Länderbericht Venezuela

Präsident Hugo Chavez auf einem Buchtitel.

Präsident Hugo Chavez auf einem Buchtitel.

Einwohner:
27 Millionen

Fläche:
912 050 qkm (etwas größer als Deutschland und Frankreich zusammen)

Religionen:
Christen: 94,8 Prozent
Religionslose: 2,2 Prozent
Sonstige: 3 Prozent

Ausführlicheres Länderporträt

Präsident Hugo Chavez verfolgt weiterhin sein Projekt einer “Bolivarischen Revolution” (benannt nach dem Unabhängigkeitskämpfer Simon Bolivar) nach neo-marxistischen Prinzipien. Die Reformen betreffen institutionelle Änderungen
in allen Bereichen des Landes. Ein Beispiel sind die “Bolivarischen Zirkel”, lockere politische und soziale Verbände von Arbeiterräten. Diese Zirkel helfen der Regierung, Opponenten aufzuspüren, denen dann öffentliche Leistungen gestrichen werden.

Vor diesem Hintergrund wachsen die Spannungen zwischen der Regierung und der Kirche. Die Bischöfe sehen die Demokratie Venezuelas bedroht und warnen vor einem Sozialismus nach marxistischer Lehre. Chavez dagegen wirft der Kirche vor, sie gefährde die Stabilität des Landes und schüre oppositionelle Widerstände. Die Bischöfe berufen sich auf das Recht der freien Meinungsäußerung und halten Chavez entgegen, er lenke mit seinen Provokationen nur von den wahren Problemen des Landes ab.

Spannungen zwischen Chavez und Bischöfen

Statt eine Politik des marxistischen Sozialismus mit totalitären Tendenzen zu verfolgen, sollte sich das Land lieber für spirituelle Werte öffnen. Auf diesen Appell reagierte der venezolanische Präsident aggressiv; er warf der katholischen Hierarchie vor, sie rede dummes Zeug, und riet ihr, Marx, Lenin und die Bergpredigt zu lesen, um zu lernen, wo der Sozialismus seinen Anfang genommen habe.

Auch bezüglich anderer Streitpunkte kam es zu Spannungen, z. B. als die Bischofskonferenz angesichts der Schließung des Fernsehsenders Canal Radio
Caracas de Television für Meinungsfreiheit eintrat und der venezolanische Führer mit weiteren Beleidigungen gegen die Bischöfe reagierte.

Diese Zusammenstöße führten zu weiteren Erklärungen wie der von Erzbischof Roberto Lückert von Coro, der die autokratischen und militaristischen Methoden von Präsident Chavez anprangerte, nachdem dieser Jesus als größten Sozialisten in der Geschichte bezeichnet hatte; oder wie zu der Erklärung von Kardinal Rosalio Castillo Lara, der sagte: “Bei diesem feierlichen Anlass möchte ich Sie bitten, gemeinsam inbrünstig zum Göttlichen Hirten zu beten, dass er Venezuela rette”, und er fügte hinzu: “Wir befinden uns in einer äußerst ernsten Lage, wie wir sie nur sehr selten in unserer Geschichte erlebt haben.”

August 2007:
Im Oktober 2007 veröffentlichten die katholischen Bischöfe einen offenen Brief unter dem Titel “Berufen, in Freiheit zu leben”, in dem sie die vorgeschlagene Verfassungsreform als inakzeptabel bezeichnen, denn sie sei eine Einschränkung der Grundrechte des demokratischen Systems und des Einzelnen.

Natürlich rief diese Haltung der Bischöfe scharfe Kritik und Beleidigungen durch die Regierung hervor, die nur noch zunahmen, als das Referendum über die Verfassungsreform näherrückte, das Präsident Chavez am Ende sehr knapp verlor. Der bolivarische Führer bezichtigte die Kirche der Manipulation und der Lüge und ging sogar so weit, den honduranischen Kardinal Oscar Rodriguez Madariaga als “imperialistischen Clown” zu bezeichnen.

Dezember 2007:
Im Dezember 2007 wies der Erzbischof von Caracas die von Vizepräsident Jorge Rodriguez erhobenen Anschuldigungen zurück, die katholische Kirche unterstütze politische Versammlungen von Gegnern der Verfassungsreform in einem Gotteshaus – einer ehemaligen Kapelle.

Er erklärte, die betreffende Versammlung sei eine Initiative der Laien gewesen und der Veranstaltungsort sei heute ein Gemeinschaftszentrum und nicht Eigentum einer Kirchengemeinde. Wenig später aber herrschte große Besorgnis, als Kardinal Jorge Urosa von etwa 15 Mitgliedern der regierungsnahen Gruppe “La esquina caliente” physisch und verbal angegriffen wurde, während die Polizei dabeistand und nicht einschritt.

Juni 2008:
Die katholischen Bischöfe übten scharfe Kritik an der sogenannten “Katholischen
Reformkirche” (Iglesia Catolica Reformada), die ein Jahr zuvor in Venezuela gegründet worden war. Es handelt sich dabei um eine regierungsnahe Vereinigung, die von der Chavez-Regierung finanziell unterstützt wird. Die Bischöfe stellten klar, dass diese neue “aggressive” Glaubensrichtung keinerlei Autorisierung der katholischen Kirche besitze.

(Quelle: Christen in großer Bedrängnis. Diskriminierung und Unterdrückung – Dokumentation 2008, Stand: 2008)

23.Jun 2009 16:46 · aktualisiert: 9.Feb 2010 11:30
KIN / S. Stein