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Regina Lynch, Leiterin der Projektabteilung von „Kirche in Not“ (ACN) wird als offizielle Delegierte der Organisation ROACO, einer päpstlichen Organisation zur Unterstützung der katholischen Ostkirchen, während des Papstbesuches in den Irak vom 5. bis 8. März teilnehmen.

 

„Die Aufnahme eines Vertreters von ROACO in das päpstliche Umfeld des bevorstehenden Papstbesuches ist ein sichtbares Zeichen dafür, wie sehr der Heilige Stuhl die Arbeit der Organisationen im Nahen Osten, in Ost- und Mitteleuropa, in Indien, Eritrea und Äthiopien schätzt“, erklärte Lynch. Es sei eine große Ehre, als Vertreterin von ROACO beim Papstbesuch in den Irak dabei zu sein. Für sie sei es das erste Mal, dass sie zusammen mit dem Papst an einer Reise teilnehme.

Regina Lynch, Leiterin der Projektabteilung von „Kirche in Not“ (ACN)
Sie bewertet die Reise des Heiligen Vaters in den Irak als „historisch“ und als ein „Zeichen der Ermutigung und eine Botschaft der Hoffnung für die irakischen Christen, die in ihrem Glauben durch die Jahrhunderte hindurch geprüft wurden“. Regina Lynch hat den Irak mehrfach für „Kirche in Not“ besucht, wo das internationale Hilfswerk bereits seit 1972 Hilfe leistet. „Die Tatsache, dass Papst Franziskus jetzt in so einer schwierigen Zeit kommt, wird den irakischen Christen Hoffnung geben“, ist sie sich sicher.

 

Papst Franziskus wird vom 5. bis 8. März den Irak besuchen. Stationen sind unter anderem Bagdad, Erbil und die Ninive-Ebene, wo „Kirche in Not“ den Wiederaufbau privater und kirchlicher Gebäude unterstützt.

Regina Lynch über die Arbeit von KIRCHE IN NOT:

Helfen Sie den Christen im Irak zurück ins Leben! Spenden Sie jetzt unter: www.spendenhut.de oder auf folgendes Konto:

 

Empfänger: KIRCHE IN NOT

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Verwendungszweck: Irak

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Vor 35 Jahren wurde Agnes von Prag, die auch als Agnes von Böhmen bekannte volkstümliche Selige heiliggesprochen. Damit erfüllte sich ein lang gehegter Wunsch des heute mehrheitlich atheistischen tschechischen Volkes. – Ein Beitrag des Kirchenhistorikers Rudolf Grulich

 

Die römische Heilige Agnes ist eine bei vielen Völkern bekannte und beliebte Heilige, die im ersten Hochgebet sogar nach der Wandlung unter den großen Märtyrern der frühen Kirche genannt wird. Weniger bekannt ist dagegen bei uns die heilige Agnes von Prag, die in ihrer Heimat auch Agnes von Böhmen genannt wird und deren Fest wir am 2. März begehen. Am 12. November 1989 wurde sie heiliggesprochen.

Agnes pflegt einen Kranken. Kreuzherren-Altar von 1492, heute in der Nationalgalerie in Prag.
2011 feierte die Kirche der Tschechischen Republik ihren 800. Geburtstag. Wenn wir es mit wenig oder unbekannten Tatsachen zu tun haben, sprechen wir im Deutschen gerne von „böhmischen Dörfern“. Das gilt auch von der hl. Agnes von Prag. Sie ist aber für ganz Europa von Bedeutung, denn sie ist eine wahre europäische Heilige, was auch Joachim Kardinal Meisner betonte, der Papst Benedikt XVI. 2011 als Legat bei der 800. Jahrfeier im Veitsdom zu Prag vertrat.

 

In Böhmen und Mähren ist diese Agnes als Agnes von Böhmen wohl bekannt. Auf dem oberen Teil des berühmten Wenzelplatzes in Prag stehen um das Reiterstandbild des Herzogs und ersten böhmischen Heiligen vier weitere Heiligengestalten als die ersten Patrone Böhmens: Adalbert und Prokop sowie die heilige Ludmilla und die zur Zeit der Errichtung des Denkmals noch selige und erst 1989 heiliggesprochene Agnes von Prag.

Statuengruppe im Prager Veitsdom mit dem heiligen Adalbert.
Ihre Verehrung in der heutigen Tschechischen Republik ist ungewöhnlich, ist doch Tschechien nach vier Jahrzehnten Kommunismus und nach einer unglücklichen Geschichte seit dem Dreißigjährigen Krieg ein Land, in dem es prozentual die wenigsten Gläubigen in Europa gibt.

 

Das mehrheitlich konfessionslose Tschechien ehrt seine Heiligen

Dennoch ehrt das Land seine Heiligen. In Deutschland dagegen sind seit Jahrzehnten eine Reihe von gesetzlichen und vom Staat geschützten Feiertage langsam, aber konsequent abgeschafft worden, auch in katholischen Bundesländern wie Bayern: St. Joseph am 19. März, Peter-und-Paul am 29. Juni, Maria Unbefleckte Empfängnis am 8. Dezember, bei den Protestanten auch der Reformationstag und der Buß- und Bettag.

Auch die christlichen Parteien haben dies mit den Kosten begründet! So könnte man ausrufen: Armes Deutschland! Unser Nachbarland Tschechien konnte es sich dagegen leisten, außer dem Festtag der Slawenapostel Cyrill und Method auch einen arbeitsfreien Feiertag zu Ehren von Johannes Hus einzuführen und auch den Tag des heiligen Wenzel zu einem staatlichen Feiertag zu erklären.

Die heilige Agnes war auf dem bis 2011 gültigen 50-Kronen-Schein abgebildet (Foto: Wikipedia; R. Zenner).
Obwohl der 800. Geburtstag Jubiläum der heiligen Elisabeth von Thüringen 2007 durch den Anstrom von Besuchern aller Konfessionen bei den Veranstaltungen, Ausstellungen und auch bei den Gottesdiensten und Pilgerfahrten zeigte, dass die Heiligen auch in Deutschland beim Volk wieder gefragt sind, ist das zur hohen Politik noch nicht durchgedrungen.

 

Ehemals kommunistische Länder haben sogar Heilige auf Münzen und Geldscheinen: Auf tschechischen und slowakischen Kronen sind der heilige Wenzel und historische Kreuze abgebildet, auf dem slowakischen 50-Kronen-Schein waren bis zur Einführung des Euro Cyrill und Method zu sehen, auf dem slowakischen 100-Kronen-Schein die Madonna von Leutschau und auf der bis vor kurzen gültigen 50-Kronen-Banknote Tschechiens sahen wir die Agnes von Böhmen mit den Zusatz „Heilige Agnes von Böhmen”.

Die heilige Hedwig war die Tante von Agnes – Statue in der Klosterkirche von Trebnitz.
Agnes war die Tochter des Königs Ottokar I., der in Böhmen und Mähren herrschte. Sie wurde im Jahre 1211 in der Hauptstadt Prag geboren. Ihre Tante war die heilige Hedwig von Schlesien, die heilige Elisabeth von Thüringen war ihre Kusine. Die junge Prinzessin wurde in Schlesien im Kloster Trebnitz bei ihrer Tante Hedwig und später im Kloster Doksany nördlich von Prag erzogen. Sicher hat sie in Trebnitz unter dem Einfluss der heiligen Hedwig und ihrem vorbildlichem aus der Substanz des Christentums geführten Leben ihre Ideale empfangen.

 

Mit der heiligen Hedwig und der heiligen Elisabeth verwandt

Von Doksany schickte sie ihr mächtiger und politisch ehrgeiziger Vater an den Hof Leopolds von Österreich, damit sie hier an der großen ritterlichen Schule der damaligen Zeit in das vor ihr liegende höfische Leben eingeführt werde. Dort kam sie zum ersten Male mit dem Franziskanertum in Berührung, vielleicht hat auch der Entschluss ihrer Kusine Elisabeth, das franziskanische Tertiarengewand zu nehmen, sie motiviert, ähnliches oder noch mehr zu tun. Auch Elisabeth baute ein Spital in Marburg und pflegte dort selbst die Kranken. Vielleicht gab auch der politische Handel, den ihr Vater als böhmischer König mit ihr treiben wollte, den Ausschlag, die höfische Welt zu verlassen und ein Leben in Armut zu wählen.

 

Sie lehnte alle Heiratsangebote europäischer Herrscher ab, auch das des Hohenstaufen-Kaiser Friedrich II., nach dem sie schon vorher die Angebote Heinrichs VII. und des Königs von England verschmäht hatte.

Blick auf die Karlsbrücke in Prag.

- Hl. Papst Johannes Paul II. (als Kardinal)
Nach dem Tod ihres Vaters im Jahre 1230 beriet sie zwar ihren König gewordenen Bruder, widmete sich aber sonst ganz der Nächstenliebe. Im Jahre 1233 stiftete sie in Prag ein Klarissenkloster, in das sie 1234 selbst eintrat und dessen Äbtissin sie wurde. Mit der heiligen Klara von Assisi stand Agnes im Briefwechsel. Vier Briefe sind noch erhalten, aus denen wir wissen, dass die hl. Klara ihre Mitschwester Agnes in ihrer konsequenten Einstellung zum Armutsideal ermunterte.

 

Agnes stiftete ein Spital in Prag

In Prag stiftete Agnes ein Spital zu Ehren des heiligen Franz von Assisi. Daraus ging der Orden der Kreuzherren mit dem roten Stern hervor, der 1237 vom Papst Gregor IX. bestätigt wurde. Diese Gemeinschaft von Brüdern und Priestern, die den Dienst an Armen, Pilgern und Kranken ausübten, wurde später zu einem Ritterorden umgewandelt und besteht noch heute. Bis zur Vertreibung der Sudetendeutschen aus Böhmen und Mähren gab es auch deutsche Mitglieder des Ordens. In Gemeinden des Sudetenlandes wie Eger, Franzensbad, Maria Kulm und Tachau betreuten die Kreuzherren die deutschen Pfarreien.

Agnes-Kloster, heute Ausstellungsräume der Nationalgalerie in Prag. Foto: Joachim Schäfer – Ökumenisches Heiligenlexikon.
Späte Selig- und Heiligsprechung

Die hl. Agnes starb am 2. März 1282 in Prag. In Böhmen wurde sie immer verehrt, aber durch die religiösen Kämpfe in Böhmen wie zum Beispiel in der Hussitenzeit und durch den Dreißigjährigen Krieg, durch die Kräfte des Josephinismus und Liberalismus stockten immer wieder die Bemühungen zu ihrer Kanonisation und kam es erst 1874 zur Seligsprechung und erst am 12. November 1989 zur Heiligsprechung durch Papst Johannes Paul II. in Rom. Viele Tschechen litten unter dieser Jahrhunderte dauernden Verzögerung. „Wenn einmal die selige Agnes heiliggesprochen wird“ bedeutete so viel wie bei uns am St. Nimmerleinstag oder an den griechischen Kalenden.

 

Noch in der Zeit der kommunistischen Kirchenverfolgung in der Tschechoslowakei hat 1987 der damals bereits 88 Jahre alte Erzbischof von Prag, Kardinal František Tomašek, für die katholische Kirche in Böhmen und Mähren eine Novene von neun Jahren bzw. ein Zehnjahresprogramm der moralischen Erneuerung vorgelegt. Während dieser Zeit, die 1997 mit dem Gedenken an den tausendsten Todestag des heiligen Adalbert von Prag, des ersten Prager Bischofs böhmischer Herkunft, enden sollte, bestimmte der Kardinal Heilige als Patrone der einzelnen Jahre und begann 1988 mit dem Jahr der seligen Agnes von Böhmen. In ihm sollten Fragen der Ehre und des Dienstes am Leben im Mittelpunkt stehen. 1989 war das Jahr zweier deutscher Heiliger, des heiligen Klemens Maria Hofbauer aus Südmähren und des heiligen Nepomuk Neumann aus Südböhmen. Drei Selige dieses Jahrzehntes der geistlichen Erneuerung sind inzwischen heiliggesprochen, als erste die hl. Agnes, 1995 auch Zdislava und Johannes Sarkander.

 

Im tschechischen Volk war man immer überzeugt, dass nach einer erfolgten Heiligsprechung glückliche Tage für Böhmen anbrechen würden. Und so kam es!

Kardinal František Tomašek (Mitte) und Pater Werenfried (rechts), Gründer von KIRCHE IN NOT, bei einem Treffen in Prag im Jahr 1990.
Die Heiligsprechung durch Papst Johannes Paul II. erfolgte am 12. November 1989 in Rom. Die kommunistischen Behörden mussten damals schon einen Pilgerzug nach Rom genehmigen, weil Glasnost und die Perestrojka in Moskau auch auf die Satellitenstaaten ausstrahlten. Fünf Tage nach den Feierlichkeiten in Rom kam es am 17. November zur „Samtenen Revolution“ in Prag und am 23. April 1990, am Fest des Bischofs Adalbert von Prag konnte der Papst den ersten Besuch in einem ehemals kommunistischen Land nach der Wende machen. Als ihn am Prager Flughafen Präsident Vaclav Havel begrüßte, soll Havel gesagt haben: „Heiliger Vater, ich weiß nicht, was ein Wunder ist, aber dass Sie heute bei uns, ist ein Wunder.“

 

Zum Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils tauschten die polnischen und deutschen Bischöfe ihren Briefwechsel der nationalen Versöhnung aus. In ihrer Grußbotschaft an ihre deutschen Amtsbrüder vom 18. November 1965 hatten alle polnischen Bischöfe, darunter auch der spätere Papst Karol Wojtyla als Erzbischof von Krakau, festgestellt:

 

„Brücken bauen zwischen Völkern können nur heilige Menschen, nur solche, die eine lautere Meinung und reine Hände besitzen. Sie wollen dem Brudervolk nichts wegnehmen, weder Sprache noch Gebräuche noch Land, noch materielle Güter; im Gegenteil: sie bringen ihm höchst wertvolle Kulturgüter und sie geben ihm gewöhnlich das Wertvollste, was sie besitzen: sich selbst.“

 

Das gilt auch von der heiligen Agnes von Böhmen. Möge sie Deutsche und Tschechen noch mehr zusammenführen als bisher!

 

Prof. Dr. Rudolf Grulich (2019)

Am 22. Februar erinnert die katholische Kirche an die Übernahme des römischen Bischofssitzes durch den heiligen Petrus. Vor der Liturgie-Reform gab es zwei Feste: Petri Stuhlfeier zu Rom (18. Januar) und Petri Stuhlfeier zu Antiochien am 22. Februar, da der erste Bischofssitz des heiligen Petrus in Antiochien war.

 

Antiochien liegt in der heutigen Türkei und heißt Antakya. Fünf Patriarche tragen den Titel der “Großen Gottesstadt Antiochien und des ganzen Orients”, aber sie residieren heute im syrischen Damaskus und im libanesischen Beirut. Antakya gehört heute zum Apostolischen Vikariat Anatolien, eines der drei römisch-katholischen Jurisdiktionsgebiete der Türkei.

Thron in der Petrusgrotte zu Antakya

Heiliges Land der Urkirche

 

Dieses Vikariat erstreckt sich über den ganzen Teil der Türkei östlich von Ankara. Bischof Luigi Padovese († 3. Juni 2010) war der Apostolische Vikar von weniger als 5000 Katholiken auf einer Fläche von über 400 000 Quadratkilometern. Sein Vikariat ist damit so groß wie Deutschland und die Schweiz zusammen.

 

Papst Johannes Paul II. hat die Türkei ein “heiliges Land der Urkirche” bezeichnet. Zum ersten Mal sind die Jünger Jesu in Antiochien als “Christen” genannt worden, wie in der Apostelgeschichte berichtet wird. Das Vikariat Anatolien ist stolz auf seine alttestamentlichen Stätten.

Blick auf Antakya, das antike Antiochia. In römischer Zeit war sie neben dem ägyptischen Alexandria und (später) Konstantinopel eine der größten und bedeutendsten Städte im östlichen Mittelmeerraum.
Der Berg Ararat, auf dem die Arche Noah gelandet sein soll, liegt im Osten der Türkei. Im Südosten erhielt Abraham in Haran den Ruf Gottes: “Zieh in das Land, das ich dir zeigen werde!” Abraham machte sich nach Kanaan auf, vergaß aber nie Haran. Dorthin sandte Abraham seinen Knecht, um eine Frau für Isaak zu holen. Nach Haran kam Jakob und traf Rachel am Brunnen.

 

Zur Zeit der Verfolgung unter Antiochos flohen Juden nach Antiochien. Diese jüdische Gemeinde sollte zum Kristallisations-Punkt einer neutestamentlichen Gemeinde werden, in der die Heidenchristen die junge Kirche zur Weltkirche machten.

 

Petrus-Statue in der Petrus-Grotte zu Antakya.

Paulus begann seine Missionsreisen in Antiochia

In der jungen Christengemeinde von Antiochien weilte auch der heilige Petrus. Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil beging die Katholische Kirche das eigene Fest “Petri Stuhlfeier zu Antiochien” am 22. Februar und gedachte dabei, dass Petrus erst von dort aus nach Rom ging. Von Antiochien machte sich der Apostel Paulus mit Barnabas zu seiner ersten Missionsreise auf. Die katholischen Gemeinden im heutigen Vikariat Anatolien gehen auf die Tätigkeit der Apostel und ihrer Schüler zurück.

Die Briefe des Ignatius von Antiochien gehören zu den ältesten Schriften außerhalb des Neuen Testaments. Im “Martyrologium Romanum” finden sich neben Rom und Konstantinopel die meisten Zeugen für Christus in Antiochien und dessen Umgebung. Nach dem Ende der Christenverfolgung lebten und wirkten dort auch viele christliche Autoren und Kirchenlehrer, wie Johannes Chrysostomos und Ephräm der Syrer.

 

Von der “Antiochenischen Schule” gingen im fünften Jahrhundert auch die Impulse aus, die nach dem Konzil von Ephesus und Chalkedon zur Spaltung der Kirche führen. Aus diesem Grund führen heute fünf Patriarchen den Titel von Antiochien.

In der Bischofskirche von Iskenderun.
Zehn der vierzehn Nothelfer stammen aus dem Gebiet der Türkei; davon die meisten aus Ost- und Südost­-Anatolien. Besonders bekannt ist das weibliche Trio unter den Nothelfern: Margarete, Barbara und Katharina sind im süddeutschen und österreichischen Raum als die “drei heiligen Madel” bekannt. Sie stammen aus Antiochien.

 

Bonifatius stammt aus dem heutigen Anatolien

Der heilige Georg und der heilige Christophorus waren Kappadokier. Aber nicht nur diese Nothelfer entstammen dem Raum Anatoliens. Es sind auch die heiligen Ärzte Kosmas und Damian, der “Eisheilige” Bonifatius, der heilige Basilius, Bischof von Cäsarea, Gregor von Nyssa und Gregor von Nazianz zu nennen.

 

Die Katholiken des Apostolischen Vikariats Anatolien gehören außer der Römisch-Katholischen Kirche auch der Syrisch-Katholischen, Chaldäisch-, Melkitisch- und Armenisch-Katholischen Kirche an. Dazu kommen orthodoxe Christen und Gläubige der so genannten vor-chalzedonischen Kirchen, also orthodoxe Armenier, Syrer und Nestorianer.

Prof. Dr. Rudolf Grulich  über die Geschichte des Christentums in der Türkei

Das Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Ostkirchen spricht von der Hochschätzung der Römisch-Katholischen Kirche für die “Ostkirchen mit ihren Einrichtungen und liturgischen Bräuchen, ihren Überlieferungen und ihrer christlichen Lebens-Ordnung. In diesen Werten von ehrwürdigem Alter leuchtet ja eine Überlieferung auf, die über die Kirchenväter bis zu den Aposteln zurückreicht. Sie bildet ein Stück des von Gott geoffenbarten und ungeteilten Erbgutes der Gesamtkirche. Für diese Überlieferungen sind die Ostkirchen lebendige Zeugen.”

 

Im Dekret über die Ökumene hebt das Kapitel die orthodoxen Kirchen hervor, dass zwar “die Kirchen des Ostens und des Abendlandes Jahrhunderte hindurch je ihren besonderen Weg gegangen sind, jedoch miteinander verbunden in brüderlicher Gemeinschaft des Glaubens und des sakramentalen Lebens.”

- Prof. Rudolf Grulich

Verschiedene Sprachen und Riten

 

Die Konzilsväter betonten, “dass die Kirchen des Orients von Anfang an einen Schatz besitzen, aus dem die Kirche des Abendlandes in den Dingen der Liturgie, in ihrer geistlichen Tradition und in der rechtlichen Ordnung vielfach geschöpft hat.”

 

Verschiedene Sprachen und Kulturen, die schon zur Zeit der Urkirche in Ost-Anatolien, dem nördlichen Mesopotamien und in Syrien neben dem Griechischen bestanden, haben zur Ausprägung eigener Riten mit Bibelübersetzungen und der Liturgie in eigenen Sprachen geführt. So entstanden in diesem Gebiet die Kirchen des byzantinischen, armenischen, antiochenischen (westsyrischen) und ostsyrischen Ritus.

Blick auf Konstantinopel, das heutige Istanbul.
Bis heute feiern nicht nur die syrischen und chaldäischen Kirchen ihre Liturgie in Syrisch beziehungsweise Aramäisch, sondern sprechen im Tur Abdin Christen immer noch Aramäisch, Jesu Muttersprache. Von Cäsarea aus ist Armenien christianisiert worden, ebenso Georgien.

 

Die Barriere zu diesen Sprachen mit eigenen Schriften brachte es mit sich, dass wir die Kirchenväter dieser Kulturkreise nicht so kennen wie die anderen Kirchenväter Ambrosius oder , Augustinus. Ephräm der Syrer wurde von Papst Benedikt XV. 1920 zum Kirchenlehrer ernannt. Ephräm hat den Beinamen “Harfe des Heiligen Geistes”. Er hinterließ für die syrische Liturgie Hymnen und Lieder und theologische Schriften.

 

Papst Benedikt XV. schrieb 1922: “Die Kirche ist weder lateinisch, noch griechisch, noch slawisch, sie ist katholisch.” Katholisch aber heißt allgemein, alle umfassend. “Das gilt auch von unserem Apostolischen Vikariat”, betont Bischof Padovese. “Wir sind Türken, Araber, Assyrer, Levantiner, aber gehören zur einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche.”

 

Prof. Dr. Rudolf Grulich, Kirchenhistoriker

Mehr Informationen:

Institut für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien (Prof. Grulich)

Buch „Die Kirche in der Türkei“ von Rudolf Grulich bestellen

Mehr über das Christentum in der Türkei

Die Stadt Thessaloniki, dem Geburtsort von Kyrillos und Methodios, war in der byzantinischen Zeit die zweitgrößte Stadt nach der Hauptstadt Konstantinopel. Im 9. Jahrhundert wurde die Stadt von einem Statthalter namens Leo aus dem höchsten byzantinischen Adel verwaltet. Er hatte sieben Kinder. Das jüngste Kind war Konstantin, der sich später als Mönch Kyrillos nannte. Ein Bruder von ihm war Michael, mit Mönchsnamen Methodios.

 

Kyrillos wurde im Jahr 827 geboren, Methodios bereits 815. In Thessaloniki genossen beide Brüder ihre Grundausbildung. Sie erlernten die slawische Umgangssprache, die hebräische, syrische und arabische Sprache. Methodios erhielt außerdem eine juristische, militärische und diplomatische Ausbildung und wurde Statthalter im slawischen Gebiet.

Titelbild des „Glaubens-Kompass“ von KIRCHE IN NOT
Konstantin wird als geistige Kapazität beschrieben. Als er 14 Jahre alt war, starb sein Vater. Er studierte später an der Hochschule in Konstantinopel Geometrie, Astronomie, Musik, Rhetorik, Dialektik, Theologie und Philosophie. Nach seinen Studien war er als Bibliothekar der Patriarchalbibliothek tätig und lehrte Theologie. Von dieser Zeit an hieß er Konstantin der Philosoph und nahm erst kurz vor seinem Lebensende den Namen Kyrillos an.

 

Gemeinsame Zeit im Kloster

 

Nachdem 856 sein Beschützer Theoklitos ermordet worden war, verließ er Konstantinopel und ging ins Kloster Polychronion auf dem Berg Olymp in Bithynien. Dort lebte auch sein Bruder Methodios, der vorher alle weltlichen Ämter aufgegeben hatte.

 

Sehr lange blieb aber Konstantin nicht im Kloster. Kaiser Michael III. und Patriarch Photios holten ihn aus dem Kloster und brachten ihn nach Konstantinopel; die Chazaren hatten nämlich Boten zum Kaiser geschickt und ihn ersucht, ihnen einen gelehrten Mann zu schicken.

Reiseleiter Prof. Rudolf Grulich an der „Tafel Cyrill und Methods“ auf der glagolitischen Allee in Istrien.
Dieser sollte sie über das Christentum unterrichten. Die Chazaren waren ein Turkvolk, das nördlich des Schwarzen Meeres lebte. Patriarch Photios erkannte die Fähigkeiten Konstantins und glaubte, er wäre in der Lage, andere Völker zu christianisieren.

 

Er überzeugte auch Kaiser Michael III. von dieser Vorstellung. Als der Kaiser Konstantin traf, berichtete er ihm über den Wunsch der Chazaren und sagte: „Geh zu diesen Menschen, Philosoph, und steh ihnen Rede und Antwort über die Heilige Dreifaltigkeit und deren Beistand. Denn niemand anderer kann das würdiger tun als du.“ Konstantin nahm zu dieser Mission im Herbst 860 seinen Bruder Methodios mit.

 

Reliquien des heiligen Klemens

Während der Mission war den beiden Brüdern zu Ohren gekommen, dass der heilige Papst Klemens, der dritte Bischof von Rom, der Überlieferung nach auf der Krim den Märtyrertod um das Jahr 100 gefunden hatte. Konstantin war davon überzeugt, dass er nach langem Suchen während seines Aufenthalts bei den Chazaren die Reliquien des heiligen Klemens aus dem Meer geborgen hatte.

Die Basilika von Velehrad in Mähren, Bischofssitz des Methodius.
Als sie nach Konstantinopel zurückgekehrt waren, dankten die beiden Brüder in der Hagia Sophia Gott für die geglückte Mission und überließen der Hagia Sophia Teile der kostbaren Reliquien vom heiligen Klemens. Methodios wurde Abt des Klosters Polychronion, in dem er schon vorher gelebt hatte. Konstantin wurde Professor für Philosophie an der Patriarchalischen Hochschule Zwölf Apostel. Zur Ruhe kamen die beiden Brüder aber nicht, denn Kaiser Michael III. hatte eine neue Mission für sie.

 

Der Fürst von Mähren, Rastislav, schickte nämlich 862 folgende Nachricht an Kaiser Michael: „Da sich unser Volk vom Heidentum abgewandt hat und sich nun an das christliche Gesetz hält, haben wir keinen Lehrer, der uns in unserer Sprache den wahren christlichen Glauben erklären könnte. Sende uns daher, Herrscher, einen Bischof und einen solchen Lehrer, der unserer Sprache mächtig ist. Denn von euch geht in alle Länder stets ein gutes Gesetz aus.“

Hier muss betont werden, dass Mähren zum Jurisdiktionsbereich des weströmischen Gebietes gehörte und dem Bischof von Rom (Papst) unterstand. Es war schon weitgehend christianisiert. Sowohl Getaufte wie nicht Getaufte wussten aber wenig über den christlichen Glauben, denn sie waren gezwungen, dem Gottesdienst in lateinischer Sprache zu folgen, obwohl sie kein Lateinisch konnten.

 

Die Vertreter des Papstes waren aber der Meinung, das Christentum könne nur in lateinischer, griechischer oder hebräischer Sprache weitergegeben werden, den Sprachen der Inschrift am Kreuz Jesu. Konstantin und Methodios waren dagegen der Meinung, dass jedes Volk das Recht habe, Gott in seiner eigenen Sprache zu preisen. So schufen die Brüder noch in Konstantinopel ein neues Alphabet.

Denkmal in Moosburg (Zalavár) in Ungarn, Zentrum der Christianisierung Unterpannoniens im 9. Jahrhundert.

Neues Alphabet ausgearbeitet

Dieses Alphabet kam phonetisch der bis dahin nur gesprochenen slawischen Sprache näher. Für Laute, die im griechischen Alphabet nicht vorkamen, wurden andere Buchstaben geschaffen. Diese Schrift war das Glagolitische; sie wurde später durch das Kyrillische ersetzt.

 

Als sie 863 in Mähren ankamen, wurden die Brüder mit großen Ehren empfangen. Konstantin und Methodios blieben dort 40 Monate lang. Sie gründeten eine Schule und lehrten die glagolitische Schrift. Ihre Schüler gingen bis an die Grenzen des Landes und zum Teil darüber hinaus und verbreiteten das Christentum in der slawischen Sprache.

Cyrill-und-Method-Statue im Inneren der Basilika von Velehrad

Erfolgreiche Mission in Mähren

Die erfolgreiche Mission der beiden Brüder sahen die fränkischen Bischöfe, die in Mähren mit der Christianisierung begonnen hatten, nicht positiv. Es folgten Auseinandersetzungen. Um die Beziehungen zwischen Papst und Patriarch nicht zu belasten, reisten beide Brüder im Jahr 867 nach Rom, um den Papst zu treffen.

 

Als sie 868 in Rom ankamen, empfing Papst Hadrian II. die beiden Brüder in einer Prozession, nachdem er sie gesegnet hatte. Die zahlreichen Teilnehmer der Prozession trugen Kerzen und folgten dem Kreuz.

 

Der Kirchenhistoriker Adolf Hampel über die Slawenapostel:

 

Danach segnete der Papst die liturgischen Bücher in glagolitischer Sprache. Die mitgereisten Schüler von Konstantin und Methodios wurden vom Papst zu Priestern und Diakonen geweiht. Danach kehrten sie nach Mähren zurück. Während seines Aufenthalts in Rom erkrankte Konstantin sehr schwer und trat in ein Kloster ein. Dort soll er einigen Quellen zufolge Mönch geworden sein und den Namen Kyrillos angenommen haben. Nach anderen Quellen soll er schon früher in Konstantinopel zum Priester geweiht worden sein. Am 14. Februar 869 starb Kyrillos in Rom.

 

Übersetzungen in die slawische Schriftsprache

 

Bruder Methodios sagte dem Papst: „Unsere Mutter hat uns beschworen, dass der, der vor das Gericht tritt, in sein Kloster überführt und dort begraben werden soll.“ Der Papst akzeptierte dies, aber die Bischöfe waren der Meinung, dass Kyrillos, der sich in so zahlreichen Ländern aufgehalten habe, in Rom begraben werden sollte und zwar in San Clemente.

Prozession in mit Ikonen von Cyrill und Method Nowosibirsk (wikipedia – testus; gemeinfrei)
Nach dem Tod von Kyrillos 869 ernannte Papst Hadrian Methodios zum Erzbischof von Mähren und Pannonien. Methodios war in seinem neuen Amt tatkräftig: Außer vielen religiösen Büchern, die Methodios vom Griechischen in die slawische Schriftsprache übersetzte, hat er den Nomokanon verfasst. Es handelt sich dabei um einen Gerichtskodex für Laien in slawischer Sprache. Der Nomokanon ist das älteste slawische Gesetzbuch.

 

Methodios gab später sein Bischofsamt auf und befasste sich nur mit Übersetzungen von liturgischen Büchern vom Griechischen ins Slawische. Am 6. April 885 starb Methodios in Mähren. Der Totenliturgie, die von seinen Schülern in griechischer, slawischer und lateinischer Sprache gehalten wurde, wohnten unzählige Menschen bei. Sein Sarg wurde bis heute nicht gefunden.

Es ist immer noch schwer vorstellbar, was Kyrillos und Methodios in Mähren geleistet hatten: Die beiden Brüder haben mit ihrem Werk die Basis für die slawische Orthodoxie und slawische Kultur gelegt. Beide Brüder werden als Heilige verehrt. Im Jahr 1980 hat der heilige Papst Johannes Paul II. sie dem heiligen Benedikt als Schutzpatrone Europas zur Seite gestellt. Die orthodoxen Christen gedenken der beiden Brüder am 11. Mai, die Katholiken seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil am 14. Februar. In der Tschechischen Republik und in der Slowakei  wird ihrer am 5. Juli gedacht.

Dr. Theodoros Vlachos

- Hl. Johannes Paul II. (Papst von 1978 - 2005)
Die Kirche feiert jeden Todestag eines Heiligen als ihren Festtag. Nur großer Heiliger wird im Kirchenjahr mehrfach gedacht. Eine Vielzahl von Marienfesten erinnert beispielsweise an Stationen im Leben der Gottesmutter: Von ihrer Empfängnis und ihrer Geburt über Ereignisse in ihrem Leben reicht die Reihe der Feste bis zu ihrer Entschlafung und Himmelfahrt.
Paulus-Statue auf dem Petersplatz in Rom.
Als Größter vom Weibe Geborenen, wie ihn Jesus selbst nannte, ist Johannes der Täufer der einzige Heilige neben der Muttergottes, dessen Geburt begangen wird. Neben seinem Fest am 24. Juni wurde ihm aber auch der 29. August als Gedächtnistag seines Martyriums gewidmet.

 

Auch die beiden Apostelfürsten Petrus und Paulus genießen die Auszeichnung mehrerer Festtage. Neben dem gemeinsamen Fest am 29. Juni begeht die Kirche am 22. Februar das Gedächtnis „Kathedra Petri“ zur Erinnerung an seine Rolle als erster Papst. Bis zur Liturgiereform des Zweiten Vatikanum wurde dieser Festtag als Petri Stuhlfeier von Antiochien (18. Januar) und Petri Stuhlfeier zu Rom zweimal begangen. Manche deutschen Übersetzungen gaben dieses Fest mit dem Titel „Thronfest des heiligen Apostels Petrus“ oder als „Petri Thronfeier“ wieder.

Die Pauluskirche in Tarsus / Türkei, der Geburtsort des heiligen Paulus.
Am 25. Januar erinnert die Kirche an die Bekehrung des heiligen Paulus als einen Wendepunkt im Leben der jungen Kirche, weil aus dem Christenverfolger Saulus der Völkerapostel Paulus wurde. Das Fest wurde schon seit dem 8. Jahrhundert gefeiert, es geht wohl auf eine Überführung von Reliquien zurück.

 

Der Gründer von KIRCHE IN NOT, Pater Werenfried van Straaten, hat in vielen seiner Predigten und Aufrufen auf dieses Fest und auf den Bericht in der Apostelgeschichte über dieses Ereignis hingewiesen. Immer wieder rief er zum Gebet für die Verfolger auf und war überzeugt, dass Gott auch in den großen Christenverfolgungen des 20. Jahrhunderts Menschen mit seiner Gnade anrühren würde und sie dem Anruf Gottes folgten.

 

Deshalb verbreitete Pater Werenfried in den Filialen seines Werkes in über einem Dutzend Ländern in verschiedenen Sprachen auch das Buch „Vergib mir, Natascha!“, in dem ein ehemaliger KGB-Mann und aktiver Verfolger seine Bekehrung schilderte. Sie war durch das mutige und bekennende Beispiel einer von ihm verhörten, drangsalierten und verfolgten Christin mit Namen Natascha, durch ihr Gebet für den Verfolger, ihre Demut und Verzeihung erfolgt.

Spiritual Winfried Abel über den heiligen Paulus von Tarsus:

Pater Werenfried war als Prämonstratenser mit der Theologie des heiligen Augustinus vertraut, denn der Ordensgründer Norbert von Xanten hatte seinen Orden der Prämonstratenser auf die Basis der Augustinus-Regel gestellt. Der heilige Augustinus, der die Gnade Gottes in seinem Leben selbst spürbar erfuhr, prägte das Wort, man müsse den Irrtum hassen, aber die Irrenden lieben. Ihm folgte auch Pater Werenfried, der wie der heilige Augustinus auch die große Bedeutung der Gnade, aber auch des freien Willens des Einzelnen sah.

 

Pater Werenfried bekämpfte den atheistischen Kommunismus, er prangerte wie kaum ein anderer auch die östlichen Kirchen an, wenn sie sich mit dem Regime zu sehr arrangierten. Aber er war auch der Erste, der nach der Wende die Hand zur Versöhnung ausstreckte und in Russland der orthodoxen Kirche half, die geistigen Folgen der Verfolgung zu überwinden.

 

Werenfrieds Freundschaft mit Bekennern wie dem lettischen Bischof Boleslaus Sloskans oder dem ukrainischen Großerzbischof Josyf Slipyj und seine Gespräche mit ihnen trugen dazu bei, denn diese ehemals Verfolgten hatten in Kerker und Lager Beispiele der Bekehrung von Verfolgern erlebt.

Pater Werenfried und der ukrainische Großerzbischof Josyf Slipyj 1974 in Rom.
Nicht alle wurden gleich vom Saulus zum Paulus. Aber es gab Gefängnisdirektoren wie jenen auf den berüchtigten Solowki-Inseln, der persönlich vor der Türe wachte, damit die inhaftierten Priester ungestört beten konnten. Der litauische Bischof Teofilius Matulionis dankte einmal einem russischen Untersuchungsrichter für dessen undankbare Arbeit. Der Untersuchungsrichter glaubte zunächst, er werde verhöhnt, dann fühlte er sich beschämt und gab dem ausgehungerten Verfolgten eine Schnitte Brot.

 

Der heilige Paulus erlebte seine Bekehrung als „Damaskus-Erlebnis“, weil ihn der Herr vor den Toren von Damaskus anrührte, wo Saulus die Jünger Jesu verfolgen wollte. Die Apostelgeschichte berichtet dreimal über dieses „Damaskus-Erlebnis“. Den ersten Bericht gibt der Evangelist Lukas als Autor der Apostelgeschichte (9,1-19).

 

Im Kapitel 22,4-21 berichtet Paulus selber in seiner Rede im Tempelvorhof über seine Bekehrung und noch einmal (26,9-18) in Cäsarea, als er dem Statthalter Festus und König Agrippa vorgeführt wurde. Der heilige Paulus erwähnt seine Berufung zum Apostel auch in seinen Briefen an die Galater und an die Korinther.

Papstbasilika St. Paul vor den Mauern. in Rom. Sie gilt als Grablege des heiligen Paulus.
Auch heute gibt es Verfolgungen in vielen Teilen der Welt, wie sie Jesus seinen Jüngern voraussagte. Seien wir uns dessen bewusst, dass sich auch heute Verfolger bekehren können und beten wir um diese Gnade für die Verfolger.

 

Prof. Dr. Rudolf Grulich

Mehr Informationen:

Institut für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien (Prof. Grulich)

Buch „Die Kirche in der Türkei“ von Rudolf Grulich bestellen

Mehr über das Christentum in der Türkei 

Die Welt kennt ihn als einen großen Missionar und Bischof von Philadelphia. Weniger bekannt sind seine Wurzeln. Am 28. März 1811 wurde Johann Nepomuk Neumann in Prachatitz (Prachatice) im Böhmerwald geboren, 1963 wurde er selig-, 1977 heiliggesprochen. Sein Gedenktag ist der 5. Januar.

 

Der Vater des Heiligen war von Beruf Strumpfwirker und erst 1802 aus dem unterfränkischen Obernburg am Main ausgewandert. Er hatte sich in Prachatitz, etwa 45 Kilometer westlich von Budweis, niedergelassen. Johann Nepomuk war das vierte von sieben Kindern.

Statue des hl. Johann Nepomuk Neumann in Prachatitz
Er besuchte von 1818 bis 1823 die Elementarschule seiner Vaterstadt, ehe er auf das von Piaristen geleitete Gymnasium nach Budweis kam. In seinem “Lebenslauf”, den er am Tag vor seiner Bischofsweihe aufschrieb, berichtete er, wie josefinisch geprägt seine Studienzeit war – auf dem Gymnasium ebenso wie in der Philosophie, wo auf dem Budweiser Lyzeum Zisterzienser des Stiftes Hohenfurt seine Lehrer waren.

 

Während seines Theologiestudiums in Prag wurde er mit Schriften der Leopoldinen-Stiftung in Wien bekannt. Diese Stiftung war der älteste Missionsverein im deutschsprachigen Raum, benannt nach der Prinzessin Leopoldine, die als Frau des brasilianischen Kaisers Pedro I. starb. So reifte sein Entschluss, nach Nordamerika zu gehen.

Auch eine Straße ist in Prachatitz nach dem Heiligen benannt.
Weil die Diözese Budweis damals aufgrund von Priesterüberschuss keine Neupriester brauchte, wurde Neumann nach Abschluss seiner Studien nicht zur Priesterweihe zugelassen. So nahm er am 11. Februar 1836 Abschied von der Heimat und reiste zu Fuß nach Frankreich, um am 20. April von Le Havre aus nach New York zu segeln. Die Leopoldinenstiftung bezahlte ihm die Reise, denn in Nordamerika suchte man Priester für die deutschen Auswanderer. Am Fronleichnamstag 1836, am 2. Juni, geht Neumann in New York an Land; am 24. Juni wird er zum Diakon und einen Tag später von Bischof John Dubois zum Priester geweiht.

 

In der Wildnis bei Buffalo am Eriesee (US-Bundesstaat New York) beginnt er unter Einwanderern und Indianern seine priesterliche Tätigkeit, über die wir durch Briefe in die Heimat gut unterrichtet sind. Armut, Mühe und Enttäuschung bestimmen sein Leben im Gebiet der Niagarafälle. 1839 kommt sein Bruder Wenzel nach.

Im November 1840 tritt Johann Neumann bei den Redemptoristen ein, sein Bruder Wenzel folgt ihm als Ordensbruder. In seinem Lebenslauf schreibt Johann Neumann: “Ich selbst war nie ein rechter Novize, denn als ich in unsere liebe Kongregation eintrat, gab es noch keinen Novizenmeister und kein Noviziat in Amerika. Aber ich habe desungeachtet viele Erfahrungen gemacht und viele Versuchungen kennen gelernt, mit denen der alte Feind die Rekruten des hl. Alfonsus heimsucht.”

“Passio Christi Conforta Me – Leiden Christi, stärke mich!”, war der Wahlspruch für sein Bischofswappen.
Die Chronik des Noviziates vermerkt: “Dieser erste Novize unserer amerikanischen Provinz genoss nicht den regelmäßigen Unterricht und die sorgfältige Leitung eines geordneten Noviziates, dennoch ward er sogleich mit den Arbeiten reifer Ordensmänner betraut, und zeichnete sich aus durch treue Beobachtung der Ordensregeln, durch Liebe zur Kongregation und durch große Tugenden.”

 

Video von der Heiligsprechung Johann Nepomuk Neumanns:

Seine erste Pfarrstelle nach dem Ablegen der Gelübde war die Seelsorge an der Alfonsus-Kirche in Baltimore (US-Bundesstaat Maryland), wo es damals 4000 deutsche Katholiken gab. Bald wurde er Stellvertreter des Provinzials; er betreute die Armen Schulschwestern Unserer Lieben Frau, die von München nach Nordamerika gekommen waren und die ihn heute “als unseren Gründer in Amerika verehren”.

Pater Neumann ließ Kirchen bauen und Schulen gründen, er predigte und hörte Beichte in sieben Sprachen. Er schrieb einen deutschen “Kleinen Katechismus”, der 30 Auflagen erlebte, ein größerer englischer wurde 18-mal nachgedruckt.

Die dreisprachige Gedenktafel und ein Bild von Johann Neumann an seinem Geburtshaus. Er war der erste Heilige des nordamerikanischen Kontinents.
An seinem 41. Geburtstag, am Passionssonntag 1852, wurde er zum Bischof von Philadelphia geweiht. Als Wahlspruch für sein Bischofswappen wählte er “Leiden Christi, stärke mich!”

Als Schulbischof, der 100 Pfarrschulen gründete, ging Neumann in die Geschichte des amerikanischen Katholizismus ein. Er ließ 50 Kirchen bauen, gründete eine franziskanische Schwesterngemeinschaft und hielt Diözesansynoden.

Im Alter von 49 Jahren brach er gesundheitlich zusammen und starb am 5. Januar 1860. Sein Begräbnis war die größte Feier, die Philadelphia bis dahin erlebt hatte, so zahlreich waren die Menschen gekommen. Seine Bedeutung für die katholische Kirche in Nordamerika kann kaum überschätzt werden.

Prof. Dr. Rudolf Grulich und die Oberin der Borromäerinnen, die im Geburtshaus des heiligen Johann Neumann ein kleines Kloster betreuen.
Schon 1886 wurden in Budweis und Philadelphia, 1895 in Rom der Seligsprechungsprozess eingeleitet. 1963 erfolgte die Selig- und 1977 die Heiligsprechung. An ihr nahmen meist Sudetendeutsche und Amerikaner, aber nur wenige Exiltschechen teil, da in Böhmen Kirchenverfolgung herrschte.

Erst seit der Wende 1990 ist auch in Prachatitz Bischof Johann Neumann kein Unbekannter mehr: Die deutschen Bewohner waren dort nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben worden, die Neuansiedler wussten kaum etwas von dem großen Sohn der Stadt.

Heute erinnert am Geburtshaus in der Neumann-Straße eine Gedenktafel an ihn. Das Haus hatte die ältere Schwester des Bischofs geerbt, die bei den Borromäerinnen eintrat. Das Geburtshaus wurde ein kleines Kloster, das heute wieder von diesem Orden betreut wird. Zum 40. Jahrestag der Heiligsprechung Neumanns eröffnete die Kongregation der Schwestern der Barmherzigkeit in Zusammenarbeit mit der Stadt und den römisch-katholischen Pfarreien von Prachatice 2017 auch eine Galerie im Neumanneum

Prof. Dr. Rudolf Grulich

Das Geburtshaus, auch Neumanaeum genannt.

- Hl. Papst Johannes Paul II. (als Kardinal)

Lieder zu seinen Ehren:

Im sudetendeutschen Beiheft zum Gotteslob gibt es Lieder zu seinen Ehren, die seit der Selig- und Heiligsprechung gesungen werden. Schon bei der Seligsprechung wurde erstmals in Rom auf die Melodie des Liedes “Ihr Freunde Gottes allzugleich” das folgende Lied zu Ehren des neuen Seligen gesungen:

1. Johannes, unser Schutzpatron
des schönen Böhmerwaldes Sohn,
Du liebtest Deine Heimat tief,
als Gott Dich in die Ferne rief.
Hilf allen, die vom Heimatland,
vertrieben sind durch Menschenhand,
halt sie in Gottes Gnadenstand.

2. Gott rief Dich in sein weites Feld
du hast Dich ihm bereitgestellt,
Du hast Dein Leben nicht geschont,
er hat Dich überreich belohnt.
Hilf uns, dass wir dem Ruf des Herrn
nachgehen überall und gern,
stets helfen, Gottes Reich zu mehrn.

3. Du warst zum Dienst des Herrn bereit,
hast keine Schwierigkeit gescheut,
des Herrn Joch trugst Du mit Mut,
Du hieltst wach des Herzens Glut.
Hilf dass in jedem Volk und Land
all, die Gott ruft zum Priesterstand,
sich überlassen seiner Hand.

4. Du sahst der jungen Seelen Not
und brachst für sie das heilge Brot,
hast ihnen Schulen aufgebaut
sie Gottes Liebe anvertraut.
Hilf, dass wir alle sind bereit,
den Weg zu weisen jederzeit
der Jugend in die Heiligkeit.

5. Drum bitt für uns, der Du dem Herrn
gedient bis an Dein Ende gern,
dass wir auch jeden Tag aufs neu
ihm dienen fromm in heilger Treu.
Hilf uns aus Deiner Herrlichkeit
beim Kampf in dieser Erdenzeit,
blieb bei uns stets zum Weggeleit.

Ein Jahr nach seiner Heiligsprechung sang man bei der traditionellen Vertriebenenwallfahrt auf dem Schönenberg bei Ellwangen bereits weitere Strophen. Oft wird seitdem das alte Lied von Friedrich von Spee “Ihr Freunde Gottes” mit den klassischen ersten Strophen gesungen und werden folgende angefügt:

Dem Dienste Christe ganz geweiht,
Johannes Neumann war bereit,
zu ziehn aus Böhmens Landen fort.
Bedrängten bringt er Gottes Wort.
Hilf uns in diesem Erdental …

Du Mann, der nicht zur Ruhe kam,
bis alles preise Gottes Nam,
erfleh auch uns in dieser Zeit
des Glaubens Licht und Einigkeit.
Hilf uns in diesem Erdental …

Ein Lied zur Seligsprechung stammt vom verstorbenen sudetendeutschen Dichter und Publizisten Franz Lorenz. Er war oft als Referent bei Veranstaltungen in Königstein im Taunus und ein Verehrer von Pater Werenfried van Straaten, den Gründer von KIRCHE IN NOT.

Gott rief Dich aus dem Böhmerwald,
Apostel Du der “Neuen Welt”!
Du gabst dein Herz ohn Vorbehalt,
dem armen Volk zum Heil bestellt.
Auf Urwaldwegen brachtest Du
Verlorenen des Glaubens Licht,
den Unrastvollen Rat und Ruh,
der Liebe Werk in Nächstenpflicht.
Als demutsvollen Ordensmann
hat Gott zum Bischof Dich erwählt;
dich schreckte nicht der Großstadt Bann,
das Herz in großer Tat gestählt.
Als Hirt nahmst Du in treuer Hut
ein neues Volk, der Hoffnung voll;
Du schenktest ihm als höchstes Gut
der Schule Geist, des Lebens Soll.
Amerika und Böhmerwald ?
wir stehn in deiner Liebe Schuld ?
die Heimat neu, die Heimat alt,
erbitt von Gott uns Heil und Huld.

Zum 40. Jahrestag der Erhebung der heiligen Cyrill und Method zu Europapatronen am 31.12. 1980 bietet die Päpstliche Stiftung „Kirche in Not“ eine Ausgabe seiner Informationsreihe Glaubens-Kompass über die bedeutenden Missionare an. In dem zehnseitigen Faltblatt wird das Leben und Wirken der Slawenapostel Cyrill und Method ausführlich beschrieben.
Titelbild des Glaubens-Kompass über Cyrill und Method.
Die beiden Missionare gelten als große verbindende Gestalten zwischen Ost und West. Papst Johannes Paul II. prägte bei der Erhebung der Brüder ein bedeutendes Wort: Auf „beiden Lungenflügeln“ müsse das christliche Europa atmen – dem lateinisch-römischen und dem slawisch-byzantinischen. Damit setzte er ein bedeutendes Zeichen an die Völker hinter dem damaligen Eisernen Vorhang. Heute werden die Europapatrone Cyrill und Method von der orthodoxen und der katholischen Kirche gemeinsam verehrt.

 

Das Faltblatt mit dem Titel „Cyrill und Method – Patrone Europas“ im Format DIN A6 kann unentgeltlich bestellt werden bei:
„Kirche in Not“
Lorenzonistraße 62
81545 München
Telefon: 089 – 6424888-0 oder unter:
https://www.kirche-in-not.de/shop/glaubens-kompass-cyrill-und-method/

- Hl. Johannes Paul II. (Papst von 1978 - 2005)

Weitere Informationen

Kardinal Leo Scheffczyk (1920-2005) war nach dem Zweiten Weltkrieg Subregens an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Königstein im Taunus, vollendete dort im Jahr 1950 seine Doktorarbeit in Kirchengeschichte und wirkte an dieser Priesterausbildungsstätte von 1952 bis 1959 als akademischer Lehrer. Aus der  Königsteiner Hochschule gingen in den Jahren von 1946/47 bis 1977/78 insgesamt 420 Priester aus den Reihen der Heimatvertriebenen hervor. Dort lernte er auch Werenfried van Straaten kennen, den Gründer von KIRCHE IN NOT.

 

Bei einem Gedenkgottesdienst für Pater Werenfried van Straaten am 3. Mai 2003 in der Kirche St. Margaret in München predigte Kardinal Leo Scheffczyk vor einigen hundert Gläubigen über „Das Vermächtnis Pater Werenfrieds“. Der Kardinal, der den am 31. Januar 2003 verstorbenen Gründer von „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“ seit 1948 kannte, machte drei Grundpfeiler im Leben und Werk des „Speckpaters“ aus: Christus, die Kirche und Maria. Wir veröffentlichen nachstehend Auszüge aus der Predigt:

Leo Kardinal Scheffczyk (1920-2005). © Leo-Scheffczyk-Zentrum Bregenz
Wir möchten vor allem Pater Werenfried selbst sprechen lassen, in den Worten seiner Predigt. Wenn er zu uns spricht, so hat das den Charakter seines Vermächtnisses an uns. Das heißt dann auch, dass wir uns von ihm belehren lassen und zwar über die Grundpfeiler seines Lebens und seines Werkes.

 

Er hat Christus in unsere Zeit geholt

Der erste dieser Grundpfeiler, auf dem er sein Leben und sein Werk aufbaute, war Christus selbst. Eines seiner charakteristischen Worte über Christus lautete: „Christus weigert sich, der Vergangenheit anzugehören. Er will mehr sein, als eine Schattenfigur aus Parabeln von vor zweitausend Jahren. Er will unser Zeitgenosse sein.“ Wenn man deshalb eine besondere Ader seines Lebens und Wirkens treffen will, darf man sagen: Er hat Christus in unsere Gegenwart, in unsere Zeit hineingeholt. Das geschah zuallererst durch seinen unerschütterlichen Christusglauben.

 

Pater Werenfried lebte und wirkte in dieser unserer modernen Zeit, in welcher der Christusglaube bei den Menschen von Zweifeln angenagt ist. Man möchte heute gerade noch an Christi menschlicher Vorbildhaftigkeit festhalten, ihn als den frommen Mann von Nazareth anerkennen, aber man möchte nicht mehr an seiner Gottheit und an seine leibhafte Auferstehung glauben. Darum sagt man in einem spöttischen Wort: Die Krippe war leer (nämlich leer von einem Gottessohn), und das Grab war voll (nämlich voll von einem verwesten Leichnam).

Pater Werenfried im Gebet während seines Fatima-Besuchs 1997.
Aber Pater Werenfried ahnte und wusste, dass ein solcher rein menschlicher Christus die Zeiten nie überdauern könnte und dass er der modernen Zeit niemals Heil und Leben bringen könnte. An einen menschlichen Christus kann man sich, wie an einen großen Mann, erinnern, man kann ihn aber nicht wirklich in die Zeit hineinholen. Das geht nur, wenn er als der Ewige, der Gottgleiche, über aller Zeit steht und jede einzelne Zeit durchdringt. Nur vom Gottmenschen, vom Christus des Glaubens, kann der Mensch so beeindruckt, so mit Kraft ausgestattet werden, dass er die Gesinnung Christi annimmt und sein Werk der Liebe und Hingabe an den erlösungsbedürftigen Menschen weiterführt, wie es Pater Werenfried getan hat.

 

Der Christus des Glaubens war ihm eine so lebendige gegenwärtige Wirklichkeit, das er ihn besonders in den Armen, den Notleidenden und den Gepeinigten wiedererkannte. Es ist das keine leichte Identifizierung, die Christus als Weltenrichter von uns verlangt, wenn er fordert, ihn in den Hungrigen und Durstigen zu erkennen und ihm im Gefangenen zu begegnen. Wem das aber gelingt, der holt Christus wirklich in die Zeit hinein und verwirklicht das in der Gegenwart, was Christus seinen Jüngern beim Endgericht verkünden wird: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Nur aus dem Geist einer solchen lebendigen Christusbegegnung in der Gegenwart, nur aus seiner wahren Vergegenwärtigung in der Zeit und im Nächsten konnte das Werk Pater Werenfrieds entstehen und wachsen.

Pater Werenfried bei seinem Zaire-Besuch 1965,
Vom Geheimnis der Kirche geprägt

Freilich bleibt auch wahr: Kein noch so gläubiger Mensch vermag Christus in eigener Kraft und Phantasie aus der Ferne von zweitausend Jahren in die Zeit hineinzuholen und ihn als den wirklichen originalen Christus gegenwärtig zu setzen. Das haben ja die Historiker der liberalen Leben-Jesu-Forschung immer wieder versucht und haben dabei den originalen Jesus immer verfehlt. Es bedarf für den einzelnen einer Führung, einer Leitinstanz, eines verbindenden Organismus, um den originalen Christus in der Gegenwart ausmachen zu können. Dieser Organismus ist allein die Kirche Jesu Christi. Das Geheimnis der Kirche aber war der zweite Pfeiler, auf dem Pater Werenfried sein Leben gründete und sein Werk aufbaute.

 

Aus seinen Jugendjahren wissen wir, dass er sich mit Gedanken stürmischer politischer und kirchlicher Reform trug. Aber er durchschaute bald das Oberflächliche und Vordergründige äußerer Reformen, die mit technischen Mitteln an der äußeren Gestalt der Kirche etwas zu ändern suchen, wobei es ihnen meistens nur um Machtverschiebungen und Machtverteilung geht. Der Christusglaube aber und ein gesunder menschlicher Instinkt führten ihn von früh an zur Erkenntnis, dass die wahrhafte revolutionäre Reform der Kirche sich nur im Innern, nur in der Liebe vollziehen kann und zwar in der Liebe zur Kirche. Von ihr sprach er einmal in deutlicher Anspielung auf die modernistischen Rebellen: „Die Kirche ist größer als ein Lehrstuhl eines berühmten Theologen oder als eine Handvoll geistlicher Rebellen und falscher Propheten, die vorläufig noch die Medien beherrschen. Sie überschreitet die Grenzen der Erde und entnimmt ihre unverwüstliche Lebenskraft dem erstandenen Christus.“

Pater Werenfried bei einer heiligen Messe in Waldkappel 1978.
Was ihn nächst Christus vor allem anzog, war das Geheimnis der Kirche. Deshalb nannte er sein Werk auch „Kirche in Not“ und nicht etwa „Völker oder Menschen in Not“, was äußerlich auch zutreffend gewesen wäre, aber den inneren Sinn verfehlt hätte; denn dieser Sinn war auf die Kirche als den Leib Christi gerichtet, der für Pater Werenfried aus der Fülle der von Glaube und Liebe erfüllten Glieder Christi bestand, zu denen potentiell alle Menschen gehörten. Die Kirche aber als der Gemeinschaft der an Christus Glaubenden und ihn Liebenden war für ihn Inhalt und Gegenstand seines Wirkens, vor allem in ihren leidenden Gliedern, zumal in den Verfolgten und in den Märtyrern.

 

Er war stets davon überzeugt, dass in diesen notleidenden Gliedern die höchsten Potenzen für das gottgefällige, wahre Leben des mystischen Leibes niedergelegt waren. Aus dieser Angleichung an den Geist der Armut und des Martyriums im Leibe Christi erwuchsen seinem Werk jene tiefen religiös-mystischen Impulse, die es himmelhoch abheben von einer humanistischen Sozialarbeit, in der sich christliche Caritas von sozialistischer Wohlfahrt nicht mehr unterscheidet.

Am 21. Februar 2001 wurde Leo Scheffczyk von Papst Johannes Pail II. in den Kardinalsrang erhoben. © Leo-Scheffczyk-Zentrum Bregenz
Pater Werenfried war sich des wesentlichen Unterschiedes stets bewusst. Aus dem Glauben an den Leib Christi, in dem die Glieder füreinander da sind, sich miteinander freuen und miteinander leiden erwuchs ihm die Kraft, ein weltweites Netz der Liebe aufzubauen, ein Abbild des Gottesreiches auf Erden, in dem Wahrheit, Liebe und der Geist Christi herrschen. So war sein Werk immer vom Geheimnis der Kirche und ihrer Ausrichtung auf den Menschen geprägt, der auch in seinem Elend noch die Hoheitszeichen Gottes an sich trägt.

 

Über sein Vermächtnis wachen

Was aber die kirchliche Prägung ausmachte, war nicht der Geist einer mächtigen Organisation, einer weitverästelten Institution oder eines seelenlosen Apparates, sondern es war die Haltung demütigen Dienstes, liebender Hingabe und warmherziger Menschlichkeit. Dieser charakteristische Zug aber kommt dem katholischen Glauben und Leben von Maria her, der mütterlichen und liebenswürdigen Mittlerin der Gnade und der Wegbereiterin zu Christus. Darum war Maria, die Mutter der Kirche, die dritte große Säule in Leben und Werk Pater Werenfrieds. Auch dafür gibt es viele Zeugnisse aus seinen Predigten. In einem seiner treffenden Worte über Maria führte er aus: „Je dunkler die Nacht über die Welt herabzieht, umso heller erstrahlt das Licht Mariens, das Suchenden und Verirrten den Weg weist.“

Die Ikone „Selige Jungfrau Maria, Schmerzensmutter und Trösterin der Syrer“ wurde von KIRCHE IN NOT auf eine „Pilgerreise“ durch Syrien geschickt. Innige Marienverehrung war ein Wesensmerkmal, das Leo Scheffczyk und Pater Werenfried verband.
In seiner Arbeit wie in seinem Wirken an den Menschen hat er dieses Licht Mariens über den Schächten der Dunkelheit oft erfahren. Zuletzt hat er noch im Jahre 1999 in Rom in der Peterskirche nach einem Besuch des Heiligen Vaters sein und seiner Freunde Werk Maria geweiht mit den Worten: „Mutter der Kirche, unser Werk gehört dir seit den Anfängen. Gib, dass wir mit schöpferischer Treue das Charisma unseres Ursprungs leben.“

 

Als Priester, der das, was er verkündete, auch lebte, hat er der Mutter Christi und der Mutter der Menschen sein ganzes Leben und auch sein Sterben anempfohlen. Das zeigt seine Bitte: „Gib, Mutter, wenn wir durch das Tor des Todes gegangen sind und vor :dem Richterstuhl deines Sohnes stehen, dass wir dich dort finden mit einem Lächeln in deinen Augen und ruhig sagen dürfen: Grüß dich, Mutter.“ Wir dürfen gewiss sein, dass Maria ihm und seinem Lebenswerk diesen Gruß erwidern wird. Uns aber bleibt aufgetragen, über sein Vermächtnis zu wachen und es wie er auf die drei Pfeiler aufzubauen: Christus, Kirche und Maria.

Weitere Informationen

Als im Herbst 2020 Deutschland den 30. Jahrestag seiner Wiedervereinigung feierte, wurde in manchen Rückblenden auch die Rolle Polens gewürdigt. „Der Weg zur Wiedervereinigung begann mit der Wahl Karol Wojtyłas zum Papst und der Gründung von Solidarnosc“, sagte etwa Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet. Aber auch der Jahrhundertpapst Johannes Paul II. bedurfte engagierter und mutiger Mitarbeiter. Einer von ihnen war Pfarrer Józef Gorzelany, der zusammen mit seiner Gemeinde das Wunder des Kirchenbaus von Nowa Huta vollbrachte. – Ein Beitrag von Volker Niggewöhner (KIRCHE IN NOT).
Józef Gorzelany, von 1965 bis 1986 Pfarrer in Nowa Huta.
Als die Kommunisten nach dem Zweiten Weltkrieg in Polen die Macht Stück für Stück an sich rissen, setzte auch in einem der katholischsten Länder der Welt der Kampf gegen Religion und Kirche ein. Zwar konnte die Kirchenverfolgung hier wegen der Frömmigkeit der Bevölkerung und ihrer Treue zum Papst weniger offen erfolgen wie in anderen Ländern hinter dem Eisernen Vorhang. Aber die Regierungen der autoritären Volksrepublik Polen versuchten durch zahlreiche Umerziehungsmaßnahmen, die katholischen Polen von ihrem Glauben zu entfremden.

 

Stadt ohne Gott

Dazu zählten auch städtebauliche Maßnahmen. In Nowa Huta („Neue Hütte“), heute ein Stadtteil von Krakau, sollte ab 1947 ein „Arbeiterparadies“, eine Trabantenstadt im Stile des „sozialistischen Klassizismus“ für bis zu 200.000 Bewohner entstehen. Man scheute in dieser Hinsicht weder Kosten noch Mühen: Die besten Architekten wurden beauftragt; Kinos, Theater und andere Vergnügungsstätten entstanden. Nowa Huta war als „Stadt ohne Gott“ geplant: Es sollte keine Kirche geben, ja nicht einmal ein Kreuz.

Frauen und Männer beim Bau der Kirche in Nowa Huta.
Dennoch gründete sich bereits 1952 eine Pfarrgemeinde in Nowa Huta, die 1957 – ermutigt durch eine Lockerung der Religionspolitik – an der Stelle der späteren Kirche erstmals ein Kreuz errichtete. Immer wieder jedoch ließen die staatlichen Behörden das Kreuz entfernen, manchmal durch betrunkene Arbeiter, die man dafür bezahlt hatte. Doch unermüdlich richteten es Anwohner und Gemeindemitglieder wieder auf. Es kam zu gewalttätigen Übergriffen der Polizei- und Militärkräfte, die Todesopfer forderten. Trotz der Gewalt trafen sich immer wieder tausende Gläubige an dem Kreuz, um zu beten und Lieder wie dieses zu singen: „Wir wollen Gott, wir werden unterdrückt. Er ist unser König. Er ist unser Herr.“ Zwar konnten die Katholiken von Nowa Huta nicht die Forderung nach dem Bau einer Kirche durchsetzen, aber fortan duldete das Regime das Kreuz, das zum Symbol der Hoffnung wurde.

 

Kampf um Kreuz und Kirche

1964 wurde Weihbischof Karol Wojtyła, der spätere Papst Johannes Paul II., zum Erzbischof von Krakau ernannt. Der junge, tatkräftige Oberhirte scheute die Konfrontation mit dem kommunistischen Regime in Polen nicht. Besonders der geplante Kirchenbau in Nowa Huta wurde ihm zu einem Herzensanliegen. Bereits als Weihbischof hatte er mäßigend auf die gespannte Situation einwirken können. Als Erzbischof feierte er in der Folgezeit trotz Widerstands der Behörden an der Stelle des Kreuzes wiederholt die Heilige Messe im Freien. Es gelang ihm, im Ausland Aufmerksamkeit für das Projekt zu erregen und 1965 eine Baugenehmigung der staatlichen Behörden für die Kirche zu erwirken. 1967 segnete der kurz zuvor zum Kardinal ernannte Wojtyła den Bauplatz, am 18. Mai 1969 fand die Grundsteinlegung statt.

Karol Kardinal Wojtyła besichtigt den Bauplatz in Nowa Huta.
Ein weiterer Meilenstein für den Bau der Kirche war 1965 die Ernennung von Józef Gorzelany zum neuen Pfarrer der Gemeinde von Nowa Huta. Gorzelany wurde als Seelsorger und Bauherr zur treibenden Kraft des Kirchbaus und erwies sich als gleichermaßen tatkräftig und flexibel. Es gelang ihm nach zähen Verhandlungen im Auftrag des Erzbischofs, die Baugenehmigung zu erhalten. Zusammen mit dem Architekten Wojciech Pietrzyk entwickelte er die Idee der Kirche: Sie erinnert durch ihre Form und eine Ansammlung von symbolischen Elementen an die biblische Arche Noahs. Die Bezeichnung „Arche des Herrn“ sollte den symbolischen Sieg der Gläubigen von Nowa Huta über die rote Sintflut des totalitären Regimes der Volksrepublik Polen verdeutlichen und wurde so ein von Jedem verstandenes Symbol der Rettung und des Schutzes vor dem Unglauben und der geplanten Atheisierung der Gesellschaft.

 

Ein Gebetssturm über Nowa Huta

Die Kirche wurde buchstäblich mit bloßen Händen und Schubkarren erbaut; die Arbeiter – Männer wie Frauen – leisteten Übermenschliches. Da die Behörden den staatlichen Unternehmen verboten hatten, Kräne zu verleihen und Baumaterial an Pfarrer Gorzelany und seine Helfer zu verkaufen, musste alles selbst beschafft werden, zumeist aus dem Ausland. Die bis zu 20 Meter hohen Mauern mussten mit den Händen errichtet werden. Der Beton wurde von Hand zu Hand nach oben geschaufelt, Spaten für Spaten. Nach ihrer Arbeit in den Fabriken kamen tausende Menschen und arbeiteten an ihrer Kirche, selbstverständlich ohne Bezahlung. Die Arbeiten an der Kirche gingen Tag und Nacht weiter, jahrelang.

 

Doch nicht nur als Organisator, auch als Seelsorger leistete Gorzelany Großartiges für seine rund 100.000 Gläubige zählende Gemeinde. Zusammen mit 15 Kaplänen, zehn Ordensfrauen und fünf Laienbrüdern wurde das Feuer des Glaubens in Nowa Huta entfacht. Jeder Kaplan gab wöchentlich 25 Stunden Religionsunterricht in einfachen Holzbaracken, weil Priester zu den Schulen keinen Zugang hatten. Jeden Morgen wurde auf dem Baugelände von 6 bis 9 Uhr ununterbrochen Gottesdienst gefeiert, hinzu kam eine gut besuchte Abendmesse um 18 Uhr. Jeder, ob Ingenieur, Architekt, Polier oder Bauarbeiter, kniete auf dem Weg zur Arbeit zu einem kurzen Gebet vor dem Tabernakel auf dem Bauplatz nieder.

Der Primas von Polen, Kardinal Stefan Wyszyński, Kardinal Wojtyła und Pfarrer Gorzelany.
Es war ein Gebetssturm, der über Nowa Huta hinwegfegte und den Himmel bestürmte. Zu den Mitternachtsmessen an Weihnachten, die bei jeder Witterung im Freien stattfanden, kamen 50.000 Gläubige, eine fast gleich große Anzahl fand sich bei den Fronleichnamsprozessionen zusammen. Während der letzten Tage vor Ostern wechselten sich 50 Priester Tag und Nacht ab, um Beichte zu hören. Im Jahr 1975 zählte man 15.000 Kinder 35.000 Erwachsene bei der Osterbeichte. Ein Besucher aus dem Westen berichtete damals: „Einen solchen Glauben haben wir noch nirgends gefunden.“
Betende Kommunionkinder vor der Kirche von Nowa Huta.

Hilfe aus dem Ausland

Hinzu kam, dass Erzbischof Wojtyla und Pfarrer Gorzelany wichtige Fürsprecher und Helfer im Ausland hatten. Dazu zählten neben vielen anderen Franz Kardinal König von Wien, der einige Hebekräne und Betonmischer schickte, und Papst Paul VI., der bei einer Audienz mit Kardinal Wojtyła und Pfarrer Gorzelany (s. Foto) außer Geld auch einen Stein vom Grab des Apostels Petrus für die Grundsteinlegung übergab. Die große Orgel war auf Veranlassung von Bischof Dr. Josef Stimpfle ein Geschenk des Bistums Augsburg. Bischof Stimpfle war auch Gast der Orgelweihe.

Der große Herold im Westen für die Hilfsaktion war jedoch Pater Werenfried van Straaten, der Gründer von KIRCHE IN NOT, mit seinem Hilfswerk, das damals noch „Ostpriesterhilfe“ hieß. Pfarrer Gorzelany erinnert sich: „Alle Spenden der Menschen im Westen für den Bau der Kirche wurden durch KIRCHE IN NOT gesammelt.“ (Am Ende des Jahres 1976 sollten es bereits eine Viertelmillion US-Dollar sein.) Pater Werenfried schrieb an seine Wohltäter: „Eure Liebe wurde zu Zement, der euch unverbrüchlich mit denen verbindet, die um Jesu willen Verfolgung und Unrecht leiden.“ Somit wurde Nowa Huta auch zum Zeichen einer grenzüberschreitenden, katholischen Solidarität der Weltkirche.

Papst Paul VI. überreicht den Grundstein für die Kirche von Nowa Huta an Kardinal Wojtyła und Pfarrer Gorzelany.

„Ohne Kreuz kann kein menschliches Leben aufgebaut werden“

 

Am 15. Mai 1977 konnte Kardinal Wojtyła schließlich die Schiffskirche auf das Patrozinium der Mutter Gottes, der Königin von Polen, weihen. Es regnete in Strömen, trotzdem kamen mehr als 70.000 Menschen. In seiner Predigt während der heiligen Messe, der auch Vertreter aus dem Ausland beiwohnten, sagte der Kardinal: „Wenn man das Kreuz aus der Seele entfernt, baut man nicht menschliches Leben auf, sondern zerstört es. Man nimmt dem Menschen den letzten Halt. Das tut man nicht ungestraft. Dafür zahlt man mit dem Verfall der Moral, mit der Zunahme der Morde auf das ungeborene Leben, mit einem steigenden Index zerrütteter Ehen und Familien, mit immer größer werdender Trunksucht und Arbeitsunwilligkeit. Ohne das Kreuz kann kein menschliches Leben aufgebaut und die Moral eines fortschrittlichen Volkes nicht gerettet werden. Man kann keine junge Generation erziehen, wenn sie nicht den Wert des Opfers, der Selbstüberwindung, des Altruismus und des Verzichtens kennenlernt. Daher fordern wir Daseinsrecht für das Kreuz in unserem Vaterland in der Gewissheit, dass mit dem Kreuz nicht nur das Leiden Christi, sondern auch die Erlösung Christi für Mensch, Familie, Volk und für die ganze Menschheit verbunden ist“.

Menschenmassen bei der Konsekration der Kirche von Nowa Huta am 15. Mai 1977.

Nowa Huta als „Übungsplatz“ für die Wende im Osten

Ein Jahr später wurde Kardinal Wojtyła zum Papst gewählt. Zwar durfte er die Schiffskirche während seiner ersten Polenreise 1979 nicht besuchen, wohl aber das Kloster Mogila, das sich in unmittelbarer Nähe befindet. Johannes Paul II. erinnerte in seiner Ansprache an die Entstehung der Kirche: „Man kann das Kreuz nicht von der Arbeit trennen. Man kann Christus nicht von der Arbeit trennen. Das wurde hier in Nowa Huta bewiesen.“ Es waren eindringliche Worte, die auch an die Machthaber gerichtet waren. Auf der gleichen Reise hatte er in Warschau ausgerufen: „Komm, Heiliger Geist, und erneuere das Angesicht dieser Erde!“ Seine Landsleute hatten ihn verstanden. Die bald darauf gegründete polnische Arbeiter- und Freiheitsbewegung Solidarnosc wäre ohne Johannes Paul II. wohl ebenso wenig denkbar gewesen wie der glückliche und weitgehend unblutige Verlauf der politischen Wende in Europa Ende der Achtzigerjahre.

Nowa Huta ist ein Symbol dieser Entwicklung. Der polnische Historiker Antoni Dudek analysiert: Es scheint, dass für Karol Wojtyła Nowa Huta der wichtigste Übungsplatz war, der Kirche in Polen und in allen von Kommunisten beherrschten Ländern Mittel- und Osteuropas wieder einen Platz zu verschaffen.“ Der Aufgabe, den Christen in Polen und anderen Ländern hinter dem Eisernen Vorhang Luft zum Atmen zu verschaffen, hatte sich KIRCHE IN NOT bereits seit Anfang der Fünfziger Jahre verschrieben. Die Hilfe von KIRCHE IN NOT war auch deshalb so effizient, weil Pater Werenfried van Straaten und Karol Wojtyła ein langjähriger, herzlicher Kontakt verband. Das kam noch aus der Zeit, als Wojtyła Kardinal in Krakau war und für die polnische Bischofskonferenz die Unterstützung von KIRCHE IN NOT für die polnischen Katholiken organisierte.

Kardinal Wojtyła bei der Konsekration der Kirche von Nowa Huta.
KIRCHE IN NOT und die Hilfe für Polen

Die Anfänge der Hilfe von „Kirche in Not“ für Polen liegen sogar noch weiter zurück. Bereits 1957 traf Pater Werenfried den polnischen Primas, Stefan Kardinal Wyszyński, in Rom. Dieser bat ihn, die Ausbildung von Seminaristen und den Lebensunterhalt kontemplativer Schwestern in Polen zu unterstützen, da er die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus vor allem als einen geistlichen Kampf betrachtete. Auch die theologischen Ausbildungsstätten, viele im Verborgenen, die Versorgung der Priester in den Gemeinden, Treffen von Laien und kirchlichen Gruppen: All das und noch vieles mehr hat KIRCHE IN NOT in Polen unterstützt.

 

Als 1981 in Polen das Kriegsrecht verhängt wurde und viele Menschen in tiefe Not stürzte hat KIRCHE IN NOT zusammen mit anderen Organisationen die Aktion „Ein Schiff für Polen“ auf die Beine gestellt. Hunderte Tonnen an Lebensmitteln, Sanitärartikel, Kleidung, sogar Nähmaschinen und Messwein wurden seinerzeit nach Polen geschickt. Das war bis dahin die größte karitative Hilfsaktion von KIRCHE IN NOT.

Pater Werenfried van Straaten und Papst Johannes Paul II. (Foto: Lido Santoni).
2004 hat KIRCHE IN NOT eine internationale Wallfahrt von Mitarbeitern und Wohltätern nach Polen veranstaltet, bei der auch eine heilige Messe in der Schiffskirche in Anwesenheit von Józef Gorzelany gefeiert wurde. Die Pilger konnten sich während der Reise ein Bild von der Wiederauferstehung der polnischen Kirche machen und eines der wichtigsten KIRCHE IN NOT-Projekte in der Zeit des Kalten Krieges besuchen, das ein Symbol des Widerstandes, aber auch der Hoffnung bleibt. Gorzelany starb am 7. November 2005 und hat auf dem Rakowicki-Friedhof in Krakau seine letzte Ruhestätte gefunden. Eine der Glocken der „Kirche der Mutter Gottes, der Königin von Polen“ trägt seinen Namen und wird auch in Zukunft an den Baumeister von Nowa Huta erinnern.
KIRCHE IN NOT-Dokumentarfilm über die Kirche von Nowa Huta:

 

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Vor 70 Jahren wurde Aloysius Muench am 28. Oktober 1950 zum Nuntius in Deutschland ernannt. Der US-amerikanische Vatikandiplomat, Sohn der deutschen Einwanderer, hat sich als Leiter der Päpstlichen Mission für die Flüchtlinge in Deutschland große Verdienste in der Seelsorge an den deutschen Heimatvertriebenen erworben.
 
Doch auch für die Geschichte unseres Werkes KIRCHE IN NOT war er von großer Bedeutung. 1950 verhinderte er den Räumungsbefehl der US-amerikanischen Armee für die Königsteiner Kasernen, Königstein blieb somit das Zentrum der deutschen katholischen Heimatvertriebenen und Ausgangspunkt zahlreicher Aktion unseres Gründers Pater Werenfried. Seit 1975 bis heute ist Königstein auch Sitz unserer internationalen Zentrale. – Ein Beitrag des Kirchenhistorikers Rudolf Grulich
Gedenkbild von Alois Muench.

Sudetendeutsche Wurzeln

Im Sommer 1946 hatte er im  Taunusstädtchen Kronberg als amerikanischer Bischof von Fargo in Nord- Dakota und als USD-Militärbischof Quartier in der Gartenstraße bezogen. Der Papst hatte ihm bereits im Februar den Titel eines „Apostolischen Visitators für  Deutschland“ verliehen, um „die Kirche in diesem unglücklichen Land zu visitieren und dem Papst Bericht über seine Eindrücke zu erstatten.“ Es sollte eine vorübergehende Aufgabe von etwa acht Monaten sein. Bischof Muench konnte nicht ahnen, dass er 13 Jahre in Deutschland bleiben würde.

 

Alois Muench wurde am 18. Februar 1889 als ältestes von sieben Kindern in Milwaukee in einer deutschen Familie geboren. Der Vater Joseph war Sudetendeutscher und stammte aus Sankt Katharina im Böhmerwald, die Mutter Theresa Barbara, eine geborene Kraus, war aus Kemnath in der Oberpfalz eingewandert. Die beiden hatten sich als Auswanderer in der Neuen Welt kennen gelernt und nach der Heirat in Milwaukee niedergelassen. Der Vater starb 1936, die Mutter erst 1955. Seine Schulzeit verbrachte Alois Muench ebenso wie sein Theologiestudium in seiner Heimatstadt. Hier war er nach der Priesterweihe 1913 auch als Kaplan tätig, ehe ihn sein Erzbischof 1917 nach Madison schickte, wo er Sozialwissenschaften studierte. Hier arbeitete er während des Zusatzstudiums auch als Studenten- und Krankenhauspfarrer.

Pius XII., Papst von 1939 bis 1958.
1919 erwarb er den akademischen Titel eines Masters of Arts, 1921 in Freiburg in der Schweiz auch den Doktorgrad. Weiteren Studien oblag er in Löwen, Paris und Oxford. Nach Amerika zurückgekehrt, lehrte Alois Muench am heimischen Priesterseminar Dogmatik und Sozialwissenschaften. 1929 wurde er Rektor des Seminars und 1935 Bischof von Fargo in Nord-Dakota.

 

In seiner Diözese baute Muench die Caritas auf und setzte all das in die Praxis um, was er studiert hatte. Er tat es mit deutscher Gründlichkeit, wie die „Catholic Action News“ hervorhob. Als Mitglied der Päpstlichen Kommission für die Katholischen Universitäten Amerikas und der Bischöflichen Kommission für den Frieden unter den Völkern war er in Rom geschätzt, so dass ihm Papst Pius XII. 1946 die geistliche Führung der im besiegten Deutschland stationierten katholischen Soldaten der amerikanischen Armee anvertraute und dazu die schwierige Visitation der katholischen Kirche im zerstörten Nachkriegsdeutschland.

Ein Freund des deutschen Volkes

In einem Transportflugzeug der US-Army reiste Bischof Muench Ende Juni 1946 über die Bermudas, Azoren und Paris nach Rom. Der Papst machte ihm klar, wie sehr er das deutsche Volk liebte, wenn er sagte, „sein Herz blute für dieses leidende Volk“. Mit einer Lastwagenkolonne, die Tonnen von vatikanischen Hilfsgütern überbrachte, fuhr Muench nach Frankfurt.

 

Er fand in Deutschland offene Herzen, denn er kam als Freund des deutschen Volkes. In seinem Fastenhirtenbrief hatte er sich 1946 für eine gerechte Behandlung der ehemaligen Feinde eingesetzt und energisch den Morgenthauplan verurteilt.

Seinen Sitz nahm Bischof Muench in Kronberg, nur wenige Kilometer von Königstein entfernt, wo im gleichen Jahr in den alten Kasernen das Priesterseminar und die Hochschule für die Ost-Vertriebenen entstanden war. Der letzte Rektor des deutschen Priesterseminars in Prag, der spätere Weihbischof Prof. Dr. Adolf Kindermann, war Herz und Motor dieses Vaterhauses der Vertriebenen. Er schrieb nach dem Tode Muenchs:

„Bischof Muench war sehr oft unser Gast in Königstein. Er fehlte auch bei keiner Priestertagung. Immer wieder kam er und brachte jedes Mal eine Aufmerksamkeit für unsere Priester mit. Er war ein Vater der Vertriebenen und Notleidenden. In jenen ersten Jahren unserer Tragödie, da kaum jemand ein Wort für uns einlegen konnte, war es neben dem Papst Pius XII. besonders Bischof Muench, der in seinen Fastenhirtenbriefen an die Gläubigen der Diözese Fargo seine warnende Stimme erhob.“

Sogenannte „Rucksackpriester” wurden von KIRCHE IN NOT motorisiert, um unter den vertriebenen Katholiken in der deutschen Diaspora Seelsorge zu leisten.
In diesen Briefen verurteilte Muench die Vertreibung der Deutschen und nannte das Unrecht beim Namen:

 

„Die Alten und Kranken, die Frauen und Kinder werden in Güterwagen oder in Viehwagen oder in anderen unsauberen und ungenügend sicheren Wagen verladen. So verlässt dieser Elendszug das Land, das ihnen bisher Heimat war, und fährt der deutschen Grenze entgegen. Familien sind auseinandergerissen, deren Glieder sich wahrscheinlich nie wiedersehen. Wieviel Weh erleiden dadurch Tausende und Abertausende von deutschen Flüchtlingen! Nicht genug damit! Nicht selten sind die Wächter, die den Zug begleiten, herzlos und grausam. Sie rauben den Vertriebenen ihre bessere Kleidung, sie ziehen ihnen die Schuhe aus. Die Kranken erhalten so gut wie keine ärztliche Hilfe, weil nur wenig Ärzte und Pflegepersonal den Elendszug begleiten und die Ärzte und Krankenpflegerinnen, die selber ausgewiesen werden, haben keine Medikamente.

„Die Not ist unbeschreiblich“

Das Essen ist schlecht und unzureichend, vielleicht ein bisschen dünne Suppe und ein Stück Brot. Dagegen gibt es Läuse, Flöhe und Wanzen in Mengen. Solche, die auf dem Weg sterben, werden irgendwo an der Bahnlinie begraben, wo der Zug gerade hält. Tausende sind gestorben ohne Priester, ohne Sterbesakramente. Die teuflischen Wachtposten haben ihnen sogar in ihrer Grausamkeit die Rosenkränze und die Gebetbücher und Heiligenbildchen entrissen.

Kinder in einer Vertriebenenbaracke.
Die Priester, die das Los der Ausgewiesenen teilen, besitzen keine Soutane mehr, kein Messgewand, keinen Kelch, kurz, ein einziges der Geräte, die für die Feier der heiligen Messe nötig sind. Wenn dann diese armen Menschen in den Auffanglagern in Deutschland ankommen, sehen sie aus wie wandelnde Leichen, zerlumpt, mit Geschwüren bedeckt. Sie erhalten ärztliche Hilfe. Man bringt sie, wenn nötig in ein Krankenhaus, aber sobald es geht, werden sie weiter transportiert in die verschiedenen Gegenden Deutschlands. In den zugewiesenen Quartieren müssen sie dann die Räume mit Alteingesessenen teilen. Dabei sind sie meist gezwungen, auf dem Lande zu bleiben, denn die Häuser der großen Städte liegen in Trümmern. Darum ist neben der Kleidungs- und Nahrungsnot das Wohnungselend unbeschreiblich.

 

Ob nicht die spätere Geschichte unserem Zeitalter den Anspruch auf Kultur abspricht?“

Man soll sich einmal vorstellen: einunddreißig Millionen Leute strömten aus den angrenzenden Ländern in die Vereinigten Staaten! Diese Summe würde ungefähr den zwölf Millionen deutschen Flüchtlingen entsprechen, nach den Verhältnissen in Deutschland umgerechnet. So betrachtet, sieht man, wie ungeheuer das Problem ist, aber auch, wie grausam die Austreibung dieser Leute ist. In der ganzen Geschichte gibt es nichts, was sich mit diesen grausamen Menschenverschiebungen vergleichen ließe. Mit Recht erklärte ein amerikanischer Korrespondent, der selbst Augenzeuge dieser Menschentragödie war, es sei dies die ‘unmenschlichste Entscheidung’, die je von Staatsmännern getroffen worden sei. Ob nicht die spätere Geschichte unserem Zeitalter den Anspruch auf Kultur abspricht?“

Seelsorge nach dem Krieg: Ein Kapellenwagen von KIRCHE IN NOT fährt von Ort zu Ort, um den Diaspora-Katholiken den Trost der Kirche und die Sakramente zu spenden-
Durch diese Worte Muenchs und seine weiteren Informationen wurden auch andere amerikanische Bischöfe auf die Not in Deutschland aufmerksam und verurteilten das Unrecht der Vertreibung.  Als Leiter der Vatikanischen Mission für Deutschland bemühte sich Bischof Muench auch um konkrete Hilfe für die Vertriebenen. Er tat dies mit großer Geduld zu einer Zeit, da Deutschland noch in vier Besatzungszonen aufgeteilt war. Allein von Sommer 1946 bis Sommer 1949 gingen von Rom aus 950 Eisenbahnwaggons zu je 17 Tonnen Hilfsgütern nach Deutschland.

 

Aus den acht Monaten, die Muenchs Mission eigentlich nur dauern sollte, wurden Jahre. Da der Vatikan niemals die Vernichtung Deutschlands anerkannt hatte, blieb die Nuntiatur nach dem Tode von Erzbischof Orsenigo, der Ende 1945 in Eichstätt gestorben war, verwaist. 1949 ernannte Papst Pius XII. Bischof Muench zum Verweser der Nuntiatur und 1950 zum Apostolischen Nuntius.

So übersiedelte der 1950 auch zum Erzbischof ernannte Muench nach Bad Godesberg. Seine Freundschaft zu Königstein blieb, wie Weihbischof Kindermann im Nachruf schrieb:  „Mit der Errichtung der Deutschen Bundesrepublik wurde Bischof Muench ihr erster Nuntius. Damit ging uns auch bald die nahe Nachbarschaft verloren. Aber Nuntius Muench blieb uns auch von Bad Godesberg aus treu und verbunden. Mit väterlichem Wohlwollen begleitete er die Entwicklung Königsteins.

 

Acht Jahre wirkte er als Nuntius. Auch in dieser Zeit kam er nach Königstein und zu verschiedenen Treffen der Ackermanngemeinde in Deutschland. Durch seinen Vater fühlte er sich als Sudetendeutscher. Sein Nachfolger als Nuntius in Bonn, Erzbischof Konrad Bafile, sprach von „engen Beziehungen, die meinen hochverehrten Vorgänger von Anfang an mit den Königsteiner Werken verbanden“ und  von „seiner liebenden Sorge für die Heimatvertriebenen, denen er sich in Gedanken an den Geburtsort seines Vaters im Böhmerwald besonders verbunden fühlte“.

Abfahrt von Nuntius Muench (Mitte) vom Bonner Bahnhof nach Rom (8. Dezember 1959). Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F007416-0008 / Unterberg, Rolf / CC-BY-SA 3.0
1959 berief  Papst Johannes XXIII. Erzbischof Muench an die Kurie nach Rom und ernannte ihn zum Kardinal. Beim Eucharistischen Weltkongress 1960 in München feierte er mit den Sudetendeutschen ein feierliches Pontifikalamt. Er starb am 15. Februar 1962.

 

Prof. Dr. Rudolf Grulich

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Arbeitsbesuch bei KIRCHE IN NOT Deutschland: Markus Grübel MdB, Beauftragter der Bundesregierung für weltweite Religionsfreiheit, stattete am 13. Oktober dem Münchner Büro des Hilfswerks einen Besuch ab.

 

Neben dem internationalen Einsatz in der Menschenrechts- und Entwicklungsarbeit hat Grübel die Federführung beim Regierungsbericht zur Religions- und Weltanschauungsfreiheit. Grübel informierte über aktuelle Schwerpunkte der deutschen Bundesregierung in Sachen Religionsfreiheit und wies auf die notwendige Vernetzung auf EU-Ebene hin, die mit der hoffentlich bald erfolgenden Ernennung eines Beauftragten für Religionsfreiheit der Europäischen Kommission sichergestellt werden soll.

Von links: Florian Ripka, Geschäftsführer von KIRCHE IN NOT Deutschland, Markus Grübel, Beauftragter der Bundesregierung für weltweite Religionsfreiheit, Alexander Mettenheimer, Vorstandsvorsitzender von KIRCHE IN NOT Deutschland, Mark von Riedemann, Verantwortlicher für politische Kontakte und die Dokumentation „Religionsfreiheit weltweit“ bei KIRCHE IN NOT International.
Mitarbeiter von KIRCHE IN NOT informierten den Bundesbeauftragten über die Schwerpunktsetzung des Hilfswerks sowie den Einsatz für Religionsfreiheit und verfolgte Christen. Zu beiden Bereichen gibt KIRCHE IN NOT regelmäßige Dokumentationen heraus. Das Hilfswerk will Politikern und allen Interessierten Informationen aus erster Hand über diese Themen zur Verfügung stellen.

 

Grübel dankte für die Arbeit des Hilfswerks und die gemeinsame Zielrichtung:  „KIRCHE IN NOT ist ein wichtiger Verbündeter im Kampf für das Menschenrecht auf Religionsfreiheit. Ich schätze den Einsatz für verfolgte Christen.“

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Christine du Coudray war 28 Jahre lang in der internationalen Zentrale des katholischen Hilfswerks „Aid to the Church in Need“ als Projektreferentin für Afrika tätig. Im Gespräch mit Volker Niggewöhner hält sie Rückschau.

 

Frau du Coudray, nach 28 Jahren nähern sich Ihre letzten Arbeitstage bei Aid to the Church in Need. Kommt da schon so etwas wie Wehmut auf?
Es gibt eine Zeit, um zu dienen, und eine Zeit, sich zurückzuziehen. Nach 28 Jahren bin ich zu Letzterem bereit. Seit ungefähr zehn Jahren gibt es eine neue Generation junger Mitarbeiter bei uns im Haus, die sehr engagiert sind und die diese Mission weiterführen werden.

Als ich vor 28 Jahren begann, konnte ich kaum die afrikanischen Länder auf der Weltkarte finden. Ich habe die Herausforderung angenommen und bei Null mit dem Lernen angefangen.

- Christine du Coudray
Christine du Coudray im Gespräch mit Ordensfrauen in einem Kloster der Diözese Bukavu
Was haben Sie durch Ihre Arbeit gelernt?

Ich habe gelernt, dass jeder Kontinent seine eigene Berufung hat. Schon vor der ersten Afrika-Synode 1994 habe ich selbst erfahren, dass Afrika der Kontinent der Familie ist. Dies ist umso erstaunlicher, als auch dort die Familie verwundet wird und es wie überall Probleme gibt, und dennoch scheint es, dass die Familie, die Zukunft der Menschheit, die Berufung Afrikas ist.. Dort spielt sie eine ganz besondere Rolle. Als Benedikt XVI. im Jahr 2011 in Benin war, hat er diese Tatsache noch einmal betont, die bereits für den heiligen Papst Johannes Paul II. klar gewesen war.

Über all diese Jahre hinweg war die Unterstützung der Familie wie ein Roter Faden für mich. Wir haben viel dafür getan und machen es immer noch.

 

Gab es Personen, die Sie auf Ihrem Weg besonders geprägt haben?

Ja, vor allem war es Johannes Paul II., der im Laufe dieser Jahre sozusagen mein „geistiger Meister“ geworden und geblieben ist. Ich wollte immer seine Perspektive für die Kirche in Afrika verstehen und umsetzen. Es war für mich ein Privileg, 1994 an der ersten Afrikasynode teilnehmen zu dürfen. Ich war die einzige Frau aus Europa. Es gab ca. 350 Teilnehmer: Kardinäle, Bischöfe und Priester, Experten und Zuhörer. Ich war unter den Zuhörern und war einen Monat lang in Rom, um an der Synode teilzunehmen. Es war ein Jahr nach meiner Ankunft bei „Aid to the Church in Need“ die beste Fortbildung, die ich je bekommen konnte.

Bei dieser Gelegenheit habe ich mit dem Papst zu Mittag gegessen. Wir haben uns ausgetauscht, und es war etwas ganz Besonderes. Die Synode hat Früchte getragen, und zehn Jahre später, im Jahr 2004, habe ich in Rom ein Treffen mit Bischöfen aus Afrika und Europa organisiert, um eine Brücke zwischen den beiden Kontinenten zu schlagen. Bei dieser Gelegenheit hat Johannes Paul II. die zweite Afrikasynode ausgerufen. Auch das war wieder ein echtes Geschenk für mich.

Christine du Coudray besichtigt das Priesterseminar in Kaduna (Nigeria).
Was waren für Sie die schönsten Momente?

Zu den schönsten Augenblicken gehörten sicherlich die Reisen. Meine erste Reise führte mich 1994 nach Tansania, die letzte im März 2020 kurz vor der Corona-Pandemie in den Sudan. Die Situationen vor Ort haben sich stark verändert: Früher gab es nur eine einfache Kerze in einer Hütte, heute gibt es Strom aus Solarpaneelen. Ich habe noch alle Hefte mit meinen Aufzeichnungen behalten!

 

Warum sind Reise wichtig für Ihre Arbeit?

Es reicht nicht, ein Projekt schriftlich zu bekommen, um zu verstehen, dass ein Auto oder die Renovierung eines katechetischen Zentrums gebraucht wird. Wir müssen wirklich an Ort und Stelle sehen, was benötigt wird. Ich kann Ihnen ein Beispiel geben: Vor einem Jahr war ich in der Demokratischen Republik Kongo in der Erzdiözese Kananga in der Provinz Kasai. Dort haben wir eine unglaubliche Situation in den Badezimmern des Priesterseminars vorgefunden. Es war furchtbar. „Wie ist es möglich, dass diese zukünftigen Priester täglich ohne Dusche und unter solchen Bedingungen leben müssen?“ Im März dieses Jahrs erhielten wir den Projektantrag, aber zu diesem Zeitpunkt mussten wir aufgrund der Corona-Krise das Projekt leider negativ entscheiden, weil kein Geld da war. Aber jetzt vor zwei Tagen habe ich gedacht, dass wir diese negative Entscheidung revidieren müssen. Dies war das Resultat eines Besuchs an Ort und Stelle. Vielleicht hätte ich nie so reagiert, wenn ich diese Situation nicht wirklich mit meinen eigenen Augen gesehen hätte.

 

Haben Sie denn etwas wie ein „Lieblingsland“?

Ja, ich würde sagen, mein „Lieblingsland“ ist die Demokratische Republik Kongo. Ich bin persönlich davon überzeugt, dass dieses Land aufgrund seiner Lage im Herzen des Kontinents und aufgrund seines hohen Anteils an Katholiken eine wichtige Rolle zu spielen hat. Frauen spielen zum Beispiel eine wesentliche Rolle.

Leider befindet sich das Land wegen seiner Bodenschätze im totalen Chaos. Es gibt dort viel mehr Bodenschätze als anderswo in der Welt, und deshalb sind viele Länder – die Nachbarländer und der Westen – sehr daran interessiert. Wenn es irgendwo Bodenschätze gibt, ist der Krieg leider vorprogrammiert. Aber die Menschen dort haben einen Mut, eine Energie, die unglaublich ist.

Christine du Coudray referiert beim „Institut Johannes Paul II.“ in Benin.
Haben Sie bei der Erfüllung dieser Mission aus Ihrem Glauben geschöpft?

Mit Sicherheit, denn ich habe tief erfahren, dass alles, was ich vorgeschlagen habe, alle Initiativen, nicht aus mir selbst kamen, sondern vom Heiligen Geist, wie z.B. das Treffen zwischen den Bischöfen aus Afrika und Europa. Das kam nicht von mir selbst. Außerdem haben wir erfahren, dass die Bischöfe selbst unserer Fürsorge bedürfen. Es ist wesentlich, den Bischöfen zu helfen, damit sie besser dazu in der Lage sind, ihre Diözesen zu leiten. Dazu müssen wir für sie Sorge tragen. Daher bieten wir ihnen eine Auszeit in Form von Exerzitien für ganze Bischofskonferenzen an, und diejenigen, die bisher an einer solchen teilgenommen haben, waren sehr begeistert von diesem Vorschlag. So sind zum Beispiel alle Bischöfe aus dem Maghreb (Marokko, Tunesien, Libyen) zusammen in Senegal in einem Mönchskloster gewesen. Das war eine Premiere für sie, und sie waren begeistert.

 

Was werden Sie am meisten vermissen, wenn Sie jetzt in den Ruhestand gehen?

An erster Stelle die Reisen an Ort und Stelle, um die Situation besser zu verstehen und die Projekte zu entdecken. Jedes Projekt ist einzigartig. Unsere Brüder und Schwestern im Glauben schreiben ihren Antrag mit dem Herzen und erwarten unsere Hilfe. Deswegen habe ich ihnen immer gesagt: Wenn Ihr einen Projektantrag schreiben und unsere Wohltäter überzeugen wollt, müsst Ihr Euch vorstellen, dass Ihr einen Saal mit 100 Personen vor Euch habt, die Euch unterstützen wollen, und Ihr ihnen voller Herzblut Eure Erwartungen erklären müsst. Mit Eurem Herzen werdet Ihr sie überzeugen. Es ist wichtig, dass die Projekte auf solche Weise beschreiben werden, damit wir eine immer stärkere Brücke zwischen uns und unseren Brüdern und Schwestern im Glauben bauen können..

 

Haben Sie Ihre Arbeit als eine „Mission“ empfunden?

Ja, auf jeden Fall! Natürlich ist jede Situation einzigartig. Jedes Land hat seine eigene Lebenswirklichkeit und seine besonderen Bedürfnisse. Wir sind nicht in erster Linie dafür da, eine finanzielle Unterstützung zu bringen, sondern  den Bischöfen, den Priestern, den Schwestern zuzuhören, ihren Alltag zu teilen und zu verstehen, was sie brauchen. Natürlich gibt es den Moment, in dem wir unbedingt finanzielle Unterstützung leisten müssen, das ist ganz klar! Aber es würde sie verletzen, wenn wir nur über finanzielle Aspekte sprechen würden. Zwischen uns und unseren Brüdern und Schwestern im Glauben besteht eine tiefe Gemeinschaft. Unsere Tätigkeit ist keine bloße Arbeit, sondern sie ist eine Mission, die der Herr uns anvertraut hat für das Wachstum der Kirche überall in der Welt.

Christine du Coudray im TV-Interview über Priesterausbildung in Afrika:

Um die Arbeit der katholischen Kirche Afrikas weiterhin unterstützen zu können, bittet KIRCHE IN NOT um Spenden – online unter: www.spendenhut.de oder auf folgendes Konto:

 

Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München
IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05
Verwendungszweck: Afrika

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