählte mir, dass genau an dem Tag, als wir miteinander sprachen, der Hilfskonvoi eines Mitbruders beschossen wurde und komplett ausbrannte – Gott sei Dank waren der Priester und die freiwilligen Helfer kurz zuvor ausgestiegen und in Sicherheit.

„Begegnungen, die unter die Haut gehen”

In Charkiw nahe der russischen Grenze habe ich eine Frau getroffen. Sie war mit ihrem Mann und zwei kleinen Kinder erst eine Woche zuvor Hals über Kopf aus dem Kriegsgebiet geflüchtet. Sie hatten nur das bei sich, was sie am Leib trugen. Jetzt wird sie in einem Zentrum des Bistums versorgt. Solche Begegnungen gehen schon unter die Haut.

Ein weiterer Konfliktherd ist nach wie vor die Halbinsel Krim. Sie wurde im März 2014 von Russland annektiert. International wurde dies als völkerrechtswidrig eingestuft. Was konnten Sie über die Lage dort erfahren?

Der Weihbischof der Diözese Odessa-Simferopol, Jacek Pyl, der für die katholische Minderheit auf der Krim zuständig ist, berichtete von einer zwiespältigen Situation.

Zum einen leben die Menschen dort in Frieden, auch wenn er brüchig ist. Auch die Kirche kann ihrer Arbeit weitgehend nachgehen.

Zum anderen ist die humanitäre Lage für viele Menschen auf der Krim äußerst angespannt. Die Lebensmittelpreise sind stark gestiegen. Gerade Familien mit Kindern oder alte Menschen können sich das Lebensnotwendigste nicht mehr leisten. Das Bistum hilft mit Lebensmittelpaketen und wird dabei von KIRCHE IN NOT unterstützt.

Mein Eindruck war: Die Wunde Krim schmerzt stark. Aber die Kirche nimmt die Situation an, wie sie ist und versucht jenseits der Politik für die Menschen da zu sein.

Politisch stark involviert war die Kirche bei den Protesten im Winter 2013/2014 auf dem Maidan-Platz in Kiew. Diese richteten sich gegen die Politik des damaligen Präsidenten Wiktor Janukowitsch. Die Proteste wurden blutig niedergeschlagen. Ein Ziel wurde aber erreicht: vorgezogene Neuwahlen, bei denen Petro Poroschenko die Macht errang. Steht der Maidan in der Wahrnehmung der Menschen für Scheitern oder Sieg?

Die Ereignisse des Maidan sind überall im Land präsent. In Kiew haben alle Gesprächspartner erzählt, wie sie in den Kirchen und Klöstern Demonstranten aus dem ganzen Land aufgenommen und Verwundete versorgt haben.

Seit dem Maidan ist für die Mehrheit der Ukrainer unumstößlich klar: Der Weg geht nach Europa. Das war vorher nicht so selbstverständlich.

Die „Revolution der Würde“, wie die Maidan-Proteste auch genannt werden, hat vielen Ukrainern, auch der Kirche, neues Selbstbewusstsein gegeben. Die verschiedenen christlichen Konfessionen in der Ukraine standen zusammen. Die Menschen haben die Kirche als Anwältin des Volkes erlebt. Das bleibt – auch wenn viele Menschen mit Enttäuschung auf den Maidan zurückblicken.

Inwiefern?

Korruption und Oligarchie liegen nach wie vor wie Mehltau über dem Land. Der Krieg in der Ostukraine findet kein Ende. Die Machtbegierden Russlands sind eine ernsthafte Bedrohung. Der Eindruck vieler meiner Gesprächspartner war, dass die Regierung Poroschenko dem zu wenig entgegensetzt.

Insofern liegen große Erwartungen auf den anstehenden Präsidentschaftswahlen, die für 2019 geplant sind. Sie bergen aber auch die Gefahr neuer Unruhen …

Sie haben das komplexe Verhältnis der christlichen Konfessionen angesprochen. Wie steht es um die Ökumene?

Die Lage ist für einen Westeuropäer wirklich unübersichtlich: Es existieren im Wesentlichen drei orthodoxe Kirchen in der Ukraine, und auch die katholische Kirche tritt in zwei unterschiedlichen Erscheinungsformen auf: in der römisch-katholischen Form, wie wir sie kennen, und in der griechisch-katholischen.

Diese Kirche pflegt die ostkirchliche Liturgie und Kirchenbräuche, steht aber in voller Einheit mit dem Papst. Bedingt durch historische und politische Einflüsse ist das Verhältnis der Kirchen nach wie vor nicht spannungsfrei. Es gibt aber Signale der Annäherung.

Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew im April 2014.
Pater-Werenfried-Plakette im Priesterseminar von Lemberg.
Lebensmittelhilfe für eine Familie auf der Halbinsel Krim.
Gedenkstätte für Opfer der Maidan-Proteste in Kiew.
Drei orthodoxe und zwei katholische Kirchen

So fand zum Beispiel Anfang Juni in Kiew ein großer „Marsch für das Leben“ statt, den der römisch-katholische Bischof von Kiew organisiert hatte.

Christen aller Konfessionen und auch Vertreter der Muslime gingen gegen die Gender-Ideologie, für das Recht auf Leben und den Schutz der Familie auf die Straße. Das waren rund 10 000 Menschen! Solche Signale braucht die ganze ukrainische Gesellschaft dringend.

Was meinen Sie damit?

Nicht nur Korruption und Krieg, auch Armut und Drogen drohen die Ukraine zu zerreißen. Die Kirche geht mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen an.

Zwei Beispiele: In einem Kloster der Kapuziner erzählte man mir, dass für einen Neubau in der Regel enorme Bestechungsgelder fällig werden. Die Ordensmänner folgen der strikten Devise: Mit Korruption machen wir uns nicht gemein; wir zahlen nicht. Die Folge sind nicht nur Verzögerungen beim Bau, sondern auch manche Anfeindungen.

Großes Vertrauen in die Kirche

Beispiel zwei: Ich habe ein Mutter-Kind-Haus bei Charkiw besucht, das von Ordensfrauen geleitet wird. Schwangere Frauen, viele von ihnen aus schwierigen Verhältnissen und oft drogenabhängig, finden dort Unterkunft. Eine erst 18-Jährige, bereits zweifache Mutter, gestand: „Ohne die Schwestern hätte ich abgetrieben.“

In der Ukraine konnte ich erfahren, was im besten Wortsinne katholische, also „allumfassende“ Hilfe bedeutet: Hilfe ohne Ansehen der Person und Religion.

Das ist der große Unterschied zu den Sekten, die in der Ukraine immer mehr an Zulauf gewinnen. Der Bischof von Kiew, Witalij Krywyzkyj, sagte mir: „Die Kirche ist die einzige Institution, der die Menschen noch vertrauen.“

Das überrascht ja erst einmal, wenn man sich vor Augen führt, dass die Ukraine fast ein Dreivierteljahrhundert kommunistisch beherrscht war. Teilweise war die Kirche blutig verfolgt. Wie steht es um das kirchliche Leben?

Ich war beeindruckt, eine so lebendige katholische Kirche in der Ukraine zu erleben – obgleich sie eine Minderheit von etwa fünf Millionen Menschen ausmacht; die Mehrheit der Ukrainer ist russisch-orthodox.

Die Gottesdienste sind gut besucht, viele junge Leute und Kinder kommen. Die neuen geistlichen Gemeinschaften spielen eine große Rolle in der Ukraine und haben regen Zulauf.

Wichtig für die Glaubensverbreitung ist auch die kirchliche Medienarbeit, die KIRCHE IN NOT ebenfalls unterstützt. Wenn man die Kirche in der Ukraine sieht, versteht man, was Papst Johannes Paul II. mit Neuevangelisierung gemeint hat!

Es gibt auch viele Berufungen. In Lemberg (L’viv) zum Beispiel befindet sich eines der größten Priesterseminare der Welt, das zur griechisch-katholischen Erzeparchie gehört: 202 Seminaristen und 40 Kandidaten im ersten Studienjahr!

Eines der größten Priesterseminare der Welt

Es ist eine Freude zu sehen, wie enteignete Kirchen wiederaufgebaut, geschlossene Klöster zum Leben erweckt wurden. Gleichzeitig sind die Wunden der Verfolgung noch überall sichtbar: die Erinnerung an die Märtyrer während der kommunistischen Herrschaft, kirchliche Häuser, die noch immer nicht zurückgegeben werden, die prekäre Situation vieler Geistlicher und der Gläubigen.

Also nach wie vor ein weites Feld für die Hilfe …

Vor 55 Jahren hat der Gründer von KIRCHE IN NOT, Pater Werenfried van Straaten, mit der Ukraine-Hilfe begonnen. Im Priesterseminar von Lemberg hat man ihm sogar ein Denkmal errichtet. Auch an anderen Orten, wo wir waren, sagte man uns: „Ohne die Hilfe von KIRCHE IN NOT hätten wir nicht überleben können.“ Und das gilt nach wie vor.

„Das Land droht auszubluten”

Die Kirche in der Ukraine ist heute zwar nicht mehr verfolgt, aber sie leidet. Das gilt im Hinblick auf die materielle wie geistliche Not der Menschen, die in einfachsten Umständen leben und von denen immer mehr keine Zukunft mehr in der Heimat sehen. Das Land droht auszubluten.

Die Kirche leidet aber auch in den großen Mühen ihrer Seelsorger. Ein Pfarrer in Odessa sagte mir: „Ich spare lieber das Geld für meine Krebsbehandlung, damit ich für meine Dorfgemeinde eine Kapelle bauen kann.“ Solche zupackende Hingabe habe ich überall in der Ukraine vorgefunden. Und die guten Früchte dieser Hilfe sind überall zu sehen.

Tobias Lehner, Referent für Öffentlichkeitsarbeit bei KIRCHE IN NOT Deutschland.
Jacek Pyl, Weihbischof in der Diözese Odessa-Simferopol/Ukraine.

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