Länderbericht Algerien

Alphonse Georger, Bischof von Oran / Algerien.

Alphonse Georger, Bischof von Oran / Algerien.

Einwohner:
35,4 Millionen

Größe:
2 381 741 qkm
(fast siebenmal größer als Deutschland)

Religion:
Islam: 98 Prozent
Christentum: 0,2 Prozent
Religionslose: 1,8 Prozent

Die algerische Verfassung garantiert Religionsfreiheit; Staatsreligion ist jedoch der Islam, und auch wenn die Katholische Kirche und die Protestanten toleriert werden, müssen sie sich jeglicher Versuche enthalten, Algerier zu bekehren. Seit einigen Jahren ist allerdings eine wachsende Anzahl Übertritte zum Christentum zu verzeichnen.

Die Konvertiten werden vor allem in die Evangelische Kirche von Algerien aufgenommen, die aus dreißig verschiedenen Kirchen zusammengesetzt ist; daher hat die Katholische Kirche den Angaben lokaler Quellen zufolge seit dreißig Jahren höchstens 500 Personen getauft, während es seit den 1990er-Jahren jährlich 200 protestantische Taufen gegeben haben soll.

Während die katholischen führenden Geistlichen alle aus dem Ausland kommen, sind die der protestantischen Gemeinschaften zunehmend Algerier. Seit 2005 ist zudem der Präsident der Evangelischen Kirche ein Algerier, während dieses Amt vorher von einem Ausländer ausgeübt worden war. Die evangelische Kirche ist algerisch und will in ihrer Heimat Gehör finden und sich mitteilen.

Dies stellt jedoch für die staatlichen Behörden ein Problem dar. So erklärte der Minister für religiöse Angelegenheiten, Bouabdellah Ghlamallah in einem Gespräch mit der algerischen Tageszeitung Liberté vom 13. Oktober 2008: „Islam und Vaterland sind ein und dasselbe.“ Welcher Platz kommt dann aber nichtmuslimischen Algeriern zu? (Website Notre-Dame de Kabylie, 25. November 2008).

Algerier, die sich zum Christentum bekennen, stoßen zudem auf Schwierigkeiten, wenn sie ihren Glauben voll und ganz leben und ihre christliche Identität respektiert sehen wollen. So ist es ihnen nicht erlaubt, ihren Kindern christliche Vornamen zu geben, denn die Verwaltung lehnt es in solchen Fällen ab, die betreffenden Kinder ins Melderegister einzutragen. Alle Algerier, die einen muslimischen Vornamen tragen, müssen jedoch auf einem islamischen Friedhof bestattet werden.

Um den Trend der Konversionen abzubremsen, ließ der algerische Staat das Parlament über ein Gesetz zur Reglementierung des Gottesdienstes abstimmen. Dieses wurde am 1. März 2006 mittels Dekret in Kraft gesetzt (vgl. KIN Bericht 2008). Gegen Geistliche und christliche Verantwortungsträger wurden mehrere Maßnahmen ergriffen, bei denen diese neuen Rechtsvorschriften zur Anwendung gelangten.

Darüber hinaus wurden in einer beispiellosen Pressekampagne gegen „evangelikale Christen“ die Bekehrungsaktivitäten der amerikanischen Pfingstkirchen und die Mission der Katholischen Kirche in einen Topf geworfen. Als Illustration solcher Reportagen über die Evangelisierung werden systematisch katholische Symbole verwendet. Dieser Artikeltypus ist quasi alltäglich geworden, insbesondere in arabischsprachigen Zeitungen wie Echourouk, Ennahar und El Khabar (mit der höchsten Auflage).

Gemäß Akli Larbi, Hochschullehrer, Menschenrechtsaktivist und Initiator einer von mehreren hundert Menschen unterschriebenen Petition gegen die Bedrohung der Grundrechte wird die Kampagne gegen die „Christianisierung der Algerier“ vom staatlichen Sicherheitsdienst unterstützt. Er meint: „Für die Machthabenden ist es nur von Vorteil, wenn das Risiko der Evangelisierung, ausländische Bedrohung, innere Spaltung und Autonomiebestrebungen der Kabylei heraufbeschworen werden – diese Themen werden immer wieder gerne herangezogen.“

Am 26. Dezember 2009 griffen etwa zwanzig Muslime in Tizi-Ouzou (Kabylei) während des Morgengottesdienstes eine Kirche an, die vor kurzem von der Pfingstgemeinde Tafat (auf Berberisch: „Licht“) erbaut worden war. Alle Mitglieder dieser Gemeinde, insgesamt 300, sind muslimischer Herkunft. Zwei Tage später kehrten einige Angreifer nachts an den Ort des Geschehens zurück, brachen in das Gebäude ein und zündeten es an. Einige Tage darauf, am 2. Januar, drang eine andere Gruppe von Angreifern in die Kirche ein und unterbrach den Gottesdienst. Weitere kehrten am 9. Januar zurück und verbrannten alles, was sie vorfanden (Möbel, Bibeln, Gesangbücher und ein Kreuz).

Bei einem Symposium über die Kultusfreiheit, das Mitte Februar 2010 auf Initiative des Ministeriums für Religiöse Angelegenheiten in der Hauptstadt abgehalten wurde, setzte sich Msgr. Ghaleb Bader, Erzbischof von Algier, nachdrücklich für die Rechte der Kirche ein. Während er sich erfreut darüber zeigte, dass die Verordnung vom 1. März 2006 das Vorhandensein anderer, nichtislamischer Religionen anerkennt, gab er zu bedenken, dass es vor Ort Priester brauche, damit der katholische Gottesdienst zelebriert werden könne. Die Verwaltung lehne jedoch immer häufiger Visumsanträge von Priestern und Geistlichen ab.

Anschließend beklagte Erzbischof Bader, dass die in der Kabylei zahlreichen Protestanten nicht über genügend Gebäude für Gottesdienste verfügten, da sie im Gegensatz zu den Katholiken in der Gegend erst seit relativ kurzer Zeit präsent seien. Er erklärte weiterhin: „Wir wollen zu hundert Prozent als Algerier betrachtet werden.“ Für den Erzbischof könnte die Situation dennoch eine Entwicklung in Richtung zunehmender Flexibilität nehmen.

„Algerien ist wahrscheinlich der arabisch-muslimische Staat, der die Freiheit jener Algerier, die Jesus Christus nachfolgen, am meisten respektiert, selbst wenn dies die Gesellschaft zutiefst erschüttert und mitunter in der Bevölkerung oder der Presse starke oder sogar gewalttätige Reaktionen hervorruft.“ Er fügte jedoch hinzu: „Wenn Priestern und Nonnen weiterhin Visa verweigert werden, könnte die Kirche, die mit einer starken Überalterung ihrer Geistlichen konfrontiert ist, langsam, aber sicher erstickt werden; das Gespräch mit den Behörden wird jedoch fortgesetzt.“

 

Quellen

Compass Direct News
L’Église dans le monde
La Croix
Zenit

(Quelle: Christen in großer Bedrängnis. Diskriminierung und Unterdrückung – Dokumentation 2011, Stand: 2011).

22.Jun 2009 16:16 · aktualisiert: 19.Jan 2012 12:51
KIN / S. Stein