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Christenverfolgung

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„Es war nicht klug, den Truppenabzug einzuleiten. Es war klar, dass den Kurden niemand helfen würde. Jetzt werden sie alles verlieren, wie es bereits in Afrin geschehen ist.“

 

Jacques Behnan Hindo, der emeritierte syrisch-katholische Erzbischof von Hassaké-Nisibi, macht sich im Gespräch mit KIRCHE IN NOT keine Hoffnung, was die jüngste Invasion der Türkei im Nordosten Syriens angeht.

Jacques Behnan Hindo (rechts), emeritierter Erzbischof von Hassaké-Nisibi, feiert die heilige Messe.
Die Entscheidung von US-Präsident Trump, seine Truppen aus dem Nordosten Syriens abzuziehen, hat eine Reihe von Ereignissen in Gang gesetzt, von denen die türkische Offensive nur ein erstes Fanal sein könnte. Verlierer aber werden nicht nur die Kurden sein.

 

„Wir Christen werden die Konsequenzen tragen”

„Wie immer hat jede Kriegspartei ihre eigenen Interessen, aber wir Christen werden die Konsequenzen tragen“, sagt Hindo. Im Nordosten Syriens leben rund 30 000 bis 40 000 Christen verschiedener Konfessionen.

Trotz Einschränkungen waren sie unter dem Schutz kurdischer Truppen relativ sicher in der Region, die sich zwischen dem Euphrat und der Grenze zur Türkei und der irakisch-türkischen Grenze erstreckt. Die Kurden waren nicht zuletzt wichtige Partner im Kampf gegen den Terror des sogenannten „Islamischen Staates“.

In der Altstadt von Aleppo/Syrien.
Beides scheint nun unter türkischem Militärfeuer ausgelöscht. Nun, da die Kurden um ihr eigenes Überleben kämpfen, stehen die Christen wie die anderen Minderheiten, zum Beispiel die Jesiden, ohne Schutz da. Ein neuer Exodus sei vorprogrammiert, so Bischof Hindo.

 

„Ein neuer Exodus ist vorprogrammiert”

Hinzu komme jedoch noch eine weitere, weit gefährlichere Entwicklung. „Es wurde gemeldet, dass eines der Gefängnisse, in dem IS-Kämpfer festgehalten wurden, im Kampf getroffen wurde und weitgehend unbewacht ist. Die meisten von den Terroristen werden jetzt frei sein.

Das folgt einem Plan, Syrien zu zerstören – und nicht nur Syrien. Jetzt werden die Terroristen nach Europa kommen, durch die Türkei und mit der Unterstützung Saudi-Arabiens.“

Erzbischof Bashar Warda von Erbil (2. von rechts) verteilt Hilfsgüter, die KIRCHE IN NOT zur Verfügung gestellt hat.
Eine neue Flüchtlingswelle, die vor allem den Irak mit voller Härte trifft, befürchtet auch der chaldäisch-katholische Erzbischof von Erbil, der Hauptstadt der Region Kurdistan, Bashar Warda, ein langjähriger Projektpartner von KIRCHE IN NOT.

 

Steigende Zahl von vertriebenen Menschen aus Nordsyrien

„Wir bereiten uns auf eine neue Flüchtlingswelle vor. In Erbil haben wir in den vergangenen beiden Jahren schon eine steigende Zahl von Vertriebenen aus Nordsyrien festgestellt“, schreibt Warda in einer Erklärung, die dem Hilfswerk vorliegt.

„Wir hoffen und beten, dass sich die Regierung und die internationale Gemeinschaft sich nicht abwenden, sondern uns unterstützen, den Christen und den anderen unschuldigen Menschen zu beizustehen, welche Religion sie auch haben.“

Kind in einem Flüchtlingslager.
Erschwerend kommt hinzu, dass für viele Flüchtlinge nur der Irak die nächstgelegene Zufluchtsoption darstellt. Der Libanon, der seit Ausbruch des Syrienkriegs die höchste Zahl von Flüchtlingen aus Syrien aufgenommen hat, beginnt nun Berichten zufolge mit einem verstärkten Rückführungskurs.

 

Es droht die Ausrottung des Christentums in der Region

Warda befürchtet deshalb: „Sollten Christen keine ausreichende Versorgung im Nordirak finden, werden sie den Nahen Osten ganz verlassen.“

Einmal mehr ist die Gefahr der Auslöschung des Christentums in einer seiner Ursprungsregionen zum Greifen nah. Letztlich könnte die erneute Eskalation sogar einem der Hauptziele des IS doch noch zum Erfolg verhelfen, macht Warda deutlich: „Der Ausrottung des Christentums in der Region.“

Ein Mann betet in einer zerstörten Kirche in Syrien.
Offen bleibt, ob der Plan der Türkei, eine Sicherheitszone im Nordosten Syriens einzurichten, auf die Region begrenzt bleibt.

 

„Die Menschen leiden unsäglich”

Sollte der Konflikt auch auf den Nordwesten überschwappen, wäre unter anderem Aleppo betroffen, wo derzeit rund 30 000 Christen leben. „Das könnte der Anfang vom Ende sein“, erklärt der in Aleppo ansässige armenisch-katholische Priester Mesrob Lahian gegenüber KIRCHE IN NOT.

„Die politischen Interessen sind, wie seit Beginn des Syrienkrieges, unübersichtlich. Eins aber ist Fakt: Die Menschen leiden unsäglich, manchmal noch mehr als zu Beginn des Krieges“, erklärt Florian Ripka, der Geschäftsführer von KIRCHE IN NOT Deutschland.

- Erzbischof Bashar Warda
„Unser Hilfswerk hat in den vergangenen acht Kriegsjahren immer an der Seite der syrischen Christen gestanden. Wir werden sie auch jetzt nicht verlassen, während die Politik noch diskutiert, was jetzt zu tun ist.“

 

„Nächstenliebe fragt nicht nach einem Taufschein”

Nicht vergessen werden dürfe, dass die Kirchen oft die einzigen Anlaufstellen für die kriegsgeplagte Bevölkerung sind. Lebensmittel- und Medikamentenhilfen, Beiträge für Lebenshaltungskosten und Unterbringung von Flüchtlingen komme nicht exklusiv den Christen zugute, so Ripka.

„Nächstenliebe fragt nicht nach dem Taufschein. Sie fragt nach der konkreten Not. Und die ist jetzt nochmals unermesslich gestiegen.“

In Pakistan werden immer mehr Mädchen aus buddhistischen und christlichen Familien entführt, zwangsverheiratet und zur Konversion zum Islam gezwungen.

 

Dies bestätigte der Erzbischof von Lahore, Sebastian Shaw, gegenüber KIRCHE IN NOT: „In jüngster Zeit hat es viele Entführungen gegeben. Die Mädchen sind etwa 14 oder 15 Jahre alt.“ Es handle sich dabei um schwere Verbrechen, die nur unzureichend geahndet würden, erklärte Shaw.

Eine Ordensfrau aus Pakistan zündet eine Kerze an.
In der Provinz Punjab, deren Hauptstadt Lahore ist, sollen lokalen Quellen zufolge innerhalb eines Jahres bis zu 700 Mädchen verschleppt worden sein.

 

Entführte Mädchen aus buddhistischen oder christlichen Familien

Erzbischof Shaw zufolge handle es sich bei den Entführern meist um verheiratete Männer. Bei den Verschleppungen gebe es eine religiöse Komponente, da die meisten der Mädchen buddhistisch oder christlich seien.

Doch dies sei nicht die ausschließliche Motivation der Täter, glaubt Shaw: „Es ist Begierde. Die Männer denken: ,Sie sieht toll aus, und ich will sie.‛“

Sebastian Shaw, Erzbischof von Lahore.
Da die Entführungen zunähmen, hätten er und weitere Geistliche wiederholt die Polizei alarmiert, „doch die hört überhaupt nicht zu“, berichtete der Erzbischof.

 

Daraufhin habe er sich direkt an die Regierung gewandt. „Sie haben ein Treffen zwischen mir und den Leitern der muslimischen und hinduistischen Gemeinden organisiert. Ein junger islamischer Gelehrter hat die Entführungen kritisiert und erklärt, Zwangskonversionen seien nicht erlaubt.“

Schülerinnen einer katholischen Schule in Pakistan (Foto: Magdalena Wolnik/KIRCHE IN NOT).
Trotz dieser besorgniserregenden Entwicklung sieht Erzbischof Shaw die Entwicklung Pakistans positiv. Die Regierung unter Premierminister Imran Khan setze sich für Gleichheit ein. Das betreffe auch die religiösen Minderheiten.

 

In Pakistan gehören etwa 96 Prozent der Bevölkerung dem Islam an, der auch Staatsreligion ist. Das Leben der Christen, rund zwei Prozent der Pakistaner, unterliegt starken Einschränkungen. Immer wieder kommt es zu gewalttätigen Übergriffen auf Christen.

Die Badshahi-Moschee in Lahore ist die zweitgrößte Moschee Pakistans.
Dennoch sei die Minderheit der Katholiken aktiv, berichtet Shaw. Das gelte besonders im Bildungsbereich. „Fast 60 Prozent der Einwohner sind junge Menschen. Wir verhelfen ihnen zu einer guten und qualifizierten Ausbildung“, sagte Shaw.

 

Ein weiteres Anliegen der Kirche seien Glaubensunterweisung und der interreligiöse Dialog. Hilfe erfahre die pakistanische Kirche dabei durch KIRCHE IN NOT, so der Erzbischof: „KIRCHE IN NOT‛ unterstützt uns vor allem bei pastoralen Aktivitäten. Dafür bin ich sehr dankbar. Wir freuen uns über die finanzielle Unterstützung, die Gebete und die Ermutigung.’“

Im Norden Burkina Fasos spitzt sich die Gewalt gegen Christen weiter zu. Terroristen durchkämmten dort Dorf für Dorf und stellten den christlichen Einwohner ein Ultimatum: Konversion zum Islam oder Vertreibung. Zahlreiche Christen würden auch getötet.

 

Das berichten lokale Ansprechpartner, die aus Sicherheitsgründen anonym bleiben möchten, gegenüber KIRCHE IN NOT.

Die Terroristen verfolgten einen Plan: „Sie töten einzelne Gemeindemitglieder und drohen den Hinterbliebenen an, sie würden in drei Tagen wiederkommen“, erklärten die Gesprächspartner. Fänden sie dann noch einen Christen vor, würde dieser getötet. Den Menschen bleibe nur die Flucht.

Kinder aus Burkina Faso. Sie leiden besonders unter der Gewalt im Land.
Zuletzt seien zwei schwer zugängliche Dörfer in der Provinz „Nord“ von Terroristen heimgesucht worden. Mehr als 2000 Einwohner seien von dort geflohen.

 

Die Gesprächspartner beschreiben das Vorgehen im Dorf Hitté: „Anfang September kamen 16 Männer dorthin. Sie warteten, bis die Bewohner von der Feldarbeit heimkehrten. Einige Terroristen zwangen die Menschen in die Kirche und drohten ihnen. Währenddessen brannten ihre Komplizen Häuser und Ställe nieder.“ Diese seien keine Einzelfälle, so die Gesprächspartner.

Eine Gruppe vertriebener Christen und ihrer Helfer in Titao.
Die Gewaltwelle hält seit Anfang Mai an. Damals überfielen Terroristen im Dorf Toulfé einen Gottesdienst und brachten fünf Menschen um. „Von dort aus rückten die Extremisten in das nächste Dorf vor, wo sie den Christen ebenfalls ein Ultimatum stellten“, so die anonymen Quellen.

 

Ultimatum für christliche Dorfbewohner

Viele Christen seien geflohen – aber nicht alle. „Die geblieben waren, wurden Zeugen, wie drei Menschen ermordet wurden, darunter auch ein Katechet, der die kleine Gemeinde leitete und Gebetsgruppen organisierte“, beschrieben die Gesprächspartner.

Zuflucht fänden die Dorfbewohner in nahegelegenen Ortschaften. Eine davon ist Titao, etwa 50 Kilometer nordwestlich der Provinzhauptstadt Ouahigouya. 7000 Vertriebene seien allein in Titao untergekommen.

Särge mit den Opfern des Angriffes auf eine Kirche in Burkina Faso.
Sie würden durch die Kirche materiell, aber auch psychologisch versorgt. Die humanitäre Situation sei angespannt. „Sie hat jedoch auch eine große Solidarität der Einwohner hervorgebracht – einschließlich der Muslime“, berichten die Quellen.

 

Humanitäre Situation ist angespannt

Ihnen ist wichtig, nicht alle Muslime vorzuverurteilen, auch nicht die Angehörigen des Nomandenvolkes der Fulani, aus dem die meisten Terroristen mutmaßlich stammen und die auch im Norden Nigerias für gewalttätige Übergriffe auf Christen verantwortlich gemacht werden.

Sie seien auch nicht die Alleinverantwortlichen, denn: „Diese Menschen werden manipuliert. Ihre Waffen stammen nicht aus Burkina Faso. Wir wissen, dass die Waffen von internationalen Unternehmen stammen, für die nur der Profit zählt“, so die anonymen Quellen.

Christen aus der Gemeinde Dablo/Burkina Faso bei einer Prozession.
Kirchenvertreter fordern seit langem ein Vorgehen gegen Waffenschmuggel und Terror. Doch die Regierung bleibt weiterhin untätig.

 

Das gelte auch für Ordnungskräfte wie die Polizei, konnten die Gesprächspartner beobachten: „Sie helfen kaum dabei, die Leichen der ermordeten Menschen aus den Dörfern abzuholen, um sie anständig zu bestatten.“ Die Angehörigen nähmen zum Teil große Gefahren und unmenschliche Bedingungen auf sich, um ihren Toten die letzte Ehre zu erweisen.

In den Straßen von Ouagadougou, der Hauptstadt Burkina Fasos.
Die Gefahr von Vergeltungsakten sei hoch, erklären die Gesprächspartner, denn die Menschen würden die Täter oft kennen, da sie aus der gleichen Gegend stammen. Die Menschen hätten alles verloren – auch die Ernte. Nun drohe eine Hungersnot. „Bitte beten Sie dafür und helfen Sie, dass der Friede zurückkehrt“, appellieren die Ansprechpartner aus Burkina Faso an die Öffentlichkeit.

 

In Burkina Faso bekennt sich rund ein Viertel der über 18 Millionen Einwohner zum christlichen Glauben. Über die Hälfte der Bevölkerung sind Muslime. Nachdem das Zusammenleben weitgehend ohne Zwischenfälle verlief, kommt es seit 2015 vermehrt zu islamistischen Attentaten. Beobachter vermuten, es solle ein Krieg zwischen den Religionen geschürt werden.

Am 15. September wurde in Rom und in zahlreichen christlichen Kirchen Syriens der im Syrienkrieg getöteten Christen gedacht und ein Zeichen des Trostes für die Hinterbliebenen gesetzt. Im Vatikan segnete Papst Franziskus eine Ikone, auf der die „Selige Jungfrau Maria, Schmerzensmutter und Trösterin der Syrer“ zu sehen ist.

 

Gestaltet wurde sie von dem griechisch-orthodoxen Priester Spiridon Kabbasch aus Homs speziell für die Solidaritätsaktion „Tröstet mein Volk“, die KIRCHE IN NOT gemeinsam mit den katholischen und orthodoxen Christen in Syrien auf den Weg gebracht hat.

Ziel der Aktion ist es, den syrischen Christen materiell und geistlich beizustehen – besonders den Menschen, deren Angehörige im Krieg getötet oder entführt worden sind.

Papst segnet die Ikone „Selige Jungfrau Maria, Schmerzensmutter und Trösterin der Syrer“. Neben dem Papst: Mauro Kardinal Piacenza, Präsident von KIRCHE IN NOT.
Bei der Segnung in Rom war auch der internationale Präsident von KIRCHE IN NOT, Mauro Kardinal Piacenza, der Ikonen-Künstler sowie Mitarbeiter des Hilfswerks anwesend. Papst Franziskus setzte mit der Segnung seine Unterstützung für die Solidaritätsaktion „Tröstet mein Volk“ fort.

 

Bereits am 15. August hatte der Heilige Vater beim Angelusgebet 6000 Rosenkränze gesegnet, die von christlichen Kunsthandwerkern aus Bethlehem und Damaskus hergestellt wurden. Im Dezember 2018 hatte der Papst beim Angelusgebet eine große Kerze entzündet und damit seine Teilnahme an der Gebetskampagne „Kerzen für den Frieden in Syrien“ ausgedrückt.

Der griechisch-orthodoxe Priester Spiridon Kabbasch beim Schreiben der Ikone.
„Der Heilige Vater hat erneut seine liebende Nähe zu den Menschen in einer Weltregion gezeigt, wo viele Tränen getrocknet werden müssen. Dafür sind wir sehr dankbar“, erklärte Mauro Kardinal Piacenza nach der Segnung. Diesen Menschen beizustehen, wisse sich KIRCHE IN NOT weiterhin verpflichtet.

 

Zeichen der Anteilnahme und des Trostes

Die vom Papst gesegneten Rosenkränze wurden am 15. September als Zeichen der besonderen Nähe des Papstes bei Gottesdiensten in katholischen und orthodoxen Kirchen Syriens an Hinterbliebene von Kriegsopfern verteilt.

Auch ein aus dem Heiligen Land stammendes Kreuz aus Olivenholz und Bibeln in arabischer Sprache, die von KIRCHE IN NOT gestiftet wurden, haben die Angehörigen als äußeres Zeichen der Anteilnahme und des Trostes erhalten.

Ein Priester verteilt in der melkitischen griechisch-katholischen Kathedrale in Homs die vom Papst gesegneten Rosenkränze an Angehörige von Kriegsopfern.
Neben den Gottesdiensten fanden an diesem Tag auch zahlreiche Prozessionen statt, bei denen hunderte Gläubige für ihre getöteten und entführten Mitchristen und ihre Familien gebetet haben. Die neue Ikone „Selige Jungfrau Maria, Schmerzensmutter und Trösterin der Syrer“ wird in den kommenden Wochen in allen 34 Diözesen Syriens zu Gast sein.
„Lange dämmerte das Thema Christenverfolgung unter der Decke des Verschweigens dahin. Endlich ist es gelungen, das Thema wieder ,aufzuwecken‛. Dafür danke ich KIRCHE IN NOT.“ Dieses Resümee zog Diözesanadministrator Prälat Dr. Bertram Meier anlässlich des Solidaritätstags für verfolgte Christen am 15. September in Augsburg.

 

Zur Veranstaltung im Haus St. Ulrich war der eritreische Priester Mussie Zerai angereist. Er informierte über die Lage in seinem Heimatland. Es sei kein Zufall, dass immer mehr Flüchtlinge aus Eritrea Zuflucht in Europa suchen.

Von links: Diözesanadministrator Prälat Dr. Bertram Meier, der eritreisch-katholische Priester Mussie Zerai und KIRCHE-IN-NOT-Deutschland-Geschäftsführer Florian Ripka beim Solidaritätstag.
Das Land ist seit über 20 Jahren eine kommunistische Diktatur. Vor allem der Wehrdienst, der für Männer und Frauen gleichermaßen gilt, ist eine Form organisierter Sklaverei“, erklärte Zerai.

 

„Wehrdienst in Eritrea ist Form moderner Sklaverei”

Der Sold betrage umgerechnet nur etwa 15 Euro pro Monat, die Bedingungen seien miserabel. Auch sei nicht absehbar, wie lange der Wehrdienst dauert. „Den jungen Leuten werden so ihre besten Jahre genommen“, beklagte Zerai.

Auch die Versuche der Kirche, den Menschen beizustehen und ihre Situation zu lindern, würden vom Regime systematisch blockiert. „Besonders die katholische Kirche steht im Visier, weil sie sich am meisten sozial engagiert“, sagte Mussie.

Podiumsgespräch mit dem Priester Mussie Zerai (Mitte) über die Situation der Christen in Eritrea.
In Eritrea sind die katholischen Christen eine kleine Minderheit von höchstens 170 000 Gläubigen bei rund sechs Millionen Einwohnern. In jüngster Zeit gehe die Regierung verstärkt gegen katholische Einrichtungen vor, erzählte Zerai: „Im Juni und Juli dieses Jahres wurden 29 kirchliche Krankenhäuser vom Militär gewaltsam geschlossen. Jetzt sind die katholischen Schulen dran: Acht von ihnen sind bereits geschlossen.“

 

Eritreische Regierung geht gegen katholische Einrichtungen vor

Basis für dieses rigide Vorgehen sei ein Gesetz aus dem Jahr 1995, mit dem sich der Staat als einziger Träger im Bildungs-, Sozial- und Gesundheitswesen definiert. Wegen des Krieges mit Äthiopien und der nachfolgenden politischen Unsicherheit sei dieses Gesetz bislang selten angewandt worden.

Dass es jetzt so rabiat umgesetzt werde, hängt laut Zerai auch mit dem Engagement der katholischen Kirche im Demokratisierungs- und Versöhnungsprozess zusammen. „Die Bischöfe haben sich in einem Hirtenbrief klar dazu geäußert – dann begannen die Übergriffe“, erklärte der Priester.

Blick in den gut gefüllten Saal im Haus St. Ulrich in Augsburg.
Die Schließung der Schulen und Krankenhäuser sei ein großer Schaden für die Ordensgemeinschaften, die diese Einrichtungen mehrheitlich betrieben und nun vor dem Ruin stünden.

 

Der Schaden für die Religionsfreiheit sei aber noch größer: „Die Regierung betont, es herrsche Religionsfreiheit. Aber sobald die Kirche die Sakristei verlässt, geht die Regierung gegen sie vor.“ Doch auch was die Feier der Gottesdienste angeht, habe es schon Repressalien gegeben: So habe das Regime der katholischen Kirche verboten, Gedenkmessen für ertrunkene Flüchtlinge zu feiern.

- Mussie Zerai, Priester der eritreisch-katholischen Kirche
Doch nicht nur die katholische Kirche sei betroffen, erklärte Zerai. Auch die orthodoxe Kirche und die Muslime würden immer wieder in ihrer Tätigkeit eingeschränkt. Noch schlimmer treffe es die Angehörigen der staatlich nicht anerkannten Freikirchen.

 

„Schon wenn sich zwei oder drei Menschen versammeln, gelten sie als verdächtig.“ Nicht selten komme es vor, dass in Eritrea Menschen ohne Anklage verschwinden, so Zerai. Es gäbe eine Reihe von Straflagern, über die kaum etwas nach außen dringe.

Mütter mit Kindern aus Eritrea.
Die UN-Menschenrechtskommission habe der eritreischen Regierung „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ attestiert. Zerai appellierte an die internationale Staatengemeinschaft, den Druck auf sein Heimatland zu erhöhen. Er selbst kann seit 2003 nicht mehr nach Eritrea – die Einreise ist ihm verweigert, denn sein eritreischer Pass wurde eingezogen.

 

Mussie Zerai darf nicht in sein Heimatland einreisen

Zerai betreut darum die Arbeit der eritreischen Gemeinden in Europa. „Mir fehlt die Heimat. Aber dort wie im Ausland versuchen wir die Eritreer im Glauben zu stärken. KIRCHE IN NOT war in den entscheidenden Momenten bei uns“, erklärte Zerai.

Vortrag von Florian Ripka, Geschäftsführer von KIRCHE IN NOT Deutschland.
Im zweiten Teil der Veranstaltung informierte Florian Ripka, Geschäftsführer von KIRCHE IN NOT Deutschland, über aktuelle Brennpunkte der Christenverfolgung. 2019 sei eines der blutigsten Jahre für Christen weltweit.

 

2019 – blutiges Jahr für Christen

Diese habe sich durch die Bombenanschläge auf christliche Gottesdienst in Sri Lanka am Ostersonntag, die weiter zunehmende Gewalt auf Minderheiten in Nigeria, Attacken im Süden der Philippinen und weitere Anschläge auf Christen und andere religiöse Minderheiten gezeigt.

„KIRCHE IN NOT versucht seit über 70 Jahren, den leidenden Christen zur Seite zu stehen und Trost zu spenden. Das ist eine wichtige Aufgabe der Kirche“, erklärte Ripka. Dieser Beistand umfasse nicht nur finanzielle, sondern auch geistliche Hilfe.

Den Abschluss des Solidaritätstages bildete eine Kreuzwegandacht im Augsburger Dom. Von links: Georgios Vlantis, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Bayern, Äbtissin Gertrud Pesch, Abtei Oberschönfeld, Diözesanadministrator Prälat Dr. Bertram Meier, Mussie Zerai, Priester der eritreisch-katholischen Kirche, Florian Ripka, Geschäftsführer von KIRCHE IN NOT Deutschland.
Als aktuelles Beispiel führte Ripka ein Projekt von KIRCHE IN NOT gemeinsam mit katholischen und orthodoxen Kirchen in Syrien an. Dort werden Gottesdienste für Hinterbliebene von Kriegsopfern abgehalten. Als Zeichen der besonderen Nähe erhalten die Angehörigen einen von Papst Franziskus gesegneten Rosenkranz.

 

Großzügige Hilfe von KIRCHE IN NOT in Syrien

In den kommenden Wochen wird auch eine vom Pontifex gesegnete Ikone auf Rundreise durch alle christlichen Kirchen Syriens gehen. Weiter gingen auch die materiellen, pastoralen und psychologischen Hilfen, erklärte Ripka. „Dank der Großherzigkeit unserer Wohltäter konnten wir allein in Syrien seit 2001 über 36 Millionen Euro einsetzen und 850 Projekte fördern.“

Seinen Abschluss fand der Gebetstag mit dem traditionellen Kreuzweg für die verfolgte Kirche im Augsburger Dom.

Immer mehr Menschen in Afrika müssen ihre Heimat verlassen, da in zahlreichen Ländern des Kontinents blutige Konflikte und Terror zunehmen.

 

Besonders die Christen litten unter dem Konflikt mit den Fulani-Stämmen in den westafrikanischen Staaten Nigeria und Burkina Faso, zumal auch die Terrormiliz „Boko Haram“ in beiden Ländern noch nicht unter Kontrolle sei. Darauf weist die Leiterin der Projektabteilung von KIRCHE IN NOT, Regina Lynch, hin.

Die Anwältin und Autorin Ewelina Ochab ergriff im September 2017 nach einer von KIRCHE IN NOT veranstalteten internationalen Konferenz in Rom die Initiative, um die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft auf Verletzungen der Religionsfreiheit zu lenken.

August 2014: Tausende geflüchtete Menschen kampieren unter freiem Himmel in Erbil (Foto: ankawa.com).
„Vor allem im Norden und Osten Burkina Fasos kommen Terroristen in Dörfer und zwingen Christen zur Flucht. Das verbreitet immer mehr Angst und Unsicherheit in der Bevölkerung“, berichtet sie. Das sei insofern bedauerlich, da Burkina Faso in der Vergangenheit für das gute Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen bekannt gewesen sei. „Dieses Verhältnis sei nun vergiftet“, sagt Lynch.

 

Jeden Tag kommen 37 000 Flüchtlinge weltweit hinzu

Auch in anderen Regionen seien Christen immer wieder Bedrohungen durch Dschihadisten ausgesetzt, wie zum Beispiel im Niger oder in Kamerun. „Aber wir müssen den Menschen immer wieder vor Augen halten, dass nicht alle Muslime Extremisten sind“, so die Vertreterin von KIRCHE IN NOT.

Laut dem Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) müssen pro Tag im Schnitt 37 000 Menschen weltweit ihre Habseligkeiten zusammenpacken und ihre Heimat verlassen. Nicht alle Flüchtlingsdramen sind in den Medien hierzulande präsent.

Flüchtlingsunterkunft auf dem Gelände des Priesterseminars des Bistums Bangassou/Zentralafrikanische Republik (Foto: Fundación Bangassou).
„Im Nordwesten Ugandas leben über 1,2 Millionen Flüchtlinge aus dem Südsudan. Hinzu kommen Geflüchtete, die in der Hauptstadtregion um Kampala leben. Vor allem viele junge Menschen sind traumatisiert, weil sie eigene Verletzungen erlitten haben oder die Ermordung ihrer Eltern mit ansehen mussten“, berichtet Lynch.

 

Kirche als erste Anlaufstelle für Hilfsangebote

Weitere Beispiele sind Tansania, wo riesige Flüchtlingslager mit bis zu 150 000 Menschen entstanden sind, oder Äthiopien, wo immer mehr Menschen aus Eritrea Zuflucht suchen.

Von staatlicher Seite kommt in den genannten Ländern meist keine Hilfe, Versorgungsstrukturen müssen oft erst mühsam aufgebaut werden. Doch die Kirche ist immer schon vor Ort. „In vielen Ländern bietet die Kirche Erstanlaufstellen und Camps für Flüchtlinge, die von KIRCHE IN NOT unterstützt werden“, erklärt Lynch.

Verteilung von Lebensmitteln an Mütter mit Kindern.
Durch den Kontakt zu den Projektpartnern vor Ort habe man einen guten Überblick über die Lage und könne dort helfen, wo es notwendig ist.

 

Materielle, psychologische und pastorale Hilfe

„Dabei geht es um grundlegende Dinge zum Leben, wie zum Beispiel Lebensmittel, Kleidung oder Hygienebedarf), psychologische Hilfe, aber auch das Angebot pastoraler Hilfe wie Unterstützung beim Bau von Kirchen und Gebetsräumen in zerstörten Dörfern oder den Kontakt zu einem Priester.“

Neben der praktischen Hilfe durch Spenden sei aber auch das Gebet für die Christen in Not wichtig, um sich mit ihnen zu verbinden und auf diese Weise Solidarität auszudrücken, so Lynch.

Unser Hilfswerk unterstützt die katholische Kirche auf Sri Lanka, um den Opfern der Terroranschläge vom Ostersonntag beizustehen. Islamistische Selbstmordattentäter hatten im April dieses Jahres in drei christlichen Kirchen und drei Hotels fast 300 Menschen in den Tod gerissen und mehr als 500 Personen verwundet. Allein in der Kirche von Negombo kamen über 150 Menschen ums Leben.

 

Die Anwältin und Autorin Ewelina Ochab ergriff im September 2017 nach einer von KIRCHE IN NOT veranstalteten internationalen Konferenz in Rom die Initiative, um die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft auf Verletzungen der Religionsfreiheit zu lenken.

Gedenkstätte für die Anschlagsopfer in Negombo.
Eine große Welle der Solidarität im Land und der sri-lankischen Diaspora im Ausland sowie Soforthilfen von Teilen der Regierung haben es ermöglicht, die beiden durch den Anschlag zerstörten katholischen Kirchen im Erzbistum Colombo rasch wiederherzustellen.

 

Viele Familien stehen vor dem Nichts

Den betroffenen Familien wurde sofort mit medizinischer und materieller Unterstützung geholfen. Viele haben nicht nur einen Angehörigen verloren, sondern auch den Alleinverdiener der Familie. So stehen sie materiell vor dem Nichts.

Nun macht sich die katholische Kirche Sri Lankas daran, langfristige Hilfen für den Heilungsprozess und die psychosoziale Betreuung der Überlebenden und ihrer Familien nach dem Trauma bereitzustellen. KIRCHE IN NOT finanziert dieses Projekt.

Plakate vor der Kirche St. Sebastian in Negombo erinnern an die Opfer der Bombenanschläge.
Viele Menschen haben die Anschläge unmittelbar erlebt und sind schwer traumatisiert. Einige haben alle Familienmitglieder verloren, andere kümmern sich noch um zum Teil schwer verletzte Verwandte.

 

Besondere Therapie-Programme für Kinder

Für ihre Betreuung hat das Erzbistum Colombo ein Team aus 40 zertifizierten Trauma-Therapeuten aufgestellt. Sie betreuen trauernde, verwundete und andere schwer traumatisierte Menschen psychologisch. Geplant sind darüber hinaus spezielle Therapieprogramme für Kinder, Familien und alleinstehende Menschen. Mehr als 2000 Menschen sollen davon profitieren.

Ein großer Teil der von KIRCHE IN NOT bereitgestellten Förderung geht in die Ausbildung von 300 Beratern und Sozialhelfern – auch in der Jugendarbeit –, damit sie traumatisierte Menschen erkennen und ihnen zielgerichtet beistehen können.

„Der neue Gedenktag für die Opfer religiöser Verfolgung ist ein wichtiger Schritt, um verfolgten Christen künftig mehr Gehör zu verschaffen“, resümiert Dr. Thomas Heine-Geldern.

 

Der Geschäftsführende Präsident von KIRCHE IN NOT zeigt sich zufrieden, dass 2019 der 22. August erstmals als „Internationaler Tag zum Gedenken an die Opfer von Gewalt aufgrund von Religion oder Glauben“ begangen werden kann. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hatte im Mai eine entsprechende Resolution verabschiedet.

Die Anwältin und Autorin Ewelina Ochab ergriff im September 2017 nach einer von KIRCHE IN NOT veranstalteten internationalen Konferenz in Rom die Initiative, um die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft auf Verletzungen der Religionsfreiheit zu lenken.

Trauer und Entsetzen bei der Beisetzung der Opfer eines Anschlags auf eine Kirche am 12. Mai in Burkina Faso.
Albert Malcolm Kardinal Ranjith, Erzbischof von Colombo, tröstet einen Mann, der einen Angehörigen bei den Anschlägen an Ostern 2019 in Sri Lanka verloren hat (Foto: Roshan Pradeep & T Sunil).
Seitdem sprach sie auf vielen Konferenzen, um ein Netzwerk aus Unterstützern zu bilden. Der Resolutionsvorschlag wurde schließlich von Polen in die UN-Vollversammlung eingebracht. Die USA, Kanada, Brasilien, Ägypten, Irak, Jordanien, Nigeria und Pakistan hatten den Vorschlag unterstützt. „Es war ein langer Prozess mit vielen Beteiligten, aber KIRCHE IN NOT war die Inspiration dafür“, sagte Ochab.

 

„Christen am stärksten verfolgt”

„Als Organisation, die sich seit über 70 Jahren für notleidende Christen einsetzt, freuen wir uns von KIRCHE IN NOT sehr, dass die Vereinten Nationen diesen Tag anerkannt haben. Das war ein überfälliger Schritt“, sagte Heine-Geldern. „Allen Glaubensgemeinschaften widerfährt regelmäßig Gewalt. Doch internationale Berichte zur Religionsfreiheit bestätigen leider immer wieder, dass Christen am stärksten verfolgt werden.“

Dr. Thomas Heine-Geldern, Geschäftsführender Präsident von KIRCHE IN NOT.(Foto: Wlodzimierz Redzioch).
Allein in den letzten fünf Jahren habe es zwei Fälle von Völkermord an religiösen Minderheiten gegeben: im Irak und in Syrien durch die Truppen des sogenannten „Islamischen Staates“ an Christen, Jesiden und anderen religiösen Gruppen sowie an der muslimischen Minderheit der Rohingya in Myanmar. Hinzu kämen die systematisch organisierten Gräueltaten, denen zunehmend insbesondere Christen in Afrika zum Opfer fallen, so Heine-Geldern.

 

Völkermord an religiösen Minderheiten

Der Präsident von KIRCHE IN NOT sieht den neuen Gedenktag als wichtigen Meilenstein, der aber nur ein erster Schritt sein dürfe: „Der 22. August darf nicht Selbstzweck sein, sondern muss einen Prozess anstoßen, der die internationale Gemeinschaft zu einem koordinierten Aktionsplan bewegt, um religiöse Verfolgung zu beenden und künftig zu verhindern.

- Dr. Thomas Heine-Geldern, Geschäftsführender Präsident von KIRCHE IN NOT.
Es ist eigentlich die Pflicht der Vereinten Nationen, der Regierungen und politischen Akteure dem Menschenrecht auf Religionsfreiheit Geltung zu verschaffen. Dem symbolischen Tag müssen jetzt Taten folgen.“
Eine von Boko Haram zerstörte Kirche in Nigeria.
Ein notwendiges Instrument sei unter anderem die Einrichtung einer UN-Plattform, um den Austausch mit Vertretern der verfolgten religiösen Gruppen zu fördern, erklärte Heine-Geldern. Zudem müssten die Vereinten Nationen auf die Einrichtung eines internationalen Tribunals für Gewaltakte hinarbeiten, die sich gegen Gläubige richten.
Auch 2019 fördert KIRCHE IN NOT mehr als vierzig christliche Ferieninitiativen – besonders in Weltregionen, in denen Christen unter Diskriminierung, Verfolgung oder Krieg leiden. Beispiele sind Ägypten, der Libanon, die Krim, die Republik Kongo oder die palästinensischen Gebiete.

 

Ein Schwerpunkt ist Syrien, wo unser Hilfswerk insgesamt 28 Sommerkurse für junge Menschen und Familien fördert. Von Juni bis September treffen sich Christen verschiedener Konfessionen aus den Diözesen Homs, Aleppo, Latakia und Damaskus, um Kraft zu tanken und Gemeinschaft zu erfahren. Die Sommerkurse haben auch eine wichtige seelsorgerische Funktion, denn viele Menschen sind durch Kriegserlebnisse traumatisiert.

Pfadfinderlager in Syrien,
Der griechisch-orthodoxe Priester Antoine Mukhallala ist gerade von einem Sommerkurs für Jugendliche mit Behinderung und ihre Familien zurückgekehrt.

 

Während des Dauerfeuers auf syrische Städte konnten diese Menschen nur noch unzureichend betreut werden, das Haus haben manche jahrelang nicht verlassen. Die Angehörigen mussten alles allein schultern. Die Sommerkurse sind für viele Familien ein Lichtstrahl für die Seele.

Lichtstrahl für die Seele

Besonders bewegt hat Mukhallala die Geschichte einer Witwe mit ihren beiden Töchtern, von denen eine, Jenny, Autistin ist.  „Die Mutter hat sehr gelitten. Ihr Mann wurde auf der Flucht getötet. Man brachte ihr seine Leiche mit aufgeschlitztem Hals,“, berichtet der Priester.

Antoine Mukhallala, griechisch-orthodoxer Priester aus Syrien.
In der folgenden Zeit habe sich die Frau komplett in ihre Trauer vergraben. Auch bei Treffen in der Kirchengemeinde habe sie nie über ihren Mann oder die autistische Tochter gesprochen.

 

„Das hat sich im Laufe des Sommercamps komplett geändert – vor allem, als sie erlebte, wie sich das Verhalten ihrer Tochter durch die aufmerksame Förderung änderte“, erzählt der Priester. „Sie blühte richtig auf, und am Ende des Feriencamps lud mich das Mädchen sogar ein, mit ihr zu tanzen.“

Teilnehmer des Sommercamps für Jugendliche mit Behinderung. In der Mitte Jenny und ihre Mutter.
Das habe die Mutter sehr bewegt: „Die Dunkelheit ihrer Seele verschwand. Man kann sagen, ihr Herz begann wieder zu schlagen.“ Am Ende des Ferienkurses habe ihm die Mutter gesagt: „Wäre es noch eine Woche länger gegangen, bin ich sicher: Dann hätte meine Jenny wieder angefangen zu sprechen.“

 

In seinen sieben Jahren als Priester habe Antoine Mukhallala bereits mehrere Sommercamps betreut, aber keines habe ihn so berührt wie dieses. „Ich danke Gott für die Verwandlung, die mit dieser Frau geschehen ist. Das wäre ohne die Wohltäter von KIRCHE IN  NOT nicht möglich gewesen.“

Christen im Irak haben sich gegenüber KIRCHE IN NOT sehr besorgt gezeigt angesichts der Pläne des irakischen Parlaments zu einer Justizreform. Demnach würden den 13 stimmberechtigten Mitgliedern des Bundesgerichtshofs künftig auch vier islamische Rechtsgelehrte angehören.

 

Alle Entscheidungen des höchsten irakischen Gerichts würden dann die Zustimmung von mindestens drei der islamischen Gelehrten erfordern.

Weihnachtsgottesdienst in einer Kirche in Karakosch im Norden Iraks.
„Das bedeutet voraussichtlich, dass das islamische Recht, die Scharia, immer Vorrang hat“, erklärte Professorin Muna Yako, christliche Aktivistin und Verfassungsexpertin, gegenüber KIRCHE IN NOT. Der Bundesgerichtshof ist mit dem deutschen Bundesverfassungsgericht vergleichbar: Er legt die Verfassung aus und befindet darüber, ob strittige Gesetze und Vorschriften verfassungsgemäß sind.

 

„Aktuell hoffe ich immer, dass bei einem verhandelten Fall am Bundesgerichtshof den Menschenrechten und der Demokratie Vorrang eingeräumt werden“, sagte Yako. „Wenn jedoch islamische Rechtsgelehrte im Gerichtshof Sitz und Stimme erhalten, haben wir keine Chance, dass diese Werte jemals wieder Priorität bekommen.“

Professorin Muna Yako, christliche Aktivistin und Rechtsexpertin aus dem Irak.
Es sei zu befürchten, dass sich der Irak in eine islamische Theokratie verwandle, in dem die Scharia über den staatlichen Gesetzen stehe, so Yako: „Alle Gesetze werden dann auf der Religion basieren – zum Beispiel bezüglich Kleidung und Alkohol.“

 

Religiöse Minderheiten als Bürger zweiter Klasse

Schon jetzt würden religiöse Minderheiten als Bürger zweiter Klasse behandelt, obwohl sie seit Jahrhunderten zur irakischen Gesellschaft gehören. So verbieten die aktuellen Gesetze, dass Muslime zum Christentum konvertieren – umgekehrt sei dies jedoch erlaubt. Ebenso dürfen christliche Männer keine muslimische Frau heiraten, ohne zum Islam zu konvertieren.

Louis Raphael Kardinal Sako (Zweiter von links), Patriarch der chaldäisch-katholischen Kirche, zusammen mit Geistlichen und jungen Christen in Mossul (Foto: Mr. Fadi).
„Das ist eine verfassungswidrige Diskriminierung“, stellte Yako fest. Alle Versuche, daran etwas zu ändern, würden durch den Einfluss islamischer Richter am Bundesgerichtshof zunichtegemacht.

 

„Eine verfassungswidrige Diskriminierung“

So sieht dies offenbar auch der ranghöchste irakische Geistliche, Louis Raphael Kardinal Sako, Oberhaupt der chaldäisch-katholischen Kirche. In einem Brief an den Parlamentspräsidenten zeigte er sich verwundert darüber, dass die Gesetzesänderung ausgerechnet „nach all dem Leid, das wir Christen durch Terror, Vertreibung, Plünderung, Mord und Raub unseres Eigentums erlitten haben“, vorgeschlagen werde.

Übersicht über zerstörte, beschädigte und abgebrannte Wohngebäude in der Ninive-Ebene.
Die Justizreform gefährde die Zukunft der Christen im Irak, indem das islamische Recht auch auf sie angewendet würde, zum Beispiel in Erbschaftsangelegenheiten.

 

Sollten Parlament und Regierung das neue Justizgesetz annehmen, erklärte Rechtsexpertin Muna Yako gegenüber KIRCHE IN NOT, habe sie „keine Hoffnung mehr“ für Christen, Jesiden und andere religiöse Minderheiten im Irak: „Ich befürchte, dass dann noch mehr Christen den Irak verlassen. Wir werden dann nur noch Geschichte sein.“

Am 6. August 2014 eroberten und zerstörten Einheiten des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS) die christlichen Ortschaften in der irakischen Ninive-Ebene. Etwa 120 000 Christen mussten über Nacht fliehen. Viele von ihnen fanden Zuflucht in und um Erbil, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan.

 

In den folgenden drei Jahren war Erzbischof Bashar Warda, der chaldäisch-katholische Erzbischof von Erbil, für viele Vertriebene die wichtigste Anlaufstelle. Er organisierte zusammen mit KIRCHE IN NOT zahlreiche Hilfen: von der Unterbringung über die Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten, bis hin zu Schulen für Flüchtlingskinder.

August 2014: Tausende geflüchtete Menschen kampieren unter freiem Himmel in Erbil (Foto: ankawa.com).
Als ab Herbst 2016 die irakischen Streitkräfte und ihre Verbündeten die Ninive-Ebene zurückerobern konnten, kehrten zahlreiche vertriebene Christen in ihre Heimatorte zurück – auch wenn dort oftmals nur noch Ruinen standen. Zusammen mit den Ortskirchen unterstützt KIRCHE IN NOT den Wiederaufbau tatkräftig.

 

Zum fünften Jahrestag der IS-Invasion in der Ninive-Ebene sprach Maria Lozano von KIRCHE IN NOT International mit Erzbischof Warda über die damaligen Ereignisse und die anhaltenden Folgen für die Christen im Irak und im ganzen Nahen Osten.

Zerstörte Stadt im Irak.
MARIA LOZANO: Fünf Jahre sind seit den IS-Eroberungen und der dadurch ausgelösten Flüchtlingswelle vergangen. Was sind Ihre Erfahrungen aus dieser leidvollen Zeit?


ERZBISCHOF BASHAR WARDA: Wir stehen nach wie vor in einem existenziellen Kampf. Die unmittelbare Ursache ist der Angriff des IS am 6. August 2014. In einer einzigen Nacht verloren die Christen im Irak Unterkunft, Arbeit und Eigentum, Kirchen und Klöster.

Unsere Unterdrücker beraubten uns unserer Gegenwart, als sie versuchten, unsere Geschichte auszulöschen und unsere Zukunft zu zerstören. Dies war eine außergewöhnliche, aber keine einmalige Situation. Sie gehört zu den seit mehr als 1400 Jahren immer wiederkehrenden Gewaltwellen im Nahen Osten.

Baschar Warda, chaldäischer Erzbischof von Erbil/Irak.
War die IS-Invasion also nur die Spitze des Eisbergs?
Mit jeder weiteren Welle der Gewalt ist die Zahl der Christen zurückgegangen, bis heute. Wir Christen im Irak sind vom Aussterben bedroht. Was wird dann die Weltöffentlichkeit sagen? Dass wir durch eine Naturkatastrophe oder durch langsame Auswanderung ausgelöscht wurden? Dass die IS-Angriffe unerwartet kamen und uns überrascht haben?

 

Oder wird womöglich nach unserem Verschwinden die Wahrheit ans Licht kommen: dass wir im Laufe von 1400 Jahren beharrlich und stetig durch ein Glaubenssystem beseitigt worden sind, das regelmäßige und wiederkehrende Gewaltwellen gegen uns zugelassen hat?

- Baschar Warda, chaldäischer Erzbischof von Erbil/Irak.
Aber hat es in den 1400 Jahren Unterdrückung, von denen Sie sprechen, nicht auch Zeiten der Toleranz gegeben?
Es gab Zeiten relativer Toleranz. Das arabische Goldene Zeitalter wurde auf der Grundlage chaldäischer und syrischer Gelehrsamkeit errichtet. Es war christliche Gelehrsamkeit. Es hatte sich ein Stil des akademischen Dialogs entwickelt, der nur möglich war, weil eine Reihe von Kalifen Minderheiten tolerierte.

 

1400 Jahre Unterdrückung

Aber diese Augenblicke der Toleranz waren und sind eine einseitige Erfahrung. Es war und ist keine Frage der Gleichstellung. Wir Christen sollen nicht als Gleichgestellte behandelt werden; wir sollen nur toleriert oder nicht toleriert werden, je nachdem wie sehr die Herrschenden der Lehre des Dschihad folgen. Ja, die Wurzel all dessen ist die Lehre des Dschihad, die zur Rechtfertigung für Gewaltakte herangezogen wird.

Übersicht über zerstörte, beschädigte und abgebrannte Wohngebäude in der Ninive-Ebene.
Nach der Rückeroberung kehren viele irakische Christen in ihre Dörfer zurück. Wird die Lage besser?
Es gibt immer noch extremistische Gruppen, die immer größer werden, und die behaupten, das Töten von Christen und Jesiden trage zur Verbreitung des Islam bei. Das ist jedoch noch nicht alles. Nach der Verfassung des Irak sind wir zweitklassige Bürger. Wir sind denen ausgeliefert, die sich uns gegenüber überlegen erklären. Unser Menschsein gibt uns keine Rechte.

 

Christen sind im Irak Bürger zweiter Klasse

Manche sagen, die Brutalität und Gewalt des IS habe auch die islamische Welt verändert. Was meinen Sie?
Der IS hat eindeutig das Bewusstsein der Welt erschüttert, auch der islamischen Welt. Die Frage ist nun, ob der Islam eine politische Richtung bleibt, in der die Scharia die Grundlage des Zivilrechts ist und in der fast alle Aspekte des Lebens der Religion untergeordnet sind oder ob sich eine zivilisiertere und tolerantere Bewegung entwickeln wird.

Mit der Niederlage des IS ist die Idee einer Wiederherstellung des Kalifats nicht untergegangen. Diese Idee ist wiederaufgetaucht und heute in den Köpfen der muslimischen Welt fest verankert.

Prozession von Christen, die wieder in ihre Heimatstadt Karakosch zurückgekehrt sind.
Wie wird der Westen Ihrer Meinung nach darauf reagieren?
Darauf wüssten die religiösen Minderheiten im Nahen Osten nur zu gerne die Antwort. Wenn die nächste Welle der Gewalt auf uns zukommt, wird dann jemand an den westlichen Universitäten Demonstrationen organisieren und Transparente tragen, auf denen steht: „Wir sind alle Christen“? Ich spreche von der nächsten Welle der Gewalt, denn diese ist das zwangsläufige Ergebnis eines Regierungssystems, das Ungleichheit predigt und Verfolgung rechtfertigt.

 

Ein Regierungssystem, das Verfolgung rechtfertigt

Was könnte ein Ausweg aus diesem Dilemma sein?
Der Wandel muss durch eine bewusste Arbeit in der muslimischen Welt selbst herbeigeführt werden. Wir sehen kleine Anfänge davon, vielleicht in Ägypten, Jordanien, Asien, sogar Saudi-Arabien. Es bleibt sicherlich abzuwarten, ob dies wirklich aufrichtig ist.

Langsam kommt die Normalität zurück: Ein kleiner Laden in Karakosch.
Was fordern Sie von der westlichen Politik?
Wir fordern gemeinsame Anstrengungen, um die Gleichbehandlung aller Minderheiten im Irak und anderswo zu gewährleisten. Die Rolle, die christliche Gemeinschaften in islamischen Gesellschaften spielen oder gespielt haben, ist unterschätzt worden.

 

Zu verstehen, was im Irak geschehen ist, bedeutet, sich ehrlich vor Augen zu halten, was der Zweck einer christlichen und was der Zweck einer islamischen Rechts- und Gesellschaftsordnung ist – und was es bedeutet, wenn beide aufeinanderprallen. Ich verstehe, dass es sich um ein unbequemes Thema handelt. Aber für irakische Christen ist dies keine abstrakte Angelegenheit.

- Baschar Warda, chaldäischer Erzbischof von Erbil/Irak.
Ihre Zukunftsperspektive für die Christen im Irak ist sehr düster …
Seien wir ehrlich: In den Jahren bis 2003 gab es hier bis zu eineinhalb Millionen Gläubige, das waren sechs Prozent der irakischen Bevölkerung. Heute sind vielleicht nur noch 250 000 Christen übrig, vielleicht weniger. Und diejenigen von uns, die übrig sind, müssen auf das Martyrium gefasst sein.

 

Wir werden auf unserem Weg zum Aussterben nicht schweigend weitermachen. Dann kann, wenn wir eines Tages verschwunden sein sollten, niemand sagen: Wie konnte das geschehen? Die Gewalt und Diskriminierung von Unschuldigen muss ein Ende haben. Diejenigen, die sie predigen, müssen damit aufhören. Wir Christen im Irak sind bereit, Zeugnis abzulegen, ganz gleich welche Folgen das hat.

Am 29. Juli haben Angehörige der Terrormiliz Boko Haram ein Dorf im Norden Kameruns überfallen, das zum katholischen Bistum Yagoua gehört. Dies berichteten lokale Ansprechpartner, die aus Sicherheitsgründen anonym bleiben möchten, gegenüber KIRCHE IN NOT.

 

Demnach hätten die Terroristen bei diesem Übergriff eine Gewaltstrategie angewandt, die sich gegen Frauen richtet: „Sie kamen in der Nacht, gingen in die Häuser und entführten ausschließlich die Frauen“, erzählten die Ansprechpartner.

Eine von Boko Haram zerstörte Kirche in Nigeria.
Die Entführten seien an eine zentrale Sammelstelle am Stadtrand gebracht worden. „Die Terroristen schnitten anschließend jeder Frau ein Ohr ab. Sie drohten ihnen, dass dies nur der erste Übergriff sei und sie zurückkommen würden. Dann ließen sie die Frauen laufen“, so die anonyme Quelle.

 

Obwohl die Bevölkerung eine Art Bürgerwehr aufgestellt habe, sei diese angesichts des Überraschungsangriffs machtlos gewesen.

Die verstümmelten Frauen wurden vom Militär aufgegriffen und in ein 260 Kilometer entferntes Krankenhaus gebracht. Die Ohramputation sei ein neues Instrument von Boko Haram, um diejenigen zu bestrafen, „die auf die Regierung und die Stimmen derjenigen hören, die der extremistischen Ideologie nicht folgen“, so die lokalen Ansprechpartner.

Frau mit verstümmeltem Ohr.
Die Bevölkerung des Dorfes sei angesichts des Übergriffs traumatisiert. Flucht sei jedoch für viele Bewohner keine Option, so die anonymen Ansprechpartner: „Sie leben von der Landwirtschaft und warten gerade auf die Ernte. Wohin sollten sie gehen?“

 

Die Terroreinheit „Boko Haram“ ist im Norden Nigerias entstanden, doch auch in den Nachbarländern Kamerun, Tschad und Niger kommt es immer wieder zu Anschlägen und Übergriffen.

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