„Die Aufnahme eines Vertreters von ROACO in das päpstliche Umfeld des bevorstehenden Papstbesuches ist ein sichtbares Zeichen dafür, wie sehr der Heilige Stuhl die Arbeit der Organisationen im Nahen Osten, in Ost- und Mitteleuropa, in Indien, Eritrea und Äthiopien schätzt“, erklärte Lynch. Es sei eine große Ehre, als Vertreterin von ROACO beim Papstbesuch in den Irak dabei zu sein. Für sie sei es das erste Mal, dass sie zusammen mit dem Papst an einer Reise teilnehme.
Papst Franziskus wird vom 5. bis 8. März den Irak besuchen. Stationen sind unter anderem Bagdad, Erbil und die Ninive-Ebene, wo „Kirche in Not“ den Wiederaufbau privater und kirchlicher Gebäude unterstützt.
Empfänger: KIRCHE IN NOT
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Verwendungszweck: Irak
Die römische Heilige Agnes ist eine bei vielen Völkern bekannte und beliebte Heilige, die im ersten Hochgebet sogar nach der Wandlung unter den großen Märtyrern der frühen Kirche genannt wird. Weniger bekannt ist dagegen bei uns die heilige Agnes von Prag, die in ihrer Heimat auch Agnes von Böhmen genannt wird und deren Fest wir am 2. März begehen. Am 12. November 1989 wurde sie heiliggesprochen.
In Böhmen und Mähren ist diese Agnes als Agnes von Böhmen wohl bekannt. Auf dem oberen Teil des berühmten Wenzelplatzes in Prag stehen um das Reiterstandbild des Herzogs und ersten böhmischen Heiligen vier weitere Heiligengestalten als die ersten Patrone Böhmens: Adalbert und Prokop sowie die heilige Ludmilla und die zur Zeit der Errichtung des Denkmals noch selige und erst 1989 heiliggesprochene Agnes von Prag.
Dennoch ehrt das Land seine Heiligen. In Deutschland dagegen sind seit Jahrzehnten eine Reihe von gesetzlichen und vom Staat geschützten Feiertage langsam, aber konsequent abgeschafft worden, auch in katholischen Bundesländern wie Bayern: St. Joseph am 19. März, Peter-und-Paul am 29. Juni, Maria Unbefleckte Empfängnis am 8. Dezember, bei den Protestanten auch der Reformationstag und der Buß- und Bettag.
Auch die christlichen Parteien haben dies mit den Kosten begründet! So könnte man ausrufen: Armes Deutschland! Unser Nachbarland Tschechien konnte es sich dagegen leisten, außer dem Festtag der Slawenapostel Cyrill und Method auch einen arbeitsfreien Feiertag zu Ehren von Johannes Hus einzuführen und auch den Tag des heiligen Wenzel zu einem staatlichen Feiertag zu erklären.
Ehemals kommunistische Länder haben sogar Heilige auf Münzen und Geldscheinen: Auf tschechischen und slowakischen Kronen sind der heilige Wenzel und historische Kreuze abgebildet, auf dem slowakischen 50-Kronen-Schein waren bis zur Einführung des Euro Cyrill und Method zu sehen, auf dem slowakischen 100-Kronen-Schein die Madonna von Leutschau und auf der bis vor kurzen gültigen 50-Kronen-Banknote Tschechiens sahen wir die Agnes von Böhmen mit den Zusatz „Heilige Agnes von Böhmen”.
Von Doksany schickte sie ihr mächtiger und politisch ehrgeiziger Vater an den Hof Leopolds von Österreich, damit sie hier an der großen ritterlichen Schule der damaligen Zeit in das vor ihr liegende höfische Leben eingeführt werde. Dort kam sie zum ersten Male mit dem Franziskanertum in Berührung, vielleicht hat auch der Entschluss ihrer Kusine Elisabeth, das franziskanische Tertiarengewand zu nehmen, sie motiviert, ähnliches oder noch mehr zu tun. Auch Elisabeth baute ein Spital in Marburg und pflegte dort selbst die Kranken. Vielleicht gab auch der politische Handel, den ihr Vater als böhmischer König mit ihr treiben wollte, den Ausschlag, die höfische Welt zu verlassen und ein Leben in Armut zu wählen.
Sie lehnte alle Heiratsangebote europäischer Herrscher ab, auch das des Hohenstaufen-Kaiser Friedrich II., nach dem sie schon vorher die Angebote Heinrichs VII. und des Königs von England verschmäht hatte.
In Prag stiftete Agnes ein Spital zu Ehren des heiligen Franz von Assisi. Daraus ging der Orden der Kreuzherren mit dem roten Stern hervor, der 1237 vom Papst Gregor IX. bestätigt wurde. Diese Gemeinschaft von Brüdern und Priestern, die den Dienst an Armen, Pilgern und Kranken ausübten, wurde später zu einem Ritterorden umgewandelt und besteht noch heute. Bis zur Vertreibung der Sudetendeutschen aus Böhmen und Mähren gab es auch deutsche Mitglieder des Ordens. In Gemeinden des Sudetenlandes wie Eger, Franzensbad, Maria Kulm und Tachau betreuten die Kreuzherren die deutschen Pfarreien.
Die hl. Agnes starb am 2. März 1282 in Prag. In Böhmen wurde sie immer verehrt, aber durch die religiösen Kämpfe in Böhmen wie zum Beispiel in der Hussitenzeit und durch den Dreißigjährigen Krieg, durch die Kräfte des Josephinismus und Liberalismus stockten immer wieder die Bemühungen zu ihrer Kanonisation und kam es erst 1874 zur Seligsprechung und erst am 12. November 1989 zur Heiligsprechung durch Papst Johannes Paul II. in Rom. Viele Tschechen litten unter dieser Jahrhunderte dauernden Verzögerung. „Wenn einmal die selige Agnes heiliggesprochen wird“ bedeutete so viel wie bei uns am St. Nimmerleinstag oder an den griechischen Kalenden.
Noch in der Zeit der kommunistischen Kirchenverfolgung in der Tschechoslowakei hat 1987 der damals bereits 88 Jahre alte Erzbischof von Prag, Kardinal František Tomašek, für die katholische Kirche in Böhmen und Mähren eine Novene von neun Jahren bzw. ein Zehnjahresprogramm der moralischen Erneuerung vorgelegt. Während dieser Zeit, die 1997 mit dem Gedenken an den tausendsten Todestag des heiligen Adalbert von Prag, des ersten Prager Bischofs böhmischer Herkunft, enden sollte, bestimmte der Kardinal Heilige als Patrone der einzelnen Jahre und begann 1988 mit dem Jahr der seligen Agnes von Böhmen. In ihm sollten Fragen der Ehre und des Dienstes am Leben im Mittelpunkt stehen. 1989 war das Jahr zweier deutscher Heiliger, des heiligen Klemens Maria Hofbauer aus Südmähren und des heiligen Nepomuk Neumann aus Südböhmen. Drei Selige dieses Jahrzehntes der geistlichen Erneuerung sind inzwischen heiliggesprochen, als erste die hl. Agnes, 1995 auch Zdislava und Johannes Sarkander.
Im tschechischen Volk war man immer überzeugt, dass nach einer erfolgten Heiligsprechung glückliche Tage für Böhmen anbrechen würden. Und so kam es!
Zum Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils tauschten die polnischen und deutschen Bischöfe ihren Briefwechsel der nationalen Versöhnung aus. In ihrer Grußbotschaft an ihre deutschen Amtsbrüder vom 18. November 1965 hatten alle polnischen Bischöfe, darunter auch der spätere Papst Karol Wojtyla als Erzbischof von Krakau, festgestellt:
„Brücken bauen zwischen Völkern können nur heilige Menschen, nur solche, die eine lautere Meinung und reine Hände besitzen. Sie wollen dem Brudervolk nichts wegnehmen, weder Sprache noch Gebräuche noch Land, noch materielle Güter; im Gegenteil: sie bringen ihm höchst wertvolle Kulturgüter und sie geben ihm gewöhnlich das Wertvollste, was sie besitzen: sich selbst.“
Das gilt auch von der heiligen Agnes von Böhmen. Möge sie Deutsche und Tschechen noch mehr zusammenführen als bisher!
Prof. Dr. Rudolf Grulich (2019)
Institut für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien (Prof. Grulich)
Rudolf Grulich über den heiligen Adalbert
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Rudolf Grulich über in Vergessenheit geratene Ortsnamen im Osten
Tschechien – Missionsland im Herzen Europas (Radioninterview mit Bischof Dominik Duka)
Antiochien liegt in der heutigen Türkei und heißt Antakya. Fünf Patriarche tragen den Titel der “Großen Gottesstadt Antiochien und des ganzen Orients”, aber sie residieren heute im syrischen Damaskus und im libanesischen Beirut. Antakya gehört heute zum Apostolischen Vikariat Anatolien, eines der drei römisch-katholischen Jurisdiktionsgebiete der Türkei.
Dieses Vikariat erstreckt sich über den ganzen Teil der Türkei östlich von Ankara. Bischof Luigi Padovese († 3. Juni 2010) war der Apostolische Vikar von weniger als 5000 Katholiken auf einer Fläche von über 400 000 Quadratkilometern. Sein Vikariat ist damit so groß wie Deutschland und die Schweiz zusammen.
Papst Johannes Paul II. hat die Türkei ein “heiliges Land der Urkirche” bezeichnet. Zum ersten Mal sind die Jünger Jesu in Antiochien als “Christen” genannt worden, wie in der Apostelgeschichte berichtet wird. Das Vikariat Anatolien ist stolz auf seine alttestamentlichen Stätten.
Zur Zeit der Verfolgung unter Antiochos flohen Juden nach Antiochien. Diese jüdische Gemeinde sollte zum Kristallisations-Punkt einer neutestamentlichen Gemeinde werden, in der die Heidenchristen die junge Kirche zur Weltkirche machten.
In der jungen Christengemeinde von Antiochien weilte auch der heilige Petrus. Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil beging die Katholische Kirche das eigene Fest “Petri Stuhlfeier zu Antiochien” am 22. Februar und gedachte dabei, dass Petrus erst von dort aus nach Rom ging. Von Antiochien machte sich der Apostel Paulus mit Barnabas zu seiner ersten Missionsreise auf. Die katholischen Gemeinden im heutigen Vikariat Anatolien gehen auf die Tätigkeit der Apostel und ihrer Schüler zurück.
Die Briefe des Ignatius von Antiochien gehören zu den ältesten Schriften außerhalb des Neuen Testaments. Im “Martyrologium Romanum” finden sich neben Rom und Konstantinopel die meisten Zeugen für Christus in Antiochien und dessen Umgebung. Nach dem Ende der Christenverfolgung lebten und wirkten dort auch viele christliche Autoren und Kirchenlehrer, wie Johannes Chrysostomos und Ephräm der Syrer.
Von der “Antiochenischen Schule” gingen im fünften Jahrhundert auch die Impulse aus, die nach dem Konzil von Ephesus und Chalkedon zur Spaltung der Kirche führen. Aus diesem Grund führen heute fünf Patriarchen den Titel von Antiochien.
Der heilige Georg und der heilige Christophorus waren Kappadokier. Aber nicht nur diese Nothelfer entstammen dem Raum Anatoliens. Es sind auch die heiligen Ärzte Kosmas und Damian, der “Eisheilige” Bonifatius, der heilige Basilius, Bischof von Cäsarea, Gregor von Nyssa und Gregor von Nazianz zu nennen.
Die Katholiken des Apostolischen Vikariats Anatolien gehören außer der Römisch-Katholischen Kirche auch der Syrisch-Katholischen, Chaldäisch-, Melkitisch- und Armenisch-Katholischen Kirche an. Dazu kommen orthodoxe Christen und Gläubige der so genannten vor-chalzedonischen Kirchen, also orthodoxe Armenier, Syrer und Nestorianer.
Im Dekret über die Ökumene hebt das Kapitel die orthodoxen Kirchen hervor, dass zwar “die Kirchen des Ostens und des Abendlandes Jahrhunderte hindurch je ihren besonderen Weg gegangen sind, jedoch miteinander verbunden in brüderlicher Gemeinschaft des Glaubens und des sakramentalen Lebens.”
Die Konzilsväter betonten, “dass die Kirchen des Orients von Anfang an einen Schatz besitzen, aus dem die Kirche des Abendlandes in den Dingen der Liturgie, in ihrer geistlichen Tradition und in der rechtlichen Ordnung vielfach geschöpft hat.”
Verschiedene Sprachen und Kulturen, die schon zur Zeit der Urkirche in Ost-Anatolien, dem nördlichen Mesopotamien und in Syrien neben dem Griechischen bestanden, haben zur Ausprägung eigener Riten mit Bibelübersetzungen und der Liturgie in eigenen Sprachen geführt. So entstanden in diesem Gebiet die Kirchen des byzantinischen, armenischen, antiochenischen (westsyrischen) und ostsyrischen Ritus.
Die Barriere zu diesen Sprachen mit eigenen Schriften brachte es mit sich, dass wir die Kirchenväter dieser Kulturkreise nicht so kennen wie die anderen Kirchenväter Ambrosius oder , Augustinus. Ephräm der Syrer wurde von Papst Benedikt XV. 1920 zum Kirchenlehrer ernannt. Ephräm hat den Beinamen “Harfe des Heiligen Geistes”. Er hinterließ für die syrische Liturgie Hymnen und Lieder und theologische Schriften.
Papst Benedikt XV. schrieb 1922: “Die Kirche ist weder lateinisch, noch griechisch, noch slawisch, sie ist katholisch.” Katholisch aber heißt allgemein, alle umfassend. “Das gilt auch von unserem Apostolischen Vikariat”, betont Bischof Padovese. “Wir sind Türken, Araber, Assyrer, Levantiner, aber gehören zur einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche.”
Prof. Dr. Rudolf Grulich, Kirchenhistoriker
Institut für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien (Prof. Grulich)
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Mehr über das Christentum in der Türkei
Kyrillos wurde im Jahr 827 geboren, Methodios bereits 815. In Thessaloniki genossen beide Brüder ihre Grundausbildung. Sie erlernten die slawische Umgangssprache, die hebräische, syrische und arabische Sprache. Methodios erhielt außerdem eine juristische, militärische und diplomatische Ausbildung und wurde Statthalter im slawischen Gebiet.
Nachdem 856 sein Beschützer Theoklitos ermordet worden war, verließ er Konstantinopel und ging ins Kloster Polychronion auf dem Berg Olymp in Bithynien. Dort lebte auch sein Bruder Methodios, der vorher alle weltlichen Ämter aufgegeben hatte.
Sehr lange blieb aber Konstantin nicht im Kloster. Kaiser Michael III. und Patriarch Photios holten ihn aus dem Kloster und brachten ihn nach Konstantinopel; die Chazaren hatten nämlich Boten zum Kaiser geschickt und ihn ersucht, ihnen einen gelehrten Mann zu schicken.
Er überzeugte auch Kaiser Michael III. von dieser Vorstellung. Als der Kaiser Konstantin traf, berichtete er ihm über den Wunsch der Chazaren und sagte: „Geh zu diesen Menschen, Philosoph, und steh ihnen Rede und Antwort über die Heilige Dreifaltigkeit und deren Beistand. Denn niemand anderer kann das würdiger tun als du.“ Konstantin nahm zu dieser Mission im Herbst 860 seinen Bruder Methodios mit.
Während der Mission war den beiden Brüdern zu Ohren gekommen, dass der heilige Papst Klemens, der dritte Bischof von Rom, der Überlieferung nach auf der Krim den Märtyrertod um das Jahr 100 gefunden hatte. Konstantin war davon überzeugt, dass er nach langem Suchen während seines Aufenthalts bei den Chazaren die Reliquien des heiligen Klemens aus dem Meer geborgen hatte.
Der Fürst von Mähren, Rastislav, schickte nämlich 862 folgende Nachricht an Kaiser Michael: „Da sich unser Volk vom Heidentum abgewandt hat und sich nun an das christliche Gesetz hält, haben wir keinen Lehrer, der uns in unserer Sprache den wahren christlichen Glauben erklären könnte. Sende uns daher, Herrscher, einen Bischof und einen solchen Lehrer, der unserer Sprache mächtig ist. Denn von euch geht in alle Länder stets ein gutes Gesetz aus.“
Die Vertreter des Papstes waren aber der Meinung, das Christentum könne nur in lateinischer, griechischer oder hebräischer Sprache weitergegeben werden, den Sprachen der Inschrift am Kreuz Jesu. Konstantin und Methodios waren dagegen der Meinung, dass jedes Volk das Recht habe, Gott in seiner eigenen Sprache zu preisen. So schufen die Brüder noch in Konstantinopel ein neues Alphabet.
Dieses Alphabet kam phonetisch der bis dahin nur gesprochenen slawischen Sprache näher. Für Laute, die im griechischen Alphabet nicht vorkamen, wurden andere Buchstaben geschaffen. Diese Schrift war das Glagolitische; sie wurde später durch das Kyrillische ersetzt.
Als sie 863 in Mähren ankamen, wurden die Brüder mit großen Ehren empfangen. Konstantin und Methodios blieben dort 40 Monate lang. Sie gründeten eine Schule und lehrten die glagolitische Schrift. Ihre Schüler gingen bis an die Grenzen des Landes und zum Teil darüber hinaus und verbreiteten das Christentum in der slawischen Sprache.
Die erfolgreiche Mission der beiden Brüder sahen die fränkischen Bischöfe, die in Mähren mit der Christianisierung begonnen hatten, nicht positiv. Es folgten Auseinandersetzungen. Um die Beziehungen zwischen Papst und Patriarch nicht zu belasten, reisten beide Brüder im Jahr 867 nach Rom, um den Papst zu treffen.
Als sie 868 in Rom ankamen, empfing Papst Hadrian II. die beiden Brüder in einer Prozession, nachdem er sie gesegnet hatte. Die zahlreichen Teilnehmer der Prozession trugen Kerzen und folgten dem Kreuz.
Danach segnete der Papst die liturgischen Bücher in glagolitischer Sprache. Die mitgereisten Schüler von Konstantin und Methodios wurden vom Papst zu Priestern und Diakonen geweiht. Danach kehrten sie nach Mähren zurück. Während seines Aufenthalts in Rom erkrankte Konstantin sehr schwer und trat in ein Kloster ein. Dort soll er einigen Quellen zufolge Mönch geworden sein und den Namen Kyrillos angenommen haben. Nach anderen Quellen soll er schon früher in Konstantinopel zum Priester geweiht worden sein. Am 14. Februar 869 starb Kyrillos in Rom.
Bruder Methodios sagte dem Papst: „Unsere Mutter hat uns beschworen, dass der, der vor das Gericht tritt, in sein Kloster überführt und dort begraben werden soll.“ Der Papst akzeptierte dies, aber die Bischöfe waren der Meinung, dass Kyrillos, der sich in so zahlreichen Ländern aufgehalten habe, in Rom begraben werden sollte und zwar in San Clemente.
Methodios gab später sein Bischofsamt auf und befasste sich nur mit Übersetzungen von liturgischen Büchern vom Griechischen ins Slawische. Am 6. April 885 starb Methodios in Mähren. Der Totenliturgie, die von seinen Schülern in griechischer, slawischer und lateinischer Sprache gehalten wurde, wohnten unzählige Menschen bei. Sein Sarg wurde bis heute nicht gefunden.
Es ist immer noch schwer vorstellbar, was Kyrillos und Methodios in Mähren geleistet hatten: Die beiden Brüder haben mit ihrem Werk die Basis für die slawische Orthodoxie und slawische Kultur gelegt. Beide Brüder werden als Heilige verehrt. Im Jahr 1980 hat der heilige Papst Johannes Paul II. sie dem heiligen Benedikt als Schutzpatrone Europas zur Seite gestellt. Die orthodoxen Christen gedenken der beiden Brüder am 11. Mai, die Katholiken seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil am 14. Februar. In der Tschechischen Republik und in der Slowakei wird ihrer am 5. Juli gedacht.
Dr. Theodoros Vlachos
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Auch die beiden Apostelfürsten Petrus und Paulus genießen die Auszeichnung mehrerer Festtage. Neben dem gemeinsamen Fest am 29. Juni begeht die Kirche am 22. Februar das Gedächtnis „Kathedra Petri“ zur Erinnerung an seine Rolle als erster Papst. Bis zur Liturgiereform des Zweiten Vatikanum wurde dieser Festtag als Petri Stuhlfeier von Antiochien (18. Januar) und Petri Stuhlfeier zu Rom zweimal begangen. Manche deutschen Übersetzungen gaben dieses Fest mit dem Titel „Thronfest des heiligen Apostels Petrus“ oder als „Petri Thronfeier“ wieder.
Der Gründer von KIRCHE IN NOT, Pater Werenfried van Straaten, hat in vielen seiner Predigten und Aufrufen auf dieses Fest und auf den Bericht in der Apostelgeschichte über dieses Ereignis hingewiesen. Immer wieder rief er zum Gebet für die Verfolger auf und war überzeugt, dass Gott auch in den großen Christenverfolgungen des 20. Jahrhunderts Menschen mit seiner Gnade anrühren würde und sie dem Anruf Gottes folgten.
Deshalb verbreitete Pater Werenfried in den Filialen seines Werkes in über einem Dutzend Ländern in verschiedenen Sprachen auch das Buch „Vergib mir, Natascha!“, in dem ein ehemaliger KGB-Mann und aktiver Verfolger seine Bekehrung schilderte. Sie war durch das mutige und bekennende Beispiel einer von ihm verhörten, drangsalierten und verfolgten Christin mit Namen Natascha, durch ihr Gebet für den Verfolger, ihre Demut und Verzeihung erfolgt.
Pater Werenfried war als Prämonstratenser mit der Theologie des heiligen Augustinus vertraut, denn der Ordensgründer Norbert von Xanten hatte seinen Orden der Prämonstratenser auf die Basis der Augustinus-Regel gestellt. Der heilige Augustinus, der die Gnade Gottes in seinem Leben selbst spürbar erfuhr, prägte das Wort, man müsse den Irrtum hassen, aber die Irrenden lieben. Ihm folgte auch Pater Werenfried, der wie der heilige Augustinus auch die große Bedeutung der Gnade, aber auch des freien Willens des Einzelnen sah.
Pater Werenfried bekämpfte den atheistischen Kommunismus, er prangerte wie kaum ein anderer auch die östlichen Kirchen an, wenn sie sich mit dem Regime zu sehr arrangierten. Aber er war auch der Erste, der nach der Wende die Hand zur Versöhnung ausstreckte und in Russland der orthodoxen Kirche half, die geistigen Folgen der Verfolgung zu überwinden.
Werenfrieds Freundschaft mit Bekennern wie dem lettischen Bischof Boleslaus Sloskans oder dem ukrainischen Großerzbischof Josyf Slipyj und seine Gespräche mit ihnen trugen dazu bei, denn diese ehemals Verfolgten hatten in Kerker und Lager Beispiele der Bekehrung von Verfolgern erlebt.
Der heilige Paulus erlebte seine Bekehrung als „Damaskus-Erlebnis“, weil ihn der Herr vor den Toren von Damaskus anrührte, wo Saulus die Jünger Jesu verfolgen wollte. Die Apostelgeschichte berichtet dreimal über dieses „Damaskus-Erlebnis“. Den ersten Bericht gibt der Evangelist Lukas als Autor der Apostelgeschichte (9,1-19).
Im Kapitel 22,4-21 berichtet Paulus selber in seiner Rede im Tempelvorhof über seine Bekehrung und noch einmal (26,9-18) in Cäsarea, als er dem Statthalter Festus und König Agrippa vorgeführt wurde. Der heilige Paulus erwähnt seine Berufung zum Apostel auch in seinen Briefen an die Galater und an die Korinther.
Prof. Dr. Rudolf Grulich
Institut für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien (Prof. Grulich)
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Mehr über das Christentum in der Türkei
Der Vater des Heiligen war von Beruf Strumpfwirker und erst 1802 aus dem unterfränkischen Obernburg am Main ausgewandert. Er hatte sich in Prachatitz, etwa 45 Kilometer westlich von Budweis, niedergelassen. Johann Nepomuk war das vierte von sieben Kindern.
Während seines Theologiestudiums in Prag wurde er mit Schriften der Leopoldinen-Stiftung in Wien bekannt. Diese Stiftung war der älteste Missionsverein im deutschsprachigen Raum, benannt nach der Prinzessin Leopoldine, die als Frau des brasilianischen Kaisers Pedro I. starb. So reifte sein Entschluss, nach Nordamerika zu gehen.
In der Wildnis bei Buffalo am Eriesee (US-Bundesstaat New York) beginnt er unter Einwanderern und Indianern seine priesterliche Tätigkeit, über die wir durch Briefe in die Heimat gut unterrichtet sind. Armut, Mühe und Enttäuschung bestimmen sein Leben im Gebiet der Niagarafälle. 1839 kommt sein Bruder Wenzel nach.
Im November 1840 tritt Johann Neumann bei den Redemptoristen ein, sein Bruder Wenzel folgt ihm als Ordensbruder. In seinem Lebenslauf schreibt Johann Neumann: “Ich selbst war nie ein rechter Novize, denn als ich in unsere liebe Kongregation eintrat, gab es noch keinen Novizenmeister und kein Noviziat in Amerika. Aber ich habe desungeachtet viele Erfahrungen gemacht und viele Versuchungen kennen gelernt, mit denen der alte Feind die Rekruten des hl. Alfonsus heimsucht.”
Video von der Heiligsprechung Johann Nepomuk Neumanns:
Seine erste Pfarrstelle nach dem Ablegen der Gelübde war die Seelsorge an der Alfonsus-Kirche in Baltimore (US-Bundesstaat Maryland), wo es damals 4000 deutsche Katholiken gab. Bald wurde er Stellvertreter des Provinzials; er betreute die Armen Schulschwestern Unserer Lieben Frau, die von München nach Nordamerika gekommen waren und die ihn heute “als unseren Gründer in Amerika verehren”.
Pater Neumann ließ Kirchen bauen und Schulen gründen, er predigte und hörte Beichte in sieben Sprachen. Er schrieb einen deutschen “Kleinen Katechismus”, der 30 Auflagen erlebte, ein größerer englischer wurde 18-mal nachgedruckt.
Als Schulbischof, der 100 Pfarrschulen gründete, ging Neumann in die Geschichte des amerikanischen Katholizismus ein. Er ließ 50 Kirchen bauen, gründete eine franziskanische Schwesterngemeinschaft und hielt Diözesansynoden.
Im Alter von 49 Jahren brach er gesundheitlich zusammen und starb am 5. Januar 1860. Sein Begräbnis war die größte Feier, die Philadelphia bis dahin erlebt hatte, so zahlreich waren die Menschen gekommen. Seine Bedeutung für die katholische Kirche in Nordamerika kann kaum überschätzt werden.
Erst seit der Wende 1990 ist auch in Prachatitz Bischof Johann Neumann kein Unbekannter mehr: Die deutschen Bewohner waren dort nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben worden, die Neuansiedler wussten kaum etwas von dem großen Sohn der Stadt.
Heute erinnert am Geburtshaus in der Neumann-Straße eine Gedenktafel an ihn. Das Haus hatte die ältere Schwester des Bischofs geerbt, die bei den Borromäerinnen eintrat. Das Geburtshaus wurde ein kleines Kloster, das heute wieder von diesem Orden betreut wird. Zum 40. Jahrestag der Heiligsprechung Neumanns eröffnete die Kongregation der Schwestern der Barmherzigkeit in Zusammenarbeit mit der Stadt und den römisch-katholischen Pfarreien von Prachatice 2017 auch eine Galerie im Neumanneum
Prof. Dr. Rudolf Grulich
Im sudetendeutschen Beiheft zum Gotteslob gibt es Lieder zu seinen Ehren, die seit der Selig- und Heiligsprechung gesungen werden. Schon bei der Seligsprechung wurde erstmals in Rom auf die Melodie des Liedes “Ihr Freunde Gottes allzugleich” das folgende Lied zu Ehren des neuen Seligen gesungen:
1. Johannes, unser Schutzpatron
des schönen Böhmerwaldes Sohn,
Du liebtest Deine Heimat tief,
als Gott Dich in die Ferne rief.
Hilf allen, die vom Heimatland,
vertrieben sind durch Menschenhand,
halt sie in Gottes Gnadenstand.
2. Gott rief Dich in sein weites Feld
du hast Dich ihm bereitgestellt,
Du hast Dein Leben nicht geschont,
er hat Dich überreich belohnt.
Hilf uns, dass wir dem Ruf des Herrn
nachgehen überall und gern,
stets helfen, Gottes Reich zu mehrn.
3. Du warst zum Dienst des Herrn bereit,
hast keine Schwierigkeit gescheut,
des Herrn Joch trugst Du mit Mut,
Du hieltst wach des Herzens Glut.
Hilf dass in jedem Volk und Land
all, die Gott ruft zum Priesterstand,
sich überlassen seiner Hand.
4. Du sahst der jungen Seelen Not
und brachst für sie das heilge Brot,
hast ihnen Schulen aufgebaut
sie Gottes Liebe anvertraut.
Hilf, dass wir alle sind bereit,
den Weg zu weisen jederzeit
der Jugend in die Heiligkeit.
5. Drum bitt für uns, der Du dem Herrn
gedient bis an Dein Ende gern,
dass wir auch jeden Tag aufs neu
ihm dienen fromm in heilger Treu.
Hilf uns aus Deiner Herrlichkeit
beim Kampf in dieser Erdenzeit,
blieb bei uns stets zum Weggeleit.
Ein Jahr nach seiner Heiligsprechung sang man bei der traditionellen Vertriebenenwallfahrt auf dem Schönenberg bei Ellwangen bereits weitere Strophen. Oft wird seitdem das alte Lied von Friedrich von Spee “Ihr Freunde Gottes” mit den klassischen ersten Strophen gesungen und werden folgende angefügt:
Dem Dienste Christe ganz geweiht,
Johannes Neumann war bereit,
zu ziehn aus Böhmens Landen fort.
Bedrängten bringt er Gottes Wort.
Hilf uns in diesem Erdental …
Du Mann, der nicht zur Ruhe kam,
bis alles preise Gottes Nam,
erfleh auch uns in dieser Zeit
des Glaubens Licht und Einigkeit.
Hilf uns in diesem Erdental …
Ein Lied zur Seligsprechung stammt vom verstorbenen sudetendeutschen Dichter und Publizisten Franz Lorenz. Er war oft als Referent bei Veranstaltungen in Königstein im Taunus und ein Verehrer von Pater Werenfried van Straaten, den Gründer von KIRCHE IN NOT.
Gott rief Dich aus dem Böhmerwald,
Apostel Du der “Neuen Welt”!
Du gabst dein Herz ohn Vorbehalt,
dem armen Volk zum Heil bestellt.
Auf Urwaldwegen brachtest Du
Verlorenen des Glaubens Licht,
den Unrastvollen Rat und Ruh,
der Liebe Werk in Nächstenpflicht.
Als demutsvollen Ordensmann
hat Gott zum Bischof Dich erwählt;
dich schreckte nicht der Großstadt Bann,
das Herz in großer Tat gestählt.
Als Hirt nahmst Du in treuer Hut
ein neues Volk, der Hoffnung voll;
Du schenktest ihm als höchstes Gut
der Schule Geist, des Lebens Soll.
Amerika und Böhmerwald ?
wir stehn in deiner Liebe Schuld ?
die Heimat neu, die Heimat alt,
erbitt von Gott uns Heil und Huld.
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Bei einem Gedenkgottesdienst für Pater Werenfried van Straaten am 3. Mai 2003 in der Kirche St. Margaret in München predigte Kardinal Leo Scheffczyk vor einigen hundert Gläubigen über „Das Vermächtnis Pater Werenfrieds“. Der Kardinal, der den am 31. Januar 2003 verstorbenen Gründer von „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“ seit 1948 kannte, machte drei Grundpfeiler im Leben und Werk des „Speckpaters“ aus: Christus, die Kirche und Maria. Wir veröffentlichen nachstehend Auszüge aus der Predigt:
Der erste dieser Grundpfeiler, auf dem er sein Leben und sein Werk aufbaute, war Christus selbst. Eines seiner charakteristischen Worte über Christus lautete: „Christus weigert sich, der Vergangenheit anzugehören. Er will mehr sein, als eine Schattenfigur aus Parabeln von vor zweitausend Jahren. Er will unser Zeitgenosse sein.“ Wenn man deshalb eine besondere Ader seines Lebens und Wirkens treffen will, darf man sagen: Er hat Christus in unsere Gegenwart, in unsere Zeit hineingeholt. Das geschah zuallererst durch seinen unerschütterlichen Christusglauben.
Pater Werenfried lebte und wirkte in dieser unserer modernen Zeit, in welcher der Christusglaube bei den Menschen von Zweifeln angenagt ist. Man möchte heute gerade noch an Christi menschlicher Vorbildhaftigkeit festhalten, ihn als den frommen Mann von Nazareth anerkennen, aber man möchte nicht mehr an seiner Gottheit und an seine leibhafte Auferstehung glauben. Darum sagt man in einem spöttischen Wort: Die Krippe war leer (nämlich leer von einem Gottessohn), und das Grab war voll (nämlich voll von einem verwesten Leichnam).
Der Christus des Glaubens war ihm eine so lebendige gegenwärtige Wirklichkeit, das er ihn besonders in den Armen, den Notleidenden und den Gepeinigten wiedererkannte. Es ist das keine leichte Identifizierung, die Christus als Weltenrichter von uns verlangt, wenn er fordert, ihn in den Hungrigen und Durstigen zu erkennen und ihm im Gefangenen zu begegnen. Wem das aber gelingt, der holt Christus wirklich in die Zeit hinein und verwirklicht das in der Gegenwart, was Christus seinen Jüngern beim Endgericht verkünden wird: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Nur aus dem Geist einer solchen lebendigen Christusbegegnung in der Gegenwart, nur aus seiner wahren Vergegenwärtigung in der Zeit und im Nächsten konnte das Werk Pater Werenfrieds entstehen und wachsen.
Freilich bleibt auch wahr: Kein noch so gläubiger Mensch vermag Christus in eigener Kraft und Phantasie aus der Ferne von zweitausend Jahren in die Zeit hineinzuholen und ihn als den wirklichen originalen Christus gegenwärtig zu setzen. Das haben ja die Historiker der liberalen Leben-Jesu-Forschung immer wieder versucht und haben dabei den originalen Jesus immer verfehlt. Es bedarf für den einzelnen einer Führung, einer Leitinstanz, eines verbindenden Organismus, um den originalen Christus in der Gegenwart ausmachen zu können. Dieser Organismus ist allein die Kirche Jesu Christi. Das Geheimnis der Kirche aber war der zweite Pfeiler, auf dem Pater Werenfried sein Leben gründete und sein Werk aufbaute.
Aus seinen Jugendjahren wissen wir, dass er sich mit Gedanken stürmischer politischer und kirchlicher Reform trug. Aber er durchschaute bald das Oberflächliche und Vordergründige äußerer Reformen, die mit technischen Mitteln an der äußeren Gestalt der Kirche etwas zu ändern suchen, wobei es ihnen meistens nur um Machtverschiebungen und Machtverteilung geht. Der Christusglaube aber und ein gesunder menschlicher Instinkt führten ihn von früh an zur Erkenntnis, dass die wahrhafte revolutionäre Reform der Kirche sich nur im Innern, nur in der Liebe vollziehen kann und zwar in der Liebe zur Kirche. Von ihr sprach er einmal in deutlicher Anspielung auf die modernistischen Rebellen: „Die Kirche ist größer als ein Lehrstuhl eines berühmten Theologen oder als eine Handvoll geistlicher Rebellen und falscher Propheten, die vorläufig noch die Medien beherrschen. Sie überschreitet die Grenzen der Erde und entnimmt ihre unverwüstliche Lebenskraft dem erstandenen Christus.“
Er war stets davon überzeugt, dass in diesen notleidenden Gliedern die höchsten Potenzen für das gottgefällige, wahre Leben des mystischen Leibes niedergelegt waren. Aus dieser Angleichung an den Geist der Armut und des Martyriums im Leibe Christi erwuchsen seinem Werk jene tiefen religiös-mystischen Impulse, die es himmelhoch abheben von einer humanistischen Sozialarbeit, in der sich christliche Caritas von sozialistischer Wohlfahrt nicht mehr unterscheidet.
Was aber die kirchliche Prägung ausmachte, war nicht der Geist einer mächtigen Organisation, einer weitverästelten Institution oder eines seelenlosen Apparates, sondern es war die Haltung demütigen Dienstes, liebender Hingabe und warmherziger Menschlichkeit. Dieser charakteristische Zug aber kommt dem katholischen Glauben und Leben von Maria her, der mütterlichen und liebenswürdigen Mittlerin der Gnade und der Wegbereiterin zu Christus. Darum war Maria, die Mutter der Kirche, die dritte große Säule in Leben und Werk Pater Werenfrieds. Auch dafür gibt es viele Zeugnisse aus seinen Predigten. In einem seiner treffenden Worte über Maria führte er aus: „Je dunkler die Nacht über die Welt herabzieht, umso heller erstrahlt das Licht Mariens, das Suchenden und Verirrten den Weg weist.“
Als Priester, der das, was er verkündete, auch lebte, hat er der Mutter Christi und der Mutter der Menschen sein ganzes Leben und auch sein Sterben anempfohlen. Das zeigt seine Bitte: „Gib, Mutter, wenn wir durch das Tor des Todes gegangen sind und vor :dem Richterstuhl deines Sohnes stehen, dass wir dich dort finden mit einem Lächeln in deinen Augen und ruhig sagen dürfen: Grüß dich, Mutter.“ Wir dürfen gewiss sein, dass Maria ihm und seinem Lebenswerk diesen Gruß erwidern wird. Uns aber bleibt aufgetragen, über sein Vermächtnis zu wachen und es wie er auf die drei Pfeiler aufzubauen: Christus, Kirche und Maria.
Dazu zählten auch städtebauliche Maßnahmen. In Nowa Huta („Neue Hütte“), heute ein Stadtteil von Krakau, sollte ab 1947 ein „Arbeiterparadies“, eine Trabantenstadt im Stile des „sozialistischen Klassizismus“ für bis zu 200.000 Bewohner entstehen. Man scheute in dieser Hinsicht weder Kosten noch Mühen: Die besten Architekten wurden beauftragt; Kinos, Theater und andere Vergnügungsstätten entstanden. Nowa Huta war als „Stadt ohne Gott“ geplant: Es sollte keine Kirche geben, ja nicht einmal ein Kreuz.
1964 wurde Weihbischof Karol Wojtyła, der spätere Papst Johannes Paul II., zum Erzbischof von Krakau ernannt. Der junge, tatkräftige Oberhirte scheute die Konfrontation mit dem kommunistischen Regime in Polen nicht. Besonders der geplante Kirchenbau in Nowa Huta wurde ihm zu einem Herzensanliegen. Bereits als Weihbischof hatte er mäßigend auf die gespannte Situation einwirken können. Als Erzbischof feierte er in der Folgezeit trotz Widerstands der Behörden an der Stelle des Kreuzes wiederholt die Heilige Messe im Freien. Es gelang ihm, im Ausland Aufmerksamkeit für das Projekt zu erregen und 1965 eine Baugenehmigung der staatlichen Behörden für die Kirche zu erwirken. 1967 segnete der kurz zuvor zum Kardinal ernannte Wojtyła den Bauplatz, am 18. Mai 1969 fand die Grundsteinlegung statt.
Die Kirche wurde buchstäblich mit bloßen Händen und Schubkarren erbaut; die Arbeiter – Männer wie Frauen – leisteten Übermenschliches. Da die Behörden den staatlichen Unternehmen verboten hatten, Kräne zu verleihen und Baumaterial an Pfarrer Gorzelany und seine Helfer zu verkaufen, musste alles selbst beschafft werden, zumeist aus dem Ausland. Die bis zu 20 Meter hohen Mauern mussten mit den Händen errichtet werden. Der Beton wurde von Hand zu Hand nach oben geschaufelt, Spaten für Spaten. Nach ihrer Arbeit in den Fabriken kamen tausende Menschen und arbeiteten an ihrer Kirche, selbstverständlich ohne Bezahlung. Die Arbeiten an der Kirche gingen Tag und Nacht weiter, jahrelang.
Doch nicht nur als Organisator, auch als Seelsorger leistete Gorzelany Großartiges für seine rund 100.000 Gläubige zählende Gemeinde. Zusammen mit 15 Kaplänen, zehn Ordensfrauen und fünf Laienbrüdern wurde das Feuer des Glaubens in Nowa Huta entfacht. Jeder Kaplan gab wöchentlich 25 Stunden Religionsunterricht in einfachen Holzbaracken, weil Priester zu den Schulen keinen Zugang hatten. Jeden Morgen wurde auf dem Baugelände von 6 bis 9 Uhr ununterbrochen Gottesdienst gefeiert, hinzu kam eine gut besuchte Abendmesse um 18 Uhr. Jeder, ob Ingenieur, Architekt, Polier oder Bauarbeiter, kniete auf dem Weg zur Arbeit zu einem kurzen Gebet vor dem Tabernakel auf dem Bauplatz nieder.
Hinzu kam, dass Erzbischof Wojtyla und Pfarrer Gorzelany wichtige Fürsprecher und Helfer im Ausland hatten. Dazu zählten neben vielen anderen Franz Kardinal König von Wien, der einige Hebekräne und Betonmischer schickte, und Papst Paul VI., der bei einer Audienz mit Kardinal Wojtyła und Pfarrer Gorzelany (s. Foto) außer Geld auch einen Stein vom Grab des Apostels Petrus für die Grundsteinlegung übergab. Die große Orgel war auf Veranlassung von Bischof Dr. Josef Stimpfle ein Geschenk des Bistums Augsburg. Bischof Stimpfle war auch Gast der Orgelweihe.
Der große Herold im Westen für die Hilfsaktion war jedoch Pater Werenfried van Straaten, der Gründer von KIRCHE IN NOT, mit seinem Hilfswerk, das damals noch „Ostpriesterhilfe“ hieß. Pfarrer Gorzelany erinnert sich: „Alle Spenden der Menschen im Westen für den Bau der Kirche wurden durch KIRCHE IN NOT gesammelt.“ (Am Ende des Jahres 1976 sollten es bereits eine Viertelmillion US-Dollar sein.) Pater Werenfried schrieb an seine Wohltäter: „Eure Liebe wurde zu Zement, der euch unverbrüchlich mit denen verbindet, die um Jesu willen Verfolgung und Unrecht leiden.“ Somit wurde Nowa Huta auch zum Zeichen einer grenzüberschreitenden, katholischen Solidarität der Weltkirche.
Am 15. Mai 1977 konnte Kardinal Wojtyła schließlich die Schiffskirche auf das Patrozinium der Mutter Gottes, der Königin von Polen, weihen. Es regnete in Strömen, trotzdem kamen mehr als 70.000 Menschen. In seiner Predigt während der heiligen Messe, der auch Vertreter aus dem Ausland beiwohnten, sagte der Kardinal: „Wenn man das Kreuz aus der Seele entfernt, baut man nicht menschliches Leben auf, sondern zerstört es. Man nimmt dem Menschen den letzten Halt. Das tut man nicht ungestraft. Dafür zahlt man mit dem Verfall der Moral, mit der Zunahme der Morde auf das ungeborene Leben, mit einem steigenden Index zerrütteter Ehen und Familien, mit immer größer werdender Trunksucht und Arbeitsunwilligkeit. Ohne das Kreuz kann kein menschliches Leben aufgebaut und die Moral eines fortschrittlichen Volkes nicht gerettet werden. Man kann keine junge Generation erziehen, wenn sie nicht den Wert des Opfers, der Selbstüberwindung, des Altruismus und des Verzichtens kennenlernt. Daher fordern wir Daseinsrecht für das Kreuz in unserem Vaterland in der Gewissheit, dass mit dem Kreuz nicht nur das Leiden Christi, sondern auch die Erlösung Christi für Mensch, Familie, Volk und für die ganze Menschheit verbunden ist“.
Ein Jahr später wurde Kardinal Wojtyła zum Papst gewählt. Zwar durfte er die Schiffskirche während seiner ersten Polenreise 1979 nicht besuchen, wohl aber das Kloster Mogila, das sich in unmittelbarer Nähe befindet. Johannes Paul II. erinnerte in seiner Ansprache an die Entstehung der Kirche: „Man kann das Kreuz nicht von der Arbeit trennen. Man kann Christus nicht von der Arbeit trennen. Das wurde hier in Nowa Huta bewiesen.“ Es waren eindringliche Worte, die auch an die Machthaber gerichtet waren. Auf der gleichen Reise hatte er in Warschau ausgerufen: „Komm, Heiliger Geist, und erneuere das Angesicht dieser Erde!“ Seine Landsleute hatten ihn verstanden. Die bald darauf gegründete polnische Arbeiter- und Freiheitsbewegung Solidarnosc wäre ohne Johannes Paul II. wohl ebenso wenig denkbar gewesen wie der glückliche und weitgehend unblutige Verlauf der politischen Wende in Europa Ende der Achtzigerjahre.
Nowa Huta ist ein Symbol dieser Entwicklung. Der polnische Historiker Antoni Dudek analysiert: Es scheint, dass für Karol Wojtyła Nowa Huta der wichtigste Übungsplatz war, der Kirche in Polen und in allen von Kommunisten beherrschten Ländern Mittel- und Osteuropas wieder einen Platz zu verschaffen.“ Der Aufgabe, den Christen in Polen und anderen Ländern hinter dem Eisernen Vorhang Luft zum Atmen zu verschaffen, hatte sich KIRCHE IN NOT bereits seit Anfang der Fünfziger Jahre verschrieben. Die Hilfe von KIRCHE IN NOT war auch deshalb so effizient, weil Pater Werenfried van Straaten und Karol Wojtyła ein langjähriger, herzlicher Kontakt verband. Das kam noch aus der Zeit, als Wojtyła Kardinal in Krakau war und für die polnische Bischofskonferenz die Unterstützung von KIRCHE IN NOT für die polnischen Katholiken organisierte.
Die Anfänge der Hilfe von „Kirche in Not“ für Polen liegen sogar noch weiter zurück. Bereits 1957 traf Pater Werenfried den polnischen Primas, Stefan Kardinal Wyszyński, in Rom. Dieser bat ihn, die Ausbildung von Seminaristen und den Lebensunterhalt kontemplativer Schwestern in Polen zu unterstützen, da er die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus vor allem als einen geistlichen Kampf betrachtete. Auch die theologischen Ausbildungsstätten, viele im Verborgenen, die Versorgung der Priester in den Gemeinden, Treffen von Laien und kirchlichen Gruppen: All das und noch vieles mehr hat KIRCHE IN NOT in Polen unterstützt.
Als 1981 in Polen das Kriegsrecht verhängt wurde und viele Menschen in tiefe Not stürzte hat KIRCHE IN NOT zusammen mit anderen Organisationen die Aktion „Ein Schiff für Polen“ auf die Beine gestellt. Hunderte Tonnen an Lebensmitteln, Sanitärartikel, Kleidung, sogar Nähmaschinen und Messwein wurden seinerzeit nach Polen geschickt. Das war bis dahin die größte karitative Hilfsaktion von KIRCHE IN NOT.
Im Sommer 1946 hatte er im Taunusstädtchen Kronberg als amerikanischer Bischof von Fargo in Nord- Dakota und als USD-Militärbischof Quartier in der Gartenstraße bezogen. Der Papst hatte ihm bereits im Februar den Titel eines „Apostolischen Visitators für Deutschland“ verliehen, um „die Kirche in diesem unglücklichen Land zu visitieren und dem Papst Bericht über seine Eindrücke zu erstatten.“ Es sollte eine vorübergehende Aufgabe von etwa acht Monaten sein. Bischof Muench konnte nicht ahnen, dass er 13 Jahre in Deutschland bleiben würde.
Alois Muench wurde am 18. Februar 1889 als ältestes von sieben Kindern in Milwaukee in einer deutschen Familie geboren. Der Vater Joseph war Sudetendeutscher und stammte aus Sankt Katharina im Böhmerwald, die Mutter Theresa Barbara, eine geborene Kraus, war aus Kemnath in der Oberpfalz eingewandert. Die beiden hatten sich als Auswanderer in der Neuen Welt kennen gelernt und nach der Heirat in Milwaukee niedergelassen. Der Vater starb 1936, die Mutter erst 1955. Seine Schulzeit verbrachte Alois Muench ebenso wie sein Theologiestudium in seiner Heimatstadt. Hier war er nach der Priesterweihe 1913 auch als Kaplan tätig, ehe ihn sein Erzbischof 1917 nach Madison schickte, wo er Sozialwissenschaften studierte. Hier arbeitete er während des Zusatzstudiums auch als Studenten- und Krankenhauspfarrer.
In seiner Diözese baute Muench die Caritas auf und setzte all das in die Praxis um, was er studiert hatte. Er tat es mit deutscher Gründlichkeit, wie die „Catholic Action News“ hervorhob. Als Mitglied der Päpstlichen Kommission für die Katholischen Universitäten Amerikas und der Bischöflichen Kommission für den Frieden unter den Völkern war er in Rom geschätzt, so dass ihm Papst Pius XII. 1946 die geistliche Führung der im besiegten Deutschland stationierten katholischen Soldaten der amerikanischen Armee anvertraute und dazu die schwierige Visitation der katholischen Kirche im zerstörten Nachkriegsdeutschland.
In einem Transportflugzeug der US-Army reiste Bischof Muench Ende Juni 1946 über die Bermudas, Azoren und Paris nach Rom. Der Papst machte ihm klar, wie sehr er das deutsche Volk liebte, wenn er sagte, „sein Herz blute für dieses leidende Volk“. Mit einer Lastwagenkolonne, die Tonnen von vatikanischen Hilfsgütern überbrachte, fuhr Muench nach Frankfurt.
Er fand in Deutschland offene Herzen, denn er kam als Freund des deutschen Volkes. In seinem Fastenhirtenbrief hatte er sich 1946 für eine gerechte Behandlung der ehemaligen Feinde eingesetzt und energisch den Morgenthauplan verurteilt.
Seinen Sitz nahm Bischof Muench in Kronberg, nur wenige Kilometer von Königstein entfernt, wo im gleichen Jahr in den alten Kasernen das Priesterseminar und die Hochschule für die Ost-Vertriebenen entstanden war. Der letzte Rektor des deutschen Priesterseminars in Prag, der spätere Weihbischof Prof. Dr. Adolf Kindermann, war Herz und Motor dieses Vaterhauses der Vertriebenen. Er schrieb nach dem Tode Muenchs:
„Bischof Muench war sehr oft unser Gast in Königstein. Er fehlte auch bei keiner Priestertagung. Immer wieder kam er und brachte jedes Mal eine Aufmerksamkeit für unsere Priester mit. Er war ein Vater der Vertriebenen und Notleidenden. In jenen ersten Jahren unserer Tragödie, da kaum jemand ein Wort für uns einlegen konnte, war es neben dem Papst Pius XII. besonders Bischof Muench, der in seinen Fastenhirtenbriefen an die Gläubigen der Diözese Fargo seine warnende Stimme erhob.“
„Die Alten und Kranken, die Frauen und Kinder werden in Güterwagen oder in Viehwagen oder in anderen unsauberen und ungenügend sicheren Wagen verladen. So verlässt dieser Elendszug das Land, das ihnen bisher Heimat war, und fährt der deutschen Grenze entgegen. Familien sind auseinandergerissen, deren Glieder sich wahrscheinlich nie wiedersehen. Wieviel Weh erleiden dadurch Tausende und Abertausende von deutschen Flüchtlingen! Nicht genug damit! Nicht selten sind die Wächter, die den Zug begleiten, herzlos und grausam. Sie rauben den Vertriebenen ihre bessere Kleidung, sie ziehen ihnen die Schuhe aus. Die Kranken erhalten so gut wie keine ärztliche Hilfe, weil nur wenig Ärzte und Pflegepersonal den Elendszug begleiten und die Ärzte und Krankenpflegerinnen, die selber ausgewiesen werden, haben keine Medikamente.
Das Essen ist schlecht und unzureichend, vielleicht ein bisschen dünne Suppe und ein Stück Brot. Dagegen gibt es Läuse, Flöhe und Wanzen in Mengen. Solche, die auf dem Weg sterben, werden irgendwo an der Bahnlinie begraben, wo der Zug gerade hält. Tausende sind gestorben ohne Priester, ohne Sterbesakramente. Die teuflischen Wachtposten haben ihnen sogar in ihrer Grausamkeit die Rosenkränze und die Gebetbücher und Heiligenbildchen entrissen.
Man soll sich einmal vorstellen: einunddreißig Millionen Leute strömten aus den angrenzenden Ländern in die Vereinigten Staaten! Diese Summe würde ungefähr den zwölf Millionen deutschen Flüchtlingen entsprechen, nach den Verhältnissen in Deutschland umgerechnet. So betrachtet, sieht man, wie ungeheuer das Problem ist, aber auch, wie grausam die Austreibung dieser Leute ist. In der ganzen Geschichte gibt es nichts, was sich mit diesen grausamen Menschenverschiebungen vergleichen ließe. Mit Recht erklärte ein amerikanischer Korrespondent, der selbst Augenzeuge dieser Menschentragödie war, es sei dies die ‘unmenschlichste Entscheidung’, die je von Staatsmännern getroffen worden sei. Ob nicht die spätere Geschichte unserem Zeitalter den Anspruch auf Kultur abspricht?“
Aus den acht Monaten, die Muenchs Mission eigentlich nur dauern sollte, wurden Jahre. Da der Vatikan niemals die Vernichtung Deutschlands anerkannt hatte, blieb die Nuntiatur nach dem Tode von Erzbischof Orsenigo, der Ende 1945 in Eichstätt gestorben war, verwaist. 1949 ernannte Papst Pius XII. Bischof Muench zum Verweser der Nuntiatur und 1950 zum Apostolischen Nuntius.
Acht Jahre wirkte er als Nuntius. Auch in dieser Zeit kam er nach Königstein und zu verschiedenen Treffen der Ackermanngemeinde in Deutschland. Durch seinen Vater fühlte er sich als Sudetendeutscher. Sein Nachfolger als Nuntius in Bonn, Erzbischof Konrad Bafile, sprach von „engen Beziehungen, die meinen hochverehrten Vorgänger von Anfang an mit den Königsteiner Werken verbanden“ und von „seiner liebenden Sorge für die Heimatvertriebenen, denen er sich in Gedanken an den Geburtsort seines Vaters im Böhmerwald besonders verbunden fühlte“.
Prof. Dr. Rudolf Grulich
Neben dem internationalen Einsatz in der Menschenrechts- und Entwicklungsarbeit hat Grübel die Federführung beim Regierungsbericht zur Religions- und Weltanschauungsfreiheit. Grübel informierte über aktuelle Schwerpunkte der deutschen Bundesregierung in Sachen Religionsfreiheit und wies auf die notwendige Vernetzung auf EU-Ebene hin, die mit der hoffentlich bald erfolgenden Ernennung eines Beauftragten für Religionsfreiheit der Europäischen Kommission sichergestellt werden soll.
Grübel dankte für die Arbeit des Hilfswerks und die gemeinsame Zielrichtung: „KIRCHE IN NOT ist ein wichtiger Verbündeter im Kampf für das Menschenrecht auf Religionsfreiheit. Ich schätze den Einsatz für verfolgte Christen.“
Frau du Coudray, nach 28 Jahren nähern sich Ihre letzten Arbeitstage bei Aid to the Church in Need. Kommt da schon so etwas wie Wehmut auf?
Es gibt eine Zeit, um zu dienen, und eine Zeit, sich zurückzuziehen. Nach 28 Jahren bin ich zu Letzterem bereit. Seit ungefähr zehn Jahren gibt es eine neue Generation junger Mitarbeiter bei uns im Haus, die sehr engagiert sind und die diese Mission weiterführen werden.
Als ich vor 28 Jahren begann, konnte ich kaum die afrikanischen Länder auf der Weltkarte finden. Ich habe die Herausforderung angenommen und bei Null mit dem Lernen angefangen.
Ich habe gelernt, dass jeder Kontinent seine eigene Berufung hat. Schon vor der ersten Afrika-Synode 1994 habe ich selbst erfahren, dass Afrika der Kontinent der Familie ist. Dies ist umso erstaunlicher, als auch dort die Familie verwundet wird und es wie überall Probleme gibt, und dennoch scheint es, dass die Familie, die Zukunft der Menschheit, die Berufung Afrikas ist.. Dort spielt sie eine ganz besondere Rolle. Als Benedikt XVI. im Jahr 2011 in Benin war, hat er diese Tatsache noch einmal betont, die bereits für den heiligen Papst Johannes Paul II. klar gewesen war.
Über all diese Jahre hinweg war die Unterstützung der Familie wie ein Roter Faden für mich. Wir haben viel dafür getan und machen es immer noch.
Gab es Personen, die Sie auf Ihrem Weg besonders geprägt haben?
Ja, vor allem war es Johannes Paul II., der im Laufe dieser Jahre sozusagen mein „geistiger Meister“ geworden und geblieben ist. Ich wollte immer seine Perspektive für die Kirche in Afrika verstehen und umsetzen. Es war für mich ein Privileg, 1994 an der ersten Afrikasynode teilnehmen zu dürfen. Ich war die einzige Frau aus Europa. Es gab ca. 350 Teilnehmer: Kardinäle, Bischöfe und Priester, Experten und Zuhörer. Ich war unter den Zuhörern und war einen Monat lang in Rom, um an der Synode teilzunehmen. Es war ein Jahr nach meiner Ankunft bei „Aid to the Church in Need“ die beste Fortbildung, die ich je bekommen konnte.
Bei dieser Gelegenheit habe ich mit dem Papst zu Mittag gegessen. Wir haben uns ausgetauscht, und es war etwas ganz Besonderes. Die Synode hat Früchte getragen, und zehn Jahre später, im Jahr 2004, habe ich in Rom ein Treffen mit Bischöfen aus Afrika und Europa organisiert, um eine Brücke zwischen den beiden Kontinenten zu schlagen. Bei dieser Gelegenheit hat Johannes Paul II. die zweite Afrikasynode ausgerufen. Auch das war wieder ein echtes Geschenk für mich.
Zu den schönsten Augenblicken gehörten sicherlich die Reisen. Meine erste Reise führte mich 1994 nach Tansania, die letzte im März 2020 kurz vor der Corona-Pandemie in den Sudan. Die Situationen vor Ort haben sich stark verändert: Früher gab es nur eine einfache Kerze in einer Hütte, heute gibt es Strom aus Solarpaneelen. Ich habe noch alle Hefte mit meinen Aufzeichnungen behalten!
Warum sind Reise wichtig für Ihre Arbeit?
Es reicht nicht, ein Projekt schriftlich zu bekommen, um zu verstehen, dass ein Auto oder die Renovierung eines katechetischen Zentrums gebraucht wird. Wir müssen wirklich an Ort und Stelle sehen, was benötigt wird. Ich kann Ihnen ein Beispiel geben: Vor einem Jahr war ich in der Demokratischen Republik Kongo in der Erzdiözese Kananga in der Provinz Kasai. Dort haben wir eine unglaubliche Situation in den Badezimmern des Priesterseminars vorgefunden. Es war furchtbar. „Wie ist es möglich, dass diese zukünftigen Priester täglich ohne Dusche und unter solchen Bedingungen leben müssen?“ Im März dieses Jahrs erhielten wir den Projektantrag, aber zu diesem Zeitpunkt mussten wir aufgrund der Corona-Krise das Projekt leider negativ entscheiden, weil kein Geld da war. Aber jetzt vor zwei Tagen habe ich gedacht, dass wir diese negative Entscheidung revidieren müssen. Dies war das Resultat eines Besuchs an Ort und Stelle. Vielleicht hätte ich nie so reagiert, wenn ich diese Situation nicht wirklich mit meinen eigenen Augen gesehen hätte.
Haben Sie denn etwas wie ein „Lieblingsland“?
Ja, ich würde sagen, mein „Lieblingsland“ ist die Demokratische Republik Kongo. Ich bin persönlich davon überzeugt, dass dieses Land aufgrund seiner Lage im Herzen des Kontinents und aufgrund seines hohen Anteils an Katholiken eine wichtige Rolle zu spielen hat. Frauen spielen zum Beispiel eine wesentliche Rolle.
Leider befindet sich das Land wegen seiner Bodenschätze im totalen Chaos. Es gibt dort viel mehr Bodenschätze als anderswo in der Welt, und deshalb sind viele Länder – die Nachbarländer und der Westen – sehr daran interessiert. Wenn es irgendwo Bodenschätze gibt, ist der Krieg leider vorprogrammiert. Aber die Menschen dort haben einen Mut, eine Energie, die unglaublich ist.
Mit Sicherheit, denn ich habe tief erfahren, dass alles, was ich vorgeschlagen habe, alle Initiativen, nicht aus mir selbst kamen, sondern vom Heiligen Geist, wie z.B. das Treffen zwischen den Bischöfen aus Afrika und Europa. Das kam nicht von mir selbst. Außerdem haben wir erfahren, dass die Bischöfe selbst unserer Fürsorge bedürfen. Es ist wesentlich, den Bischöfen zu helfen, damit sie besser dazu in der Lage sind, ihre Diözesen zu leiten. Dazu müssen wir für sie Sorge tragen. Daher bieten wir ihnen eine Auszeit in Form von Exerzitien für ganze Bischofskonferenzen an, und diejenigen, die bisher an einer solchen teilgenommen haben, waren sehr begeistert von diesem Vorschlag. So sind zum Beispiel alle Bischöfe aus dem Maghreb (Marokko, Tunesien, Libyen) zusammen in Senegal in einem Mönchskloster gewesen. Das war eine Premiere für sie, und sie waren begeistert.
Was werden Sie am meisten vermissen, wenn Sie jetzt in den Ruhestand gehen?
An erster Stelle die Reisen an Ort und Stelle, um die Situation besser zu verstehen und die Projekte zu entdecken. Jedes Projekt ist einzigartig. Unsere Brüder und Schwestern im Glauben schreiben ihren Antrag mit dem Herzen und erwarten unsere Hilfe. Deswegen habe ich ihnen immer gesagt: Wenn Ihr einen Projektantrag schreiben und unsere Wohltäter überzeugen wollt, müsst Ihr Euch vorstellen, dass Ihr einen Saal mit 100 Personen vor Euch habt, die Euch unterstützen wollen, und Ihr ihnen voller Herzblut Eure Erwartungen erklären müsst. Mit Eurem Herzen werdet Ihr sie überzeugen. Es ist wichtig, dass die Projekte auf solche Weise beschreiben werden, damit wir eine immer stärkere Brücke zwischen uns und unseren Brüdern und Schwestern im Glauben bauen können..
Haben Sie Ihre Arbeit als eine „Mission“ empfunden?
Ja, auf jeden Fall! Natürlich ist jede Situation einzigartig. Jedes Land hat seine eigene Lebenswirklichkeit und seine besonderen Bedürfnisse. Wir sind nicht in erster Linie dafür da, eine finanzielle Unterstützung zu bringen, sondern den Bischöfen, den Priestern, den Schwestern zuzuhören, ihren Alltag zu teilen und zu verstehen, was sie brauchen. Natürlich gibt es den Moment, in dem wir unbedingt finanzielle Unterstützung leisten müssen, das ist ganz klar! Aber es würde sie verletzen, wenn wir nur über finanzielle Aspekte sprechen würden. Zwischen uns und unseren Brüdern und Schwestern im Glauben besteht eine tiefe Gemeinschaft. Unsere Tätigkeit ist keine bloße Arbeit, sondern sie ist eine Mission, die der Herr uns anvertraut hat für das Wachstum der Kirche überall in der Welt.
Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München
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BIC: GENODEF1M05
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