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Jerusalem

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Der Franziskaner Pierbattista Pizzaballa ist Erzbischof und Apostolischer Administrator des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem. Er ist damit das Oberhaupt von rund einer Viertelmillion Katholiken in Israel und den Palästinensischen Gebieten.

 

Obgleich die Christen im Heiligen Land nur rund ein Prozent der Bevölkerung ausmachen, sind Sie im öffentlichen Leben präsent. Gleichzeitig müssen sie mit vielfältigen Herausforderungen ringen. Das betrifft besonders die arabischen Christen, die die Mehrheit der Gemeinden stellen.

Bei seinem Besuch im Büro von KIRCHE IN NOT Deutschland in München sprachen wir mit ihm über die aktuelle Lage im Heiligen Land.

Palmsonntag-Prozession in Jerusalem.
KIRCHE IN NOT: Herr Erzbischof, wie ist die aktuelle Situation der Christen im Heiligen Land?
ERZBISCHOF PIZZABALLA:
 Es wird oft gesagt, dass es in dem Gebiet, das als Heiliges Land im engeren Sinne gilt, drei Gruppen gibt: Israelis, Palästinenser, Christen. Aber die Christen sind kein „drittes Volk“. Die Christen gehören zu dem Volk, in dem sie leben. Wir haben als Christen keine Gebietsansprüche.

 

Für einen Juden oder einen Muslim ist es niemals eine Gefahr, einen Christen zu treffen. Dennoch ist das Leben für die Christen nicht einfach: Es ist schwieriger für die Christen, eine Arbeit oder eine Wohnung zu finden. Die Lebensbedingungen sind erschwert.

Erschwerte Lebensbedingungen

Also ist die Religionsfreiheit für die Christen im Heiligen Land stark eingeschränkt?
Da muss man differenzieren. Die Freiheit der Religionsausübung ist eine Sache, die Gewissensfreiheit eine andere. Die Freiheit der Religionsausübung ist gegeben: Die Christen können ihre Gottesdienste feiern und ihr Gemeindeleben gestalten.

Gewissensfreiheit bedeutet, dass jeder Gläubige sich frei ausdrücken kann und dass sich Angehörige anderer Religionen frei entscheiden können, wenn sie Christen werden möchten. Da wird es sehr viel komplizierter.

- Erzbischof Pierbattista Pizzaballa
Im Heiligen Land spielt Politik immer eine große Rolle. Wenn man beschließt, einen bestimmten Ort zu besuchen, kann das schnell eine politische Frage werden. Ein Beispiel: Christen aus Bethlehem möchten die Grabeskirche in Jerusalem besuchen, um dort zu beten. Häufig geht das nicht, weil sie eine Genehmigung brauchen.

 

Ist das also eine Frage der Religionsfreiheit oder ist es einfach Politik und sie können die Grabeskirche nicht besuchen, weil sie Palästinenser sind? All das ist miteinander verwoben.

Erzbischof Pierbattista Pizzaballa.
Vor kurzem hat die US-Regierung von Donald Trump die amerikanische Botschaft nach Jerusalem verlegt. Rumänien ist einige Monate später diesem Beispiel gefolgt. Wie stark machen sich diese politischen Maßnahmen bemerkbar?
Im Alltag hat sich erst einmal nicht viel verändert. Dennoch ist die Verlegung der amerikanischen Botschaft eine politische Sackgasse. Alle Fragen, die Jerusalem betreffen und nicht beide Seiten – Israelis und Palästinenser – einbeziehen, sorgen für einen tiefen Riss auf politischer Ebene.

 

Genau das ist geschehen. Nach der Verlegung der amerikanischen Botschaft haben die Palästinenser jede Verbindung zur amerikanischen Regierung abgebrochen und die Verhandlungen zwischen Israel und den Palästinensergebieten, die ohnehin nur schleppend verliefen, ganz zum Erliegen gebracht.

Verlegung der US-amerikanischen Botschaft

Die neuen Eskalationen führen dazu, dass sich junge Menschen vermehrt radikalisieren, gerade auch unter den Palästinensern. Hat dies auch Konsequenzen für die Christen?
Es gibt Palästinenser, die fundamentalistischen Bewegungen angehören. Aber es gibt auch viele, die die Gewalt ablehnen. Ein Großteil der Christen im Heiligen Land sind Palästinenser. Sie leben also unter denselben Bedingungen wie die palästinensischen Muslime.

Der religiöse Fundamentalismus stellt die Christen klar an den Rand der Gesellschaft. Wir erleben also sowohl Zusammenarbeit und Solidarität, aber auch Ausschluss und Diskriminierung.

Erzbischof Pierbattista Pizzaballa (Bildmitte) im Gespräch mit Dr. Josef Dohrenbusch, stellvertretender Vorsitzender von KIRCHE IN NOT Deutschland (links), und Pater Hermann-Josef Hubka, geistlicher Assistent von KIRCHE IN NOT Deutschland.
Ein weiteres Problem ist die zunehmende Abwanderung von Christen …
Die Abwanderung ist kein Massenphänomen, sonst wären die Christen längst aus dem Heiligen Land verschwunden. Es ist ein stetiges Tröpfeln. Jedes Jahr berichten mir die Priester bei meinen Besuchen in den Pfarrgemeinden: „Dieses Jahr haben wir zwei, drei Familien verloren.“

 

„Die Kirche muss versuchen, Brücken zu bauen”

Kann die Kirche in dieser verfahrenen politischen Situation etwas tun?
Die Christen machen rund ein Prozent der Bevölkerung aus. Wir können daher nicht verlangen, dasselbe politische Gewicht zu haben wie andere Gruppen.

Nun hat die Kirche aber natürlich starke weltweite Beziehungen. Hinzu kommen die Millionen christlichen Pilger aus aller Welt. Dadurch ist die Kirche im Heiligen Land sehr viel sichtbarer, als es die Zahlen vermuten lassen.

Unsere Aufgabe ist es, den Menschen zu vermitteln: Es gibt eine christliche Art, in diesem Land zu leben. Es gibt eine christliche Art, unter diesem Konflikt zu leben. Im Augenblick ist nicht die Zeit für große Gesten. Die Kirche muss versuchen, kleine Verbindungen herzustellen, kleine Brücken zu bauen.

Grenzübergang bei Bethlehem.
Der Besuch von Papst Franziskus im Jahr 2014 war eine der großen Gesten in der jüngeren Vergangenheit. Hat das die politische Situation, aber auch das Verhältnis der katholischen und orthodoxen Christen beeinflusst?
Die Papstbesuche sind wichtige Mosaiksteine auf dem Weg zum Frieden, auch wenn sie natürlich nicht die große Wende bringen können.

 

„Wichtige Mosaiksteine auf dem Weg zum Frieden”

Im Blick auf die Ökumene ist das anders: Papst Franziskus hat mit seinem Besuch an die berühmte Begegnung von Papst Paul VI. mit Patriarch Athenagoras im Jahr 1964 in Jerusalem angeknüpft.

Vor diesem Hintergrund war der Besuch von Papst Franziskus, vor allen Dingen das ökumenische Gebet in der Grabeskirche, ein entscheidender und spürbarer Wendepunkt in der Beziehung von katholischen und orthodoxen Christen.

- Erzbischof Pierbattista Pizzaballa
In Jerusalem unterstützt KIRCHE IN NOT ein interreligiöses Seminar mit dem Titel „Vergebung aufbauen, den Hass überwinden“. Daran nehmen Christen, Juden und Muslime teil. Können Sie uns kurz etwas dazu sagen?
In erster Linie bedanke ich mich bei KIRCHE IN NOT, weil das Hilfswerk viele Dinge im Heiligen Land tut. Es unterstützt viele Projekte, auch dieses Seminar, das vom „Rossing-Center“ veranstaltet wird.

 

Daniel Rossing war Jude und überzeugt, dass Jerusalem ein Ort sein muss, an dem sich alle Religionen zu Hause fühlen. Dieses Zentrum organisiert eine Fülle von Begegnungen. Viele Jugendliche, die an diesen Kursen teilgenommen haben, nehmen ihre Erfahrungen in ihre Berufe mit. So wird die Religion, die im Heiligen Land oft ein Element der Trennung ist, zu einem Element der Gemeinsamkeit.

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