Länderbericht Nigeria

Prälat Obiora Ike aus Enugu / Nigeria.

Prälat Obiora Ike aus Enugu / Nigeria.

Einwohner: 138,8 Millionen

Fläche:
923 768 qkm (ähnlich groß wie Deutschland, Frankreich und Belgien zusammen)

Religion:
Christen: 45,9 Prozent (darunter 21 Millionen Katholiken)
Muslime: 43,9 Prozent
Animisten: 9,8 Prozent
Sonstige: 0,4 Prozent

Die Präsidentschaftswahlen im April 2007 hat der muslimische Politiker Umaru Musa Yar’Adua mit deutlicher Mehrheit (70 Prozent) gewonnen. Der neue Präsident war zuvor Gouverneur des Bundesstaates Katsina im Norden Nigerias. Unter seiner Regierung wurde dort im Jahr 2000 (wie in 11 weiteren Bundesstaaten im Norden Nigerias) die Scharia eingeführt.

Im Norden Nigerias bilden die Muslime die deutliche Mehrheit der Bevölkerung, während die südlichen Bundesstaaten überwiegend christlich geprägt sind. Yar’Adua garantierte damals den Nicht-Muslimen ihre Sicherheit und Unabhängigkeit. Den gleichen Einsatz für die Rechte der Christen erwarten diese nun auch von ihm als neuem Präsidenten der ganzen Nation.

Auch Christen von Sharia betroffen

Immerhin wurde seine Wahl vom damaligen Präsidenten, Olusegun Obasanjo, einem bekennenden Christen, stark unterstützt. Der neue Präsident hat versprochen, sich wie sein Vorgänger für den sozialen und religiösen Zusammenhalt der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen einzusetzen.

Religiöse Freiheit in einem Scharia-System gestaltet sich allerdings teilweise
problematisch für den christlichen Teil der nigerianischen Bevölkerung. In der Vergangenheit kam es immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen. Im Prinzip gilt die Scharia-Gesetzgebung in zivil- und strafrechtlichen Angelegenheiten nur für die Muslime und nicht für die Christen.

Doch in der Praxis spüren auch die Christen deutliche Auswirkungen. So ist zum Beispiel im nördlichen Bundesstaat Kano der öffentliche Verkauf und Konsum alkoholischer Getränke verboten, und zwar auch für Nicht-Muslime. In anderen nördlichen Bundesstaaten darf Alkohol nur in bestimmten staatlichen Einrichtungen verkauft werden, etwa in Polizeistationen oder Kasernen.

Gottesdienste im Freien verboten

Ein Priester teilte KIRCHE IN NOT mit, dass Angehörige einheimischer Volksstämme im Bundesstaat Kano, die es ablehnen, ihre christlichen Vornamen
abzulegen, Gefahr laufen, bestimmte Rechte oder Vergünstigungen zu verlieren. Im Bundesstaat Yobe etwa führt ein christlicher Vorname dazu, dass Bewerber für Regierungsämter abgelehnt werden. Im Bundesstaat Zamfara ist in vielen öffentlichen Einrichtungen eine strikte Trennung nach Geschlechtern einzuhalten.

In der Stadt Maiduguri im nördlichen Bundesstaat Borno sind den Christen laut einer KIRCHE IN NOT nahestehenden Informationsquelle Versammlungen und Andachten oder Gottesdienste im Freien untersagt; Angehörige einheimischer Volksstämme, die sich zum Christentum bekehren, riskieren in der überwiegend muslimischen Region, durch Fanatiker umgebracht zu werden.

Christen in den zwölf Scharia-Staaten erleiden immer wieder Diskriminierungen und erleben intolerantes Verhalten. Christlichen Schülern oder Lehrern kann es passieren, dass sie wegen erfundener Vorwürfe, sie hätten schlecht über den islamischen Glauben geredet (Blasphemie), die Schule verlassen müssen. Woanders wurden Anträge christlicher Gemeinden auf den Bau einer Kirche oder die Einrichtung eines Friedhofes zum wiederholten Male abgelehnt.

Interreligiöser und interethnischer Dialog

Kirchengebäude, die für illegal befunden werden, müssen abgerissen werden.
Jugendliche werden entführt und zum Übertritt zum Islam gezwungen, und Mädchen werden zwangsverheiratet mit muslimischen Männern. Muslime, die zum Christentum konvertieren, werden eingeschüchtert oder erhalten Morddrohungen.

In einigen Fällen wurden Christen gezwungen, Streitfälle mit Muslimen vor dem Schariagericht auszutragen, obwohl sie nach rechtlicher Lage dazu nicht verpflichtet sind. Im Bundesstaat Kano müssen sich auch die christlichen Mädchen an die islamische Kleiderordnung halten und verschleiert zur Schule kommen.

Gleichzeitig aber gibt es in dem multireligiösen Vielvölkerstaat Nigeria auch viele Initiativen im Bereich des interreligiösen Dialogs, wie zum Beispiel das Inter-ethnische Forum im Bundesstaat Kano oder das Zentrum für Interreligiöse Vermittlung und das Forum des Muslimisch-Christlichen Dialogs im Bundesstaat Kaduna.

In diesen beiden Bundesstaaten war es im Jahr 2004 zu besonders heftigen und blutigen Zusammenstößen zwischen christlichen und muslimischen Gruppen gekommen. Eine der ersten Maßnahmen des neuen Präsidenten Umaru Yar’Adua war die Einrichtung eines Interreligiösen Beraterstabs, der helfen soll, religiösen Konflikten und vor allem Gewaltaktionen vorzubeugen.

Dezember 2006:
Im Dezember 2006 konvertierte die 16-jährige Farida vom Islam zum Christentum.
Daraufhin wurde sie von ihrem Ehemann verstoßen. In ihre eigene Familie zurückgekehrt, wurde sie dort zur Rückkehr zum Islam gezwungen. Ihre Mutter trug ihr auf, Wasser zum Kochen zu bringen, und stellte sie dann vor die Wahl zwischen Islam oder Tod durch Verbrühen.

Farida aber blieb standhaft, worauf ihre Mutter sie mit dem siedend-heißen Wasser übergoss. Farida überlebte, erlitt aber schwere Verletzungen des ganzen Oberkörpers und Verbrennungen dritten Grades an einem Arm. Sie suchte Zuflucht in der christlichen Gemeinde, wo sie inzwischen eine kleine Tochter geboren hat.

Januar 2007:
In einer Oberschule in Wusasa im Bundesstaat Kaduna steckten muslimische Schüler zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit die christliche Kapelle in Brand. Sie war erst im August 2006 wieder in Betrieb genommen worden, nachdem junge Muslime die Kapelle im Jahr 2004 niedergebrannt hatten. Damals hatten sie auch ihre christlichen Mitschüler angegriffen und einige von ihnen schwer verwundet.

Dank des schnellen Eingreifens von Lehrern und Schülern konnten diesmal schlimmere Schäden verhindert werden. Vor dem Anschlag hatte man in der Kapelle Flugblätter gefunden, auf denen ein Brandanschlag angekündigt wurde für den Fall, dass die christlichen Lehrer und Schüler die Schule nicht verlassen würden. Die Oberschule wird von etwa 1000 Schülern besucht, unter ihnen etwa 300 Christen.

März 2007:
Am 21. März 2007 wurde in einer Oberschule in Gandu (Bundesland Gombe) eine evangelische Lehrerin, Christianah Oluwatoyin Oluwasesin, von mehreren muslimischen Schülern totgeschlagen, nachdem sie fälschlich beschuldigt worden war, ein Exemplar des Koran entweiht zu haben. Zwei Tage später wurde in derselben Stadt eine Kirche der Evangelischen Kirche Westafrikas (ECWA) in Brand gesteckt. Sechzehn Menschen wurden im Zusammenhang mit Christianah Oluwasesins Ermordung verhaftet, später jedoch wieder freigelassen.

Juni 2007:
Pastor Adamu Sunday Peni, Stellvertretender Schriftführer der Christian Association  of Nigeria CAN im Bundesland Kebbi, meldet den Ausschluss von Christen bei der Vergabe von Regierungsämtern. Im gesamten öffentlichen Dienst des Landes finde sich nur ein einziger nicht-muslimischer hoher Beamter. Auch Pastor Sati Riba vom Redemption Power Ministry beklagte, dass nur einer der zwölf ständigen Sekretäre des Bundeslandes ein Christ sei.

September 2007:

Am 28. September 2007 kamen bei organisierten Gewalttaten muslimischer Extremisten und Schüler in der Stadt Tudun Wada (Bundesland Kano) 19 Christen (darunter drei Katholiken) ums Leben; weitere 61 wurden verletzt. Außerdem wurden zehn Kirchen (darunter eine katholische), 36 Wohnhäuser und 147 Geschäfte zerstört, die Christen gehörten.

Die Gewalt brach in einer öffentlichen höheren Schule aus, deren wenige christliche Schüler (14 an einer Schule von 1500 Schülern) beschuldigt wurden, ein Bild des Propheten Mohammed an die Wand einer Moschee gezeichnet zu haben. Unter den Verletzten war auch der Priester von St. Mary’s, der katholischen Kirche, die während der Unruhen zerstört wurde.

Oktober 2007:
Zwei christliche junge Männer wurden während des Fastenmonats Ramadan getötet, nachdem ein muslimischer Gelehrter im staatlichen Fernsehen die Muslime in der Stadt Kaduna (im Bundesland Kaduna) zum Kampf (jihad) gegen die Ungläubigen aufgerufen hatte.

Dezember 2007:
Am 11. und 12. Dezember 2007 setzten muslimische Extremisten in Bauchi (Bundesland Bauchi) drei Kirchen von Pfingstgemeinden und zehn Häuser von Christen in Brand. Aus Rache wurden zwei Moscheen abgebrannt. In den Auseinandersetzungen kamen sechs oder zehn Menschen ums Leben (die Berichterstattung ist widersprüchlich); sie brachen aus, nachdem jemand aus der
Grundmauer einer Schulmoschee, die sich noch im Bau befand, zwei Steine
herausgelöst hatte.

Februar 2008:
In Yana im Bundesstaat Bauchi kam es im Februar zu einer Serie von Attacken: fünf Kirchen wurden beschädigt, ein Christ wurde getötet, sieben andere schwer verletzt. Eine christliche Frau hatte den Heiratsantrag eines muslimischen Mannes abgelehnt. Dieser trommelte daraufhin Freunde und Nachbarn zusammen und erzählte allen, die Frau hätte den Propheten Mohammed beleidigt.

Februar 2008:
An einer staatlichen Oberschule in Sumaila im Bundesstaat Kano sind muslimische
Schüler mit Messern und Macheten auf einige ihrer christlichen Mitschüler losgegangen. Dabei wurden zwei Schüler verletzt. Als Grund für ihren Angriff gaben die Jugendlichen an, ihr christlicher Mitschüler Ashiru Danlami habe einen Aufsatz geschrieben, in dem er “den Propheten Mohammed beleidigte”.

Anschließend zogen die Randalierer weiter, zündeten die örtliche Polizeistation an und töteten einen Polizeibeamten, der ebenfalls Christ war. Aus Angst vor weiteren Angriffen blieben die christlichen Schüler in den nachfolgenden Tagen der Schule fern. Untersuchungen des Vorfalls ergaben, das der Aufsatz fingiert und in Wirklichkeit von muslimischen Schülern geschrieben worden war. Dieser Trick kommt im nördlichen Teil Nigerias inzwischen häufiger zum Einsatz und soll jeweils die Rechtfertigung für Angriffe gegen Christen liefern.

Ziel bestimmter muslimischer Kreise sei es, so wird vermutet, christliche Schüler von den staatlichen Schulen zu vertreiben beziehungsweise fernzuhalten. Dies sei besonders bitter, weil viele christliche Familien zu den ärmeren Schichten gehören und sich Privatschulen nicht leisten können.

(Quelle: Christen in großer Bedrängnis. Diskriminierung und Unterdrückung – Dokumentation 2008, Stand: 2008).

23.Jun 2009 13:53 · aktualisiert: 11.Mrz 2012 19:12
KIN / S. Stein