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Venezuela befindet sich in einer kriegsähnlichen Situation, ist Baltazar Enrique Kardinal Porras Cardozo, Erzbischof der Hauptstadt Caracas überzeugt. Zum Währungsverfall, dem allgegenwärtigen Mangel an Lebensmitteln, Medikamenten und nahezu allen Dingen des täglichen Bedarfs kommen noch schwere Repressionen, die das Regime seine Gegner spüren lässt.

 

Auch die Kirche steht verschärft im Visier. Obwohl die Ressourcen kaum reichen, setzen sich Seelsorger und freiwillige Helfer für die notleidende Bevölkerung ein.

Vertreter von KIRCHE IN NOT haben Anfang Juli das Land besucht. Unser Hilfswerk unterstützt seit langem die kirchliche Sozial- und Pastoralarbeit in Venezuela. Pressereferentin Maria Lozano hat mit Kardinal Porras gesprochen.

Venezolanische Ordensfrauen verteilen belegte Brote an bedürftige Kinder.
MARIA LOZANO: Venezuela befindet sich zwar nicht im Krieg, aber de facto lebt es in einem Kriegszustand. Was halten Sie von dieser Einschätzung?
BALTAZAR ENRIQUE KARDINAL PORRAS CARDOZO:
 Wir befinden uns in einer beispiellosen Situation. Sie ist zwar nicht das Ergebnis eines Krieges, hat aber ähnliche Folgen. Das Regime, das Venezuela zurzeit regiert, hat das Land zerstört und einen sozialen Konflikt ausgelöst, der schlimmer wird.

 

Viele Menschen verlassen das Land

Hinzu kommt die Auswanderung vieler Venezolaner in einem noch nie dagewesenen Ausmaß. Die Menschen verlassen das Land wegen ihrer Armut, ihrer politischen Ideen oder wegen der herrschenden Unterdrückung. Die Wirtschaft ist praktisch zerstört, und es gibt keine Rechtssicherheit.

Dazu kommt die Arbeitslosigkeit. Die Menschen haben keine Chance, den Mindestbedarf für ihre Familien zu erwirtschaften. All das bezeichnen Fachleute als Kriegswirtschaft.

- Erzbischof Baltazar Enrique Kardinal Porras Cardozo,
Regierung und Opposition haben sich im Juni in Oslo an einen Tisch gesetzt – ohne greifbare Ergebnisse. Demnächst sollen die Gespräche auf Barbados fortgesetzt werden. Die Skepsis ist groß. Was ist Ihre Einschätzung?
Die Regierung hat in den vergangenen 20 Jahren immer wieder zum Dialog aufgerufen, wenn sie in Schwierigkeiten war. Aber mit diesen Aufrufen wollte sie lediglich ihre Macht verlängern. Daher misstraut ein großer Teil der Bevölkerung dem Dialog. Trotzdem bietet er die Chance auszuloten, ob es einen Willen zum Wiederaufbau der Demokratie gibt.

 

Es macht mir große Sorgen, dass seit der Ausrufung von Juan Guaidó zum Interimspräsidenten Anfang des Jahres die Zahl der Verhafteten, Gefolterten, Toten und Verschwundenen zugenommen hat. An diesen Aktionen sind nicht nur hochrangige Militärs beteiligt, sondern auch Teile der Bevölkerung.

Baltazar Enrique Kardinal Porras Cardozo, Erzbischof von Caracas/Venezuela.
Vertreter von KIRCHE IN NOT konnten bei ihrem Besuch in Venezuela feststellen, dass die Menschen vielfach kirchliche Einrichtungen aufsuchen. Kann man sagen, dass die Kirche in Venezuela für viele Menschen die letzte Hoffnung ist?
Viele öffentliche und private Einrichtungen wurden zerstört. Die Kirche ist die einzige Institution, die unversehrt geblieben ist. Das liegt an unserer Nähe zu den Menschen und an unserer Präsenz in allen Bereichen.

 

Darüber hinaus hat die Kirche den Mut, auf die Missstände dieses Regimes hinzuweisen. Viele öffentliche Stimmen äußern sich nicht mehr, weil sie Angst haben. Die Regierung hat viele Unternehmer angegriffen oder kritische Medien bedroht und geschlossen.

Baltazar Enrique Kardinal Porras Cardozo, Erzbischof von Caracas, verteilt Suppe an.
Aufgrund ihrer deutlichen Haltung ist aber auch die Kirche Drohungen und Druck ausgesetzt. Kann man sagen, dass die venezolanische Kirche verfolgt wird?

Man kann nicht sagen, dass sie nicht verfolgt wird. Im Bildungsbereich gibt es beispielsweise viele Einschränkungen für katholische Schulen.

 

Kirche leidet unter subtilem Druck

Es scheint, als seien Hindernisse errichtet worden, damit die Kirche am Ende selbst ihre Schulen schließt. Seit Jahren leiden wir unter subtilem Druck, verbalen Drohungen und Schikanen gegen die karitativen Einrichtungen. Pfarreien werden von der Regierung, von kommunalen Räten und von regierungsfreundlichen Gruppen, den sogenannten „Colectivos“, angegriffen.

In den ärmeren Stadtvierteln von Caracas zum Beispiel stehen diese „Colectivos“ oft vor den Kirchentüren. Sie hören genau zu, was der Priester in der Predigt sagt. Wenn ihnen das nicht gefällt, beginnen die Drohungen.

Menschen strömen über die Grenzbrücke von Venezuela nach Kolumbien.
Was würde in Venezuela passieren, wenn die katholische Kirche ihr Engagement nicht fortsetzen könnte?
Für viele Menschen würde sich die Situation noch weiter verschlechtern. Weil so viele Menschen auswandern, sind wir Daheimgebliebenen emotional verwaist. Die Familien und das soziale Umfeld sind verschwunden. Es fehlt an Gemeinschaft.

 

Wir leiden auch darunter, dass es vielen von den Auswanderern weiterhin nicht gut geht. Das ist sehr traurig.

- Erzbischof Baltazar Enrique Kardinal Porras Cardozo
Was ist Ihre Botschaft an die Menschen, die die Arbeit der Kirche in Venezuela durch Organisationen wie KIRCHE IN NOT unterstützen?
Die Nähe vieler Institutionen ist für uns ein großer Trost. Insbesondere bin ich KIRCHE IN NOT zutiefst dankbar, nicht nur für die materielle Hilfe, sondern auch für den „geistlichen Gleichklang“, der sich vor allem im Gebet ausdrückt.

 

Dank der Hilfe, die wir von KIRCHE IN NOT zum Beispiel durch Mess-Stipendien erhalten, werden die Nöte der Pfarreien stark gemildert. Auf diese Weise können andere Mittel zur Stärkung der Sozialarbeit eingesetzt werden, die es uns ermöglichen, den bedürftigsten Menschen zur Seite zu stehen.

„Wir lassen nicht nach mit unserem Einsatz”
Interview mit einem Erzbischof aus Venezuela über die prekäre Lage in seiner Heimat
Venezuela war einst dank des hohen Erdölexports das wohlhabendste Land Südamerikas. Heute durchleidet es eine Inflation bis zu einer Million Prozent, weite Bevölkerungsteile verelenden. Beobachter machen dafür den linksgerichteten Kurs verantwortlich, den das Land unter Präsident Hugo Chávez eingeschlagen hatte und den sein Nachfolger Nicolás Maduro fortsetzt.
Die Regierung dagegen verweist auf die verhängten Handelssanktionen aus dem Ausland und den aggressiven Kurs der USA. Die katholische Kirche Venezuelas ist nicht nur durch den Geldverfall in ihren pastoralen Möglichkeiten eingeschränkt, immer wieder kommt es auch zu staatlichen Restriktionen. Die Inflation steigt. Es fehlt an Strom und Wasser. Die Menschen können sich kaum noch Lebensmittel leisten. Wie die Kirche dennoch versucht, den notleidenden Menschen beizustehen und zur Einheit des Landes beizutragen, darüber berichtete Erzbischof Manuel Felipe Díaz Sánchez (63) bei einem Besuch bei KIRCHE IN NOT Deutschland.
Sánchez leitet seit 2008 das Erzbistum Calabozo, etwa 300 Kilometer südlich der Hauptstadt Caracas. Das Interview führte Tobias Lehner.
Menschen strömen über die Grenzbrücke von Venezuela nach Kolumbien.
Die Inflation steigt. Es fehlt an Strom und Wasser. Die Menschen können sich kaum noch Lebensmittel leisten.
„Es herrscht ein Mangel an allem”

TOBIAS LEHNER: Exzellenz, was bedeutet die Krise für die Menschen konkret?

Ein alltägliches Beispiel: Jemand geht in ein Geschäft und fragt, wie viel ein bestimmtes Lebensmittel kostet. Er holt das Geld und kommt nach einer Stunde wieder – in der Zwischenzeit ist der Preis gestiegen.
Es herrscht ein Mangel an allem. Viele Menschen ernähren sich nur noch von Reis und Bohnen. Besonders schlimm ist die Lage in den Krankenhäusern. Es fehlen Medikamente. Die Patienten müssen sie teilweise selber beschaffen und verkaufen dafür ihre letzten Wertgegenstände. Viele Menschen sehen die Auswanderung als einzige Lösung.

Es gibt immer wieder Meldungen, dass sich die Situation an der Grenze zu Kolumbien zuspitzt. Zeitweise musste der Grenzübergang geschlossen werden. Viele Menschen kommen nicht weiter, weil das Geld für die Ausreisepapiere fehlt. Was wissen Sie über die Situation dort?
Es ist vor allem die Kirche, die sich der Menschen annimmt. Das gilt auf der venezolanischen Seite, aber auch in Kolumbien, Ecuador, Peru und Chile, wohin die meisten Menschen auswandern.

„Sie teilen das Wenige, das sie haben”

Die Gemeinden an der Grenze versorgen die Menschen mit Lebensmitteln, bieten Übernachtungsmöglichkeiten oder medizinische Hilfe an. Sie teilen das Wenige, das sie haben. Wir sind sehr dankbar für diese Solidarität.

TL: Venezuela präsentiert sich als moderner sozialistischer Staat. Bringt das auch Schwierigkeiten für die Kirche mit sich?

Das politische System in Venezuela ist ein Flickenteppich aus verschiedenen Einflüssen: sozialistisch, konservativ, durchtränkt mit atheistischen und spiritistischen Vorstellungen und vielem mehr. Es gab immer wieder Versuche, die Bischöfe zu spalten, aber das ist nicht gelungen.
Gleichzeitig haben Chávez und der jetzige Präsident Nicolás Maduro alle Verträge anerkannt, die die Vorgängerregierungen mit der katholischen Kirche geschlossen hatten. Das betrifft vor allem die kirchlichen Schulen. Zehn Prozent der Schulen in Venezuela sind in kirchlicher Trägerschaft, darunter auch viele Berufsschulen. Davon hat der Staat natürlich auch etwas.

Viele Politiker zeigen sich bewusst sehr religiös. Gleichzeitig nehmen staatliche Vertreter zum Beispiel nicht mehr an Bischofsweihen teil. Es ist ein zwiespältiges Verhältnis.

TL: Wie steht es um das kirchliche Leben?

75 Prozent der Venezolaner sind Katholiken. Sie sind dem Glauben treu geblieben. Ich höre immer wieder: Die Kirche in Venezuela ist die Institution, die am meisten Glaubwürdigkeit hat.

Venezolanische Ordensfrauen verteilen belegte Brote an bedürftige Kinder.
Plakat des Präsidenten Nicolás Maduro.
Kinder und Jugendliche aus Carupano/Venezuela freuen sich über die Kinderbibel von Kirche in Not.
Bei einem Gottesdienst in Venezuela.
Kirche genießt hohe Glaubwürdigkeit

Die wirtschaftliche Misere beeinflusst natürlich auch das kirchliche Leben: Es ist zum Beispiel aus finanziellen Gründen nicht mehr möglich, kirchliche Großveranstaltungen wie einen Jugendtag oder ein Familientreffen zu organisieren. Aber wo es keine Begegnung mehr gibt, gibt es auch keine kirchliche Gemeinschaft! Sehr schlimm ist auch die Situation der Priester: Viele vereinsamen, weil sie allein eine sehr große Pfarrei betreuen, oft in einer ländlichen Gegend. Sie haben nicht das Geld, um zu Treffen zu fahren oder das Lebensnotwendigste einzukaufen.
Es gab auch schon Fälle, bei denen Ordensleute das Land verlassen mussten, weil sie ihr Kloster und ihre Arbeit finanziell nicht mehr aufrechterhalten konnten.

TL: Kann die Kirche in Venezuela denn irgendetwas tun, um der Not der Menschen abzuhelfen?

Wir lassen nicht nach mit unserem Einsatz auf dem Gebiet Schule und Erziehung. Wir wollen den jungen Menschen die Möglichkeit eröffnen, dass sie eine bessere Zukunft bauen können. In einzelnen Pfarreien verteilen die Priester Medikamente, die sie aus dem Ausland bekommen.

„Solidarische Töpfe”

Eine sehr erfolgreiche Aktion sind die sogenannten „Solidarischen Töpfe“. Mit Lebensmittelspenden kochen Freiwillige in den Pfarreien für besonders arme Menschen. Diese sind sehr dankbar dafür, weil sie wissen, dass auch die kirchlichen Mittel gering sind.

TL: Was kann KIRCHE IN NOT tun, um Venezuela zu helfen?

Ich bin es nicht gewohnt zu betteln. Umso dankbarer bin ich, dass KIRCHE IN NOT uns Hilfe angeboten hat. Die Menschen brauchen Unterstützung, um Essen und Medikamente kaufen zu können.

„Mess-Stipendien sind lebensnotwendig”

Wir brauchen aber auch pastorale Unterstützung. Die Priester und Gläubigen brauchen Gelegenheiten, bei denen sie sich vernetzen und bestärken können. Es fehlen auch Bibeln und Materialien für die Katechese. Sehr wichtig ist die Versorgung der Priester. Mess-Stipendien sind für viele die einzige Einnahmequelle und lebensnotwendig.

TL: Im September waren alle venezolanischen Bischöfe bei Papst Franziskus. Wie reagiert der Papst auf die Schilderungen der Lage?

Der Papst hat wiederholt seine Solidarität mit den Menschen in Venezuela gezeigt. Er hat uns Bischöfe ermutigt, geeint für das Land einzustehen. Vertreter der Kurie, zum Beispiel der Kardinalstaatssekretär, haben sogar von einer „bedrängten Kirche“ in Venezuela gesprochen und Hilfe angeboten.
Das hat uns sehr bewegt und ermutigt. Ohne die Solidarität der Christen weltweit können wir nicht überleben!

Manuel Felipe Díaz Sánchez, Erzbischof von Calabozo (Venezuela).
„Viele Menschen sitzen weinend in einer Kirchenbank oder vor dem Portal. Sie bekommen erst mal kein Wort heraus – so groß sind ihre Sorgen“, erzählt Esteban Galvis.

Er ist Pfarrer der Gemeinde „Unsere Liebe Frau von Lourdes“ in Aguas Calientes, einem Stadtteil von Ureña im Nordwesten Venezuelas. Von dort sind es nur noch wenige Kilometer zum Rio Táchira, der die Grenze nach Kolumbien markiert.

In der aktuellen Krise, die Venezuela heimsucht, ist Aguas Calientes deshalb für viele Menschen zum letzten Stopp geworden, ehe sie ihre Heimat verlassen. Eine stetig ansteigende Inflation, politische Unsicherheit und Armut lassen ihnen kaum andere Wahl.
Esteban Galvis, Pfarrer der Gemeinde „Unsere Liebe Frau von Lourdes“ in Aguas Calientes.
Marktszene an der Grenze von Venezuela und Kolumbien.
An der Grenze von Venezuela nach Kolumbien.
Gottesdienst in der Kirche von Aguas Calientes.
Mann am Straßenrand in Venezuela.

Einer jüngsten Einschätzung des Internationalen Währungsfonds zufolge könnte die Inflationsrate in Venezuela bis Jahresende bei einer Million Prozent liegen. Die Opposition wirft Präsident Nicolás Maduro vor, den Ernst der Lage zu ignorieren und eine Diktatur zu errichten.

Kritiker, darunter auch Kirchenvertreter, würden systematisch verfolgt. Maduro beschuldigt hingegen seine Gegner, mit Hilfe der USA einen Umsturz im Land vorzubereiten.

Trotz all dieser Probleme und der zunehmenden Unsicherheit – der Abschied von der Heimat schmerzt, wie Pfarrer Galvis jeden Tag erlebt: „Die Menschen sind so traurig, weil sie Venezuela verlassen müssen.

„Die Menschen sehen keine Zukunft in Venezuela”

Sie sorgen sich um ihre Angehörigen. Aber sie sehen keine Zukunft, weil sie nicht mehr zu essen haben oder lebensnotwendige Medikamente hier nicht mehr zu bekommen sind.“

Der Priester und ehrenamtliche Helfer gehen täglich mehrmals durch die Kirche oder lesen auf dem Vorplatz gestrandete Menschen auf. Hinter vielen von ihnen liegen tagelange Strapazen – und oft ist kurz vor der Ausreise auch erst einmal Schluss.

Kolumbien hat wiederholt die Grenze vor dem Flüchtlingsansturm dichtgemacht. Oft fehlt auch das Geld für die Ausreiseformalitäten. So wie bei Juan Carlos und seiner Frau, deren Geschichte sich dem Geistlichen besonders eingebrannt hat: „Sie saßen weinend vor der Kirche. Das Geld zur Weiterreise war ihnen ausgegangen. Sie hatten buchstäblich nur noch das, was sie am Leib trugen.“

Die Inflation zehrt alles auf

Galvis lud sie ein, bei ihm zu essen. Dabei hat er selber kaum etwas. Er bekommt einen geringen Lohn von seiner Diözese, doch die Inflation zehrt alles auf. „Wir sind hier selber Arme, die Arme versorgen“, sagt der Priester. „Oft kann ich nur ein Glas Limonade anbieten.“

Die ständig ansteigende Inflation machten es zum Beispiel unmöglich, allen Auswanderern regelmäßig eine warme Mahlzeit anzubieten oder eine medizinische Versorgung aufrecht zu halten. Doch auch das Wenige wird für viele Auswanderer zum Segen, so auch für Juan Carlos und seine Frau. Ein Gemeindemitglied erklärte sich bereit, den Beiden Obdach zu geben. Und dort sind sie bis heute geblieben.

Pendeln zwischen Kolumbien und Venezuela

Jeden Tag pendelt Juan Carlos über die Grenze nach Kolumbien, verdient dort den Lebensunterhalt für sich und seine Frau. Sie sparen für die Ausreise.

Viele Auswanderer kämen auch von sich aus auf den Priester zu, erzählt Galvis. Dabei gehe es ihnen aber nicht um Essen oder ein Bett: „Viele kommen her, um vor der Auswanderung zu beichten und sich in Gottes Hand zu begeben.“

Überhaupt seien das Gebet und die Seelsorge die wichtigsten Werkzeuge in dieser angespannten Situation, ist der Pfarrer überzeugt: „Unsere Aufgabe ist es, die Menschen im Licht des Wortes Gottes zu trösten.“ Dazu gehöre neben der karitativen Hilfe auch die geistliche Betreuung.

Galvis veranstaltet deshalb Tage der Eucharistischen Anbetung in seiner Pfarrkirche und hat zusammen mit Katecheten Seelsorgeangebote rund um die Uhr eingerichtet. Das Engagement der Gemeindemitglieder sei vorbildlich, erzählt der Pfarrer stolz. Bei einer Versammlung mit dem zuständigen Bischof von San Cristóbal hätten die Gemeinden im Grenzgebiet ihre besondere Verpflichtung in der Sorge um die Auswanderer erneuert.

„Wir machen auf jeden Fall weiter – auch wenn es nicht genug für alle gibt“, erklärt Galvis. „Aber was wir immer geben können, ist unser Trost für die Menschen, die hierherkommen und leiden. Gott ist unsere einzige Kraft.“

Laut dem aktuellen Bericht von Caritas Venezuela sind die Lebensmittelpreise aufgrund der Inflation im Jahre 2017 um mehr als 1300 Prozent gestiegen. Der Internationale Währungsfonds schätzt die Inflation in Venezuela für das Jahr 2018 sogar auf 13 000 Prozent. Sie ist damit die höchste weltweit. Zu der schwierigen Wirtschaftslage kommt die politische Krise hinzu.

Die Regierung hat für den kommenden Sonntag Präsidentschaftswahlen angesetzt. Maria Lozano von KIRCHE IN NOT International hat mit Jorge Kardinal Urosa, dem Erzbischof von Caracas, über die bevorstehenden Wahlen und die Lage in Venezuela gesprochen.
Wahlplakate an einer Straße in Venezuela.
Junge Erwachsene aus Venezuela.
Betende Frau in einer Kirche in Venezuela.
Die Inflation steigt. Es fehlt an Strom und Wasser. Die Menschen können sich kaum noch Lebensmittel leisten.
MARIA LOZANO: Die Wahlen waren für Oktober oder Dezember 2018 vorgesehen und wurden auf den 20. Mai vorverlegt. Die Opposition kritisierte, dass es an Zeit fehle, um den Wahlkampf zu organisieren, und rief zur Stimmenthaltung auf. Wie beurteilen Sie die Verschiebung des Wahltermins?

JORGE KARDINAL UROSA: Meiner Meinung nach ist das Vorziehen der Präsidentschaftswahlen auf den 20. Mai eine Ungerechtigkeit gegenüber den politischen Rechten der venezolanischen Bürger.

Wir haben das Recht, frei und unter angemessenen Bedingungen zu wählen. Die Wahlen müssen durchführbar und demokratisch sein. Außerdem müssen die Wahlen im letzten Vierteljahr des Jahres angesetzt werden, wie dies in der Verfassung vorgesehen ist.

Zurzeit scheint die Opposition nicht sehr aktiv zu sein. Es findet vor der Wahl keine wirkliche Mobilisierung statt. Venezuela scheint unter Schock zu stehen. Ist dies so?

Im vergangenen Jahr starben 140 Personen bei der Niederschlagung von Protestmärschen. Manchmal hatten die Opfer jedoch noch nicht einmal mit den Protesten zu tun.

Es gibt ein Video, in dem eine Frau eine Straße entlanggeht, ohne an den Märschen teilzunehmen; als sie sich von der Menge entfernt, hört man plötzlich einen Schuss. Tödlich getroffen fällt sie hin. Dies hat mich erschüttert.

„Wahlen werden sozialen Notstand nicht lösen”

Wir stehen unter Schock. Man könnte denken, dass sich das Böse ungehindert ausbreite und es egal sei, ob nun Kinder sterben oder jemand sich ergibt und dennoch umgebracht wird. Angesichts von so viel Leid sind die Menschen mutlos.

Die Presseerklärung der Bischofskonferenz spricht auch von einer Unrechtmäßigkeit der Wahlen …

Diese Wahlen werden das Problem des sozialen Notstands nicht lösen, und deshalb sind sie nicht rechtmäßig. Man müsste diese Wahlen verschieben, da sie wirklich weder legitim noch demokratisch sind.

Ist die Kirche die einzige Einrichtung in Venezuela, die ihre Stimme erhebt?

Nein. Es gibt viele Gruppen, die nicht damit einverstanden sind und das Wort ergreifen, wie zum Beispiel politische Gruppen oder die Nationalversammlung. Erstere sind sehr zersplittert und geschwächt und werden bedroht. Bei der Kirche ist die Wirkung vielleicht größer, da das Vertrauen der venezolanischen Gesellschaft in die Bischöfe stark ist.

Manche Beobachter sind der Meinung, dass die Wahlen vorgezogen wurden, da die ökonomische Lage des Landes am Ende ist. Ist dies einer der Gründe?

Das weiß ich nicht. Was ich hingegen weiß, ist, dass die venezolanische Realität erbärmlich ist: Der Mangel an Medikamenten und Infusionen ist groß, einschließlich der Gesundheitsfürsorge in den Krankenhäusern, der Mangel an Lebensmitteln und die hohen Preise dafür, das Transportproblem, der Mangel an Bargeld …

Es mangelt an allem Lebensnotwendigen

Ein Kilogramm Fleisch oder Milchpulver kostet den Mindestlohn. Wer kann sich dies leisten? Wie ist es möglich, dass es in einem Land kein Geld gibt? Das zerstört jedes Wirtschaftssystem. Seitens der Bischofskonferenz von Venezuela haben wir unsere Stimme erhoben, um diesen sozialen Notstand beziehungsweise die humanitäre Krise, die in unserem Land herrscht, anzuprangern.

Es fehlt an Strom und Wasser. Niemand hat sich darum gekümmert, die Strukturen und die Instandhaltung von Systemen aufrechtzuerhalten. Es ist schrecklich, dieses Land in Trümmern zu sehen.

Jorge Kardinal Urosa, Erzbischof von Caracas.
Caritas International spricht von mehr als vier Millionen Menschen, die das Land verlassen haben. Das wäre mehr als zehn Prozent der Bevölkerung …

Ja, es gibt diesen Exodus, weil es keine Zukunft gibt. Die Situation ist dramatisch. Momentan haben praktisch alle venezolanischen Familien einen Angehörigen, der im Ausland lebt.

Viele Menschen verlassen das Land

Dieser Exodus betrifft auch die Kirche. Zum Beispiel hier in der Erzdiözese Caracas haben schon vier ständige Diakone das Land aus familiären Gründen verlassen. Es gibt auch viele Kongregationen, die ihre Ordensschwestern außer Landes bringen, da sie keine Mittel für ihre Ernährung oder medizinische Betreuung haben.

Was wäre nötig, um Venezuela aus dieser schlimmen Lage herauszuhelfen?

Es ist schwierig, diese Situation zu ändern. Wie kann es eine Veränderung geben, wenn die Regierung praktisch die ganze Staatsgewalt innehat?

Es gibt zwar die Nationalversammlung, aber sie ist praktisch außer Kraft gesetzt, so wie man auch die politischen Parteien für nichtig erklärt hat.

Andererseits könnte man sagen, dass es eine „Hypothek“ von Venezuela im internationalen geopolitischen „Spiel“ gibt. Das Land hat die Zusammenarbeit mit einigen Ländern aufgegeben und ist strategische Allianzen mit anderen eingegangen, vor allem wenn es um Bergbau und Erdöl geht.

Im Süden von Venezuela gibt es Diamantenminen, Gold und Koltan. Im Übrigen ist die Rücksichtslosigkeit gegenüber der Umwelt und die unkontrollierte Ausbeutung ein anderes, besorgniserregendes Thema.

Das Land ist Teil des internationalen geopolitischen und ökonomischen Spiels. Dies macht es noch schwieriger. Aber wir dürfen nicht aufhören, für unser Land zu beten und eine friedliche Lösung zu ersehnen.

Leise betritt eine junge Ordensfrau das lärmende Lokal. Sie gehört zur Kongregation der „Kleinen Schwestern der Armen“ und sammelt Almosen.

Als sie einem stadtbekannten Kirchenhasser bittend die offene Hand hinhält, spuckt dieser ihr höhnisch lachend ins Gesicht. Stille.

Sie wischt sich das Gesicht ab und sagt: „Das war für mich. Geben Sie mir jetzt etwas für die Armen?“ Im Gesicht des Mannes gefriert das Grinsen. Er schaut sie mit großen Augen an, bittet um Verzeihung und gibt – mehr als sie zu hoffen wagte.
Pflanzen und Ackern gegen den Hunger: Seminaristen auf dem Feld.
Singen für den Herrn: Seminaristen bei der Chorprobe.
Rüsten sich gegen die geistliche Armut: Seminaristen aus Venezuela.
Raul Castillo, Bischof von La Guaira, zusammen mit Jugendlichen (Foto: Raul Castillo).

Raul Castillo, Bischof von La Guaira/Venezuela, erzählt diese wahre Geschichte gern. Es gehöre viel Mut dazu, seine Würde in die offene Hand zu legen und zu betteln. Aber er weiß: „Christus bettelt mit.“ Denn es geht, wie Papst em. Benedikt XVI. in seinem Jesusbuch schreibt, um „Gottes erste Liebe, die Armen“.

Dazu zählt Bischof Castillo auch die Priester, Schwestern und Seminaristen. Sie aber sind es, die die große geistliche Armut von heute, von der Papst Franziskus in Evangelii Gaudium spricht, bekämpfen. „Die schlimmste Diskriminierung, unter der die Armen leiden, ist der Mangel an geistlicher Zuwendung.“

Selbst das Notwendige zum Überleben fehlt

Die 19 künftigen Priester im Seminar Sankt Petrus sind sich dessen bewusst. Sie sehen die Armut im Land, den Mangel an Lebensmitteln und den Überfluss an Gewalt. Sie selber leiden unter dem Mangel.

Bischof Castillo bittet für sie um das Notwendigste: Seife, Eier, Milch, Mehl, Papier … Geld haben sie nicht, es wäre auch nicht viel wert. Die Inflation ist die höchste der Welt. Mit Geld von draußen könnten sie die materielle Not wenden und sich auf die kommende geistliche Not vorbereiten.

Mancher von ihnen kennt Leiden und Schmerz. Als Luis Carlos den Ruf Gottes spürte, war er verlobt. Die Trennung war nicht leicht. Cesar Rafael erkrankte mit zehn Jahren an Lymphknotenkrebs. Eine Chemotherapie rettete ihn. Mit 14 kam der Krebs wieder. Diesmal folgte der Chemo auch eine Strahlentherapie. Seither ist er gesund. Das Studium zum Maschinenbauingenieur gab er nach vier Semestern auf, um ins Seminar zu gehen.

An die Liebe Gottes glauben

Esteban Marcanos Mutter starb, als er ein Jahr alt war. Sein Vater zog ihn bei den Großeltern auf. Als der Vater starb, war er 16. Dennoch glaubte er weiter an die Liebe Gottes. Heute ist er im Seminar.

Niemand weiß, wie es im Land weitergeht. Aber sicher ist, dass die geistliche Armut zunehmen wird. Luis, Cesar und Esteban wollen sie mit den Sakramenten, Zeichen der Liebe, auflösen. Dafür rüsten sich auch die mittlerweile 20 jungen Männer im Seminar „Mutter des Erlösers“ in Carupano. Auch sie haben keine Angst vor der Zukunft, auch ihnen fehlt heute das Nötigste zum Überleben.

Wir haben 12.000 Euro für Carupano und 15.000 für La Guaira zugesagt. Damit helfen wir, dem Ziel näher zu kommen, das der Papst so formuliert: „Die bevorzugte Option für die Armen muss sich hauptsächlich in einer religiösen Zuwendung zeigen“ (Evangelii Gaudium, 200).